Vier Studenten, drei Prüfungen, zwei Universitäten…

… Zeit Rückschau zu halten auf drei Lehrveranstaltungen mit ihren Prüfungen. Meine jungen Studienkollegen berichten über nahezu identische Schwierigkeiten bei Prüfungen in der Molekularbiologie. Einer urteilt über drei Prüfungen an zwei verschiedenen Universitäten, er sei nicht ernst genommen worden. Man habe ihn über einzelne Chnüblidetails befragt, während er in grossen Zusammenhängen, die Prozesse, wie sie ineinander wirken, gelernt habe. Der andere Gesprächspartner sagt, er sei erwischt und fertiggemacht worden, indem man ihn über einzelne Strukturen in präzisen Details befragt habe, während er die Prozesse, wie die Abläufe ineinander wirken, gelernt habe.

Mir selber passierte noch einmal dasselbe. Allerdings reagierte ich anders.

Ich setzte mich direkt in der viertelstündigen mündlichen Prüfung vehement zur Wehr, um wenigstens ein Beispiel von den komplexen Prozessen erklären zu dürfen, so wie wir alle sie gelernt hatten. Sonst wäre ich in einzelnen Chnüblidetails erstickt worden. So ist das jetzt also! Nicht einfach der Jürg macht Stunk, sondern er weist auf ein Problem, das jedem seiner jungen Gesprächspartner als dringendestes aufgefallen ist.

Der Lehrstoff dieser Vorlesung war komplex, verschachtelt, betraf eine sehr grosse Zahl unterschiedlicher biologischer Vorgänge in der Epigenetik — von den Veränderungen an den Nucleosomen, Chromatinkonfigurtationsänderungen, über die Steuerung des parental imprinting, cell memory, die Organisation des Nucleus und wie dieser die Genexpression vor und nach der Transkription reguliert. Um diesen Stoff zu unterrichten, mussten insgesamt 11 verschiedene Professoren aus vier Universitäten, zwei ETHs und einer Forschungsabteilung aus der Industrie zu uns nach Bern kommen. Ein einziger Professor konnte all dieses Spezialistenwissen gar nicht an uns Studenten bringen. Zudem wollten die wenigsten einfach eine Grundlageneinführung geben. Sondern sie machten eine zweistündige deep immersion in ihre Spezialistenwelt, ihre Mehoden, ihre Forschungsinsitute und warben offen: We are actively recruiting PhD students! Wir armen Siechen aber sollten alles das lernen!

Anfang Semester wollte ich einmal den superschlauen geben. Ich erkärte einer verdutzten Studienkollegin aus dem Welschland, meine Lernstrategie sei, die beiden Einführungskapitel supergut zu lernen. Alles andere sei so vielfältig und kompliziert, dass ich als armseliger Pflanzenökologe all diese Details mit den Methoden, den Proteinen, den beteiligten Stoffen gar nicht so genau lernen könne. Ich gab mich überzeugt, in einer viertelstündigen Prüfung kann man gar nicht viel mehr fragen.

Also sei das alles einfach: Dieses zwei Einführungskapitel sauber durcharbeiten, im Detail lernen, das genüge für eine genügende Note und vielleicht sogar für eine fünf.

Ich habe diesen Sommer anders gelernt. Ich habe das gesamte Material durchgearbeitet, alles nachgelesen was ich nicht verstand. Die einzige Ausnahme waren zwei Abschnitte, wo die Vorlesungsunterlagen so chaotisch waren, dass man wirklich den Rank nur finden konnte, wenn man in dem Spezialgebiet zuhause ist. Es war ein Crashkurs in der aktuellen Molekularbiologie, mit Methoden und allem. Sehr eindrücklich, wie diese Welt funktioniert. Das gibt noch zu schreiben für dieses Blog.

Und was ist aus den beiden Einführungskapiteln geworden? Ich hatte sie im Februar gelesen und gut verstanden. Später kamen verschiedene Details wieder vor bei allen anderen Vorlesungen. Die Verlockung war, zu meinen, histone tail modification, DNA methylation, chromatin conformation seien so bubieinfache, selbstverständliche Sachen, die man kennt, weil sie überall sonst auch noch drin sind. Nun denn, leider waren auf diese Weise all die Details vergessen gegangen und nur das Grobe geblieben!

Hätte ich mich nur an meine eigenen Vorgaben gehalten! Die Einführung supergut gelernt und alles andere nur überflogen! Wir wurden wirklich fast ausschliesslich über diese zwei Einführungskapitel gefragt, jedoch dazu in brutalst kleinlichen Details. Die weiteren 11 Wochen Lehrveranstaltung waren für den Prüfungserfolg Garnitur, schön zu hören, danke vielmals und Tschüss.

Die Schlussfolgerung aus dem ganzen: Aufmerksame, lernwillige, sorgfältige Masterstudenten und Doktoranden, sind breiter und vielfältiger ausgebildet als ihre Professoren. Die Professoren wissen jeden Rank und jede Finte in der Höhle ihres Spezialgebietes. In diesen Prüfungen, den Blick über das weite, sonnige Plateau schweifend haben wir Studenten eine Überblick, der den Professoren weit überlegen ist. Man kann solch umfangreichen Lehrstoff nur bewältigen, indem man entweder a) faul ist und 90% von allem weglässt, sich einfach auf das Kurzzeitgedächtnis und die unverfroren grosse Klappe verlässt, oder aber b) die vielen Details in ihre Zusammenhänge stellt und die Zusammenhänge durchdenkt, immer neu verbindet und vergleicht. Offensichtlich sind die seriösen Studenten von der Kategorie b) im Nachteil.

Die beiden Professoren von heute haben es vermutlich gut gemeint, indem sie aus dem Anfängerkapitel fragten. Dennoch ist es unangemessen. Von mehreren hundert Seiten Studienmaterial, wurden immer die gleichen vier oder fünf Seiten abgefragt mit allen Schnörkeln, bei allen anderen und bei mir auch. Das ungute Gefühl bleibt, dass die Professoren einfach über die Dinge fragten, wo sie selber am besten zuhause sind.

Schwierig, wie soll man als Student dieser Misere sinnvoll begegnen? Note einsacken, bye, bye… oder was?

Advertisements

7 Gedanken zu „Vier Studenten, drei Prüfungen, zwei Universitäten…

  1. Das scheint eine Fehlkonzeption der Lehrveranstaltung zu sein. Es sollte wohl eine Kompaktfassung des Themas werden, aber man kont esich nicht einigen, welche Details weggelassen werden. Und so durfte jeder Professor über seinen Bereich in voller Tiefe berichten …

    Im Zuge der „Verschlankung“ der Studien ist dies wohl öfters passiert. Schade drum, denn so ist es weder Fisch noch Fleisch. Und der Depp ist der Student.

  2. @gedankenweber

    Es war eine Lehrveranstaltung für fortgeschrittene Studenten in der Zellbiologie, Doktoranden und Masterstudenten. Diese sollten von der Vorbildung her fähig sein, der Lehrveranstaltung zu folgen. Zudem ist dieses Forschungsgebiet in einer raschen Bewegung, wo heute selbstverständliches nächstes Jahr schon komplett anders aussieht. Von da her war es eine sehr gelungene Lehrveranstaltung, weil man von sehr verschiedenen Seiten her Einblick erhielt. Dass man dann den genauen Aufbau der einzelnen Vorlesungen nicht zentral steuern kann, das ist von der Sache her gegeben.

    Hingegen ist es sehr schwierig eine gut gemachte Prüfung zu dieser Lehrveranstaltung zu machen. In solchen Fachthemen gibt es einen grossen Sprung von passivem Verständnis, das heisst zuhören, lesen und verstehen und aktivem Können, reproduzieren, in kurzer Zeit präzise erklären. Es ist nicht wirklich nötig, dass die Studenten den ganzen Bereich aktiv beherrschen.

    Die Prüfung wurde von den beiden Organisatoren der Lehrveranstaltung, zwei Professoren hier in Bern durchgeführt. Ich glaube nicht, dass sie den Studienstoff im Überblick selber beherrschen. Sie waren gezwungen, aus einem Teilbereich Fragen für die mündliche Prüfung zu entwickeln. Seriös und auch ehrlich wäre gewesen, wenn die Professoren einen gut gemachten Text zur Prüfungsvorbereitung gegeben hätten.

    Nur woher sollten sie einen solchen Text nehmen? Dazu muss man wissen, dass die beiden eigentlich Assistenzprofessoren sind. Das heisst sie haben keinen Lehrstuhl an der Universität sondern einen vom Schweizerischen Nationalfonds bezahlte, befristete Stellung. (Nationalfonds ist die Forschungsstifung der schweizerischen Eidgenossenschaft). Ein Vorlesugnsskript zu entwerfen ist ausserhalb der Möglichkeiten, die diese zwei Mannen haben.

    Das wird zusätzlich erschwert, weil das einzige gut gemachte Lehrbuch zum Thema Epigenetik 2007 geschrieben wurde und erst im Dezember die Neuauflage erscheinen soll.

    Wie sollten wir Studenten auf die Prüfung vorbereiten. Das haben wir im voraus diskutiert. Die Wahrheit ist, dass es nur zwei Möglichkeiten gab, diese Prüfung seriös vorzubereiten: Entweder die Publikationen der Dozenten aus den Fachzeitschriften herunterladen, oder aber die wikipedia bis zum Exzess nutzen. Die Fachpublikationen sind sogar für die Zellbiologen sehr anspruchsvoll. Verblüffend war für mich, wie modern die wikipedia stellenweise ist. Die Qualität der Einträge schwankt sehr stark. Teilweise aber sind sie durchaus auf der Höhe der Zeit. Zudem sind wikipedia Einträge sehr homogen strukturiert. Wenn man verstanden hat, wie die Struktur funktioniert, kann man sich von einem Eintrag zum nächsten hangeln. Man schaut, wo man bei den ersten Einführungsabschnitten bleibt und wo man gezielt einzelnen vertiefenden Abschnitte weiterliest.

    Ich komme mit der wikipedia in allen biologischen Spezialgebieten gut klar. Schwierig wird es wenn ich über Stochastik lesen soll, über Zeitreihenanalysen, Fouriertransformationen. Mathematik ist nicht mein Spezialgebiet. Darum frage ich mich, ob wikipedia Einträge zur Biologie für Nicht-Biologen gleich schwer zu lesen sind.

  3. @Jürg

    Mathe war auch nie mein Lieblingsfach, aber zentral in allen technischen Studiengängen, da musste ich also irgendwie durch.

    Wenn Du möchtest, dann kannst Du mir ein paar Links auf Artikel geben, und ich schreibe Dir dann meine Meinung als interessierter Laie?

  4. @gedankenweber

    Welche Links möchstet Du haben? Einträge in der wikipedia oder Artikel aus Fachzeitschriften, mit denen ich mich in letzter Zeit abmühte? Statistik oder Molekularbiologie? Fachzeitschriften sind leider meistens nur zugänglich, wenn man in der Uni ist und diese ein Abonnement hat.

  5. @Peter Steiner
    Danke für den Link. Der Artikel im Tagi ist lesenswert. Ich werde morgen hier noch ein wenig mitdiskutieren. Für heute bin ich grad ein bisschen sehr müde.

    @gedankenweber
    Das gleiche, ich werde das morgen nachholen.

Was Du denkst:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s