Zur Verdummung verdammt.

Gerade habe ich im mamablog ein flammendes Pamphlet gegen den Missbrauch von Mobiltelefonen als Erziehungsersatz geschrieben. Ich nehme nicht an, dass meine jungen Studienkollegen an meinem hobby-soziologischen Exkurs Freude haben werden. Dennoch ist es mir Ernst, bei aller Liebe.

Es geht darum, wie an beiden Orten, der Uni Bern wie an der ETH, die jungen Studenten untereinandner sehr genau beschreiben, was in der Ausbildung fehlt. Aber sie sind nicht fähig und nicht organisiert, um sich beim Dekanat und bei der Schulleitung Gehör zu verschaffen.

Warum bin ich dermassen alarmiert, wenn ich in diesem Blog Plädoyers lese dafür, dass Kinder ihr persönliches, internetfähiges Mobiltelefon im Alltag bei sich haben sollen und damit ihren Alltag managen, so wie das zum Beispiel Lea [Kommentatorin im mamablog] vorschlägt? Sowohl an der Uni Bern, wie auch an der ETH Zürich beobachte ich meine jungen Studienkollegen, wie sie ihren Alltag organisieren. Ich frage sie nicht aus, zu welchen Themen sie ihre SMS schreiben. Hingegen beobachte ich, was daneben an Kommunikation in Person übrigbleibt.

An der ETH sind die Studenten sehr viel selbständiger als an der Uni Bern. Sie treffen sich in der Cafeteria im Institusgebäude, in der Freizeit und sie kooperieren untereinander beim Lernen und im Unterricht, lebendig, zielgerichtet. ETH Studenten sind aus der ganzen Schweiz und sie wohnen selbständig. Die Mehrzahl der jungen Studienkollegen an der Uni Bern wohnen noch beim Mammi, sie kooperieren kaum je beim Lernen oder bei Studienarbeiten, sind höchstens in kleinsten Grüppchen zusammen und nur die wenigstens treffen ihre Studienkollegen in der Freizeit.

An der Uni Bern sind viele Lernmaterialien nur online verfügbar. Die Studenten sind gezwungen, zuhause für teures Geld Farbtinte zu verbrauchen für die Ausdrucke. Das Ökologiestudium in Bern enthält nur ein Minimum an Unterricht. Der grösste Teil des Lernens beruht auf konstruktivistischer Selbsterfahrung anhand von nur online verfügbaren Publikationen in wissenschaftlichen Journals. Der Hauptgrund für dies Verwahrlosung ist, dass die Berner Professoren ihre Studenten als lästiges Übel wahrnehmen, die sie an der Publikationsproduktion hindern (pro Professor 100 Publikationen pro Jahr).

An der ETH gibt es sowohl im Bacherlor- wie im Masterstudium wesentlich mehr und vollständigeren Unterricht als an der Uni Bern. In der ETH haben alle Studenten Guthaben für Netzwerkdrucker. Sie drucken Lernmaterialien aus, machen Notizen, arbeiten mit ihren Kollegen daran. Die Professoren drucken Skripten und die online Texte sind nur unterstützend aber nicht Voraussetzung für die Teilnahme am Unterricht. Die ETH Professoren wollen wirklich, dass die Studenten am Schluss etwas können und hinterher als erfolgreiche Berufsleute gute Stellen finden.

ETH-Absolventen finden gute Stellen. Berner Biologen geben sich die Türe auf dem RAV und leben als Praktikanten am Existenzminimum.

Was hat das jetzt alles mit dem Gebrauch elektronischer Medien zu tun (siehe oben, 21:44)? Studenten an ETH wie Uni Bern managen ihren Alltag per SMS und email. Facebook ist, so weit ich das mitbekommen habe entweder ausser Gebrauch oder war von Anfang an nie ein Thema. An der ETH werden Studenpläne, Raumzuordnungen und “Marschbefehle” von der Leitung via Apps zur Verfügung gestellt. An solchem merkt man, dass die ETH sehr viel mehr Stutz zur Verfügung hat als die Uni Bern.

Sowohl ETH- wie Uni Bern- Studenten sind mit Mobiltelefonen aufgewachsen, tragen sie im Alltag auf dem Körper. Sie tun all das, was Lea so toll findet. Sie kommunizieren zeitversetzt per SMS, sind zugehörig. An der ETH kommt dazu, Aufgaben per email auszutauschen und einige Masterstudenten schlagen während des Unterrichtes online die Fakten nach, halten die Hand auf und zetteln eine Diskussion an, bei der sie den Professor korrigieren, wenn er ungenau war.

Und jetzt das grosse ABER:
Sowohl an ETH wie an Uni Bern berichten die Studenten im privaten Gespräch mit präzisen Worten, was in der Ausbildung falsch läuft. Aber sie sind dabei nur unter sich, unter gleichaltrigen. Nie, aber wirklich nie werden sie beim Dekan, beim Leiter des Institutes, bei der Schulleitung vorstellig und melden Forderungen an. Sie sind abgeschnitten von dieser wirklichen Welt da draussen, dort wo die Entscheide fallen, wo über sie verfügt wird. Sie managen ihr Leben am Bildschirm, nicht auf der Strasse, nicht in den Büros und nicht in den Hörsälen.

An der Uni Bern ist die Studentenschaft komplett abwesend. Das hat ein Ausmass angenommen, dass einer unserer Professoren in der Pause laut in den Hörsaal hineinrief, was ist nur mit Euch Studenten los, da habt Ihr Ideen zum Unterricht und keiner kommt vorbei. Wir haben so einer Zeit studiert, wo man auf der Strasse demonstrierte.

An der ETH hat die Studentenschaft eine farbige Zeitschrift mit Superprofi-Layout. Diese applaudiert vollkommen unkritisch, lüpft die ETH in den Himmel der Superelite. Nichts eigenes, keine Auseinandersetzung mit den drängenden Problemen des Betriebes.

Kommt der antretende Direktor der ETH, Professor Lino Guzella daher und will an der ETH mehr “kritisches Denken” einführen. Darüber schreiben die Studenten im „Polykum“ No. 4, Dezember 2014. Was haben die Vertreter von der Studentenschaft beizutragen? Strahlend grinsendes Grosssein, dass man mit dem Professor zusammensitzen darf. Keine eigenen Überlegungen, kein “ja aber…”, kein “wenn sie schon kritisches Denken haben wollen, dann muss auch ….”. Vollkommen unkritisch wird einfach angehimmelt, dass die Schulleitung jetzt den Studenten kritisches Denken beibrignen will.

DAS meine ich mit entfremdet, gefangen in der eigenen kleinen, miefigen Handywelt.
Ich meine dieses kleinkarierte, manipulierbare Verhalten sowohl an der Uni Bern, wo die Studenten dem Mami am Rockzipfel hängen und zum Teil noch wie Kinder aussehen, wie auch an der ETH, wo sie viel selbständiger, erwachsener sind. Es hat ein Ausmass, dass es den Professoren unheimlich wird. Sie wollen gar nicht dermassen abhängige junge Menschen in ihren Schulen haben.

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2 Gedanken zu „Zur Verdummung verdammt.

  1. „Sie sind abgeschnitten von dieser wirklichen Welt da draussen, dort wo die Entscheide fallen, wo über sie verfügt wird.“

    Die digitale Welt gaukelt uns Realität vor und wir sind so naiv und glauben es. Dies trifft nicht nur auf Junge und Studenten zu, sondern auf breite(re) Bevölkerungsschichten. Statt eine konkrete Eingabe auf einem Amt oder ein direkter Brief an einen Betroffenen zieht man Shitstorms oder Klickraten vor, erreicht vielleicht manchmal oder kurzfristig etwas, aber selten verbindlich oder nachhaltig. Kaum einer macht sich auf die Socken in der realen Welt. Ist eben auch nicht so bequem wie Däumchen rauf oder runter klicken.

    Dies führt mittel- bis längerfristig tatsächlich dazu, dass die Masse der einfach zu manipulierenden immer grösser wird. Dazu zähle ich auch die meisten von uns. Man speist uns mit irrelevantem Kurzfutter à la Blogs, vorgekaute Suchtreffer, Gratiszeitungen, Boulevardthemen ab. Max Frisch würde heute ganz andere Fragen in seine Tagebücher schreiben: Glauben Sie Wikipedia ? Erleichtert Ihnen Google das Leben sehr ? Nach Ihrem Dafürhalten: Wie viele Sätze beinhaltet eine Konversation ?

    Lese-/Gedankentipp s. Volker Pispers, z.B. http://www.youtube.com/watch?v=OpFNlNK8j20

  2. @Peter Steiner,
    Ich weiss jetzt grad nicht genau, was Sie mit „vorgekaute Suchtreffer“ meinen.

    Ob ich wikipedia glaube? Es kommt auf das Thema an. Wenn ich mich über Zeitreihenanalysen informieren will, ist die wikipedia ein Anhaltspunkt auf Überlegungen, denen ich folgen muss und Literatur. Aber das Thema ist mathematisch so anspruchsvoll und meine Vorbildung z.B. bei Fouriernalysen so ungenügend, dass ich gar nicht vorhabe, zu entscheiden, ob ich glauben will oder nicht.

    Wenn ich etwas aus dem Weltgesehen wissen will, so brauche ich ein Minimum an Hintergrundwissen, weil viele Einträge in wikipedia von vorgespurten ideologischen Denkweisen abhängen. Das ist in der deutschsprachigen wikipedia extrem. In der englischsprachigen viel neutraler.

    Bei anderen Themen beobachte ich einfach die Informationsdichte, die Strukturierung der Themen und schliesse mehr aus der formalen Textkritik darauf, wieviel ich glauben will.

    Suchen in google ist eine Kunst, Man muss sehr diszipliniert nachdenken, um die richtigen Suchworte zu finden. Manchmal, wenn ich ein technisches Problem lösen will, finde ich keine Lösung. In anderen Fällen werde ich in die Irre geführt und muss ein paar Monate später noch einmal darauf zurückkommen.

    Gratiszeitungen: 20 Minuten berichtet oft über Themen, die in der übrigen Tagi-Gagi Presse nicht vorkommen. Man merkt, dass diese sich eine eigentständige Redaktion leisten können.

    Boulevard ist nicht mehr was es einmal war. Boulevard im Blick ist nicht sensationsgeil, wie in den 70ern, sondern im besten Fall spätpubertär. Umgekehrt war vor fünf Jahren Blick die einzige Zeitung, die gründlich erklärte, wie sich die Kaufkraft der heutigen Pensionskassenbeitragszahler entwickelt, wenn die Zinsen sinken. Die mainstream Zeitungen konnten nur politische Positionen wiederkäuen. Blick schaffte ein übersichtliche, für das breite Publikum verständliche, sachgerechte Doppleseite.

    Was noch? Wieviele Sätze beinhaltet eine Konversation? Diese Frage verstehe ich nicht. Das kommt doch darauf an, wie komplex das Thema ist und wie lange das Gespräch dauert.

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