Subventionstechnik.

Gestern war ich an der Mitgliederversammlung unserer Schwellenkorporation. Diese muss hier den Hochwasserschutz, Flussverbauungen, Räumung von Gerinneeinhängen bewältigen. Ich bekomme eine Lektion in Subventionstechnik. Wir hatten nach dem letzten grossen Unwetter einen Hochwasserschaden übersehen. Das sind ein paar 10’000 Franken, die wir jetzt selber zahlen müssten. Wir sind geschickt und lassen nicht einfach einen Schaden reparieren, sondern wir verkaufen den bornierten, grün und links wählenden Naturromantikern aus den Städten eine Flussrenaturierung. Wir sitzen also in dem Ratszimmer zusammen und einstimmig, mit Hand aufhalten, bewilligen wir grosszügig mehrere hunderttausend Franken Geld, das nicht unser Geld ist. Auf diese Weise können wir dann ein paar tausend Kosten von unserem eigenen Geld für eine Unterhaltsreparatur sparen.

Als Mitglied der Schwellenkorporation bin ich natürlich stolz auf unseren Präsidenten, der alle Verhandlungszüge beherrscht, um möglichst viele Kosten auf andere abzuwälzen und alle Schubladen kennt, aus denen man sonst noch Subventionen hervorzaubern kann. Als Steuerzahler und Staatsbürger bin ich entsetzt. Da geben Steuerzahler aus Bund und Kanton hunderttausende her für ein Projekt, dessen Nutzen ich als Biologe und Ökologe nicht erkennen kann. Ich erkläre meine fachlichen Einwände für das Fachpublikum:

Konkret geht es um eine Schwelle im Emmenlauf. Das Wasser stürzt über fast zwei Meter hinunter in ein Loch, wo es eine Walze bildet, die das Loch über die Jahrzehnte immer tiefer gräbt. Für die Bachforellen gibt es Null Chancen, diese Schwelle zu überwinden. Die „Revitalisierung“, die wir da grosszügig bewilligten, besteht zur Hauptsache aus drei Stufen, die flussabwärts unterhalb der Schwelle eingebaut werden. Dort werden aus grossen Felsbrocken Querwälle durch das Flussbett gelegt. Hinter diesen Brocken staut sich dann das Geschiebe. Auf diese Weise wird die Flusssohle in drei Stufen höher gelegt und zuoberst ragt dann die alte, betonierte Schwelle viel weniger hoch aus dem Boden heraus. Die Bachforellen könnten theoretisch dann wandern – wenn es denn überhaupt genug Bachforellen hat, wenn denn überhaupt genug Futter und gleichzeitig genug sauberes Wasser da ist, wenn, wenn, wenn. Niemand weiss es, niemand kontrolliert hinterher den Erfolg, keiner will es wirklich wissen.

Wir haben in der Schweiz seit bald 20 Jahren ein neues Gewässerschutzgesetz. Und 2011 nahmen wir die Initiative des Fischereiverbandes an, dass wir in der Schweiz natürlichere Flüsse haben sollten. Neuerdings findet das BAFU, man müsse jetzt endlich vorwärts machen und es verpflichtet die Kantone, die Renaturierung von Flüssen zu planen. Die website des BAFU erklärt das in einer schön zurechtgerückten Sprache, die die Leser von WWF-Heftli, die Naturschutzaktivisten und die Naturromantiker wunderbar anspricht.

Ein „Modulstufenkonzept“ zur Beurteilung des Zustandes unserer Flüsse und Seen wurde verteilt über fast 20 Jahre zusammengestellt. In diesen Heftchen können Spezialisten aus unterschiedlichen Fachgebieten Anleitungen holen, wie sie die Qualität eines Gewässers in einem Fragebogen erfassen und bewerten. Die Untersuchungsmethoden werden standardisiert, damit die Berichte aus der ganzen Schweiz untereinander vergleichbar sind. Die standardisierte Erhebung erlaubt zudem, Vergleiche zu machen. Man kann vor und nach dem Umbau eines Gewässers den Zustand vergleichen. Man kann in 10, 20, 50 Jahren zurückkommen und schauen, wie es sich entwickelt, welche Eingriffe sich bewährt haben.

Diese Untersuchungsmodule wurden von der Eawag entwickelt. Ich vertraue darum darauf, dass sie auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage fussen. Die Schwäche vom ganzen ist, dass nirgends eine solche wissenschaftliche Grundlage zitiert ist und ich bisher keine Referenzen zu wissenschaftlichen Publikationen gefunden habe. Ich habe keien Möglichkeit, nachzuvollziehen, woher auf die Idee kommt, dass die Struktur des Flusslaufes den Gropen, Bachneunaugen, Wasserläufern, Köcherfliegen, Eisvögeln, Gelbbaucunken, Armleuchteralgen etwas nützt.

Bei den vom BAFU geforderten Renaturierungen gibt es „Revitalisierungen“ von Flussabschnitten, Gängigmachung für die Fischwanderung bei Kraftwerken, Sanierung des Geschiebehaushaltes (weiss ich noch nicht so recht wo). Die grössten Projekte betreffen die „Revitalisierungen“. Als Beispiel hier der Link zu den Planungsunterlangen für den Kanton Bern.

Der Bund hat also die Kantone zur Planung verpflichtet. Im Kanton Bern hat das einen opulent ausufernden bürokratischen Apparat erzeugt. Das Büro Sigmaplan in Bern durfte tausende Seiten von strategischen Planungen, Objektblättern und Einträgen in das Geoportal des Kantons Bern erzeugen. Das Büro Sigmaplan besteht aus Geographen, Raumplanern, Informatikern und einem einzigen Biologen. Das erklärt in der Hauptsache, warum die Planung aus biologisch-ökologischer Sicht ein wertloser Leerlauf ist. In dieser ganzen aufgeblähten Bürokratie kommt nichts, aber rein überhaupt gar nichts davon vor, wie man den Erfolg der Gewässerschutzmassnahmen dokumentieren und überprüfen will. Wir haben einen kantonalen Renaturierungsfonds. Der muss pro Jahr 4 Millionen abführen. Dazu kommen die anderen Subventionen von Bund und Kanton. Dieses Geld muss um jeden Preis verbraucht werden. Ob es am Schluss etwas nützt, ist der Kantonsverwaltung egal. Das Büro Sigmaplan verfügt sehr offensichtlich nicht über das Fachwissen, um zur ökologischen Qualitätskontrolle sinnvoll beizutragen.

In dem oben verlinkten Modulkonzept von EAWAG gibt es Anleitungen, wie man die Strukturen des Flussbettes und des Flussufers untersucht (Ökomorphologie), Fische, Kieselalgen,Wirbellose Wasserbewohner, chemische und physikalische Eigenschaften, Nährstofffrachten, äusserlich sichtbarer Zustand des Wassers. Eigentlich findet man zu den meisten Lebewesen an Flüssen etwas. Das Modul über die Wasserpflanzen wurde nie fertiggestellt und augenscheinlich sind Vögel und Säugetiere zuwenig interessant. (Die downloads sind bei der EAWAG übersichtlicher und vollständiger als beim BAFU.)

Die Methodenbeschreibung der Ökomorphologie wurde 1998 fertiggestellt. Das Modul Fische war das nächste und kam erst im Jahr 2004. Die meisten Module tröpfelten seit 2010 herein. Ich habe mir die Sachen kurz angeschaut. Es wird schnell klar: Ökomorpholgie, das können Geogrpahen und Raumplaner. Alle anderen Module benötigen zur Anwendung spezialisierte Biologen. Die Universitäten weigern sich seit 20 Jahren hochnäsig, mit falschem Stolz, solche Biologen überhaupt noch auszubilden. Arbeitslose, ambitiöse und offensichtlich geschäftstüchtige Geographen kommen in Massen von den Universitäten. So kommt es dann, dass die gesamte Renaturierungsplanung sich mit Methoden zufrieden gibt, die 20 Jahre alt sind. Alles was seit da entwickelt wurde, wird plump ignoriert.

Bei der „Qualitätssicherung“ beisst sich die Katze in den Schwanz: Die ökomorphologische Begutachtung ist die Grundlage für die kantonale Planung. Man gibt dem Fluss nach einem Punktesystem Noten von gut bis schlecht. Die Renaturierung wird dann gezielt so geplant, dass die Gewässersohle, die Flussufer, die Verbauungen, das Bachbett einen höheren Wert auf der Punkteskala ergeben. Hinterher geht man dann hin, macht eine neue ökomorphologische Begutachtung und verkündet freudestrahlend den Erfolg, denn das Gewässer hat jetzt die besseren ökomorphologischen Noten. Die ganze „Qualitätssicherung“ besteht also einzig und ausschliesslich daraus, dass man feststellt, dass, oh Wunder, wirklich das gemacht wurde, wofür man bezahlt hat. Der Erfolg wird am Aufwand gemessen.

Ob aber irgendeines der auf der website des BAFU verkündeten naturromantischen Ideale verwirklicht wird, das weiss keiner, prüft keiner nach. Dazu muss man auch wissen, dass solche BAFU-Texte nicht von Biologen geschrieben werden, sondern von „Kommunikationsbeauftragten“, von Reklamefachleuten, die im Auftrag des Bundesrates dem Stimmvolk die Wahrheit mundgerecht aufbereitet. Solche BAFU-Texte sind nichts als Behördenpropaganda der „spin doctors im Bundeshaus“. Mit der ökologischen Realität unserer Gewässer oder mit dem durchbürokratisierten Gesetzesvollzug haben sie nicht einmal ansatzweise zu tun.

Ich bestreite nicht, dass wir unsere Gewässer neu gestalten sollten. Die Technik der Verbauungen, wie sie bis vor 20 Jahren gemacht wurden, bringt Probleme mit sich, die wir gerne lösen. Die ungewollt entstandenen Probleme identifizieren, ist das eine. Aber der gute Wille allein genügt nicht. Man muss sich wennschon die Mühe machen und die notwendigen Biologen ausbilden und entlöhnen, die den Erfolg der Naturschutzmassnahmen auch überprüfen können.

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17 Gedanken zu „Subventionstechnik.

  1. Zitat, aus Hansli
    „Ich habe nicht begriffen was Du meinst mit lächerlich machen.“
    Das Gewässerschutzgesetz gibt für den Arten- und Biotopschutz als einziges Schutzziel vor, dass die Gewässer „natürlich“ sein sollen. Was natürlich ist und was nicht steht nicht im Gesetz. Die meisten verstehen etwas ähnliches wie Du auch, nämlich was „früher“ war.

    Wann früher? Zu Zeiten als ganz Europa ungefähr 10’000 Höhlenbewohner beherbergte? Zur Zeit der Römer, als es im Schweizer Mittelland keine Wald mehr gab, sondern nur noch eine trocken-warme Buschsteppe und etwas Äcker? Also wann „früher“? Wozu „früher“? Was ist das Schutzziel? Welchen Organismen will man einen Lebensraum bieten? Welche Masssnahmen versprechen den Erhalt dieser Populationen? Funktionieren die Massnahmen, die wir für Dutzende Millionen jedes Jahr bauen? Ist der Nutzen dieser Bauerei grösser oder ist der Schaden grösser?

    In dem die Naturschutzbürokraten auf gotthelf’sches „früher“ bauen, machen sie sich geradeheraus lächerlich. Sie haben schlicht keine Ahnung, worum es geht. Ihnen fehlen minimale populationsbiologische Kenntnisse. Sie sind nicht fähig, in deterministischen, dynamischen Systemen zu denken. Ihnen ist nicht klar, wie sich stochastische Prozesse auf die Ergebnisse auswirken. Aus meinem Umgang mit der neuen Generation von Naturschutzbürokraten weiss ich, ihnen fehlt sogar die grundlegendste Artenkenntnis.

    Das Fischereigesetz setzt nicht auf „natürliche Gewässer“ sondern auf durchgängige Fischwanderung. Schön und wozu? Welches ist das Schutzziel? Hilft die Hundertmillionenbauerei jedes Jahr in irgendeiner Weise, die Fischpopulationen zu schützen?

    Die aktuellen Renaturierungsmassnahmen sind grossangelegte Experimente. Wir können jetzt, vorzu diese wissenschaftlich begleiten, Daten erheben und auswerten oder 20 Jahre warten, bis dann die nächste Generation von akademisch gebildeten oder zumindest halbgebildeten Besserwisseren uns Vorwürfe machen von wegen Naturzerstörung.

    Es gibt kein zurück zum „Natürlichen“. Was immer wir tun, es ist künstlich und es kann nicht anhand von „früher“ definiert werden sondern nur anhand von konkret ausformulierten Schutzzielen.

  2. Noch etwas zu Deiner Dynamik. Jeder Biologe den ich kennen wünscht sich diese Dynamik zurück. Die Reaktivierung Dynamik wäre die Schwell ersatzlos zu entfernen. Wer das verhindert sind nicht die Biologen. Genauso wenig nimmt ein Biologie das Totholz aus dem Bache etc..
    Dynamik und populationsbiologische Prozesse bedeutet auch das ein Monitoring eine Langzeitaufgabe ist. Ein Monitoring nach einer Revitalisierung müsste aus diesen beiden Gründen mindestens 15 Jahre dauern. Sorry, aber das finanziert niemand, das geht in keine Finanzplanung. Einmal abgesehen von den Kosten. Den Fischbestand wissenschaftlich korrekt aufzunehmen kostet nur die Feldarbeit bereits bei einem kleineren Gewässer schnell 12’000-16’000 CHF pro Aufnahme. Dazu kommt dann jeweils pro Aufnahme noch ETP-Makrozoobenthos (nochmals 10’000 CHF) und dann och morphologische und botanische Aufnahmen (beides zusammen 5’000 CHF), aber dann haben wir noch keine Landfaune, keine Amphibien, keine Mollusken und so fort. Wenn Du das 15 Jahren machen musst, dann kommt ein hübsches Sümmchen zusammen. Die Auswertung und der Bericht am Schluss ist dann noch ein kleiner Betrag. Deswegen wir so etwa auch nur bei wirklich grossen Projekten und auch da nicht so lange gemacht.
    Deine Gedanken könnten nur umgesetzt werden, wenn Biologen die absolute Allmacht hätten und Diktatorisch ihre Träume umsetzen könnten. Aber wir leben nun einmal in der CH-Realität und da haben wir eine Demokratie mit starkem Föderalismus. Da steht dann im Falle der Gewässer in der Hierarchie zuoberst der Hochwasserschutz, dann die Landwirtschaft und danach der Naturschutz (ein Bauer sagt natürlich das Gegenteil). Das ist der politische Rahmen, der auch berücksichtigt werden muss. Das beeinflusst die Gesetzgebung. Dazu kommen dann noch 26 Kantone die Bundesrecht unterschiedlich in ihren Kantonen umsetzen. Die BAFU-Konzepte im angegeben Link vorherigen Beitrag sind da nur Richtlinien, ein Kanton kann vorschreiben die gesetzlichen Grundlagen anders zu erreichen. Sobald Bundesgeld / -gesetze dabei ist, müssen allerdings diese Richtlinien beachtet werden. Wie Effektiv etwas umgesetzt wird, entscheiden dann auch noch Richter. Bei ältere Gesetze mit vielen Urteilen, werden die Urteile in den neuen Richtlinien berücksichtigt. Wie alles in der Schweiz ist auch der Natur- Umweltschutz der Demokratie und dem Rechtstaat unterworfen.
    Zusätzlich kommen dann im konkreten Bauprojekt die Randbedingung wie Infrastruktur (Strom, Gas, Wasser, Strassen, etc.) und Denkmalpflege. Da ist dann im Überbauten Gebiet oft sehr wenig möglich. Oft ist nicht viel mehr als die Durchgängigkeit und einige wenige künstliche Strukturen möglich. Das sind dann sehr kleine Ziele. Und für so etwas braucht es nun wirklich keine Doktorarbeit für die Zielsetzung und kein Monitoring.

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