Grüezi Herr Brechbühl, …

Es gibt sie, die grossen Aufsteller in meinem Bloggerleben. Ich schwelge, wenn jemand von meinem Wissen etwas haben möchte. So kann ich von meinem wenigen von Herzen teilen und weiss dabei, dass es geschätzt wird.

Eine Leserin möchte wissen, wie sie bei sich einen Moosgarten anlegen kann. In ihrem Garten hat es sowieso schon viel Moos, das ganze Tal ist schattig, alles ist nass und das Gras ist lästig zum Pflegen.

Moosgarten von Saihō-ji

Moosgarten von Saihō-ji, Bild aus wikipedia

Als dahergelaufener, Allerwelts-Ökologiestudent kann ich es ja versuchen, mein bestes geben. Hier ist darum meine Antwort:

Liebe Leserin

Mich wundert ja sehr, wie Sie auf mich und auf dailyecologist gekommen sind. Ich werde Ihnen in der Folge erklären, was ich zum Thema weiss, was sehr wenig ist und wo Sie mehr und besseren Rat bekommen. Dennoch, bitte schreiben Sie mir doch zwei Zeilen zu meiner Frage: Wo sind Sie erstmals auf meinen Namen gestossen und wie haben Sie dailyecologist gefunden?

Also: Die ganz allerbeste Adresse zu Ihren Fragen finden Sie, wenn Sie auf die website Bryolich – schweizerische Gesellschaft für Bryologie und Lichenologie gehen und dort eine Adresse suchen. Allerdings befassen sich schweizerische Moosbiologen mit den Moosen in der Natur, ihren Standorten, ihrer Gestalt, dem Erhalt gefährdeter Arten. So richtige Moosgärtner kenne ich keine in der Schweiz. Das Thema wird hierzuland vor allem naturkundlich bearbeitet.

Können Sie Englisch? Moosgärten sind in England eine gut gepflegte Liebhaberei. In Japan gibt es ganze Moosparkanlagen und die werden von Meister-Könnern gepflegt. Ich könnte Ihnen ein Buch auf Englisch empfehlen. Darin werden Moosgärten aus Ost und West vorgestellt, Arbeitsweisen bei der Gestaltung, Hinweise darauf, was möglich ist und was nicht. Auch hat es viele wirklich schöne Abbildungen darin von solchen verwunschenen Gärten.

George Schenk: „Moss Gardening“, Timber Press.

Ich mache jetzt Crashkurs in Mooskunde mit Ihnen: Es gibt 1100 verschiedene Moosarten in der Schweiz. Für die Moosspezialisten sind diese kleinen Pflänzchen genauso unterschiedlich wie für Sie Rosen, Tulpen, Narzissen, Akelei und tausend andere Blumen jede für sich wieder anders ist. Jede dieser Moosarten ist an einen anderen Standort angepasst. Das wären z.B. Wasserverfügbarkeit (immer nass oder manchmal sehr trocken), Licht (immer schattig oder manchmal extremer Sonneneinstrahlung ausgesetzt — wie z.B. auf einer Betonmauer), Untergrund (faulendes Holz, nackte Erde, Steine, Beton).

Das wichtigste, was ich Ihnen raten kann: Die Moose, die in Ihrem Garten schon wachsen, sind von allen Moosarten sowieso schon am besten angepasst an Ihren Garten. Wenn Sie etwas ändern möchten, mehr und andere Moose haben wollen, so müssten Sie andere Materialien hineintragen. Das Holzhäckselgut, das Sie in Ihrer email beschreiben, ist sicher eine gute Wahl für den Anfang. Aber Sie werden sich gedulden müssen, es braucht Zeit zum Faulen.

Beobachten Sie Ihren Garten, wie feucht oder wie schattig ist er? Suchen Sie in Ihrem Tal andere Orte, die fast gleich aussehen. Dort finden Sie zum Beispiel faulendes Holz mit Moosen darauf. Stibitzen Sie etwas von diesem faulen Holz und tragen Sie es in Ihren Garten und legen Sie es in eine Umgebung, die fast gleich ist, wie an dem anderen Ort wo Sie es herhaben. Legen Sie dazu eine Beige von alten Ästen, Stämmen, etc. die sie ebenfalls faulen lassen. Das dauert dann ein paar Jahre, aber die Moose von den hergbrachten faulen Ästen, werden Ihre eigenen auch besiedeln.

Suchen Sie zum Beispiel in Ihrer Gegend grosse Steine, wie sie von Flüssen liegengelassen werden. Legen Sie diese im Garten aus. Suchen Sie in anderen Standorten, die gleich sind wie Ihr Garten Steine, wo schon Moos darauf ist. Kratzen ein paar handtellergrosse Flecken von jenen Moosen ab. Notieren Sie ob Sie diese Moosstücke von oben auf dem Stein nehmen, von einer steilen Seitenwand, von einem schattigen oder sonnigen Teil. Sie können versuchen, solche Moospolster zu „ernten“ danach auf die Steine in Ihrem Garten zu verpflanzen. Dabei müssen die Polsterstücke wieder in einer gleichen Position auf ihren neuen Stein kommen. Eine der Spezialistinnen von bryolich sagte mir einmal, dass sie ganz normalen Bastelweissleim genommen hat, um solche Moospolster auf einer Betonmauer zu befestigen und diese sind dann problemlos angewachsen. Wenn Sie Moos auf eine Betonmauer verpflanzen wollen, dann nehmen Sie am besten ebenfalls Moose von einer Betonmauer, und zwar einer, die genau gleich sonnig oder schattig ist, gleich nass oder trocken.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wenn ich Ihren Wunsch ins Ökologendenken übersetze, so möchten Sie eigentlich die Gräser und Kräuter auskonkurrenzieren lassen von den Moosen. Die Gräser und Kräuter sollen ins Hintertreffen geraten und den Moosen auf Ihrer ganzen Gartenfläche Platz machen. Ich weiss nicht, wie man das macht. Ein Möglichkeit wäre, wenn Sie im Herbst das Laub der Bäume liegen lassen, dann gefällt es den Gräsern und Kräutern gar nicht, wenn sie von Buchenblättern überdeckt werden. Auch Ihre Schütti voll von Holz- und Rindenschnitzeln würde die Kräuter und Gräser zurückdrängen. Solche alles-oder-nichts Entscheidungen, nur Moose und keine Gräser, das totale entweder-oder, nichts ist in der Ökologie so schwierig wie das. Ich denke auch, die Ökologen wollen das gar nicht. Sie wollen immer die Vielfalt und möglichst alles da haben, Gräser, Kräuter, Bäume und Moose, nicht das eine und das andere dafür nicht.

Sie möchten Moose auf Häckselgut unter Bäumen pflanzen. Meine Anleitung kann Ihnen beim Pröbeln helfen. Aus Ihrer Zuschrift entnehme ich allerdings, dass Sie ein rasches Resultat haben möchten. Da müssten Sie dann schon einen Moosspezialisten zur Hand haben, der die Arten bei ihren wissenschaftlichen Namen kennt und der mit Ihnen ein längere Wanderung durchs Tal unternimmt, wo er Ihnen zeigt, was genau Sie nach Hause bringen und auspflanzen müssten.

Bryolich hat den Winter hindurch regelmässige Treffen im botanischen Garten der Uni Zürich. Schauen Sie die Daten auf der website von bryolich.ch an. Diese Treffen sind extra für engagierte Hobbyisten gemacht. Dort können Sie Moose kennenlernen, bestimmen lernen, das ganze Handwerk. Mit Pinzette und Skalpell niflen, mit steifem Rücken mikroskopieren, den Kopf in wissenschaftlichen Spezialwerken versenken, das ist im Moment ja nicht grad Ihr erstes Anliegen. Wenn Sie aber zu so einem Treffen fahren, nett mit den Leuten sind, so finden Sie vielleicht jemanden aus Ihrer Nähe mit mehr und mit genauerem Wissen, als ich als dahergelaufener Wald- und Wiesen-Ökologiestudent das zu tun geben vermag. Und auf jeden Fall, der Winter ist gut geeignet, wie jede Jahreszeit, für Ihr Projekt!

Freundliche Grüsse Juerg Brechbuehl

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2 Gedanken zu „Grüezi Herr Brechbühl, …

  1. Tolle Anleitung! Ich habe als Kind mehrmals versucht, Moose in meinem Terrarium anzusiedeln, aber keines hat dauerhaft überlebt. Natürlich hatte ich keine Ahnung warum. Dieser Artikel erklärt schon vieles, und ich hoffe ich bin in Zukunft erfolgreicher damit, Moose bei mir anzusiedeln.

  2. @gedankenweber
    Danke für das Kompliment. Wenn die Anleitung etwas nützt, dann würde mich freuen, darüber zu hören.
    Es ist leider nicht eine sehr vollständige Anleitung. Weil natürlich weiss auch ich nicht, welche Moose in dem Terrarium wachsen täten. Nachdem dort wohl ziemlich ausgeglichene Verhältnisse was Licht und Schatten angeht herrschen, würde ich einmal genauere Beobachtungen über die Feuchtigkeit am Boden und die „Niederschläge“ anstellen.

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