Für die Söhne und die Töchter.

Heute war Euer erster Tag im Studienjahr, für viele von Euch der Beginn des Universitätsstudiums überhaupt – Ich will Euch ins Gewissen reden.

Ihr habt jetzt die besten Jahre Eures Lebens vor Euch. Nie sonst im Leben lernt ihr so schnell auf einem solchen Niveau von komplexen Überlegungen, so ins Detail.

Viele von Euch sind zwei Jahre jünger bei Studienbeginn als wir das waren. Viele sind knapp 19, wenn sie die ersten Tage im Hörsaal verbringen. Die Matura ist ein Jahr früher und viele machen keinen Militärdienst. Das ist ein Nachteil, wenn es darum geht, sich selber zu organisieren, in einer fremden Umgebung vollkommen selbständig seinen Alltag, sein Lernverhalten zu gestalten. Ich weiss, man redet Euch ein, Ihr seid mit 20-jährig schon erwachsen und vor ein paar Jahren haben die linken Weltverbesserer sogar durchgesetzt, dass man in der Schweiz schon mit 18 mündig ist.
Schliesslich gebe ich Euch auch noch einen Ratschlag: Lasst die Finger von minderwertigen Universitäten. Wenn Ihr Euch die ETH nicht zutraut, dann lasst es besser bleiben.

Woher nehme ich mir die Freiheit, solche Ratschläge zu geben? Ich habe in drei verschiedenen Universitäten studiert: Der Uni Bern vor 30 Jahren, dann in dem Rumpf von dem was von der einst stolzen Berner Uni heute noch übrig geblieben ist und schliesslich am D-USYS der ETH Zürich. Ich bin immer mit wachen Augen und offenen Ohren durch diese Welt gegangen, habe von jung an mit vielen Leuten geredet und ich habe ein weit überdurchschnittliches Gedächtnis. Ich erlaube mir die Autorität, den Vergleich anzustellen.

Ich habe bei meinen jungen Studienkollegen von heute beobachtet, dass sie in dem Alter sehr schnell erwachsen werden, in der Zeit von 19 bis 23-jährig. Mit 23 sehen für mich ihre Gesichter erwachsen aus. Mit 19 sind viele fast noch Kinder. Ich ernte jedesmal aufmerksame, grosse Augen, wenn ich das sage. Bisher war noch keiner von den 23-jährigen beleidigt deswegen.

Aus der pädagogischen Forschung sagte man vor 20 Jahren noch, dass sich die Hirnreifung bis ungefähr 23 oder 25-jährig fortsetzt. Die Fähigkeit, in komplexen Zusammenhängen, in Systemen von Rückkoppelungen zu denken, wird erst in diesem Alter ausgebildet. Besonders im Ökologiestudium und in den Umweltwissenschaften ist es eher ein Nachteil, wenn man schon mit 20-jährig zuviel und zu ambitioniert gelehrt wird. Aber ich verspreche Euch, wenn Ihr einmal so weit seid, in der Zeit des Masterstudiums, wenn Ihr anfangt in den Zusammenhängen zu lernen und Euer Wissen anzuwenden, dann fägt es, es ist das beste was Euch passieren kann. Dazu kommt, dass Ihr bis ungefähr in das 32. Altersjahr hinein eine ständig wachsende Ausdauerleistung, geistig wie köperlich, beobachten werdet. Es ist die Zeit, um loszulegen.

Wenn Ihr dieses Abenteuer erleben wollt, so kann ich es für meinen Fachbereich beurteilen: In Sachen Wald- und Landschaftsplanung, Umweltschutz, der Einpassung der Organismen in ihre Umwelt, der Vielfalt der Lebewesen, dem Studium der Ökologie und Evolution solltet Ihr an die ETH gehen und am Departement für Umweltsystemwissenschaften Euch umsehen. Dort könnt Ihr all das lernen, was Euch die Uni Bern verspricht und noch viel mehr. Die Vertiefungsrichtungen, die ich dort am D-USYS empfehle, sind „Ökologie und Evolution“ und „Wald- und Landschaftsmanagement“, aber Biogeochemie hat es ebenfalls in sich. Vom Klimawandel-Geschtürm halte ich nicht allzu viel und was die Umweltentscheidigker am D-USYS machen, ist mir nicht wirklich klar geworden.

Die Uni Bern sagt von sich, sie sei keine Provinz-Universität. Vielleicht glaubt der neue Rektor sogar, was er da der Bernerzeitung sagte. Was mein Fachgebiet betrifft, so verzichtet die Uni Bern weitestgehend auf jeglichen akademischen Anspruch. Die ersten zwei Studienjahre sind vom intellektuellen Niveau her einfach wie Mittelschule aber ein bisschen mehr. Kein Forscherdenken, kein ernsthafter akademischer Diskurs. Was später kommt, ist ein lockeres Mischmasch, verzettelt, oft von einer einsamen Beschränktheit auf ein paar Einfachstkonzepte. Wer Gymerlehrer werden will, ist im Biologiestudium der Uni Bern gut aufgehoben. Wer nicht nach Zürich zügeln und sich dort ein selbständiges Erwachsenenleben aufbauen will, wer immer noch beim Mammi z’Nacht essen und ihm die Wäsche überlassen will, der ist an der Uni Bern am richtigen Ort. Wer sich die ETH nicht zutraut, oder im ersten Studienjahr der ETH es mit der Angst zu tun bekommt, der flüchtet sich an die Uni Bern.

Was soll das? Wollt Ihr erwachsen werden? Wollt Ihr forschen und in der Gestaltung dieser Welt Verantwortung übernehmen? Oder wollt Ihr auf ewig Bubi bleiben?
Wenn Ihr schon die vielen Jahre für ein Studium opfert, das Geld Eurer Eltern und Grosseltern verbraucht, so macht es richtig, geht an eine Uni, die Euch wirklich ausbildet, wo Ihr gefordert werdet, wo Ihr wirklich etwas lernt. Wenn Ihr Euch die ETH nicht zutraut, dann lasst es besser bleiben, lernt einen Beruf und geht nach der Berufslehre weiter an die Fachhochschule. Hütet Euch vor den billigen Abkürzungen – auch davor, ein paar Monate Praktikum zu machen und dann direkt an die Fachhochschule zu gehen.

Als erfolgreiche Maturanden habt Ihr einen entscheidenden Vorteil im Vergleich zu 60% der Berner Neuntklässler: Ihr könnt ordentlich lesen, schreiben, rechnen. Damit seid Ihr für die Gewebeschule gut aufgegleist.

P.S. Um das Augenmass vorzugeben: Ein „Master in Ecology and Evolution with special qualification in plant ecology“ der Uni Bern kann nach viereinhalb Studienjahren ungefähr gleich viel wie ein Bachelorstudent am Departement für Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich in den ersten zwei Studienjahren lernt. Die Berufsaussichten des Berner MSc sind ungefähr die gleichen, wie die eines ETH Studienabbrechers nach zwei Jahren. Ich bemesse das am Inhalt und Umfang der Lehrveranstaltungen, die die jeweiligen Studenten besucht haben.

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