Der Arschlochposten.

Ich komme noch einmal auf das Thema zurück, das Attentat auf die Charlie Hebdo Redaktion vor zwei Wochen. Für mich ist es ein Lehrstück darüber, wie billig Schweizer Journalisten heutzutags davonkommen, mit wie wenig sich das Publikum zufrieden gibt, wie leicht man einfach so über das wesentliche hinweggehen kann.

Als Ökologe frage ich mich immer wieder, welche Informationen wirklich an das interessierte Publikum weitergegeben werden.

Ein Teil meines Blogs zielt darauf, die gängigen Denkschablonen beseite zu schaffen. Für mich geht es um mehr als um Biotop- und Artenschutz, nämlich vor allem anderen, wie wir uns mit unserem Wirtschaften in die natürliche Umwelt einfügen. Selbstverständlich kann ich Zeitungsinformationen vergleichen und überprüfen mit Hilfe meines Fachwissens. Das erlaubt aber nicht wirklich, Augenmass zu nehmen. Was sind die Ursachen der Informatioslücken in den Tageszeitungen und im Publikum? Ist unser Fachwissen zu abgefahren, zu fremd, zu neu, um es den Leuten im allgemeinen zu erklären. Oder ist es einfach die Auswirkung von breitbandig halbgescheitem und viertelinformiertem Personal in der Matschpresse des Tagi-Konzernes?

Die Berichterstattung um das Charlie Hebdo Massaker gibt einen Blick von aussen auf das Problem, das mich sonst beschäftigt.

Ein gutes Beispiel, wie Journalismus heuzutags funktioniert, ist Constantin Seibts infamer Kommentar zu den Karikaturen der Charlie Hebdo Zeichner. Ich wollte es genauer wissen, habe mir darum den Bildband von Charb et Zineb über das Leben von Mohammed im französischen Original besorgt.

Aus dem wikipedia Eintrag über Constantin Seibt entnehme ich, wie dieser dahergelaufene Studienversager und Politaktivist auf einmal als „Journalist des Jahres“ aufersteht und ein wichtiger Mitarbeiter des Tagesanzeiger Redaktionsteams wird. Von Seibt aus gesehen, hätten die Charlie Hebdo Redaktoren ihren Tod ein bisschen weniger verdient, wenn ihre Zeichnungen etwas phantasievoller gewesen wären. Seibt schüttelt ein paar gängige Wörter auf, wenn er findet, die Karikaturisten hätten Dutzendware zusammengebastelt. Sein Chef beim Tagi, der Alt-Marxist Res Strehle, windet sich und erklärt, aus Rücksicht auf die Empfindlichkeiten von gewissen Leuten täte man keine Bilder von Mohammed abdrucken.

Was also finde ich heraus, nachdem ich mich einen Nachmittag und Abend in den Comics über das Leben von Mohammed vertieft habe? Oh Schreck, die bilden den Propheten 488 mal ab (ich habe gezählt) auf 157 Seiten. Die Farbe seines Bartes ändert sich im Lauf seines Lebens, von schwarzem Kraushaar, zu schwarzem glattem Haar, zu rot fahlem Haar. Soviel zum äusserlichen. Nirgends wird der Abgesandte Allahs beschimpft oder lächerlich gemacht. Das ganze Buch ist einfach die Geschichte von Mohammeds Leben, von seiner Geburt bis zu seinem Tod, erzählt in 53 Episoden. Charb & Zineb versichern im Vorwort, dass alle diese Berichte aus der Sira entnommen sind und dass sie nichts dazu erfunden hätten. Ich habe bisher keinen Grund gefunden, dem zu widersprechen. Sauber wir bei jeder Episode auf die Quellen verwiesen, die man hinten im Literaturverzeichnis findet. Alleine diese Zitierweise hebt dieses Buch vom Geschreibe des durchschnittlichen Tagi-Redaktoren ab.

Der wikipedia Zufolge besteht die Sira zum grössten Teil aus den zeitgenössischen schriftlichen Aufzeichnungen zum Leben Mohammeds. Der heutige Konsens unter den Islamwissenschaftern sei scheint’s, dass der grössere Teil dieser Literatur authentische Ereignisse beschreibt. Da gibt es nicht allzuviel hineinzuinterpretieren, auch wenn deutschsprachige Islamisten immer von neuem betonen, das alles könne nur verstanden werden, wenn man es nach einem tiefgründigen akademischen Studium sorgfältig interpretiere.

Der Zeichner dieses Comics, Charb, wurde erschossen und zu Grabe getragen. Ich setze fürs erste voraus, dass die in der Presse verbreiteten biographischen Angaben zu Stéphane Charbonnier einigermassen korrekt sind.

Interesse erweckt dann der zweite Autorenname dieses Geschichtenbuches. Wer ist Zineb? Der Teil ist nämlich wirklich interessant. Die Biographie von Zineb ist so richtig die Antipode zu dem was wir über den grossmauligen Studienversager Constantin Seibt wissen. Hier können wir etwas darüber lernen, wie aus faktischem Minderwert Rachsucht entsteht und daraus plumpe Desinformation für das gläubig nickende, dankbar in seinen Vorurteilen bestärkte Tagileser-Publikum.

Also, wer ist Zineb? Sie hat überlebt, weil sie per Zufall in jener Woche in den Ferien war. Die biographischen Daten zu Zineb nehme ich aus der französischsprachigen wikipedia. Auf Deutsch ist nicht viel gescheites zu finden. Zineb, mit bürgerlichem Namen Zaynab bint Mohammad ibn al-Mâatî al-Rhazwî al-Harîzî  wurde 1982 in Casablanca geboren. Inzwischen ist sie nach Frankreich eingewandert und dort eingebürgert als Zineb El Rhazoui. Sie hat erfolgreich ein Studium abgeschlossen als Master der Religionswissenschaften. Aus Marokko musste sie auswandern, weil sie dort als Menschenrechtsaktivistin mehrmals ins Gefängnis geworfen wurde und letztlich in Gefahr war. Heute ist sie als Moslem, Emanze, Journalistin, Menschenrechtsmilitante — will heissen als Handelsreisende in Sachen Maismachen — in Ägypten, im Gazastreifen und in Frankreich aktiv und begibt sich immer von neuem in Lebensgefahr.

Zineb El Rhazoui ist so ziemlich alles was Constantin Seibt nicht ist, ausser dass auch er sich Journalist nennt. Zineb schreibt auf Französisch Sätze wie:

Les premiers adeptes
Muhammad a été choisi par dieu pour porter le lourd fardeau de la risala. Une telle destinée ne fut pas sans risques, aussi, l’honnête du commencer la daawa en secret. Depuis la sainte nuit de la révélation dans la grotte de hiraa, l’archange vint rendre visite à Muhammad plus de 26’000 fois jusqu’à la fin de sa vie. À chacune de ses apparitions, l’honnête entendait un son de cloche, il était pris de convulsions et des grosses gouttes de sueur colaient de son front. Lorsque l’ange le quittait, les versets révélés restaient gravés dans sa mémoire afin qu’il les enseigne à son entourage. Selon Asmaa bin Amis, lorsqu’il recevait la révélation, Muhammad avait l’apparance d’un homme ivre.

Der Text ist die Provokation in diesem Comicband, nicht die Zeichnungen. Wir lesen hier ein perfektes, literarisch gebildetes Französisch, passé composé, passé simple und imparfait sind eingesetzt, wo sie hingehören. Wir finden sogar einen subjonctif. Besser hat unsereins es nicht einmal für die schriftliche Matur können müssen.

Damit sind wir ein weiteres mal bei dem Gegensatz von Wissensvermittlung und Verständnis beim Publikum. Was von diesem Text verstehen Integrationsverweigerer aus der Pariser Banlieu? Und wenn sie sich schon Moslem nennen, welche von diesen vielen und zum Teil richtig verwickelten Geschichten haben sie schon gehört? Reichen Konzentration, Ausdauer, Hingabe einer Generation von Jungen, die vom Fernsehapparat erzogen und vom Internet sozialisiert wurden, um solche Geschichten aufzunehmen und darin zu leben?

Kann der aus Deutschland eingebürgerte Studienabbrecher Constantin Seibt überhaupt Französisch? Hat er diesen Comics je gelesen, bevor er seinen Brunz zur Qualität der Charlie Hebdo Redaktion von sich gab? Wie war das schon wieder mit „Recherche“ und „Reporter?

Das Attentat auf die Charlie Hebdo Redaktion diente nicht dazu, den Propheten zu rächen. Es war die Rache eines hundsgemeinen Pöbels an der akademisch gebildeten intellektuellen Elite. Es war die Rache dafür, dass diese Autoren Geschichten erzählen, in einer Sprache, die erstere weder verstehen, noch zu lesen vermögen.

So passt es dann, wenn im Tagi-Konzern die Grenzen zwischen Informationsvermittlung und Verharmlosung von terroristischer Zerstörungswut verwischt sind. Diese Zeitungsmacher bringen ganz einfach das Zeugs nicht mit.

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5 Gedanken zu „Der Arschlochposten.

  1. Zum Thema: Charlie Hebdo

    Das sind Linksextreme die für den Kommunismus eintreten. Bis zum Anschlag hat diese Zeitung niemand ausserhalb ihrer linksextremen Zirkel interessiert. Sogar die linke Regierung hat diese Leute zum Teufel gewünscht. Weil die Regierung in den Umfragen abstürzt, wird das Attentat medial bis zum äussersten ausgeschlachtet. Holland als Retter der Nation! PS: Beim Begräbnis des Chefredaktors wurde mit erhobener Faust die Internationale gesungen.

    Zum Islam: Für Sunniten ist bereits die Abbildung von Allah eine Beleidigung Allah. Schiiten jedoch bilden Allah ab, daher auch die Kämpfe zwischen diesen beiden Gruppen.

    Wenn Du echte Informationslücken lesen willst. Dann empfehle ich dir die Weltwoche. Dort werden Fakten sogar abgestritten. Wenn die nicht ins rechtsnationale Schema passen.

  2. @Hansli,

    Ich weiss, das waren Trotzkisten. Der Unterschied ist, ob man sich informiert und mit Worten kämpft, oder ob man als Dumpfbacke auf Gewalt setzt und als scheinheilige Dumpfbacke gewalttätige hofiert.

    Wenn ich die Wahrheit wissen will, dann lese ich den Blick. Wenn ich Hintergrundrecherchen lesen will, dann finde ich die Weltwoche anregend.

    Beim Tagi sind sie nicht einmal richtige Linke, sondern nur langweilige Anpasser, die alles unter Schoggiguss ersticken.

  3. Ich lach mich tot: Weltwoche und Hintergrundrecherche 🙂 Wirklich selten so gelacht. Sorry, die Weltwoche ist nur für rechtsnationale Propaganda bekannt. Der Wahrheitsgehalt tendiert gegen null.

    Der Tagi ist eine rein kommerzielle Zeitung und verdient damit gutes Geld. Politisch ist der Tagi neutral.

  4. @Hansli

    Beim Tagi haben sie wie bei allen Schweizer Tageszeitungen vor allem Angst um ihr wirtschaftliches Auskommen. Immer weniger Abonnenten mögen sich mit dem Ramsch befassen, immer weniger Inserenten füllen die Seiten. Die Redaktionen werden geschrumpft, immer mehr Personal wird entlassen.

    Zeitungs- und Fernsehjournalisten sind definiert durch zwei Eigenschaften: Sie wissen nichts von allem und von nichts wissen sie alles. Wie soll so jemand eine neue Stelle finden? Also bleibt diesen Leuten nichts übrig, als sich anpasserisch immer nach der aktuellen Mode zu richten. So kommt es, dass Alt-Marxisten wie Res Strehle und Ex-Maismacher wie Sebastian Seibt heute nichts mehr sind ausser alternde Opportunisten.

    Politisch sei der Tag neutral meint auch nur jemand, der keine aktuellen Informationen lesen will. Wer die Augen offen hat, der merkt, wie sehr die Tagi-Journalisten komplett abhängig sind von den Mottenkisten der 70er Jahre. Sie kramen die immer selben linken politischen Klischees hervor. So braucht man sich nicht zu informieren, muss nicht recherchieren, braucht keine eigene Wissensbasis aufzubauen und kann dennoch die Lücken zwischen den Inseraten füllen.

    Der einzige Unterschied ist, was vor 40 Jahren eine revolutionär-marxistische Position war, das ist heute die „Wahrheit“, die jeder schulterzuckend als Tatsachenbericht hinnimmt. — ausser dass es völlig irrelevant ist, weil es mit unserer heutigen Welt schlicht nichts mehr zu tun hat.

    Die 20Minuten sind die einzigen, die im Tagi-Konzern Geld verdienen. Diese haben als einzige eine eigene und unabhängige Nachrichtenredaktion, die etwas anderes bringen darf als den Tagesanzeiger-Matsch, den man uns hierzuland als „Bernerzeitung“, „Thuner Tagblatt“, „Berneroberländer“ andreht. Vermutlich erzwingt die Kürze der Artikel im 20Minuten, dass man sich auf die Fakten beschränkt und die politische Interpretation weglässt.

  5. Die einzige Zeitung mit Recherche ist die NZZ und die linke WOZ. Der Tagi bringt in etwa zu geschätzten 90% reine Information – Beziehungsweise Agenturmeldungen und vorgefertigte Berichte der Behörden (Habe auch schon in Tagi und NZZ den gleichen Artikel gesehen). Aber der Anteil in der NZZ ist wesentlich geringer. Die Herrliberger Propagandazeitungen wie die Weltwoche bringen Meinungen, die Sonntagszeitungen lese ich nicht.
    Traurig ist nur, das auch die NZZ gezwungen ist die Recherche abzubauen, da zu teuer.

    Effektive Recherche ist einfach zu teuer. Geld wird nur mit Agenturmeldungen verdient.

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