failsafe

Die Studentin kommt zu mir mit „Du als Botaniker“, zeigt mir ein Zweigende von einer Weisstanne, wir rätseln, ob der kleinen braunen Chnubel, die da auf der Zweigunterseite zwischen den Nadeln hervorstehen, ob das neue männliche Zäpfchen von diesem Jahr sind oder solche vom letzten Jahr. Man bekommt diese nicht jeden Tag zu sehen und diese Sorte Details, wann hatten wir das im Unterricht?

Männliche Blüten der Weisstanne. 1) Zweig von 2013, verblühte Blüten von 2014. 2) Zweigspitze von 2014, neue Zäpfchen für dieses Frühjahr 2015. 3) Zweigknospe für den Frühling 2015

Männliche Blüten der Weisstanne. 1) Zweig von 2013, verblühte Blüten von 2014. 2) Zweigspitze von 2014, neue Zäpfchen für dieses Frühjahr 2015. 3) Zweigknospe für den Frühling 2015

Schneebruch im Herbst und Winterstürme hatten in dieser Waldabteilung am Eschenberg gewütet. Kubikmeterweise wurden die Wipfel von 30 Meter hohen Weisstannen weggebrochen und zu Boden geschleudert. Dazwischen Zweige, Äste aller Grössen. Ich verspreche, der Sache nachzugehen und in meiner umfangreichen Privatbibliothek nachzuforschen.


Wir vermuten, dass die dunkelbraunen trockenen Schuppen die leeren Knospenschuppen von den letztjährigen männlichen Blüten sind. Meine Studienkollegin entdeckt sogar rechts davon die viel kleineren Auswüchse. Diese sind ebenfalls in den Achseln der unteren Nadeln angeordnet. Es könnten dieselben Blütenzäpfchen sein, die erst noch aufblühen. Das sind also die Vermutungen. Aber „Du als Botaniker“ sitzt jetzt da und sollst die Vermutung der Forstexpertin bestätigen. Kopfkratz, Kopfkratz, so, so, ich soll es also besser wissen. Der Stellung der Nadeln nach wissen wir, dass dieser Zweig aus dem Schatten, tiefer unten in der Krone stammt.

Schon auf dem Weg nach hause lege ich mir die Suchstrategie fest. Die Referenzwerke zur Pflanzenanatomie geben meistens mikroskopische Schnitte. Die Forstlexika halten sich nicht mit ein paar 3mm grossen, trockenen brauen Chnubeli an Zweigenden auf. Letztlich komme ich auf das UTB-Taschenbuch Bartels (1993) „Gehölzkunde“. Das ist eine Neuerwerbung, die ich den Empfehlungen des Dendrologie-Professors folgend gekauft hatte.

Unsere Vermutungen werden bestätigt. Die Männlichen Blüten sind bei dieser Baumart immer im unteren Teil der Krone und zeigen nach unten. Zäpfchen entstehen an den Zweigabschnitten des Vorjahres und bleiben oft noch ein Jahr nach dem Verblühen hängen. Die weiblichen Zapfen hingegen stehen im obersten Teil der Krone. Bei unserem nächsten Treffen berichte ich also und füge an, dass ich das im Bartels nachgeschlagen hatte. Was höre ich von meiner jungen, aufmerksamen, präzisen ETH-Studienkollegin? „Bartels, was ist das? Davon habe ich noch nie gehört.“

Fail! Ist das wahr? Die jungen Studenten von heute lesen keine Bücher. Keine, wirklich nicht. Sie lernen aus der Vorlesungen, den Skripten, den zum download bereitstehenden Unterrichtsmaterialien. Bücher? Der Dendrologie-Professor erwähnt den Bartels in jeder einzelnen Vorlesungsstunden, meistens gar zwei oder dreimal. Immer und immer wieder ermutigt er uns: Das Buch ist zwar vergriffen, aber er hat es sorgfältig eingescannt und in der Lehrmittelablage zum download bereitgestellt. Besonders stolz erwähnt der Professor noch, dass er eine OCR darüber hat laufen lassen, so dass man ganz einfach nach Suchwörtern das Dokument durchsuchen kann.

Bücher? Ich frage nach bei den Studenten in „multifunktionalem Waldmanagement“ der ETH. Da erfahre ich: „Klar haben wir Bücher zuhause, sogar ganz viele. Aber die lesen wir wenn wir Zeit haben, zum Vernügen und sicher nicht für das Studium. Beim Studieren haben wir keine Zeit für Bücher.“

Complete failure: Es ist übrigens nicht so, dass die Ökologiestudenten der Uni Bern Bücher lesen täten. Die laden pdfs von papers herunter, die sie im web of science recherchiert haben, lesen die abstracts, schreiben daraus ab für ihre Seminararbeiten. Der Hauptteil des Ökologiestudiums an der Uni Bern besteht aus dem Auswendiglernen für Prüfungen und aus dem Abschreiben aus Fachzeitschriften. Für Tannenblüten gibt es keine zitierfähigen Quellen in peer reviewed journals. Für Berner Studenten existieren sie nicht.

Exkursionen, persönliche Anschauung am Standort werden in der Ausbildung der Pflanzenökologen nur ausnahmsweise durchgeführt. Für solches müssten nämlich die Professoren persönlich aufkreuzen. Seminararbeiten in Auftrag geben, das ist das Ding für die Minimalisten unter den Dozenten. So können sie mit möglichst wenig Eigenleistung viele, viele ECTS verteilen. Thema aushändigen — fünf Minuten nachdenken, fünfzehn Minuten reden. Nach dem Abgabetermin die Aufsätze husch, husch durchblättern und eine Note darunter schreiben — damit verbringt man noch einen halben Nachmittag und schon sind 3 weitere ECTS Unterrichtsbetrieb erledigt. Masters of Science in Ecology and Evolution kann man so ausbilden. Kein Hahn fragt, was die am Schluss können oder nicht können. Arbeit finden sie damit keine.

Failsafe: An der ETH werden Fachspezialisten für Planung, Pflege, Schutz von Wäldern, die Gestaltung von Naturräumen, Abwehr von Naturgefahren ausgebildet. Die müssen am Ende der Ausbildung sattelfest sein. Die Dozenten an der ETH legen sich von Anfang an voll ins Zeug. Sie fordern immer von neuem, geduldig aber unnachgiebig treiben sie ihre Studenten auf das iel zu. Exkursionen werden minutiös vorbereitet, Tage und Wochen über das ganze Semester verteilt, bei Regen, Wind und Schnee sind die draussen, im Wald, in den Bergen, betreuen simultan Studenten aus drei verschidenen Ausbildugnssstufen, dem Bachelor- und dem Masterstudium. Die Dozenten leisten fast das doppelte von dem was die Studenten als hohes Arbeitspensum hinnehmen. Sie wissen, jeder, der sich nicht allzu dumm anstellt, findet innert Monaten nach Ausbildungsende einen 100’000 Frankenjob.

Ja, ja, der Dendrologieprofessor ermahnte mich bei meiner ganzen Begeisterung: Auch an der ETH ist nicht alles Gold was glänzt. Er sei jetzt alt und gehe auf die Pensionierung zu, da dürfe er sagen, was er wirklich denke. Richtig, die Ausnahme unter den ordentlichen ETH-Professoren, das schwarze Schaf, das das System ausnützt habe ich inzwischen auch gefunden.

*********
Lesenswertes aus meiner Privatbibliothek:

Bartels, Horst (1993): Gehölzkunde
Evert, Ray F. (2006): Esaus’s Plant Anatomy, third edition

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NACHTRAG, 5. April 2015, 15:30

Hier die Quelle betreffs Anstellung der Umweltnaturwissenschafter, Vertiefung Wald und Landschaft

Wölfle, Silvana (2104): Was wird aus den ETH-Abgängern
mit Vertiefung Wald- und Landschaftsmanagement? Schweiz Z Forstwes 1 386 AKTUELL 65 (2014) 12: 384–392

„Fast die Hälfte (43%) der Absolvierenden
hat die erste Arbeitsstelle bereits vor
oder direkt nach Abschluss des Studiums
angetreten

Eine der Kernkompetenzen der ETHAbgänger
und -Abgängerinnen ist die
rasche Einarbeitung in komplexe Sachverhalte
und das Erarbeiten von Problemlösungen.
Dies dürfte ein wichtiger Grund
sein, weshalb 42% der Absolvierenden
bereits an ihrer ersten Arbeitsstelle Projektleitungs-
oder Führungsfunktionen
übernehmen; ein Geschlechterunterschied
ist dabei nicht zu erkennen. Interessanterweise
haben Absolvierende mit
Wähl barkeitszeugnis doppelt so oft eine
Arbeitsstelle mit Projektleitungs- oder
Führungsfunktionen angetreten wie jene
ohne Wählbarkeitszeugnis.“

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35 Gedanken zu „failsafe

  1. Der 100’000 CHF Job liegt nach dem Studium drin: Bei KPMG, Ernst & Young, PwC oder einer anderem Beratungsunternehmen. Wer modellieren kann vielleicht noch bei einer Versicherung wie Swiss Re einen solchen Job. Eine Stelle im Bereich Ökologie wird hingegen kaum zu erhalten sein. Dazu sind viel zu wenige Stellen frei – im Augenblick geht das Stellenangebot gegen null – und viele Absolventen die sich um diese Stellen balgen. Bei den Löhnen sind diese 100’000 CHF unerreichbar. Hingegen sind Leute die UVP-Erfahrung haben und Umfangreiche UVP umsetzen können gefragte Leute mit entsprechendem Löhnen. Allerdings sind das keine Ökologen draussen im Feld.

  2. Einige Bemerkungen zum Studium. Ein Studium ist keine Berufsausbildung. Ein Studium vermittelt Grundsätzliches in der Methodik, wie man Probleme löst etc.. und natürlich die wichtigsten Grundsätze des jeweiligen Bereiches. Heruntergerbrochen z.Bsp. auf die Artenkenntnisse: Bsp.: Vermittelt wird die Methodik wie man eine Pflanze bestimmt, die eigentliche Artenkenntnisse muss sich jeder selber aneignen. Die Grundsätze in diesem Bereich werden dann oft anhand einiger ausgewählter Beispiele gebracht, die möglichst das gesamte Spektrum an „life history“ abdecken.

    Alle Details in ein Studium zu packen ist schlichtweg nicht möglich. Anderseits ist ein Studium auch nicht dafür da. Einfach gesagt, dass Studium ist das sein Hirn einzusetzen.

  3. @Hansli,

    Die Ausbildung zum Umweltnaturwissenschafter ist mit all ihren Vorlesungen und Praktika sehr gezielt auf die Berufswelt ausgerichtet. Fast die Hälfte der Studienabgänger schliesst noch während des Studiums oder unmittelbar danach einen Arbeitsvertrag für eine Kaderstelle mit Führungsfunktion ab. Die ETH ist nicht in der Lage, die am Arbeitsmarkt geforderten Forstingenieure in genügender Anzahl auszubilden. Es hat schlicht zuwenig Absolventen. Die Arbeitgeber reissen sich um die Kandidaten und schnappen sie einander gegenseitig weg.

    Ich habe in den Blogeintrag noch einen Nachtrag eingefügt, mit der Quelle, wo die präzisen Zahlen nachgeschlagen werden können.

    Es gibt an der ETH zwei Sorten von Ausbildungen. Einerseits sind da die Ingenieurausbildungen, anderseits die naturwissenschaftlichen Ausbildungen.

    Die Umweltnaturwissenschafter mit Vertiefung Wald und Landschaft sind vor allem anderen Forstingenieure, nur muss man das ein bisschen neumödisch sagen. Andere Ingenieurausbildungen an der ETH sind zum Beispiel Maschinenbau oder Architektur.

  4. Danke
    Die Aussichten für Förster sind wesentlich besser als für andere. Allerdings sind das heruntergebrochen pro Jahr: Bei 50% im Wald Privat oder Staat ca. 36. von 2008 bis 2014, also 6 Jahre sind das 6 pro Jahr – ohne Berücksichtigung der Dunkelziffer.

    Und das umfasst die Jahre mit vielen freien Stellen auch in anderen Öko-Bereichen.

    Zu berücksichtigen ist, dass in der Waldwirtschaft ein massiver Stellenabbau bevorsteht. Seit der Freigabe der Euroanbindung des CHF hat das bereist vorher teure CH-Holz aus dem Markt gedrängt. Von der Holz-Produktionsseite ist nichts mehr zu holen. Beim Wald-Naturschutz werden gerade die Budgets in allen Sparkantonen zusammengestrichen. Genauso erfolgt in diesen Kantonen ein Stellenabbau in der Verwaltung.

  5. @Hansli, die Rücklaufquote beim Fragebogen war 60%. Zudem: Die Zahl der Studienabgänger pro Jahrgang hat zwischen 2008 und 2014 stark zugenommen. Im Jahrgang 2015 werden es so um die 15 herum sein. Letztes Jahre waren es scheint’s zwanzig. Sie finden alle nahtlos Arbeit.

  6. @Jürg Das Problem ist nicht Arbeit zu finden. Im Artikel ist genau aufgeschlüsselt wo die Absolventen Arbeit finden. Ich habe daraus berechnet wie viele einen Job im Waldbereich haben. Die anderen sind entweder noch in der Forschung oder haben einen anderen Job.

  7. In Deinem Beitrag geht es um die spezifischen Artenkenntnisse die nicht immer vorhanden sind. Wenn im gesamten gesehen die wenigsten Umweltnaturwissenschaftler effektiv Artenkenntnisse nachher im Job brauchen, dann liegen die Universitäten mit ihrem Lehrplan recht gut mit der Entwicklung der allgemein Fähigkeiten. Immerhin finden alle schnell einen Job.

  8. @Hansli

    Ich habe mich auch gefragt, was mit „Forschung“ gemeint ist – vermutlich am Doktorieren.

    Welche Universität lehrt Artenkenntnis? Sogar an der Uni Zürich sind die Lehrveranstaltungen zum Thema mehr als kärglich.

    Die Uni Bern kapriziert sich darauf, dass sie eine „wissenschaftliche“ Ausbildung bietet und dass ihr der Arbeitsmarkt egal ist. „Wissenschaft“ ist dabei beschränkt auf die paar Themen aus Ecology and Evolution, die grad grosse Mode sind und leicht in den Journals plaziert werden können: null Ahnung von Ökosystemen, nichts über Böden, Artenkenntnis maximal 10 Arten Heuschrecken oder 12 Arten Blütenpflanzen.

    Ich bin der Sache gründlich auf den Grund gegangen. Was die an der Uni Bern mit „Ecology and Evolution“ bezeichnen, ist zum meisten eine Neuauflage von Robert MacArthurs experimenteller Populationsökologie. Die hat ihre Berechtigung. Wenn man aber den Masterstudenten in ein paar Seminaren vorgaukelt, das sei die ganze und die einzige Ökologie, dann hält man sie als Idioten abhängig und untauglich für das Berufsleben.

  9. Als Anmerkung meinerseits. Die Umweltnaturwissenschaften an der ETHZ wurden als Studiengang mit Praxisnähe eingeführt. Das Studiumsziel ist klar die Praxis und die Wissenschaftskarriere ist zweitrangig. Während die Ökologie & Evolution an der ETHZ der Fokus auf die Wissenschaft gelegt ist. Bodenkunde ist eigentlich Sache der Geographen und wurde in der Biologie nur nebenbei gelehrt.
    Früher gab es einen Extrastudiengang für die Förster, der abgeschafft wurde. Ersetzt wurde dieser durch eine Umweltnaturwissenschaftlerichtung. Wobei zu sagen ist, dass teilweise Forsthemen mit der Einführung der Fachhochschulen abgegeben wurde (http://www.foersterschule.ch/asp/main.asp?l=d&m=ueberuns&s=ueberunsorganisation&c=ueberunsorganisationbzwlyss).

    Das Problem mit den Biologen für die Praxis im Ökobereich ist: Für die wenigen Stellen sind genügend gute Leute auf dem Markt mit Artenkenntnissen. Entweder da PhD oder PstDoc entsprechend geforscht oder seit der Kindheit daran interessiert. Mit diesen wenigen Personen lässt sich locker der Bedarf decken. Ich sehe so zweite Woche eine Blindbewerbung von einer Person die absolut geeignet ist. Die Unis haben daher keinen Druck aus der Wirtschaft daran etwas zu ändern. Die meisten werden so oder so in einem anderen Bereich unterkommen und da sind allgemeine Kompetenzen gefragt, die man als Akademiker erhält. Nach einem Jahr sind Sozialwissenschaftler mit Abschlüssen ohne irgendeine praktische Anwendung weniger Arbeitslos als Naturwissenschaftler. Das zeigt, dass die Praxisnähe kein Kriterium für den Erfolg von Absolventen ist. Da ist eher entscheidend wie gut die Studenten intellektuell gefordert werden. Wer lernt sein Hirn einzusetzen wird Erfolg haben. Da sind jedoch grosse Unterschiede zwischen den Unis und den Fakultäten zu sehen.

  10. @Hansli

    Dass es genügend akademisch geschultes Fachpersonal mit Artenkenntnis gebe, ist schlicht nicht wahr. Ich bekomme regelmässig aus den Kantonen Berichte von jungen Naturschutzbeauftragten, die nichts wissen und nichts können, wenn sie Arteninventare erstellen und Biotope beurteilen sollen. Diese Leute machen sich früher oder später lächerlich und sind politisch brandgefährlich. Sie berufen sich auf Gesetze, nutzen die behördliche Verfügungsmacht. Ihre Rechtfertigung ist, dass sie das ja tun dürfen, weil es ein Gesetz gibt.

    Sie tun das genau so lange wie Landeigentümer, Unternehmer, Bauherren, Bürgergemeinden, Bauern sich hinters Licht führen lassen. Sobald der erste biologisch geschulte Stimmbürger dem Gemeinderat erklärt, dass die Fräulein vom Kanton shit schnorrt von wegen dem neuen Parkplatz hinter dem Schulhaus, dann ist fertig Husten. Der Weg bis zur Abschaffung von Naturschutzvorschriften ist steil und kurz.

    Besserwisserinnen mit Uniabschluss im Alter zwischen 28 und 38 Jahren sind konsquent als unfähig einzustufen bis zum Beweis des Gegenteils. Ein Uniabschluss ist kein Ausweis über Fachkenntnis.

  11. @Jürg Klar ist ein Gesetz die Rechtfertigung… was den sonst? Soll etwa jemand ohne Gesetzesgrundlage entscheide fällen? Wenn etwas nicht per Gesetz geschützt ist, dann kann man es zerstören. So einfach ist das. Die Praxis ist einfach. Gibt es keine Rote List zu einer Artengruppe, so kann man auch das letzte Vorkommen einer Art auslöschen. Wenn ein Lebensraum nicht geschützt ist, so kann man den zerstören.

    Zu den Artenlisten: Die sind notorisch unzuverlässig mit Ausnahmen Amphibien, Reptilien und Vögel. Eine Artenliste aufzunehmen ist viel zu teuer, das bezahlt niemand. Die Entscheide basieren auf der Artenliste des CSCF. Und falls Artenlisten erhoben werden so sind das: Heuschrecken, Schmetterlinge, Pflanzen (natürlich nur eine Artengruppe pro Fall). Ausser bei ganz grossen Projekten werden keine Projektbezogenen-Artenlisten aufgenommen und oft nicht einmal da. Pflegepläne werden höchstens für Naturschutzgebiete erstellt, aber entlang von Bahn, Strassen oder Gewässern Regelt das der jeweilige Unterhalt selbst.

    Und noch meine Meinung zum umsetzen der Gesetze: Gesetze sind da um befolgt zu werden. Keinen Ahnung warum das im Naturschutz nicht gelten soll. Ich diskutiere schlicht und einfach nicht mehr über Grundsätzliches, was bereist entschieden wurde. Wenn ich etwas sehe, melde ich das den zuständigen Stellen. Meine Arbeiten im Feld haben bereit zu einigen Bussen geführt.

  12. Noch etwas übersehen. Biotopinventare existieren ebenfalls. Die werden bei der Beurteilung zu Hand genommen.
    Und dabei gilt Grundsätzlich, diese Inventare sind rechtsverbindlich. Sollte dieses Biotop zerstört sein, so gilt der Ursprüngliche Zustand.

    Aus einer Amtsstube heraus erfolgen rechtsverbindliche Verfügungen. Eine Verfügung kann angefochten werden. Da kann man nicht irgendetwas reinschreiben. Wenn offizielle Artenlisten vorhanden sind (egal wie alt) so sind die verbindlich. Und eigentlich ist wenn etwas unter Schutz steht der Ursprüngliche Zustand geschützt. Wäre ziemlich dumm wen man etwas zerstören könnte und das nachher als Ausgangslage nimmt.

  13. Die Biotope
    http://www.bafu.admin.ch/schutzgebiete-inventare/index.html?lang=de

    Kommunale Objekte sind natürlich ebenfalls zu beachten

    Die Roten Listen
    http://www.bafu.admin.ch/tiere/07964/index.html?lang=de

    http://www.bafu.admin.ch/pflanzen-pilze/07938/index.html?lang=de

    Und auch noch wichtig ist das:
    http://www.bafu.admin.ch/publikationen/publikation/01607/index.html?lang=de

    Darauf basiert der gesamte behördlich durchsetzbare Naturschutz. Alles andere existiert nicht. Nur da können überhaupt Massnahmen aus Naturschutzsicht verlangt werden. Ist kein solches Gebiet betroffen wird kein Beamter irgendetwas fordern. Dein Parkplatz hinter dem Schulhaus wird nie auch nur Gegenstand einer Naturschutzabklärung sein. Weil da der Naturschutz keine rolle spielt.

  14. Hab mich gerade noch informiert über Inventaraufnahmen im Kanton Bern. Aufnahmen werden keine durchgeführt, genauso wenig gibt es Monitorings oder sonstige Aktivitäten die zu einer Artenliste führen würden. Die Verwaltung hat gar nicht die Kapazität dazu. Und Geld für Aufträge an Dritte auch nicht.

  15. @Hansli, 14:46

    „Klar ist ein Gesetz die Rechtfertigung… was den sonst? Soll etwa jemand ohne Gesetzesgrundlage entscheide fällen? Wenn etwas nicht per Gesetz geschützt ist, dann kann man es zerstören…“

    Ja Hansli, FALLS es vom Gesetz als geschützt genannt wird. Da geht dann die Fräulein auf den Baugrund, stüpft ein bisschen mit den Schuhen im Gras herum, faselt etwas von Seggen und schliesst danach darauf, dass es ein geschütztes Moor ist. Sie braucht die Seggen nicht zu kennen, sie braucht die Kriterien nicht zu kennen dafür ob es überhaupt ein Moor ist. Sie ist schliesslich Beamtin und vertritt das Gesetz. Von da ist ein kurzer Weg bis zum grossen Mais, wo man nicht nur die Beamtin zurechtweist, sondern den Apparat abschafft, den Vollzug verunmöglicht oder ganz einfach das Gesetz abschafft.

    @Hansli 17:02
    Im Kanton Bern werden aktuell die Magerrasen neu kartiert, wegen der Leistungsverträge mit den Bauern. Schweizweit werden die Hochmoore neu kartiert, weil seit der letzten Kartierung viel Zeit vergangen ist und der Bund den Kantonen gegenüber Argumente braucht. Etliche Kantone haben noch immer keine Waldstandortskarten und werden vom BAFU unter Druck gesetzt, das nachzuholen. In anderen Kantonen erweisen sich die Waldstandortskarten als von zweifelhaftem Wert, weil sie von wissenschaftlich geschulten Pflanzensoziologen ohne Bezug zur forstlichen Anwendung gemacht wurden.

  16. Wenn das dort ein Standort nach Moorschutz ist, dann ist das geschützt und ist in einer Biotopkarte eingetragen. Der Standort muss nicht neu Definieret werden. Falls das kein eingetragener Standort war, so war das auch niemand vom Naturschutzamt. Als Anmerkung: Hast Du alle Arten im Griff. Also alle wie Schmetterlinge, Heuschrecken, etc … Vielleicht war das eine Spezialistin für Schnecken.

    Zum zweiten habe ich einen Fehler gemacht. Ich meinte Aktivitäten vom Naturschutzamt. Natürlich laufen BAFU-Sachen auch im Kanton Bern. Zurzeit noch NAWA-Trend und BDM-Schmetterlinge. Aber das musss nicht zwingend Naturschutzgebiete betreffen.

    Letzteres betreffend Waldstandort verstehe ich nicht. Soll etwa der Ökologe den Bauern Fragen welchen Wald er will? Sorry, aber solche Sachen werden genau definiert aufgenommen. Wer das im Feld macht der hat null Interpretationsspielraum. Kenne mich zu wenig aus, aber ich nehme an die Protokolle wurden vom WSL und BAFU entwickelt.

    Theoretisch müssten die Kantone auch alle Rote Liste Artengruppen in allen Naturschutzgebieten aufnehmen. Theoretisch müssten im Naturschutz noch vieles gemacht werden. Aber solange wir keine politisch naturfreundliche Mehrheit haben, wird auch nichts gemacht.

    Ich habe absolut keine Ahnung was Du immer kritisiert.

  17. @Hansli

    Waldstandortskarten haben in den meisten Fällen keinen Bezug zum Biotopschutz. Sie dienen dem standortsgerechten Waldbau. Zum Beispiel kann man daran erkennen, ob sich die Fläche eignet für das Wachstum von Eichen, Fichten oder Eschen, Ahornen, Kirschen, auch wenn es eigentlich von Natur aus von Buchen dominiert wäre. Man kann anhand der Waldstandortskarte entscheiden, ob es sich, lohnt bestimmte von Natur aus verjüngte Baumarten auszufühlen und zu fördern. Wenn ich hier eine fünfjährige Kirsche habe, lohnt sich der Arbeitsaufwand, ein paar Buchen wegzuputzen, damit die Kirsche genug Licht, hat, weiter wächst und in 80 Jahren einen tollen, wertvollen Baum gibt, den man für Superpreise verkaufen kann? Die Waldstandortskarte wird idealerweise anhand von bodenkundlichen, geologischen und vegetationskundlichen Merkmalen erstellt. Früher überliess man das den reinen Pflanzensoziologen.

    Die Waldstandortskartierung wird meistens von den Kantonen beschlossen und in Auftrag gegeben.

    Ich kritisierie nicht immer. Ich stelle fest, dass es kaum Personal unter 35 Jahren mit brauchbarer Artenkenntnis gibt. Ich postuliere, dass damit der Naturschutz unglaubwürdig wird, weil die betroffenen Bürger merken, wenn sie von ahnungslosen Naturschutzbürokraten kraft der gesetzlichen Autorität und ohne korrekte sachliche Information gegängelt werden.

    Solche Gesetze werden schnell einmal abgeschafft, einfach weil die Leute dann nicht mehr mitmachen.

  18. Aus Deiner Kritik höre ich eher heraus, dass Dir die fehlt wie Ämter aufgebaut sind, beziehungsweise wie dort gearbeitet wird. In einem kleinen Kanton kann es schon einmal vorkommen das nur ein oder zwei Personen wirklich Artenkenntnisse mitbringen (heisst die einzigen Biologen sind), in den grössten sind das vielleicht ein, höchstens zwei dutzend. Die können jedoch kaum im Feld herumstehen, die arbeiten mehrheitlich im Büro. Ihre Arbeit ist entweder die Bewilligungen zu bearbeiten und falls noch Zeit bleibt, wird an der Naturschutzgebietspflegeplanung gearbeitet. Du kannst also selbst erahnen, dass kleinere Kantone gar nicht alles abdecken können, beziehungsweise einige Aufgaben gar nicht erfüllen. Für die meisten Naturschutzgebiete existieren auch keine Artenlisten, das wäre viel zu teuer. Daher wird auf den Lebensraumschutz gezielt. Das wichtigste Grundlage ist dabei „Lebensräume der Schweiz“. Was keine speziellen botanischen Kenntnisse braucht. Bauwerke die Naturschutzgebiete betreffen werden nur allgemein anhand Biotopschutz bewertet. Bei grösseren Bauwerken werden natürlich externe Gutachten eingefordert. Von diesen UVP-Pflichtigen Anlagen leben die Spezialisten in den Ökobüros. Artenschutz selbst wird nur in grösseren Kantonen, die sich das leisten wollen und können effektiv betrieben. Aber auch da werden kaum alle Artengruppen abgedeckt. Die meisten sind Botaniker, sonst sind noch die Schmetterlinge, Heuschrecken, Vögel, Amphibien und Reptilien gut vertreten. Das gleiche gilt für die Ökobüros. Bei selteneren Artengruppen existieren schnell einmal nur noch zwei bis drei Leute in der CH. Bei vielen auch niemand, da nicht relevant für die Praxis. Wie viele Artspezialisten wir in der CH haben ist rein Marktbedingt. Wie viele können davon leben. Wer mehr Artspezialisten will, der muss die Staatsausgaben erhöhen. Die Tendenz geht jedoch Richtung weniger Geld für den Naturschutz. Oder rationellere Organisation der Administration beim Staat. Heisst nur noch Lebensraumschutz. Alles andere wird als unnötiger und teurer Ballast empfunden. Für diesen kleinen Arbeitsmarkt existieren genügend Spezialisten. Um dem reinen Lebensraumschutz entgegenzuwirken kann man auch selektiv einige wenige Prioritäre Arten fördern. Was durch Subventionsanreize gefördert wird. Dazu reicht jedoch die Expertenmeinung beim festlegen dieser Arten in den jeweiligen Naturschutzgebieten.
    Naturschutz hat der Staat den Naturschutzorganisationen und Freiwilligen überlassen. Die meisten Feld-Aufnahmen für die Roten Listen werden durch Freiwillige gemacht. Experten übernehmen da nur noch die Organisation und Auswertung und je nach Artengruppen werden schwierige Gattungen bestimmt. Eine andere weniger verbreitete Form ist auch das Sammeln der Organismen durch Hilfskräfte und die Bestimmung durch Experten. Das heisst ein Experte bestimmt alles.

    Gut finanziert sind nur zwei Gruppen: Die Vögel durch Spenden der vielen Mitglieder an die Vogelwarte und die Reptilien und Amphibien durch die KARCH.

    Vieles wird auch durch Pro Natura und WWF gemacht.

    Besser finanziert ist alles was die Landwirtschaft betrifft. Dort werden ebenfalls Artspezialisten benötigt. Aber auch dieser Markt ist überschaubar.

    Warum mich das geschrieben habe. Ich glaube Du hast ein absolut Falsches Bild wie viel Personen überhaupt beim Staat oder Ökobüro angestellt sind. Kaum ein Kanton hat überhaupt genug Leute Angestellt um überhaupt alle relevanten Artengruppen abzudecken! Im Prinzip sind nur so viele Personen angestellt, wie benötigt um die Bewilligungen abzuarbeiten. Den ganzen Rest der Naturschutzpflichten der Kantone bleiben was sie sind, ein Geschreibsel auf einem Blatt Papier. Die Ökobüros leben von UVP, BAFU-Aufträgen, Land- und Forstwirtschaf und für Natur- und Artenschutz verbleiben nur die grösseren Kantone oder Kantone ohne Naturhassern. Und ab und zu müssen die Kantone unter dem Bundesdruck nachgeben und etwas machen.

  19. Ich kritisiere nicht, wie die Ämter aufgebaut sind. Sondern ich stelle fest, dass diese Ämter keinen Nachwuchs bekommen, weil so gut wie keine Uniabgänger unter 35 eine erwähnenswerte Kenntnis einer der Hauptgruppen von Arten, geschweige denn die Fähigkeit zur Beobachtung im Feld mitbringen. Die Leute, die entsprechend ausgebildet sind, sind fast alle mehr als 50 Jahre alt und es kommt eine Pensionierungswelle.

    Wer mehr Artenspezialisten will, muss nicht die Ausgaben der Naturschutzämter erhöhen, sondern er muss dafür sorgen, dass die fürstlich, mit 100’000 Franken ++ entlöhnten Angestellten vorher an den Unis brauchbar ausgebildet wurden. Dazu gehört mehr, als im Propädeutikum Bildli von 200 blühenden Pflänzlein je einem Namen zuordnen zu können. Um irgendeinen Schreibtischjob anhand einer dubiosen 20 oder 30 Jahre alten Biotopkartierung auszuführen genügt eine Bürotusse, die weiss wie man eine Computertastatur bedient. Dafür kann man ungelerntes 15-jähriges Personal von der Strasse weg anstellen und ein Lohn ab 40’000 Franken genügt.

  20. @Jürg Keine Uni der Welt offeriert eine Berufausbildung. Die Ämter besetzen ihre offenen Stellen meist nicht mit Uni-Absolventen. In ZH zum Beispiel wird Berufspraxis vorausgesetzt. Heisst die Stellen werden mit Personen besetzt die vorher in einem Ökobüro gearbeitet haben oder einer Forschungsanstalt.

    Artspezialist wird man nur mit Übung, eine Uni kann nur die Grundlagen lernen. Schlimm ist es wenn diese Grundlagen einem nicht beigebracht werden. Alles andere muss sich jeder selbst aneignen. Das geht nur über Üben. Aber wenn es keine Aufträge hat, dann gibt es auch keine verfügbaren Spezialisten. Woher denn auch, jeder muss von irgendetwas leben. Ich habe keine Ahnung wie Du ohne Übung ein Spezialist wirst.

    Die Arbeit als Biologe ist nun einmal ein Schreibtischjob. Niemand bezahlt jemand der im Feld herumrennt und zum Spass etwas kartiert.

    Kantone die in einem Biologen mehr sehen als einen Bewilligungsausteller sind VD, GE, BS, ZH und Aargau. Das sind in etwa die einzigen Kantone die von Behördenseite den Naturschutz ernst nehmen. Da hat es effektive Artenförderungsprogramme etc.. Alle anderen Kantonen arbeiten mit dem Minimum. Da wird nicht viel mehr als eine Bewilligung ausgeteilt, das allernötigste in der Naturschutzgebietespflege gemacht. Deine sicht des Beamten der sich für die Natur zeit nehmen kann ist sehr Naiv. Da hast keine Ahnung vom Kostendruck den wir haben. Deine Lohnvorstellungen sind übringens jenseits.

  21. @Hansli

    eine Uni kann nur die Grundlagen lehren. Schlimm ist es wenn diese Grundlagen einem nicht beigebracht werden.

    Genau das meine ich.

    Niemand bezahlt jemand der im Feld herumrennt und zum Spass etwas kartiert.

    Eh hemm, Für den Spass zahlt der Arbeitgeber nicht. Rennen muss der Biologe nicht für das Geld, schon gar nicht im Gelände. Bezahlt wird er für das Kartieren, nämlich dafür, dass er ein Fachspezialist ist, der das kann.

  22. Du klingst als komme ein Absolvent heraus der vom ersten Tag an alles kann. Das gibt es nicht. Ein Botaniker sollte an die 800 bis 1000 Pflanzen können. Das hat man auch früher nicht an der Uni gelernt. An der ETHZ waren das früher 350 Arten, heute irgendetwas mit 100. Den Rest musste man sich auch früher selbst aneignen.

    Kartieren ist in etwas die kleinste Arbeit eines Biologen. Selbst die Topextperten verbringen 95% der Arbeitszeit mit anderem. Und jemand aus der Verwaltung wird schon gar nicht kartieren. Das heisst man konsultiert die Datenbank und im besten Fall wird eine Liste herausgespuckt. Davon nimmt man dann die Rote Liste Arten um Pflegepläne zu entwickeln, Einflüsse von Bauwerken etc auf diese Arten abzuschätzen. Da wird höchstens eine Begehung finanziert um zu sehen, ob die Arten überhaupt noch da sind. Das Dilemma in diesem Bereich ist, dass die Inventare oft nicht existieren, weil die Kantone sich oft weigern dafür auch nur einen Franken auszugeben. Da muss man halt das Potential abschätzen. In etwa was könnten dort anhand des Lebensraumes für Rote Liste Arten vorhanden sein. Das ist die Kunst, die man nur mit Erfahrung gewinnen kann. Dann wählt man einen möglichst guten Zeitpunkt für eine Begehung aus um möglichst viel davon zu sehen

  23. Der Wert von Büchern unterscheidet sich von Studium zu Studium stark. Im bereich Informatik waren für mich die Skripte der Professoren das Material der Wahl, gute Bücher gab es eher wenig, und meist veraltet. Nur zur Theorie der Informatik gab es gute Literatur, weil die sich ähnlich der Mathematik, nicht so schnell ändert. Etwas das bewiesen ist, ist danach festes Wissen.

    Im Maschinenbau gab es ebenfalls Fächer in denen Bücher sehr wertvoll waren. „Fertigungslehre“ z.B. Eigenschaften von Materialien und die Werkzeuge mit denen sie bearbeitet werden ändern sich wiederum nur langsam, auch „altes“ Wissen ist hier immer noch wertvoll.

    Botanik, Anatomie u.ä. Gebiete gehören auch zu denen in denen Bücher wichtig sind – auswendiglernen gehört hier dazu, weil man zuerst einmal viele Informationen kennen muss, bevor man aktiv werden kann – ein Mediziner der den Köper nicht in- und auswendig kennt, ist eine Gefahr für die Gesundheit seiner Patienten.

    Je schnellebiger das Umfeld oder das Fachgebiet, desto mehr verschiebt sich der schwerpunkt vom Buch zum (aktuelleren) Skript.

    Dazu kommt noch ein Generationsunterschied. Die Generation 40+ ist noch mit Büchern aufgewachsen, das Internet als Informationsquelle stand in der Jugend erst gar niocht zur Verfügung, und z.B. die Wikipedia begann erst viel später, eine nützliche Sammlung von Artikeln zu sein.

    Die Juden von heute erlebt das anders. Internet ist Teil ihres Lebens, sie kennen keine Welt ohne Internet. Die recherche im Internet ist für sie die Basis, schneller, spontaner als ein Besuch in der Bibliothek, das wälzen von Büchern. Bücher erscheinen für diese Generation zunehmend als ein Anachronismus, Zeugen verganener Zeiten, die (aus ihrer Sicht) allein schon durch ihr alter nicht als Informationsquelle tauglich sind. (Ja, 20 Jahre sind inziwschen eine lange Zeit, so schnellebig ist die Welt geworden).

    Wir müssen damit Leben, dass es hier einen neuen Graben zwischen den Generationen gibt, der unsirigen, die weitgehend mit analogen Informationsquellen aufgewachsen sind, und der neuen, die mit digitalen Informationsquellen aufwachsen.

  24. PS: „Failsafe“ ->

    Fail-safe (englisch für trotz Fehler sicher; zusammengesetzt aus fail ‚ausfallen‘ und safe ‚gefahrlos‘) oder ausfallsicher bezeichnet jede Eigenschaft eines Systems, die im Fall eines Fehlers zu möglichst geringem Schaden führt. Bei einer Maschine oder Anlage werden systematisch Fehler unterstellt und danach versucht, die zugehörigen Auswirkungen so ungefährlich wie möglich zu gestalten.

    Atomkraftwerke sind es z.B. üblicherweise nicht, weil ein Ausfall der Kühlung zur Kernschmelze führt. Verbrennungsmotorren sind es meistens, weil sie im Falle von Fehlern einfach stehen bleiben, und in 90% der Fälle der Stillstand der sichere Zustand ist (die anderne 10% sind Fälle in denen der Motor eine Lebenswichtige Anlage antreibt, z.B. eine Herz-Lungen-Maschine).

  25. Der Wert der Bücher hat auch in der Biologie stark abgenommen haben. Im Allgemeinen hatten wir in den letzten ca. 15 Jahren einen technologisch Bedingten Wissensprung, den Bücher gar nicht einfangen können. Das Buch ist bereits ab Druck veraltet.

    Das was ich noch gelernt habe, war an der Oberfläche kratzen. Jetzt haben wir ein bisschen tiefer gekratzt und es geht in diesem Tempo weiter. Wer nicht Konstant dranbleibt, der ist schnell einmal abgesägt. Wer da überleben will, der muss auch nach dem Studium die wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen lesen. In meinem Bereich steht gerade der nächste Technologiesprung an, was uns bisher ungeahnte Einblicke versschaffen wird. Technologie ist jedoch zweischneidig. Die Produktivität zwingt einem zu mehr Leistung. In immer kürzerer Zeit wird immer mehr verlangt.
    Um beim Beispiel des Beamten zu lesen der einen Eingriff in ein Naturschutzobjekt beurteilen muss. Früher musste er noch vor Ort gehen und ins Archiv. Heute genügen ein paar Klicks und die Informationen sind am Bildschirm. Da nicht unbedingt mehr Bewilligungen als früher ausgestellt werden, werden Stellen gestrichen. Das hat dann zur Folge, dass gerade in einem so weiten Gebiete wie der Biologie immer weniger Fachkompetenz vorhanden ist. Da mit dem Abbau der Stellen auch die vorhandenen Kompetenzen abnehmen.

  26. Ich denke es wird sich aufteilen – es gibt in allen Fächern Grundlagen, die sich im Prinzip nicht mehr ändern. Im Studium hat sich ein Student beim Professor erkundigt, warum das Skript von 1972 sei, und ob es nichts neueres gäbe. Antwort: Die elektrotechnischen und physikalischen Grundlagen haben sich seit 1972 nicht wesentlich geändert. In diesen Bereichen haben Bücher sichern ihren Platz, ein Buch geht oft mehr in die Breite und Tiefe als andere Medien.

    Allerdings sind multimedia Lernmaterialien langsam im Kommen. Die sind aufwendig herzustellen, aber die Verbindung von Ton, Bild/Video und Text erreicht mehr „Kanäle“ und erleichtert das Lernen.

    Dazu kommen Vorlesungsmitschnitte die immer häufiger kostenlos als Video im Internet zu finden sind. Das ist für die „Generation Youtube“ sicher attraktiver als ein Buch.

    Persönlich habe ich ein wenig ein Problem mit der aktuellen Geschwindigkeit des Wandels. Ich bin eher ein langsamer und gründlicher Lerner, was zu unserer schnellebigen Zeit nicht passt. Bis ich etwas gemeister habe, ist die Welt schon wieder weiter.

  27. Veraltendes Wissen. Ich habe ein sehr detailliertes Gedachtnis an mein Grundstudium. Ein Teil der Fächer wird an der Uni Bern nicht mehr unterrichtet. Das heisst, es wird nicht mehr in die Richtung geforscht, weil man andere Lehrstühle eingerichtet hat. Dort ist es schwierig abzuschätzen, wie modern das wissen von damals war. Wenn es nicht weitererforscht wird, dann bedeutet das nicht, dass es überflüssig zur Lösung angewandter Aufgaben wäre.

    Ausgerechnet in den topmodernen Forschungsrichtungen, der Zell-, Entwicklungs-, Molekularbiologie gelten 90% meines Grundwissens von damals immer noch. Die Studenten lernen heute sehr viel mehr und mehr Details Aber sie fangen exakt mit den gleichen Grundlagen an, wie ich damals. Das heisst, ich konnte eine Vorlesung in Epigenetik besuchen, musste dort sehr viele Wissenslücken füllen, musste aber zu keinem Zeitpunkt Wissen von früher entlernen, über den Haufen werfen.

    Bücher. Ich denke, gute Lehrbücher führen in die Grundlagen ein und bieten Literaturlisten zu Originalarbeiten in journals. Wer dann moderneres, detaillierteres dazu haben will, der kann von diesen Originalarbeiten ausgehend sich durch das web of science hangeln und schauen, wer diese Originalarbeiten aus dem Literaturverzeichnis neu zitiert.

    Wissenschaftsgeschichte. Dazu ist seit längerem ein Blogeintrag geplant. Nämlich darüber, dass wir darauf angewiesen sind. Als Beispiel:

    Die meisten Forscher machen sich nicht die Mühe, die ursprünglichen Arbeiten zu lesen. In meinem Spezialgebiet wären das zum Beispiel Lindemann 1942, Tansley 1935, Likens et. al 1970 zu Ökosystem, tropischen Ebenen, Nährstoffzyklen. Ökologen beziehen sich oft auf diese Konzepte, schwadronieren aber diffus mit Begriffen, die sie nur so halb im Kopf haben, zu kennen meinen und doch nicht wissen, woher sie kommen.

    Was dabei herauskommt ist die Parodie ökologischer Forschung, bei der 51 Coautoren herausfinden, was man seit 60 Jahren weiss.

    failsafe@gedankenweber, ja, so hatte ich es gemeint. An der ETH begegne ich jungen Menschen, die leistungswillig sind, die auf ihre Zukunft vertrauen und Dozenten, die fordern, genau sind, ausdauernd, und auf die Zukunft derer Vertrauen, die ihnen anvertraut sind. Das sind die ausgesprochen konservativen Werte auf denen der Reichtung dieser Schweiz aufgebaut ist. Wenn ein junger Mensch so geschult ist, so hat er für das ganze Leben etwas, worauf er im Fall des Systemversagens zurückgreifen kann.

  28. Ich habe mit dem Lehrbuch Ökologie von Begon, Harper and Townsend in etwa mein Grundstudium bestritten. Im Fachstudium natürlich ein bisschen mehr ins Detail. Da findet man kein einziges Wort über Evolution. (keine Ahnung ob das nun anders ist in neueren Versionen) Dabei: „Nothing in Biology Makes Sense Except in the Light of Evolution“ 1973 von Dobzhansky.
    Die Basis der Biologie wurde zumindest in ZH nicht gelehrt. Heute erforscht man die Ökologie unter diesem Gesichtspunkt neu.
    Man hat nur einige Jahrzehnte Biologie ohne Evolution gelehrt. Darwin hielt man für irgendwie nicht wichtig. Evolution war eine Vorlesung. Ein bisschen Darwin, ein bisschen Mendel und das war’s.
    Über Populationsgenetik hatten wir nur eine Vorlesung im Wahlprogramm.

    Von Adaptation keine Spur, ein Wildschwein war ein Wildschwein, das sich eine Tierart aus lokal angepassten Populationen aufbaut, davon hatte man nichts gelehrt. Oder man hat den Begriff in die Runde gestreut ohne zu wissen, was das effektiv bedeutet.

    In der Molekularbiologie sind heute Methoden und Verfahren Standard, die es vor kurzem gar nicht gab. Das Verständnis hat sich dort in allen Bereichen weiterentwickelt. Klar sind die Grundlagen die gleichen, DNA ist immer noch DNA.

    Methodisch gilt das für alle Bereiche. Heute sind Untersuchungen mit Methoden möglich, die vor kurzem noch unbekannt waren. Oder die Methoden wurde so weit entwickelt, dass die Massenanwendung möglich ist.

    Die letzten 15 Jahre waren ein technologiegetriebener Sprung. Mit Anwendung die erstmals erlauben oft eigentlich uralte Fragen zu beantworten. Gerade in der Evolutionsbiologie ist für mich ein klarer Fall. Ich denke Ökologie wurde weitgehend ohne Evolutionsbiologie erforscht. Weil man es gar nicht anders konnte. Die Evolution war Theoretikern vorbehalten, die mit ihren mathematischen Modellen spielten. Aber das wurde kaum gelehrt und noch sich noch weniger überlegt, ob das irgendwo eine Rolle spielt. Das blieb quasi im Elfgenbeinturm innerhalb des Elfenbeinturms.

    PS: Ein Konservativer wird dem Leistungswilligen so oft das Bein stellen bis der aufgibt, das zugegebenermassen mit Ausdauer. Denn eine Leistungswilliger könnte ihm womöglich verdrängen und das gilt es mit allen Mitteln zu verhindern.

  29. @Hansli

    Die Art von Evolution, von der Du redest ist „Ecology and Evolution“ in der Art, wie sie Robert MacArthur Ende der 60er Jahre im angelsächsischen Raum einführte. Was Du hier beschreibst ist einfach die Hinwendung zu dem was in den USA vor 20 Jahren modern war. Jetzt ist es hier Mode und wir meinen, wir seien modern.

    Ich bin inzwischen einigermassen informiert, welches die neuen technischen Möglichkeiten in der Biologie sind. Damit ist noch längst kein Erkenntnisgewinn errungen.

    Das Argument hinter dem unreflektierten Technikeinsatz geht auf Francis Bacon zurück, der Erkenntnis nur auf dem tatsächlich beobachteten aufzubauen versuchte. Das würde man sei Karl Popper als die induktive Methode bezeichnen.

    Die Frage ist, ob wir Ökologen uns mit stumpfgesinntem trial and error zufrieden geben wollen, oder ob wir dann doch noch richtige Wissenschaft betreiben.

  30. Die Theorie mit ihren Computermodellen ist also für Dich genug. Das muss man dann nicht mehr anhand echter Daten überprüfen. Wäre wirklich billiger. Jeder Student erhält ein Laptop wo er Theorien entwerfen und gleich mit Simulationen überprüfen kann.

  31. Du beschwerst Dich doch immer die Theoretiker die keine Ahnung von der Praxis hätten. Und nun willst Du genau das Gegenteil. Die Theoretiker bringen die Wissenschaft voran. Willst Du jedoch die Theorie in die Praxis hinübernehmen muss das noch an Beispielen Beweisen werde. Und ja einiges ist zudem rein durch herumstochern oder als Abfallprodukt entstanden. Diese Zufallsfunde waren teilweise wichtige Entdeckungen. Die Technik hat zudem neben neuen Entdeckungen auch einiges an Effizienz gebracht. Gerade in der Molekularbiologie und dazu gehört auch die Pop-Genetik, durch Verbilligung der Technik, die Forschung erst vorangetrieben. Evolution ist erst jetzt möglich effizient zu erfoschen. In der Populationsgenetik beginnt nun der Sprung aus der Uni in die Praxis. Das geht nur, weil die Technologie so weit ist.

  32. @Hansli,

    für mich ist ein weltfremder Akademiker noch lange keine theoretischer Ökologe.

    In der Schweiz gibt es viel zu viele akademisch geschulte Besserwisser mit angelerntem oberflächlichem Wissen. Das hat nichts mit theoretischer Biologie zu tun. Ich wüsste auch nicht, was Computersimulationen mit Theorie zu tun haben sollen. Aus meiner Sicht sind das Spielereien, mehr nicht.

    Ich bin gespannt, wie sich die molekularbiologische Untersuchung von realen Populationen in bisherige Überlegungen zu Ausbreitung und ökologischer Anpassung von Populationen einfügen wird. Ich denke eher nicht, dass die schweizerischen Biologen über das theoretische Rüstzeug verfügen, um die richtigen Fragen zu stellen und die Ergebnisse zu interpretieren.

  33. Alles was mit Formel beschrieben werden kann, kann auch simuliert werden. Also so ziemlich alles Evolution, Genetik, Populationsdynamik etc etc Diese Mathematikern legen die Grundlagen für vieles in der Biologie.

    Was die Molekularbiologie dazu beigetragen hat, lässt sich bereits heute in den Publikationen nachlesen. Gibt zig gute Beispiele.

    Du denkst das CH-Biologen das nicht können. Mit Seehausen und Excoffier befinden sich zwei der weltweit führenden Köpfe in Bern. Und kein anderer Professor in der Schweiz macht mehr für die Forschung im Bereich Naturschutz als Arlettaz.

  34. @Hansli

    Ich sage nicht, dass sie das nicht können. Die machen spannende Experimente. Ich sage, dass der Erkenntniswert experimenteller ökologischer Forschung sehr bescheiden ist, wenn man sich mit so dünner theoretischer Arbeit zufrieden gibt. Da kann noch so viel publiziert werden. Die Tatsache alleine, dass diese Publikationen so schnell veralten, ist ein Indiz für den mangelhaften Erkenntnisgewinn.

    Du nennst honorige Forsche. Zu behaupten, diese Professoren seien Bern ist allerdings ein bisschen hochgegriffen. Sie haben hier eine Adresse und einen Lohn. Dass sie auch tatsächlich hier wären, höre ich nicht wirklich von den Studenten. Da wären wir dann zurück bei der Lehre, die scheint’s eine Einheit mit der Forschung sein soll,– steht im Universitätsgesetz. Aber ich habe seit längerem den Eindruck, dass ich der letzte Mohikaner bin, der Gesetze noch liest und ernst nimmt, wenn es um diesen Anarchohaufen geht.

  35. @Jürg Seehausen ist Evolutionsbiologe und macht sehr viel Freilandforschung. Die Biodiversität unserer Seen wurde dank ihm erstmals erfasst. Und wie ich geschrieben habe kein andere hat so viel angewandte Naturschutzforschung betrieben wie Arlettaz. Experimente gehören jedoch auch dazu.

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