failsafe

Die Studentin kommt zu mir mit „Du als Botaniker“, zeigt mir ein Zweigende von einer Weisstanne, wir rätseln, ob der kleinen braunen Chnubel, die da auf der Zweigunterseite zwischen den Nadeln hervorstehen, ob das neue männliche Zäpfchen von diesem Jahr sind oder solche vom letzten Jahr. Man bekommt diese nicht jeden Tag zu sehen und diese Sorte Details, wann hatten wir das im Unterricht?

Männliche Blüten der Weisstanne. 1) Zweig von 2013, verblühte Blüten von 2014. 2) Zweigspitze von 2014, neue Zäpfchen für dieses Frühjahr 2015. 3) Zweigknospe für den Frühling 2015

Männliche Blüten der Weisstanne. 1) Zweig von 2013, verblühte Blüten von 2014. 2) Zweigspitze von 2014, neue Zäpfchen für dieses Frühjahr 2015. 3) Zweigknospe für den Frühling 2015

Schneebruch im Herbst und Winterstürme hatten in dieser Waldabteilung am Eschenberg gewütet. Kubikmeterweise wurden die Wipfel von 30 Meter hohen Weisstannen weggebrochen und zu Boden geschleudert. Dazwischen Zweige, Äste aller Grössen. Ich verspreche, der Sache nachzugehen und in meiner umfangreichen Privatbibliothek nachzuforschen.


Wir vermuten, dass die dunkelbraunen trockenen Schuppen die leeren Knospenschuppen von den letztjährigen männlichen Blüten sind. Meine Studienkollegin entdeckt sogar rechts davon die viel kleineren Auswüchse. Diese sind ebenfalls in den Achseln der unteren Nadeln angeordnet. Es könnten dieselben Blütenzäpfchen sein, die erst noch aufblühen. Das sind also die Vermutungen. Aber „Du als Botaniker“ sitzt jetzt da und sollst die Vermutung der Forstexpertin bestätigen. Kopfkratz, Kopfkratz, so, so, ich soll es also besser wissen. Der Stellung der Nadeln nach wissen wir, dass dieser Zweig aus dem Schatten, tiefer unten in der Krone stammt.

Schon auf dem Weg nach hause lege ich mir die Suchstrategie fest. Die Referenzwerke zur Pflanzenanatomie geben meistens mikroskopische Schnitte. Die Forstlexika halten sich nicht mit ein paar 3mm grossen, trockenen brauen Chnubeli an Zweigenden auf. Letztlich komme ich auf das UTB-Taschenbuch Bartels (1993) „Gehölzkunde“. Das ist eine Neuerwerbung, die ich den Empfehlungen des Dendrologie-Professors folgend gekauft hatte.

Unsere Vermutungen werden bestätigt. Die Männlichen Blüten sind bei dieser Baumart immer im unteren Teil der Krone und zeigen nach unten. Zäpfchen entstehen an den Zweigabschnitten des Vorjahres und bleiben oft noch ein Jahr nach dem Verblühen hängen. Die weiblichen Zapfen hingegen stehen im obersten Teil der Krone. Bei unserem nächsten Treffen berichte ich also und füge an, dass ich das im Bartels nachgeschlagen hatte. Was höre ich von meiner jungen, aufmerksamen, präzisen ETH-Studienkollegin? „Bartels, was ist das? Davon habe ich noch nie gehört.“

Fail! Ist das wahr? Die jungen Studenten von heute lesen keine Bücher. Keine, wirklich nicht. Sie lernen aus der Vorlesungen, den Skripten, den zum download bereitstehenden Unterrichtsmaterialien. Bücher? Der Dendrologie-Professor erwähnt den Bartels in jeder einzelnen Vorlesungsstunden, meistens gar zwei oder dreimal. Immer und immer wieder ermutigt er uns: Das Buch ist zwar vergriffen, aber er hat es sorgfältig eingescannt und in der Lehrmittelablage zum download bereitgestellt. Besonders stolz erwähnt der Professor noch, dass er eine OCR darüber hat laufen lassen, so dass man ganz einfach nach Suchwörtern das Dokument durchsuchen kann.

Bücher? Ich frage nach bei den Studenten in „multifunktionalem Waldmanagement“ der ETH. Da erfahre ich: „Klar haben wir Bücher zuhause, sogar ganz viele. Aber die lesen wir wenn wir Zeit haben, zum Vernügen und sicher nicht für das Studium. Beim Studieren haben wir keine Zeit für Bücher.“

Complete failure: Es ist übrigens nicht so, dass die Ökologiestudenten der Uni Bern Bücher lesen täten. Die laden pdfs von papers herunter, die sie im web of science recherchiert haben, lesen die abstracts, schreiben daraus ab für ihre Seminararbeiten. Der Hauptteil des Ökologiestudiums an der Uni Bern besteht aus dem Auswendiglernen für Prüfungen und aus dem Abschreiben aus Fachzeitschriften. Für Tannenblüten gibt es keine zitierfähigen Quellen in peer reviewed journals. Für Berner Studenten existieren sie nicht.

Exkursionen, persönliche Anschauung am Standort werden in der Ausbildung der Pflanzenökologen nur ausnahmsweise durchgeführt. Für solches müssten nämlich die Professoren persönlich aufkreuzen. Seminararbeiten in Auftrag geben, das ist das Ding für die Minimalisten unter den Dozenten. So können sie mit möglichst wenig Eigenleistung viele, viele ECTS verteilen. Thema aushändigen — fünf Minuten nachdenken, fünfzehn Minuten reden. Nach dem Abgabetermin die Aufsätze husch, husch durchblättern und eine Note darunter schreiben — damit verbringt man noch einen halben Nachmittag und schon sind 3 weitere ECTS Unterrichtsbetrieb erledigt. Masters of Science in Ecology and Evolution kann man so ausbilden. Kein Hahn fragt, was die am Schluss können oder nicht können. Arbeit finden sie damit keine.

Failsafe: An der ETH werden Fachspezialisten für Planung, Pflege, Schutz von Wäldern, die Gestaltung von Naturräumen, Abwehr von Naturgefahren ausgebildet. Die müssen am Ende der Ausbildung sattelfest sein. Die Dozenten an der ETH legen sich von Anfang an voll ins Zeug. Sie fordern immer von neuem, geduldig aber unnachgiebig treiben sie ihre Studenten auf das iel zu. Exkursionen werden minutiös vorbereitet, Tage und Wochen über das ganze Semester verteilt, bei Regen, Wind und Schnee sind die draussen, im Wald, in den Bergen, betreuen simultan Studenten aus drei verschidenen Ausbildugnssstufen, dem Bachelor- und dem Masterstudium. Die Dozenten leisten fast das doppelte von dem was die Studenten als hohes Arbeitspensum hinnehmen. Sie wissen, jeder, der sich nicht allzu dumm anstellt, findet innert Monaten nach Ausbildungsende einen 100’000 Frankenjob.

Ja, ja, der Dendrologieprofessor ermahnte mich bei meiner ganzen Begeisterung: Auch an der ETH ist nicht alles Gold was glänzt. Er sei jetzt alt und gehe auf die Pensionierung zu, da dürfe er sagen, was er wirklich denke. Richtig, die Ausnahme unter den ordentlichen ETH-Professoren, das schwarze Schaf, das das System ausnützt habe ich inzwischen auch gefunden.

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Lesenswertes aus meiner Privatbibliothek:

Bartels, Horst (1993): Gehölzkunde
Evert, Ray F. (2006): Esaus’s Plant Anatomy, third edition

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NACHTRAG, 5. April 2015, 15:30

Hier die Quelle betreffs Anstellung der Umweltnaturwissenschafter, Vertiefung Wald und Landschaft

Wölfle, Silvana (2104): Was wird aus den ETH-Abgängern
mit Vertiefung Wald- und Landschaftsmanagement? Schweiz Z Forstwes 1 386 AKTUELL 65 (2014) 12: 384–392

„Fast die Hälfte (43%) der Absolvierenden
hat die erste Arbeitsstelle bereits vor
oder direkt nach Abschluss des Studiums
angetreten

Eine der Kernkompetenzen der ETHAbgänger
und -Abgängerinnen ist die
rasche Einarbeitung in komplexe Sachverhalte
und das Erarbeiten von Problemlösungen.
Dies dürfte ein wichtiger Grund
sein, weshalb 42% der Absolvierenden
bereits an ihrer ersten Arbeitsstelle Projektleitungs-
oder Führungsfunktionen
übernehmen; ein Geschlechterunterschied
ist dabei nicht zu erkennen. Interessanterweise
haben Absolvierende mit
Wähl barkeitszeugnis doppelt so oft eine
Arbeitsstelle mit Projektleitungs- oder
Führungsfunktionen angetreten wie jene
ohne Wählbarkeitszeugnis.“

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35 Gedanken zu „failsafe

  1. Du beschwerst Dich doch immer die Theoretiker die keine Ahnung von der Praxis hätten. Und nun willst Du genau das Gegenteil. Die Theoretiker bringen die Wissenschaft voran. Willst Du jedoch die Theorie in die Praxis hinübernehmen muss das noch an Beispielen Beweisen werde. Und ja einiges ist zudem rein durch herumstochern oder als Abfallprodukt entstanden. Diese Zufallsfunde waren teilweise wichtige Entdeckungen. Die Technik hat zudem neben neuen Entdeckungen auch einiges an Effizienz gebracht. Gerade in der Molekularbiologie und dazu gehört auch die Pop-Genetik, durch Verbilligung der Technik, die Forschung erst vorangetrieben. Evolution ist erst jetzt möglich effizient zu erfoschen. In der Populationsgenetik beginnt nun der Sprung aus der Uni in die Praxis. Das geht nur, weil die Technologie so weit ist.

  2. @Hansli,

    für mich ist ein weltfremder Akademiker noch lange keine theoretischer Ökologe.

    In der Schweiz gibt es viel zu viele akademisch geschulte Besserwisser mit angelerntem oberflächlichem Wissen. Das hat nichts mit theoretischer Biologie zu tun. Ich wüsste auch nicht, was Computersimulationen mit Theorie zu tun haben sollen. Aus meiner Sicht sind das Spielereien, mehr nicht.

    Ich bin gespannt, wie sich die molekularbiologische Untersuchung von realen Populationen in bisherige Überlegungen zu Ausbreitung und ökologischer Anpassung von Populationen einfügen wird. Ich denke eher nicht, dass die schweizerischen Biologen über das theoretische Rüstzeug verfügen, um die richtigen Fragen zu stellen und die Ergebnisse zu interpretieren.

  3. Alles was mit Formel beschrieben werden kann, kann auch simuliert werden. Also so ziemlich alles Evolution, Genetik, Populationsdynamik etc etc Diese Mathematikern legen die Grundlagen für vieles in der Biologie.

    Was die Molekularbiologie dazu beigetragen hat, lässt sich bereits heute in den Publikationen nachlesen. Gibt zig gute Beispiele.

    Du denkst das CH-Biologen das nicht können. Mit Seehausen und Excoffier befinden sich zwei der weltweit führenden Köpfe in Bern. Und kein anderer Professor in der Schweiz macht mehr für die Forschung im Bereich Naturschutz als Arlettaz.

  4. @Hansli

    Ich sage nicht, dass sie das nicht können. Die machen spannende Experimente. Ich sage, dass der Erkenntniswert experimenteller ökologischer Forschung sehr bescheiden ist, wenn man sich mit so dünner theoretischer Arbeit zufrieden gibt. Da kann noch so viel publiziert werden. Die Tatsache alleine, dass diese Publikationen so schnell veralten, ist ein Indiz für den mangelhaften Erkenntnisgewinn.

    Du nennst honorige Forsche. Zu behaupten, diese Professoren seien Bern ist allerdings ein bisschen hochgegriffen. Sie haben hier eine Adresse und einen Lohn. Dass sie auch tatsächlich hier wären, höre ich nicht wirklich von den Studenten. Da wären wir dann zurück bei der Lehre, die scheint’s eine Einheit mit der Forschung sein soll,– steht im Universitätsgesetz. Aber ich habe seit längerem den Eindruck, dass ich der letzte Mohikaner bin, der Gesetze noch liest und ernst nimmt, wenn es um diesen Anarchohaufen geht.

  5. @Jürg Seehausen ist Evolutionsbiologe und macht sehr viel Freilandforschung. Die Biodiversität unserer Seen wurde dank ihm erstmals erfasst. Und wie ich geschrieben habe kein andere hat so viel angewandte Naturschutzforschung betrieben wie Arlettaz. Experimente gehören jedoch auch dazu.

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