Befreit die Blogosphäre!

Im gestrigen Politblog des Tagesanzeigers und seiner Kopfblätter durfte Claude Longchamp sich dazu äussern, welchen Schaden Blogschreiber der direkten Demokratie zufügen.

Im wesentlichen schreibt er einen jammerigen Abklatsch von dem was die Blogisten des Tagesanzeiger in den vergangenen Jahren als Argumente für Zensur der Lesereinwürfe vortrugen. Die Kurzfassung ist, dass Claude Longchamp die Wahrheit gepachtet hat, weil er korrekt informiert ist und Kommentarschreiber verbreiten von ihm ausgesehen Lügen und diffamieren ehrbare Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Genauso schlimm sind von ihm aus gesehen auch die wilden Blogisten ausserhalb des miefen Milieus linker Denkakrobatik (so wie ich).

Man sagt übrigens auf Neudeutsch nicht mehr „die Warheit gepachtet“, sondern man sagt „die Deutungshoheit behalten“.

Verräterisch ist, dass in einem viel gelesenen und viel kommentierten Blog nach zwei Tagen immer noch nur 38 Kommentare veröffentlicht sind. Das ist ein deutlicher Hinweis, dass die Tagi-Redaktion die Leserkommentare rigoros zensiert.

Von Seiten der Kommentarschreiber kamen zu Longschamps Blog folgende Argumente: Der Tagesanzeiger lässt im allgemeinen nur Kommentare zu, die seiner eigenen politischen Linie entsprechen. Damit wird dem Publikum eine öffentliche Diskussion vorgegaukelt, ein Abbild der Meinung der Blogleser, das aber nichts ist als ein Trugbild. Diese Meinung kann man im übrigen nicht so direkt formulieren, sondern man muss es umständlich verklausulieren, damit der Zensor nicht merkt, worum es geht (Beispiel: Peter, 17 November 2014 um 15:28). Die Leser sind informiert, haben Erfahrung mit Blogs und verstehen das Votum schon richtig.

Dumm läuft es immer wieder für die Linken, wenn sie eine Abstimmung gewinnen möchten. Sie verlassen sich auf das Bild, das sich aus den Zeitungen und online-Foren ergibt und übersehen, dass sie damit auf Sand bauen. Sie meinen zu wissen, wo bei den Leuten der Schuh drückt, aber sie bekommen es nicht mitgeschickt. Die Linken in diesem Land verlassen sich auf Zeitungen und zensierte online-Medien, um sich über die poltische Stimmung zu informieren. Sie merken nicht, dass diese Medien ihnen nach dem Maul reden und dass auf diese Weise Wissensinzucht betrieben wird.

Mit Zahlenmaterial untermauerte Einwürfe sind das schlimmste, was den Journalisten passieren kann. Mit Zahlen wird am schnellsten entlarvt, wenn ein Journalist schlecht informiert ist (Hannes Müller, 17 November 2014 um 13:35) oder politische Demagogie betreiben wird.

Meine eigene Erfahrung ist zudem, dass der Tagesanzeiger-Konzern rigoros gegen die Kritik an der eigenen journalistischen Arbeit vorgeht. Ich habe vor zwei Jahren einmal im Politblog einen ausführlichen und sehr kritischen Kommentar gelandet zur Qualität der Berichterstattung in den schweizerischen Massenmedien. Dieser wurde veröffentlicht. In den Wochen danach verzeichnete meine Blogstatistik mehrere Dutzend Besuche auf mein eigenes Blog aus den Redaktionsstuben der Bernerzeitung und des Tagi. Umgehend wurde mein Name auf die Spamliste gesetzt. Beiträge von mir werden nicht einmal mehr der redaktionellen Prüfung unterzogen sondern werden von einer schwarzen Liste aus in den gleichen Orkus geschickt wie Werbung für Pornos, Casinos und Turnschuhe.

Was also wird dann zuverlässig veröffentlicht? Am besten komme ich durch die Zensurschranke, wenn ich belanglose Blödelsprüche anbringe. Damit kommen die Praktikantinnen an der Löschtaste am besten zurecht. Sie werden auf diese Weise nicht mit Information überfordert, müssen nicht nachdenken, bekommen kein Kopfweh dabei.

Am sinnvollsten schien mir der Vorschlag eines Lesers, dass man es so machen sollte wie es die deutsche „Zeit“ Redaktion tut: Die deutsche „Zeit“ löscht transparent und gibt bei jeder Löschung eine Kurzbegründung (Hugo Reichmuth, 17 November 2014 um 10:09). So ist für das Publikum ein realer Querschnitt durch die Denkwelt der Blogleser ersichtlich.

Letzlich muss ich Claude Longchamp entgegenhalten, dass Blogschreiben das Mittel der Wahl ist, sich in der direkten Demokratie dort Gehör zu verschaffen, wo eine clique aus der classe politique bestimmen will, was man denken darf und was nicht (Felix Stern, 17 November 2014 um 13:32 und Linus Huber).

Claude Longchamp hatte über mehrere wichtige Volksabstimmungen hinweg mit seinen Prognosen versagt. Ich kann sein Versagen methodisch nicht kritisch durchdenken. Möglich ist, dass in seinen Telefonumfragen die falschen Fragen gestellt wurden oder den falschen Leuten. Ein solches Problem kann sehr wohl die Folge davon sein, wenn man nicht mehr mit beiden Füssen in der Realität steht, sich von der Denkwelt von uns Schweizern entfremdet, falsche Bilder im Kopf hat davon, wer das Publikum bewegt und was das Gegenüber am Telefon interessiert. Oder anders gesagt: Für das Umfrageexperiment wird die falsche Hypothese aufgestellt und darum die Versuchsanlage falsch aufgebaut.

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