Gespenstisch.

Donnerstagabend lasse ich jeweilen meinen Aufenthalt an der ETH ausklingen. Es sind selten glückliche Momente, eine gute Stimmung mit lebendigen, aufgeschlossenen jungen Menschen, wach und in ihrer Umgebung orientiert, so wie ich das in Bern nie erlebe. Diesen Donnerstagabend war alles anders. Beim TDB im Grünen war es düster, gespenstisch.

Niederschmetternd wird dann der Bogen zu den Ereignissen nur 24 Stunden später in Paris. Freitagnacht schiessen in der Konzerthalle Bataclan drei Terroristen 15 Minuten lang mit dem Sturmgewehr in die versammelte Menge. Sie haben dreimal Zeit zum Nachladen. Bis die Polizei das Gebäude überhastet stürmt, sind 120 Menschen tot. An vier anderen Orten in der Stadt gibt es ebenfalls Terroranschläge.

— Für die Aussenstehenden: Jeweils am Donnerstagabend gibt es im Gebäude CHN der ETH Zürich ein Massenbesäufnis. Versammelt sind viele Biogeochemiestudenten und auch etliche zukünftige Wald- und Landschaftsmanager machen mit, wobei eher wenig gesoffen dafür viel Pingpong und mit Karten gespielt, gelacht und geplaudert wird.

Diesmal war es anders: Die Beleuchtung ist düster. Die Gespräche ernst, verhalten, schlimme Themen, kaum jemand am Pingpongtisch. Dort läuft das Gruppenspiel bemühend langsam, ohne die sonst übliche lachende Behendigkeit. Kaum einer macht mit. Immerhin macht sich doch noch einer auf die Suche nach einem Pingpongball. Bierflaschen sieht man auch fast keine.

An einigen Tischen gab es intelligente Spiele. Eine strenge Studentin spielt den Schiedsrichter und Moderator zwischen Kontrahenten, die da liebevoll modellierte Hirsche und Bäume, Touristen und Jäger auf dem Spielbrett verschieben. Es ist eine Gruppenarbeit zur Naturschutzplanung, finsterer Ernst, 5 ECTS und Noten für alle. In drei Wochen muss es funktionieren. An einem anderen Tisch zettelt doch tatsächlich eine gewitzte Berner Studentin mit lebendigen Augen und grossen, geschärften Ohren eine Diskussion mit einem Gaststudenten aus Holland an über vergleichende Statistiken zu Selbstmordraten in aller Herren Länder. Und schon zieht der Dritte die Zahlen online auf seinem Smartphone herbei. Wir sind hier an der ETH unter den Umweltnaturwissenschaftlern. Wenn die politisieren, dann müssen die Fakten her!

Zum Dritten mal an diesem Tag berichtet einer der jungen Studenten von Erfahrungen im Militär. Sonst sind hier alle nur für den Frieden und machen Zivildienst. Ich hatte mich schon länger gefragt, ob da überhaupt jemand in der Armee sei. Diesmal lasse ich mir im Detail erklären, wie in heutigen Rekrutenschulen die Handhabung des Sturmgewehr 90 für den Infanteriekampf eingeübt wird, abwechslungsweise, im Zug, auf die kurze Scheibe, mit automatischem Feuer.

Ich selber komme darauf, was mir am niederträchtigen Bestreben der heutigen rot-grünen proletarischen Elite am meisten aufstösst. Man versucht, um jeden Preis die Bevölkerung vom Staat abhängig, hilflos und manipulierbar zu machen: Die Zivilisten werden systematisch entwaffnet, wir werden in eine Welt geführt, wo am Schluss nur noch die Verbrecher Waffen haben. Es ist meine ständige, feste Überzeugung, dass in der Schweiz jeder erwachsene, gesetzestreue, will heissen mündige und gutbeleumundete Bürger das freie Recht haben soll, jederzeit, überall, offen oder verdeckt eine Schusswaffe seiner Wahl zu tragen. Nur so können wir den in jeder zivilisierten Gesellschaft vorkommenden extremen Gewaltaten mit wirkungsvoller Notwehr und Notwehrhilfe begegnen. Bis nämlich die Polizei kommt, ist es immer zu spät.

Wenn drei Terroristen in einem Konzertsaal in Paris 15 Minuten lang wild drauflos schiessen, dreimal nachladen, sämtliche in Panik davonrennen, 120 Leute getötet werden und keiner, nicht ein ganz allereinziger Bürger kämpft und vermag einen Angreifer zu überwältigen, dann stimmt etwas nicht in unserer westlichen Welt.

Zuerst einmal: Kaum einer hat Erfahrung im Waffeneinsatz. Die meisten Leute geraten in Panik wenn sie Schiesslärm hören. In dieser Panik erscheint auch die Zeit anders. So gesehen muss es überhaupt nicht sein, dass das Ereignis wirklich 15 Minuten dauerte. Umgekehrt gibt es an jedem solchen öffentlichen Ort jede Menge zur Waffe geeignetes Material: Namentlich Stühle, Taschen, Schirme, Hutständer, lauter Sachen, die man werfen, mit denen man dreinschlagen kann. In dem Konzertsaal wüteten drei feige Mörder und nicht trainierte Elitesoldaten im Kampfeinsatz. Sie haben einen Rücken ohne Augen. Sie brauchen Zeit zum Nachladen und sind für einen Moment abgelenkt. Für konzentrierte, im Umgang mit Schusswaffen vetraute Zivilisten gibt es Möglichkeiten, einzugreifen, das Blatt zu wenden.

Es gibt etwas, was mich mein eigenes Schicksal gelehrt hat: Wie verletzbar wir wirklich sind, wie leicht zerstört werden kann, was wir in einem ganzen Leben aufbauen. Manchmal frage ich mich, ob ich in der Not die Menschen zu schützen vermöchte, die mir selber am Herzen liegen. War es Bertold Brecht, der das wirklich Böse verborgen hinter dem banalen, alltäglichen vermutete? Wer uns einen dezenten, immer schön friedlichen Alltag vorgaukelt, wird zum Komplizen des Grossen Bösen. Ich halte nichts von blümchengeschmückter Händchenhaltensolidarität mit der ganzen Welt.

Advertisements

11 Gedanken zu „Gespenstisch.

  1. Ich halte auch nichts von “ (…) blümchengeschmückter Händchenhaltensolidarität mit der ganzen Welt.“

    Übrigens halte ich von noch ganz Vielem was da draussen abgheht rein gar nichts.

    Beispielsweise von der seit langer Zeit doppelbödigen US-Aussenpolitik.

    Damals bezeichnete ich den Einmarsch im Irak als Fehler – auch wenn ich die genauen Folgen nicht wusste.

    Sie befanden den Einmarsch der Amerikaner damals als richtig, verglichen dabei die Zahl Kriegsopfer nach dem Einmarsch mit den damaligen Regimeopfer.

    Nun ja, die Amis haben halt weitergemacht. Das Völkerrecht – oder jegliches Recht im Allgemeinen – gilt sowiso nur für alle andern. Nationales Interesse, nennt sich das.

    Nun jammern Sie und wollen die Bevölkerung bewaffnen. Welch ein Wahnsinn! Provokation oder Blödheit?

    Passen Sie auf, dass nicht ihr eigener Kopf im Sand stecken bleibt.

Was Du denkst:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s