Der Satz des Pythagoras.

Richtig, da war doch dieser Alte da unten in Kalabrien, damals besiedelt von Griechen, aber wer weiss, vielleicht war das auch damals schon so eine lusche Sache, wo man nie recht wusste, ob das Gesetz für Ordnung sorgt oder dann doch eher die Omerta. Jedenfalls wissen wir so gut wie nichts über diesen Pythagoras. Wer also will schon wissen, ob seine Schüler wirklich den Satz des Pythagoras gelehrt bekamen oder doch eher nur mit politischer Aufwiegelei und sektiererischem Frömmlertum ihre Zeit vertaten? Soll doch einer daherkommen und dem schweizerischen Bundesgericht beweisen, dass schon vor 2500 Jahren die Länge der Hypothenuse im gleichen Verhältnis zu den Katheten standen wie heute auch! Ich für meinen Teil bin jedenfalls an dieser Beweisaufgabe grandios gescheitert!

Da war noch die Studentin, die an der Uni Bern mit Bestnoten fast drei Jahre Physik lang studiert hatte, bevor sie zur Pflanzenökologie wechselte. In ihrer Bachelorarbeit will sie ein populationsbiologisches Problem lösen. Mit einem hochauflösenden GPS-Empfänger misst sie die genauen Standorte der Populationen aus. Weil alles im unübersichtlichen Gelände ist, kann sie die Distanzen dazwischen nicht einfach mit dem Messband abmessen. Zusammen mit ihrer Kollegin versucht sie das Problem zu lösen, wie man aus den Koordinaten die Distanz berechnen könnte. Sie setzt zu komplizierten vektorgeometrischen Operationen an, verheddert sich, weiss nicht weiter. Oder sollte man vielleicht mit Polarkoordinaten rechnen? Quer über den Tisch, zwischen den Bildschirmen hindurch schaue ich sie an und meine trocken, dass man das eigentlich den Satz des Pythagoras nennt, wenn man aus den Koordinaten von zwei Punkten deren Abstand berechnen will.

Seither redet die junge Frau nur noch mit mir, wenn sie es nicht um jeden Preis vermeiden kann. Solches passiert leider an dieser einen elitären Universität, wo das Studium dermassen modernisiert wurde, dass man schlicht nichts mehr vergleichen kann von dem wie es heute ist und wie es damals war. Da wird es natürlich schwierig, wenn einer kooperativ und mitteilsam seine Ideen beiträgt.

Schmunzeln muss ich, als ich bei den Umweltnaturwissenschaftsstudenten an der ETH zum Mittagessen am Boden sitze. Dort werfe ich die Frage in die Runde, warum die Jungen hier in Zürich so ungemein viel kooperativer sind, einander weiterhelfen, wo sie können, Erfahrungen austauschen zum Studium. Ich lasse mir erklären, im Fall sei dann nicht die ganze ETH so. Hier am D-USYS sei man schon so etwas wie eine Hippie-Kommune, wo die Leute zusammenhalten. Ich verklemme mir das Grinsen. Wer von denen hat schon je einen leibhaftigen Hippie gesehen?

Jedenfalls gibt es Gerüchte, dass es anderswo an der ETH schon wirklich viel schlimmer sei. Bei den Maschinenbauern, da täten die Studenten einander vor den Basisprüfungen die Lehrbücher klauen, um so die Konkurrenten auszustechen. Und sowieso, die Maschinenbaustudenten, deren Fachschaft, die hat Geld wie Heu, dass sie überhaupt nicht mehr wissen, wo sie das viele Geld verpulvern wollen. Die können sogar ein Fachschaftsfest veranstalten, wo den ganzen Abend lang für alle das Bier gratis ist. Ich stirnrunzelnd: Und woher haben die das Geld? Hmm, das kommt aus der Industrie. Die Industriebetriebe wollen viele, viele, viele Maschineningenieure und darum schicken sie ihnen jedes Jahr immer so viel Geld für die Fachschaftskasse.

Im Institutsgebäude des Departementes für Umweltnaturwissenschaften gibt es ausser diesen gesprächigen Studenten noch die andere Sorte, die mit Kopfhörer auf den Ohren, grossen Taschenrechnern, voll vernetzt mit grossen Laptopbildschirmen, immer strengem, geradaus gerichtetem Blick, nahezu wortlos. Ich finde auch mit solchen das Gespräch. Das sind echt jetzt fast alles von diesen Maschinenbaustudenten. Und sie kommen zum Lernen in diese „Hippie-Kommune“, weil ihnen die ruhige Atmosphäre beim Lernen hilft, die freundliche Umgebung so gefällt. Vermutlich werden hier auch weniger Bücher geklaut. Zum abendlichen Massenbesäufnis verziehen sie sich dann allerdings in ihre eigenes Institut.

Die ständige, lebendige Kooperationsbereitschaft der ETH-Studenten hat natürlich einen Hintergrund: Die Alumni, die Arbeitgeber melden sich zurück. Sie geben Hinweise, welches Wissen später bei der Arbeitssuche weiterhilft. Der akademische Forstverein gibt eine Empfehlungsliste, wo er zusammenstellt, welche Fächerkombination nützt, wenn man als Landschaftsplaner und Forstingenieur im Beruf erfolgreich sein will. Die ETH-Professoren bauen auf diese Kontakte. Sie pflegen das Wissen um die Verlgeichbarkeit der Studiengänge, zeigen den Absolventen und den Arbeitgebern, wie und bei wem die heutige Ausbildung vergleichbar ist mit der vor 10, vor 20, vor 30 Jahren.

Die Arbeitgeber finden an der ETH ihre Spezialisten, verlassen sich auf deren Können. Ein Drittel der Masterstudenten hat im ersten Jahr nach Studienabschluss eine Kaderstelle mit über 80’000 Franken Lohn. Wer das Wählbarkeitspraktikum an das Studium anschliesst, hat solche Stellen praktisch auf sicher. Doktorieren hilft ebenfalls. Hier meint niemand, er müsse den Satz des Pythagoras neu erfinden!

In Bern läuft das anders: Wenn ich mit Personalchefs, mit Eigentümern von Ökobüros, mit Privatforschern rede und sie frage, was sie von den heutigen Studiengängen halten, dann höre ich seit Jahren nur eine Antwort: „Ich weiss nicht mehr, was an dieser Uni so läuft, ich habe da keinen Kontakt und verstehe diese Umgebung nicht mehr.“ Solche Worte höre ich sogar von Leuten die jede Woche in den Instituten ein und aus gehen. Diese Alumni finden die Türe, aber sie wissen nichts darüber, was an dieser Uni heute läuft.

Nicht nur, dass keiner dieser Arbeitgeber etwas darüber weiss, was heute an der Uni läuft. Sie sagen mir gereadeheraus, dass es sie auch überhaupt nich interessiert und dass sie ihr Personal anderswo rekrutieren. Die phil-nat Fakultät der Uni Bern hat sich von ihrem wirtschaftlichen Umfeld abgeschnitten, ihr selber scheint das alles genauso egal. Stellt man keine Vergleiche an, dann braucht man auch keinen Vergleich zu scheuen. So einfach ist das!

Die Uni Bern ist jetzt bolognareformiert. Sie hat sich nach Kalabrien abgesetzt. Welche Gesetze da gelten, weiss keiner so recht!

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