Not possible!

Die chinesische Masterstudentin geht leicht nach vorne gebeugt neben mir her. Sie ist wesentlich grösser gewachsen, als ich sie bisher wahrgenommen hatte. Sie macht sich mit ihrem bescheidenen Auftreten, dem nach vorne gesenkten Kopf, dem stillen Blick kleiner als sie ist. Jetzt ist ihre Stimme tief, sonor, überdeutlich: „Not possible!“ — Komplizierter als die chinesische Regierung kann nicht einmal die ETH Bürokratie sein.

Ich hatte der Chinesin von dem einen Professor erzählt, der immer sagt was er wirklich denkt, sich jeder politischen Korrektheit verweigert.

Er fordert von den Studenten ein enormes Detailwissen. Seine Vorlesungen bezeichnet er als „Faktenschleudern“. Sämtlich pädagogischen Neuerungen der letzten 20 Jahre scheinen an ihm vorbeigegangen zu sein. Keine aktivierenden Fragen in die Runde, keine Gruppenarbeiten zur Auflockerung, all der sozialkomptente Schickimicki fehlt, Frontalunterricht geradeheraus. Jedoch erkundigt er sich sehr genau am Anfang der ersten Vorlesungsstunde nach den Vorkenntnissen der Studenten und nach deren Lernzielen. Seine Vorlesungen sind minutiös vorbereitet. Er nimmt die Studenten ernst, fordert und leistet etwas dafür. Es ist vielleicht der beliebteste Professor weit herum, standing ovations bei seiner letzten Stunde in der Bachelorvorlesung.

Das ist es, was ich an dieser Generation junger Studenten so sehr mag. Sie sind bereit, alles zu geben. Sie gehen den Schwierigkeiten nicht aus Weg, sie leisten, wenn sie gefordert und ernst genommen werden. Ein paar sind Luuscheiben, testen andere Dozenten aus, dort wo sie nicht sicher sind, ob die Forderungen ernst gemeint sind. An solchen Spielchen merke ich dann, dass einige schon noch ein bisschen sehr jung sind.

Unser Professor pensioniert sich vorzeitig. Ich verstehe das nicht. Er ist als Lehrer engagiert, ein guter Forscher, der sich Themen widmet, die er selber wichtig und interessant findet. Ich gehe zu ihm ins Büro und frage nach den Gründen. Ich rede dem Mann zu, ihm werde langweilig sein, wenn er einmal die ETH und die Forschung und die Studenten nicht mehr habe. Die junge Chinesin schmunzelt. Das bringt sie zum Staunen, dass da ein Student einfach so zum Professor ins Büro geht und Fragen zu seinen Karrireentscheidungen stellt.

Da ist nichts zu machen. Sein Entscheid ist längst gefällt. Was höre ich als Grund: Die ETH Bürokratie kotze ihn an. Er habe genug davon.

Kurz vorher hat er einmal in den vollen Hörsaal hinausposaunt: „Es gib zwei Dinge auf der Welt, die einem das Leben zur Misere machen. Das sind die ETH-Bürokratie und die chinesische Regierung. Nur diese ist noch schlimmer als die Bürokratie der ETH.“

Jetzt gibt die Chinesin nach. Ja, gut, das ist möglich, vielleicht ist die ETH-Bürokratie das zweitschlimmste nach der chinesischen Regierung. Aber gleich schlimm, das ist auf der ganzen Welt nicht möglich, „not possible“. Für sie ist das Tatsache, so wahr wie wir alle wissen, dass der Willhelm Tell den Gessler erschossen hat. Not possible, ich merke es mir.

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