fun!

Hier werden Professoren gegrillt! Das Wort stammt nicht von mir, sondern von einem der jungen Studenten.

In Zweiergruppen sollen die Studenten einen Zusammenfassung erstellen, einen Fragebogen ausfüllen, Antwort geben darauf, was das Waldwachstum in der obermontanen Stufe begrenzt. Das ganze sieht harmlos aus. Die vierzehn jungen Leute sind längst vor den vorgegebenen 5 Minuten fertig und sollen Antworten in die Diskussion werfen.

Schon der erste der Studenten geht aufs ganze: Er gibt mutig genug eine Antwort, die gar nicht gefragt war.

Seine Gruppe fand, das Waldwachstum werde auf dieser Höhenstufe weder von Trockenheit, Kälte, noch Windwurf, noch Insektenfrass begrenzt, sondern vor allem anderen wegen der menschlichen Eingriffe.

An jeder anderen Schule wären solche Antworten eine Provokation, hier sind sie durchdacht, werden korrekt begründet, von Studenten, die auf Exkursionen aufmerksam beobachten, zuhören und ohne Bruch ihre praktischen Kenntnisse mit der Theorie verbinden.

Der nächste Student stellt als erstes die Fragestellung in Frage: „Tschuldigung, sollen wir jetzt beurteilen, was das Waldwachstum einschränkt oder was das Wachstum der Bäume beschränkt?“ Er begründet: In Bezug auf den Wald kann man die Frage auf dieser Höhenstufe nicht sinnvoll beantworten. Antworten könnte man nur geben, wenn es um Bäume ginge. Egal, welches Ereignis eintrifft, jeder dieser Faktoren wirkt auf einzelne Bäume oder kleine Gruppen ein, aber auf dieser Höhenstufe gibt es genug Bäume. Wachsen die einen nicht, dann kommen einfach die anderen. Somit schränkt keiner der vorgegebenen Umweltfaktoren das Waldwachstum ein. Die Frage nach den limitierenden Faktoren kann nur beantwortet werden, wenn man über einzelne Baumarten nachdenkt. Für den Wald als ganzes hat sie keine Bedeutung: Borkenkäfer reissen Löcher in Fichtenbestände, saurer Boden verlangsamt das Wachstum der Buchen, Wildverbiss verhindert die Verjüngung der Tanne. Der Wald wächst dennoch fast ungebremst. Lässt eine Baumart Lücken an einem Standort, so werden diese einfach von den anderen geschlossen.

Ich bin mit ETH-Studenten zusammen, Menschen, die sich auf ihr Berufsleben vorbereiten, mitdenken, konzentriert bei der Sache sind. Sie wissen, was sie im Leben vor sich haben, wofür sie sich ausbilden. Sie sind für ihren Erfolg verantwortlich und denken sich nichts anderes dabei.

Was für einen himmelweiten Unterschied finde ich in dieser ETH-Vorlesung zum Normalzustand bei einer solchen Übung an der Uni Bern: Dort sitzen die Studenten passiv da, jeder noch stiller als der vor ihm. Dabei schaut der Professor peinvoll ins Publikum und gibt dann die Antworten selber, brösmelet das eine nach dem anderen hervor, hofft bangend, dass sich doch noch einer melden täte und fragt sich, ob die überhaupt wach sind, dahinten in den Reihen.

Unser ETH-Professor wird verlegen. „Ja gut, das ist halt jetzt das erste mal, dass ich diesen Teil in der Vorlesung bringe. Nächstes Jahr werde ich die Frage anders stellen.“ Der gute möchte perfekt sein. Das schätzen wir natürlich – engagierte Professoren. Er übersieht, dass das hier der Grosserfolg ist: Er führt einen Lehrbetrieb, wo eine solche Gruppe von Masterstudenten heranwachsen konnte.

Diese Studenten vertrauen einander. Keiner meint, dem anderen vor dem Licht zustehen; keiner fürchtet, sich vor den anderen zu blamieren. Darum melden sie sich und reden mit. Es gibt einen guten Wechsel zwischen Beobachtung, Erfahrung aus den Exkursionen und den Berufspraktika, die gleitend mit theoretischen Überlegungen verbunden werden. Die Auslese am Beginn des Studiums hat sich bewährt. Diese jungen Leute sind kognitiv fähig, das richtige Abstraktionsniveau zu wählen, der Situation angemessen.
Egal, wie sich dieser Professor vorbereitet, solche Studenten täten das gleiche: Die Fragestellung in Frage stellen, den Professor grillen. Dass sie es tun, das ist der grösste Erfolg des Unterrichtsbetriebes!

Auch hier noch der Vergleich damit, wie ich es an der Uni Bern beobachtete: Da lernte ich Professoren kennen, die seit vielen Jahren nicht mehr zu ihrem eigenen Unterricht erscheinen, sondern einfach die Assistenten vorbeischicken. Bei denen ist es nicht ungewöhnlich, dass sein flackerndes Kirchenlicht dann jeden fürchtet, der selber denkt. So kommt es, dass Assistenten auf jeden losgehen, der selbständig Probleme löst. Die Studenten verinnerlichen, dass man am besten überhaupt nicht auffällt, so wird man auch in Ruhe gelassen. Die gescheiten und spannenden ziehen Leine und machen den Master anderswo. Bleiben tun dann a) die überangepassten, diejenigen, die das brauchen, denen es gut tut, wenn sie sich einfügen dürfen und b) die verzweifelten, die sich nirgendwo sonst noch eine Chance ausrechnen.

Wer im Ernst Verantwortung übernehmen, im Natur- und Biotopschutz mitplanen, als Ökologe solide ausgebildet werden will, als intellektueller Mensch etwas zu leisten fähig ist, der sollte um die Uni Bern einen Bogen machen. Bei den Umweltnaturwissenschaftlern an der ETH bekommt er eine Ausbildung, die sich an nahezu jedes Anforderungsprofil aus dem Berufsleben anpassen lässt.

Was lässt eine Gruppe so zusammenwachsen? Einerseits ist da die Gewissheit, gut auf das Berufsleben vobereitet zu sein, das zu gelernt zu haben, was man später braucht. Die Exkursionen sind sehr wichtig, dass man draussen im Wald in Gruppen arbeitet, beobachtet, wie der andere tickt, seine eigenen Fähigkeiten einsetzt, um anderen weiterzuhelfen, Rat holt, wenn man nicht weiter weiss. Wichtig ist der Freizeitsport draussen in der Natur — Jagen, Velofahren, OL rennen, Skitouren — ab und zu treffen sie wieder aufeinander. In der Freizeit bekommen sie einen zusätzlichen Gesichtspunkt zu dem, was sie hier im Studium machen, zwanglos, ohne Leistungsstress.

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2 Gedanken zu „fun!

  1. Ich würde sagen, so wie Du es an den Beispielen beschrieben hast, so sollte ein Studium zumindest im Hauptstudium aussehen. Frei denken, Dinge infrage stellen, und über den Tellerrand hinaussehen. Das ist überraschend schwer, wie ich selbst im studium erfahren musste, als wir eine Studie über Verschlöusskappen von Füllfederhaltern machten – die Lösung „keine Kappe“ zusammen mit einer anderen Lösung, die das Eintrockenen der Tinte verhindert, kam mir gar nicht in den Sinn, zu sehr war ich auf „kappe“ fixiert.

    Schön, dass in der ETH Zürich die Studenten so ausgebildet werden.

  2. @gedankenweber

    Der neue ETH-Rektor gab anlässlich seiner Wahl vor einem Jahr aus, dass er kritisches Denken an der ETH schulen lassen wolle. Selbstverständlich darf man dem nicht „kritisches Denken“ sagen, sondern man muss es sogleich in fehlerhaftem Pseudo-Englisch als „critical thinking“ verhunzen.

    Item, ich weiss nicht, ob die Studenten so ausgebildet werden an der ETH Zürich, oder ob dies einfach ein spezieller Jahrgang in einer speziellen Spezialrichtung ist, der sich diese Freiheit herausnimmt. Wesentliche Grundlage ist, dass sich diese Studenten gegenseitig vertrauen und keiner meint, sich zu blamieren, wenn er auf das ganze geht.

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