Dicke Luft im Muotathal

Ich bringe ein Beispiel dafür, was alles schief gehen kann in der Kommunikation zwischen Umweltspezialisten und betroffener Bevölkerung. Davon schrieb ich schon in meinem vorletzten Blogeintrag.

Letzte Woche durften wir im Blick darüber lesen, wie schlimm dreckig die Luft im abgelegenen Muotathal sei und zwar noch viel schlimmer als im verdreckten Ballungszentrum von Zürich.

Die Graphik im Blick wurde unverändert übernommen aus dem Infoblatt der Gemeinde Muotathal. Darauf zu sehen ist der Vergleich der Schadstoffmessungen nach Messstationen für Feinstaub (Partikelgrösse PM10), für das an die PM10 gebundene PAK und eine von mehreren im Massenspektrometer abgetrennten Fraktionen des PAK, nämlich das krebserregende Benzo(a)pyren. Für die Methoden und eine Überblick über die Situation für die ganze Schweiz, eignet sich am besten der technische Bericht des BAFU.

Worum geht es? Geht es um putzigen Staub, zu dessen Beseitigung wir die neueste Werbung am telévision konsultieren? Geht es um irgendwelche abstrakt fernen Monsterstoffe, über die nur die Gschtudierten wirklich Bescheid wissen? Nein, es geht um Russ!

Es geht um Russ aus Holzheizungen, um Russ, den wir sichtbar als „Rauch“ aus dem Kamin wahrnehmen. Es geht um die Luftglocke während winterlicher Temperaturinversion, die bestimmten Ortschaften regelmässig die Zufuhr frischer Luft abstellt. An der Berichterstattung sehen wir wie Informationsbruchstücke durcheinandergewirbelt werden. Schliesslich in der kritischen Würdigung sehen wir auch, wie klein der tatsächliche Informationsvorsprung der Wissenschafter ist.

Im oben verlinkten technischen Bericht des BAFU können wir nachlesen, dass diese Sorte von winterlichem Russ in allen ländlichen Messstationen stärker konzentriert ist als in den Städten und entlang der Verkehrsachsen. Besonders schlimm waren die Daten aus dem unteren Misox. Dort hat man sich die Mühe gemacht und mit C14 Analysen die Herkunft des Russes bestimmt. Der Ursprung ist verbranntes Pflanzenmaterial, Brennholz also und nicht illegal beseitigte Abfälle, wie der „Blick“ hämisch über das Muotathal rapportiert. Zudem liegt das untere Misox in einem Talkessel mit winterlichen Lufttemperatur-Inversionen, so wie das Muotathal auch.

Dann haben wir da einen Gemeindefunktionär mit bruchstückhaften Informationen. Jedes dieser Informationsschnipsel ist ungefähr richtig, aber sie stimmen im Zusammenhang nicht. In das Gemeindeinformationsblatt setzt er eine Anleitung zum kunstgerechten Anfeuern und eine Aufforderung zum Denunziantentum inklusive rot unterlegter Telefonnummer. Der zitiert die Muotathaler Behörden, so dass die Verbrennung von Abfällen schuld sei und dass man Strafen verhängen werde. Aus dem Messbericht des BAFU wissen wir bereits, dass die Russbelastung nichts mit Abfallverbrennung zu tun hat. Dann wissen wir, dass der Russ aus Holzfeuerungen stammt. Da könnte man optimieren. Schliesslich stellt sich das Problem in bestimmten Geländeformen und unter speziellen Wetterbedingungen.

Dagegen sind Denunziantentelefone und Strafandrohungen ziemlich machtlos. Weder ändert man damit das Gelände, noch das Wetter, noch verbessert man damit die vorhandenen Ofentypen. Vielleicht bemüht und hilflos, vielleicht auch anmassend und besserwisserisch. So oder so löscht solches auf die Dauer den Leuten ab, weil sie nutzlos drangsaliert werden. Auf die Art verspielt man damit Sympathie für berechtigte Umweltanliegen.

Besser anfeuern: Die im Gemeindeblättchen veröffentlichte Anleitung funktioniert nur bei modernen Schwedenöfen. Schwedenöfen sind für Neubauten vorgschrieben, weil sie sehr viel weniger russen. Die Vorschriften über die Öfen nützen und werden vom Kaminfeger auch kontrolliert. Kann ich als Benützer eines Schwedenofens noch mehr für die saubere Luft tun? Das mit dem Anfeuern tönt zwar lustig, aber wieviel macht es mengenmässig wirklich aus? Wie kann ich selber in meinem eigenen Haus den Erfolg nachprüfen?

Nichts am Blickartikel gibt den Eindruck, dass ein einziger Redaktor sein Arsch gelüpft, ins Muotathal gereist wäre und mit den Leuten dort geredet hätte. Man hat einfach aus dem Internet zusammengestohlen, so wie ich auch, mit dem Unterschied, dass ich mir ein bisschen mehr Mühe gebe mit den wissenschaftlichen Fakten. Die Frage wäre schliesslich noch, wer die Muotathlaer unbedingt dem Gespött der Nation preisgeben wollte.

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