Was wollen wir?

Was macht die ETH zu einer guten Hochschule? Ist es im Ernst das internationale ranking, von dem wir wieder einmal zum Lesen bekommen?

Was genau haben wir Steuerzahler davon, wenn von ETH-Forschern am Laufmeter in angelsächsischen Fachzeitungen Publikationen platziert werden? Wie gut entspricht diese Stätte dem Willen von uns Stimmbürgern, den Wirtschaftsstandort dank Innovation zu verbessern, wenn das akademische Establishment vor allem von der internationalen Ausstrahlung dank eingekaufter ausländischer Supercracks träumt? Geht es uns Studenten besser, wenn man für deutsche Doktoranden alles tut und den hiesigen Nachwuchs wie Dreck behandelt, nur damit man hinterher mit Internationalimus plagieren kann? [Letzteres ist das Originalzitat von einem ETH-Professor, den ich zu den Gründen für seine vorzeitige Pensionierung befragte.]

Was also, wirklich jetzt, brauchen wir?

Forschung im Bereich von Landschafts- und Waldökologie wird in der Schweiz durch die forschungspolitischen Moden viel zu stark eingeschränkt. Wir haben es mit Zeitskalen zu tun, die in dreijährigen Nationalfondsprojekten nicht abgehandelt werden können. Von der landschaftsökologischen Forschung her ist das mit der internationalistischen splendeur schnell zu Ende diskutiert. Ausser wir täten grossangelegte, auf Jahrzehnte hinaus finanzierte Projekte aufgleisen und Spezialisten aus aller Welt einladen, ist da nichts zu holen. Für so etwas müsste man dann Platz machen, ein Gebiet von der Grösse des Nationalparks zum Labor und Experimentierfeld machen. Die ETH-Professoren sind in diesem Bereich einer dümmlichen Bundesbürokratie ausgeliefert, die pseudomässig zu imitieren versucht, was man als modern und amerikanisch ansieht.

Dennoch sind diese Professoren an der ETH lebendig und engagiert in ihrem Forschen, aufmerksam bei der Sache, fordern die Studenten heraus, geben immer neue spannende Themen vor, die in einem Gesamtzusammenhang genutzt und weitergegeben werden. Mir fällt auf, wie immer wieder in den Vorlesungen Resultate von Master- und Doktorandenarbeiten unserer Vorgänger zitiert werden. Offene Forschungsfragen werden ebenfalls vorgestellt und als mögliche Fragen für Masterarbeiten angeboten. So bleibt der Zusammenhang von Lehre und Forschung ständig im Fluss. Das ist spannend und zeigt die Wertschätzung der Dozenten den Studenten gegenüber.

Mehr verstehe ich von der Ausbildung der Masterstudenten. Ich mache es kurz, vom Anfang des Bachelorstudiums und vom Ende des Masterstudiums her. Beides habe ich in diesem Blog schon kommentiert.

Die Auslese im ersten Studienjahr des Bachelorstudiums ist ein wichtiges Thema, selbst im Gespräch mit Masterstudenten. Zuerst hörte ich vor allem, es sei sehr hart gewesen, viel Wissensstoff, den man am Schluss nicht wirklich brauche. Dann merke ich, dass zwar alle mehrdimensionale Analysis lernen mussten, Differentialgleichungen lösen sollten, aber nur wenige können es wirklich. Ich gehe der Sache nach und es bleibt der Eindruck, dass das Anspruchsniveau im Assessmentjahr nicht wirklich wahr wirklich hoch ist. Die eigentliche Herausforderung ist nicht die Schwierigkeit der Aufgaben sondern die schiere Menge an Lernstoff und dass man alles zusammen innert weniger Wochen am Schluss des ganzen Jahres geprüft bekommt, die Prüfungen nicht über die Zeit verteilen kann.

Ein Blick in die Vorlesungsunterlagen enthüllt mir, dass ich den grösseren Teil aus dieser scheint’s so anspruchsvollen Mathematik bereits für die Matura können musste, um genau zu sein, schon ein Jahr vor meiner Matur unterrichtet und geprüft wurde. Also führt das alles zur Frage, was die Gymnasien als Vorbildung zur ETH heute noch bieten.

Sowohl von der Uni Bern wie von der Uni Zürich höre ich immer wieder, dass da Leute auftauchen, denen die ETH zu schwierig war. Meine Schlussfolgerung ist eher, dass die ETH die einzige universitäre Hochschule in der Schweiz ist, die ein minimales Bildungsniveau von den Naturwissenschaftlern verlangt. Mir kommt das nicht wirklich elitär vor, sondern eher konzentriert auf normalem Niveau.

Und was wird aus meinen jungen Kollegen in Umweltnaturwissenschaften am Schluss von all diesen Strapazen? Die Professoren fordern zwar viel von den Studenten. Aber sie sind engagiert, wollen deren Erfolg, sie wollen, dass die Jungen in die Berufswelt hinausgehen und sich bewähren. Die Dozenten erwähnen solche Beispiele ab und zu im Unterricht, stellen Vorbilder vor, frühere Absolventen und deren Berufserfolg. Das passiert ohne elitäre Ambition. Es ist einfach Teil der Kultur dieser Schule.

Die ETH interessiert sich dafür, was die Arbeitgeber brauchen, welche Kenntnisse die jungen mitbringen sollen. Und das zahlt sich aus: Zweidrittel der Absolventen haben schon im ersten Anstellungsjahr eine Kaderstelle. Kaum einer muss mehr als zwei Monate nach einer Stelle suchen und der Median für den Lohn im ersten Jahr beträgt um die 90’000 Franken. Diese Verhältnisse treffen wohlverstanden auf die Wald- und Landschaftsfachleute zu, auf Ökologen, einer Berufssparte, die in der Schweiz allgemein als brotlos angesehen wird. Wenn jemand in diesem Bereich Fachspezialisten sucht, dann holt er sie sich von der ETH und weiss warum.

Welch ein himmelweiter zur Uni Bern, wo man einfach Arbeitslose diplomiert und sich nichts weiter denkt dabei, ausser dass man dem Studenten Brechbühl ans Bein seicht, wenn der sich wieder einmal mit Kritik hervortut!

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3 Gedanken zu „Was wollen wir?

  1. Der Erstlohn von 90’000CHF ist viel zu hoch. Der Median liegt bei 78’600 CHF https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2014/06/ein-eth-studium-bereitet-gut-auf-den-beruf-vor.html

    Das wir so viele ausländische Doktoranden haben liegt daran:
    1. Das Schweizer Angebote von Professoren für ein Doktorat meistens ausschlagen.
    2. Das sich kaum Schweizer melden bei ausgeschriebenen Stellen.
    3. Das Schweizer die sich für ein Doktorat interessieren ins Ausland gehen.

    Das sich die Forschung mehr und mehr nur noch um Nature und Science-Paper dreht, ist politisch gewollt. Das Parlament bestimmt die Ausrichtung der ETH. Die bürgerliche Mehrheit will nur noch Forschungsförderung durch den SNF, also nur noch Grundlagenforschung. Alle sonstigen Budgets für die angewandte Forschung wurden in diversen Sparübungen zusammengestrichen. Das gleiche ist bei den Kantonen geschehen, die früher ebenfalls Doktoranden finanziert haben.
    Die Ausbildung im Ökologiebereich ETH ist sicher gut, wird aber durch die kurze Masterarbeit von 6 Monaten massiv entwertet. An der UZH ist die Ausbildung gelichwertig, aber mit einer Meisterarbeit von einem Jahr erhalten die UZH Absolventen einen massiven Vorsprung für die spätere berufliche Entwicklung. Erstens sind die selbständiger als die ETH-Absolventen, da sie viel mehr eigne Ideen entwickeln durften (6 Monate sind zu kurz) und sie nachher eine Publikation vorweisen können. & Monate sind in der Ökologie viel zu kurz für anständige Feldarbeiten.

  2. Die Situation im D-USYS ist vielleicht ein bisschen speziell: Ein Drittel der Absolventen doktorieren an der ETH selber. Der Median der Anfangslöhne im ersten Jahr betrifft die Abgänger, die tatsächlich eine Stelle suchten, also querbeet durch MSc und PhD hindurch. Wer keine Stelle suchte, sondern lieber ein Jahr auf die Alp ging oder zum Globetrotten wurde ebenfalls nicht eingerechnet. Ich bin nicht ganz sicher, ob ich alle Zahlen korrekt im Kopf habe, weil ich in der Eile keine Notizen machen konnte, als das vorgetragen wurde.

    Von mir aus gesehen ist das Berufspraktikum der Absolventen im D-USYS eine grosse Hilfe bei der Stellensuche. So kennen die Jungen die Arbeitgeber schon und umgekehrt.

    Dass die Forschungsförderung verpolitisiert ist, damit bin ich einverstanden. Unsicher bin ich was Grundlagen- vs. angewandte Forschung betrifft. Mehrere Ökologieprofessoren sagen mir nämlich, dass Grundlagenforschung in der Waldökologie nicht mehr finanziert werde und man nur noch lokale, auf gezielte Anwendungen ausgerichtete Projekte durchführen könne.

  3. @Jürg Grundlagenforschung wird vom SNF finanziert und was Grundlagen sind, definiert der SNF. Sprich finanziert wird alles was potentiell in Nature und Science veröffentlich werden kann. Denn auch der SNF wir am Erfolg gemessen, heisst ist darauf ausgerichtet das Geld möglichst nach hohem Impact zu vergeben. Wenn die Waldökologen in den Journals publizieren die für den SNF relevant sind, erlhalten die auch Geld. Dem Ranking wird politisch gewollt alles untergeordnet. Und das nicht nur an der ETH, das geht durch alle Unis. Die ETH hat allerdings mehr eigen Mittel zur Verfügung um die besten der besten anzustellen.

    90’000 CHF bezahlt schlichtweg niemand einem Abgänger, zumindest sicher nicht in der Privatwirtschaft. Siehe meine Zahl die auf die effektiven Löhne beruht. Für 90’000 CHF müsste man schon in der IT oder einer anderen andere sehr gesuchten Studienrichtungen sein (Bsp. Werkstoffingenieur, Physiker, Mathematiker etc..). Umweltnaturwissenschaftler gehören nicht dazu.

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