Das Hirn gewaschen.

Exkursion mit den Waldbauern. Die Exkursion ist obligatorisch, um die 20 sind dabei und kaum eine, die keine Fragen stellt. Der Unterricht ist spannend und lehrreich, die Beispiele im Gelände jedes anders, neu durchzudenken. Die Studenten werden aufgefordert, vom Lehrstoff her Vorschläge zu machen und sie entwickeln spannende Überlegungen. Mir fällt ein weiteres mal auf, wie sehr viel selbständiger und belebter die ETH-Studenten sind im Vergleich zu den passiven Konsumenten an der Uni Bern.

Wir bekommen den letzten Schrei im Detail erklärt: Wie kann der Förster von heute dafür sorgen, dass sein Nach-nach-nach-nach-Folger in 100 Jahren Bäume ernten kann, die man in der heutigen Marktsituation gewinnbringend verkaufen könnte (Kirschbäume, Eschen, Ahorne, mindestens 50cm dick und nicht so viele gewöhnliche Buchen, die keiner will)? Oder aber wie kann er mit minimalen Investitionen, möglichst wenig teurem Arbeitsaufwand, dennoch dafür sorgen, dass seine Nach-nach-nach-Folger in 80 Jahren, die heutzutags bei Möbelschreinern und Zimmerleuten begehrten Fichten und Tannen an die Sägereien liefern? Mein Leser wird den Widerspruch bemerken: Ökologische Nachhaltigkeit ausrichten, als ob in 100 Jahren von der Natur immer noch das gefordert würde, was in der Wirtschaft von heute grad modern ist.

Die Grundüberlegungen sind gescheit zusammengestellt: Heute wenig investieren in eine ungewisse Zukunft, flexibel unterschiedliche Sortimente vorbereiten, dabei nach der natürlichen Dynamik der Waldbestände gehen, Grossrisiken mindern, indem die Eintretenswahrscheinlichkeit von Sturmschäden, Schneebruch und anderen Kalamitäten gemindert wird. Wir bekommen Beispiele aus der Praxis vorgestellt, Pflegeeingriffe in verjüngende Wälder, wie sie sich über 20 Jahre Dauer bewährt haben.

Mir fällt auf, wie einfach die statistischen Überlegungen gehalten werden. Das sind die Realitäten in der schweizerischen Waldforschung: Wir haben ein stark wechselndes Gelände, sehr unterschiedliche Nutzungsgeschichten, Pflanzen mit Generationendauern von 80 oder 100 Jahren und dazu gibt es nur in wenigen Fällen Zeitreihen von mehr als 60 Jahren. Wollte man Versuche mit Replikaten machen, so könnten wir im Wald nicht im Ernst mit plots von weniger als zwei Hektar Grösse arbeiten, dazu treatments, blockdesigns, Zufahrten, und schon wären wir bei einer Versuchsfläche so gross wie das Grosse Moos oder dem ganzen Kanton Aargau.

Keiner der Studenten hakt nach, fragt, wie man Probleme mit kurzen Zeitreihen, abhängigen Stichproben, Versuchen ohne Replikate bewältigen will.

Ich frage einen der Dozenten im voraus nach der empirischen Grundlage und merke, dass die Waldbauer nicht so systematisch Daten erheben und statistisch auswerten, wie ich das gelernt habe. Es wird schon gezählt und gemessen. Doch viele Stichproben bestehen aus einem einzigen Datum. Das könnte man mit gutem Willen grad noch als Mittelwert gelten lassen. Aber Freiheitsgrade gibt es darüber hinaus wirklich keine mehr. Die Daten werden mit Erfahrungswerten verglichen. In seltenen Fällen gibt es zwei oder drei Zeitreihen, die verglichen werden können. Inwiefern sie aus derselben Gesamtheit stammen, ist nicht so ganz klar. Manchmal wird „Empirie“ mit „Erfahrungswert“ gleichgesetzt, viel von dem Wissen ist anekdotisch.

Das muss nicht falsch sein. Die Naturbeobachtung muss zwingende Grundlage von erfolgreicher experimenteller Forschung bleiben (dies in Abgrenzung zu den phantasielosen und weltfremden Häfelibotanikern an unserem Institut in Bern). Aber ich habe nicht den Eindruck, dass die ETH-Waldwissenschaftler wirklich viel theoretischen Aufwand treiben, um den Wechsel von informierter Berufserfahrung zur experimentellen Überprüfung von Hypothesen zu bewältigen.

Ich frage nach, erkundige mich bei diesen Masterstudenten nach ihrer mathematisch-statistischen Vorbildung. Ich erfahre vom ersten Studienjahr, das ausschliesslich aus Biologie, Chemie, Mathematik und Physik bestand. Sehr viele Rechenaufgaben in der Chemie, in der Math brutal schwierige Übungen zum Abgeben. Super, die Burschen und Meitli haben gelernt, wie man Eigenwert- und Randwertprobleme löst. Sie konnten einmal partielle Differentialgleichungen lösen und Fourietransformationen durchführen (spanische Dörfer für mich). Wenn es um ökologische Fragestellungen geht, wissen sie nicht, was der Unterschied ist zwischen einem deterministisch-dynamischen und einem statistischen Modell. Ich bin etwas ratlos und habe noch nicht herausgefunden, ob sie im Bachelorstudium gelernt haben, ökologische Probleme mathematisch zu untersuchen.

Aus früheren Gesprächen weiss ich, dass das erste Studienjahr als sehr anspruchsvoll bekannt ist, eine Zeit, wo eine enormer Druck herrscht. Die ETH-Bonzen äussern sich öffentlich in der Art, dass man in diesem ersten Jahr die fähigen von den untauglichen scheide, aussiebe – in hochtrabendem Alpenkräuter-Ingglish nennen sie das das „assessment Jahr“. Ich frage meine jungen Kollegen, ob dort wirklich so viel Druck geherrscht hatte und erfahre, dass dieser Druck vor allem aus etwas anderem entsteht: Man muss Dinge lernen, die mit der gewählten Studienrichtung nichts zu tun haben. Der ganze Arbeitsaufwand und dabei ist nichts, wofür man sich aus der inneren Motivation heraus interessiert, begeistern könnte. Das macht das Lernen extrem mühsam. Mindestens 50% des Leistungsdruckes entstehe nicht aus der Schwierigkeit des Stoffes, sondern daraus, dass man sich für etwas unbrauchbares, uninteressantes motivieren müsse.

Was also ist die Funktion dieses „assessment Jahres“? Offensichtlich werden dort nicht die fähigen von den unfähigen Ökologiestudenten geschieden, sondern diejenigen, die sich unter haarsträubenden Bedingungen freudlos immer noch anzutreiben vermögen, die in tödlichem Trott die notwenige Ausdauer aufbieten. Genauso gut könnte man sie ins Militär schicken, mit dem geladenen Sturmgewehr 90 im Arm, in Schiff und Schneetreiben frierend die ganze Nacht Wache schieben lassen und dann nach drei Stunden Ruhe zum Gewaltmarsch mit Vollpackung aus dem Bett holen. Sie würden dort genausoviel und genausowenig für ihren Beruf als Umweltnaturwissenschaftler lernen.

Was passiert sonst noch? Die jungen haben jenes Jahr mit Math und viel Rechnen in Chemie und Physik hinter sich. Sie werden im Glauben gelassen, sie könnten das bei „gelernt und vergessen“ abhaken und kommen nicht darauf, aus mathematisch statistischen Überlegungen heraus den aktuellen Lehrstoff kritisch durchzudenken. Das „assessment Jahr“ hat nicht nur die zähen Siechen herausgefischt, es hat auch Ökologie von Mathematik getrennt, Praxis von Theorie, Lehre von Berechnung. Man hat es gehabt und jetzt ist es hinter mir. Nach dem ersten Studienjahr ist das Hirn gut gespült und sauber.

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