Gebrauchtes Abwaschwasser.

Schweiz am Sonntag vom 11. März – Interview mit der Rektorin der Universität von Oxford, Louise Richardson. Unter dem Titel „Wir sind die letzte Bastion des Optimismus“ hatte ich einen herrlich duftenden, sanft gerösteten Filterkaffe aus handverlesenen Coffea arabica Beeren erwartet, geerntet in der Sidamo Provinz im äthiopischen Hochland. Serviert wurde mir ein wässriger Incarom-Aufguss.
Die Rektorin von Oxford breitet in öder Langeweile die bekannten sexistischen Stereotypen zum Thema Frauengleichstellung aus, wohltemperiert, altbacken. Dann äussert sie sich zum Brexit und zu dessen verheerenden Folgen für die Welt der Wissenschaftler und dass die Briten ihren Eliten das Vertrauen entzogen hätten. Bei genauerem Betrachten beschränken sich diese verheerenden Folgen auf bürokratische Herausforderungen für die Administration ihres Rektorates. Was das Vertrauen in die Eliten betrifft, so trägt sie eine Reihe von Rezepten vor, wie das verbessert werden könnte. Diese Vorschläge könnten jedem beliebigen Parteiprogram von Dutzenden europäischer sozialdemokratischer Parteien entstammen. Wenn alles so einfach wäre, dann hätten die Briten einfach die nächsten Wahlen abgewartet und die Labour Party gewählt.

Interessant ist das Interview vor allem wegen der Dinge, die Louise Richardson nicht sagt. Auch treibt mich die Frage um, ob es wirklich die Eliten sind, die das Vertrauen der Bürger verloren haben. Vielleicht steckt etwas anderes dahinter.

Eine ganze Reihe von Gemeinplätzen bringt Louise Richardson nicht, auch wenn sie unsere Mainstream-Einheitsbrei-Matsch-Medien einander abkopierten : Sie behauptet nicht, der Brexit sei von minderintelligenten, kaum des Lesens und Schreibens fähigen Vorstadttölpeln beschlossen worden. Sie behauptet auch nicht, der Brexit sei einzig die Folge davon, dass die Labour-Party es nicht geschafft hatte, das abhängige, manipulierbare Verhalten des Stimmvolkes zu steuern. Sie beschränkt sich auf ihre Vermutung, der Brexit liege wohl daran, dass die Eliten des Landes die Interessen der breiten Bevölkerung aus den Augen verloren hätten.

Die Oxford Rektorin beschreibt eindringlich die Wirkung auf den Austausch mit anderen Universitäten und für den wissenschaftlichen Fortschritt, die sie vom Brexit befürchtet. Sie verweist auf die Schweiz und welches Debakel angeblich unsere Forschungsfinanzierung nach der Annahme der Masseineinwanderungsinitiative hatte. Auch bei diesem Thema ist interessanter, was sie nicht sagt:

Die EU war ein Projekt der Völkerverständigung. Sie sollte dazu führen, dass es in Europa keinen Krieg mehr gibt. Louise Richardson erwähnt dieses Projekt mit keinem Wort, wenn sie über die Brexit-Verlierer redet.

Beim zweiten mal Lesen ihres Interviews fällt auf, dass es nur und ausschliesslich um das Wohlbefinden der Bürokraten geht. Mit dem Brexit droht der Zustand, wo die Bürokraten nicht mehr nach Schema vor sich hinschäfferlen können. Sie müssen sich nun um die Finanzierung der Zusaammenarbeit, den Austausch von Wissenschaftlern kümmern. Sie müssen verhandeln, Problemstellungen strukturieren und Lösungen im Sinn ihres Arbeitgebers entwickeln. Es gibt keinen Leisten mehr, über den sie alles brechen können.

Der Versuch, den Bürokraten das Denken abzugewöhnen und das Entscheiden wegzunehmen, hat inzwischen eine 20-jährige Tradition. Sie stammt aus den USA, wo 80% der Arbeitnehmer ungelerntes Personal sind, das man von der Strasse weg anstellt, in einer dreiwöchigen Schnellbleiche in irgendeinen Job einführt und sie dann nach Belieben wieder feuert. Dieses System des „hire and fire“ funktioniert nur in einer Welt der extremen Arbeitsteilung. Die Amerikaner haben die Digitalisierung der Arbeitswelt vor 25 Jahren verstanden als Gelegenheit, dieses „hire and fire“ System zu operationalisieren. Man machte aus der grössten Schwäche der amerikanischen Volkswirtschaft eine vermeintlich grosse Stärke. Man nennt diesen Vorgang der allgemeinen persönlichen Verdummung und Entfremdung vom Geschäftszweck des Arbietgebers auch „business process reengineering“.

Damit wären wir bei den „Globalisierungsverlierern“. Dieses Wort gebraucht Louise Richardson ebenfalls nicht. Unsere Lügenpresse, wenn sie ihr Geschimpfe über die „Populisten“ noch ein bisschen steigern wollten, dann fanden sie immer einen akademisch gebildeten deutschen Experten, der uns staunenenden Schweizern erklärte, es seien die Globalisierungsverlierer, die den Populisten auf den Leim gingen.

Mit „Globalisierungsverlierern“ werden Leute kategorisiert, deren Arbeitsplätze verschwunden sind. Die Abstimmungsfolgeexperten übersehen aber, dass diese „Globaliserungsverlierer“ nirgends in der westlichen Welt mehr als geschätzte 5 bis 10 % der stimmberechtigten Einwohner ausmachen. Sogar wenn man den verarmenden Mittelstand dazurechnet, kommt man immer noch nicht auf Mehrheiten beim Abstimmen.

Diese vielgeschämhten „Globalisierungsverlierer“ machen nur einen kleinen Anteil von all den Verlierern aus, die die Fehlleistungen des business process reengineering erleiden. Wer in letzter Zeit mit den Kundendiensten von Postfinance oder Swisscom zu tun hatte, bekam ungefähr einen Geschmack davon.

Unsere Erfahrungswelt als Stimmbürger ist nicht beschränkt auf unsere Arbeitswelt und unseren Lohn. Wir gehen vielfältigen Hobbies nach. Wir sind mit umfangreichen Sachwerten in der technischen Ausstattung unserer Haushalte investiert. Vielerorts in Europa, noch mehr als in der Schweiz, sind wir Hauseigentümer. Wir wollen reparieren, warten, Werte erhalten. Unsere Auto soll laufen.

Unser Erfolg oder Misserfolg liegt weder in unseren eigenen Händen, noch in den Händen unserer Geschäftspartner: der Verkäufer, Kundendienstangestellten, Reparateure in den Werkstätten. Nein, sie sind begraben in irgendwelchen wissenschaftlich ausgetüftelten Algorithmen der Wissens- und Entscheidbewirtschaftung. Diese Wissens- und Entscheidbewirtschaftung nennt man neudeutsch eben „business process reengineering“. Es bedeutet, dass unsere einfachsten alltäglichen Lebensäusserungen von komplexen, unüberschaubaren, von niemandem persönlich verantworteten, gigantisch verstrickten, computer gestützten, automatisierten Verwaltungsabläufen abhängig sind.

Louise Richardson irrt, wenn sie meint, die Bevölkerung habe das Vertrauen in die Elite verloren. Wenn all diese Apparatschiks der modernen Bewirtschaftungswelt auch von sich meinen, sie täten den Willen und die Entscheide von Eliten umsetzen, so gehören sie dennoch nicht zur Elite. Sie sind Apparatschiks und mehr nicht. Sie sind es, deren Tun und Lassen unser Vertrauen verspielt hat.

Advertisements

Was Du denkst:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s