Die Bolognareform ist nicht die Wurzel unserer Bresten.

Die Redaktorin von NZZ Campus hat mit Ihrer These vollkommen recht, es ist nicht die Bolognareform, die uns kaputtmacht. Die Wurzel allen Übels in der Schweiz ist in Wahrheit die Bürokratisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Art wie eine exponentiell wachsende classe bureaucratique sich ausbreitet, alles und jeden in Bedrängnis bringt, der in diesesm Land produktive Arbeit leistet. Aspekte davon habe ich mehrmals in meinen Blogs angeschnitten.

Die Tochter allen Übels ist der heutzutags übliche Thesenjournalismus. In den Redaktionen hockt die Sorte von Anpassern, die der classe bureaucratique zudienen, indem sie über die Welt berichten, wie sie sein sollte und nicht über die Welt wie sie ist. Sie sorgen für die stromlinienförmige Gleichförmigkeit des öffentlichen Diskurses.

Ich beschreibe im folgenden die sieben Grundübel schlecht gemachten Journalismus‘ und nutze dazu den verlinkten Thesenbericht von Simona Pfister.

1) Thesenjournalismus ist eine gängige Unsitte in der gesamten Schweizer Presse. Ich gehe davon aus, dass dies an den Medienschulen als best practice gelehrt wird, „um die Leser abzuholen“.

Simona Pfister vertritt eine These, nämlich, dass Studenten an den bolognavermurksten Schweizer Universiäten nur wollen müssen und dann können sie eigenverantwortlich Studienzeit einteilen, sich den eigenen Interessen widmen, die Fachfragen vertiefen, die ihnen am meisten am Herzen liegen.

Thesen gehören in den Leitartikel des Chefredaktors. Sie sind ein Kommentar zum Zeitgeschehen und haben nichts im redaktionellen Teil zu suchen, wo man so tut als täte man Bericht erstatten.

2) Faktenresistenter Journalismus: Der Lesers Marius Wiher fügte dem Artikel von Simona Pfister einen kurzen Kommentar hinzu. Er weist auf ein paar der fehlenden Sachinformationen hin.

Zweck der Bolognareform ist ganz genau, dass für jede einzelne Lehrveranstaltung eine Leistungskontrolle durchgeführt und das Erreichen der „learning outcomes“ im ECTS-Ausweis bestätigt wird. Nix von Simonas „Doch es ist durchaus möglich, Gegensteuer zu geben. Das müssen Studierende allerdings aktiv anpacken.“ Die Regel mit den Leistungskontrollen ist absolut, da gibt es keine Eigenverantwortung, kein Wählen.

Das gleiche gilt für jede ihrer anderen Thesen. Ich nehme noch zwei Beispiele, von wegen die Studenten sollen halt ein bisschen weniger arbeiten und sich mit 6 Stunden pro Tag begnügen und dafür das Studium ein bisschen in die Länge ziehen. Ein Semester besteht aus 30 ECTS, diese beinhalten per Definition 45 Wochenstunden Arbeitsaufwand für einen zügig arbeitenden Studenten. Auch das weitere, die Studenten sollen halt die Studienzeit verlängern kann nicht ihr Ernst sein. Wer das als Biolgiestudent in letzter Zeit versucht hat, weiss von den überbordenden organisatorischen Problemen.

Ein moderne Journalistin braucht sich nicht um Fakten zu kümmern. Sie kann ja mit ihren Thesen punkten (oben, Punkt1).

3) Meinungsjournalismus. Anstatt Fakten zu recherchieren (oben, Punkt 2) zitiert man die Meinungen von ein paar verschiedenen Studentevertretern und Studentenberatern. Dieses Sammelsurium von Meinungen dient vor allem dazu, die Thesen der Verfasserin zu stützen (oben, Punkt 2). Studenten selber mit ihren tatsächlichen Beobachtungen und Erfahrung kommen nur als Antipole zur Geltung. Sie werden als infantile Ignoranten (unten, Punkt 6) dargestellt, die nicht verstanden haben, wie das System gemeint ist (unten, Punkt 5).

Richtige Recherchen durchführen, gibt mehr Arbeit, als fremde Meinungen neu aufbrühen.

4) Googlejournalismus. Aus dem Artikel von Simona Pfister wird nicht klar, ob sie mit den von ihr namentlich genannten Studentenberatern, Studentensprechern, Studentenschaftsvertretern persönlich geredet hat. Genausogut kann sie diese Statements zusammengooglen und copy-pasten. So braucht man nicht wirklich zu recherchieren (oben, Punkte 2&3 unten, Punkt 5).

Das ist das übliche Vorgehen moderner Journalisten. Fachleute, Wissenschaftler, aber auch Politiker leiden immer wieder darunter, dass sie ein erstes mal falsch zitiert werden und dann dieses falsche Zitat immer von neuem abgeschrieben wird. Auf die Art werden Legenden gebildet und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse dem Publikum vorenthalten (unten Punkt 7). Zur Verdeutlichung: es gibt immer noch Aktivisten, die Behauptung verbreiten, stabile Tropenwälder müssten geschützt werden, weil sie Sauerstoff produzieren.

Um aus Online-Recherchen Nutzen zu ziehen, muss man mit beiden Füssen am Boden stehen, mit Fakten umgehen können, eine gründliche Allgemeinbildung vorweisen. So ein bisschen Medienwissenschaften oder Politologie studieren genügen nicht dazu.

5) Verlautbarungsjournalismus. Die Behauptungen des bürokratischen Apparates werden als Abbild der Wirklichkeit dargestellt. In dem Fall hier wird die Bolognareform mit der Realität verwechselt, damit, wie sich die Leute anpassen, wie Studiengänge zerschnitten werden in Module (oben, Punkte 1,2,3).

6) Journalisten als Zudiener des postmarxistischen Klassenkampfes. Nur die Deppen haben die Güte der classe bureaucratique nicht verstanden. Wir müssen nur wollen uns arrangieren und dann kommt alles gut.

Bürger, Arbeiter, Untertanen und in diesem Fall die Studenten mit ihren Wortmeldungen werden als infantile Bubi abqualifiziert. Sie haben es nur noch nicht gecheckt, dass sie ein bisschen selber aktiv werden sollen und dass sie damit genügend Freiraum schaffen, um eigenen Interessen zu folgen, selber bestimmtes Fächer zu vertiefen, ihre Umgebung zu gestalten.

In der direkten Demokratie verschaffen sich die unterdrückten Klassen sehr wohl Gehör. Das gibt dann bei der classe politique das gross Entsetzen, wenn die Stimmbürger kriminelle Ausländer weghaben, Kinderschänder einlochen, die Einwanderung regulieren wollen und diese Abstimmungserbegnisse von Claude Longchamp mit den besten Methoden nicht prognostiziert werden konnten.

7) Antidemokratischer Journalismus. Solange Journalisten die Fakten verweigern, Thesen und Meinungen verbreitend, die Welt wie sie ist vertauschen mit der Welt wie sie sein soll, googlen statt recherchieren, Bürger und Betroffene als Deppen hinstellen, die das alles nur noch nicht begriffen haben — solange kommen Journalisten nicht ihrer Informationspflicht nach. Sie machen sich im besten Fall überflüssig, im schlimmsten Fall sind sie brandgefährlich, weil Volksentscheide nicht mehr genügend begründet sind und die Regierungen nicht mehr verstehen, was eigentlich von ihnen verlangt wird.

Sachlich informierte Willensbildung im politischen Diskurs sind in einer Demokratie nur möglich, wenn die Bürger über die Fakten informiert sind.

Fazit: Journalismus wie ihn NZZ Campus genauso wie die anderen Mainstream-Medien betreiben, ist in der Konsequenz destruktiv und faschistoid.
¨Übergangen von den Journalisten, ist längst ein postmarxistischer Klassenkampf ausgebrochen in diesem Land. Dieser zeigt sich in dem unberechenbaren Verhalten der Stimmbürger, die der classe politique eine Ohrfeige nach der anderen verpasst. Sie sind die unentwegten, die längst gemerkt haben, dass die SVP sich für die Interessen der produktiven werktätigen Bevölkerung einsetzt und die SP die Privilegien der Ausbeuterklasse der Bürokraten verteidigt.

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13 Gedanken zu „Die Bolognareform ist nicht die Wurzel unserer Bresten.

  1. Was Du beschreibst als Thesenjournalismus beschreibst, ist die Propagandamaschinerie der rechtskonservativen. Alles was nicht ins Weltbild passt, wird passend gemacht. Fakten interessieren da nur am Rande.

    Die SVP kümmert sich einen Dreck um die Interessen der produktiven werktätigen Bevölkerung. Bestes Beispiel ist die MEI. Das verbaut der produktiven Bevölkerung die Zukunft. Da gehst es nur um die Rache eines alten Mannes, der seine Partei als sein Eigentum betrachtet. Dazu bedient er den Wutbürger und den Rassisten mit immer neuen erfundenen Problemen. Hauptsache für jedes angebliche Problem kann der EU, dem Ausländer oder den Linken angehängt werden. Bei Privaten würde man das als Verleumdung bezeichnen. Immerhin sind die meisten Argumente ganz einfach erfunden. Da wird bewusst gelogen. Das ist ausserhalb der SVP jedem bekannt.

    Das Problem ist, die konservative CH ist pleite. Das wird nur noch mit Landwirtschaftssubventionen und Finanzausgleiche am leben erhalten. Das merken die Leute indirekt, wenn die Post, der Dorfladen etc schliesst. Da kommen die Heilsversprechen der SVP gerade recht. Natürlich werden diese Leute von den Parteibonzen für blöd gehalten, die sind nur Stimmvieh. Denn eigentlich geht es den Parteioberen nur um die eigenen Profite zu maximieren. Um von der eigentlichen Abzockerpolitik werden in regelmässigen Abständen rassistische Kampagnen gestartet. Oder Kampagnen gegen die EU. Die MEI hätte in diesem Spiel der nächste Knochen sein sollen, die Annahme ist ein Unfall. Das zeigt die Konzeptlosigkeit nach der Annahme und das die Partei selbst die Umsetzung der eigenen Initiative zuwiderhandelt.

    Aber nun ist die Partei mit der gewollten Abschaffung der Menschenrechte definitiv für alle sichtbar in der rechtsextremen Ecke angekommen.

  2. PS: Der Druck möglichst kurz zu studieren kommt vor allem von Deiner SVP. Da werden Studenten dauernd als Parasiten bezeichnet, die faul auf Staatskosten herumsitzen. In ZH hat sich mit dem Bolognastudium in den meisten Fächern nichts verändert. Die ETHZ war immer verschult. Die Naturwissenschaften an der UZH hatten nur unwesentlich mehr Freiheiten als an der ETHZ. Das angebliche Problem ist eher. Die Studenten erwarten eine Berufsausbildung, was ein Studium nicht ist. Die meinem man muss nur artig die Punkte sammeln um nachher gross im tollen Job abkassieren. Oder der andere Anspruch ist ein Leben neben dem Studium.

  3. Wenn jemand über Bologna lästert und sich über http://campus.nzz.ch/das-grosse-ganze/die-bestien-die-bologna-schuf und sich über Evaluation, Skills und Employability lustig macht, dann hat derjenige einen Sprung in der Schüssel. Von einem Studenten werden neben dem Fachwissen, eben diese Fähigkeiten erwartet. Und das egal ob einer in der Wissenschaft bleibt oder sonst arbeiten geht. Wenn man Studenten während ihren Kursen oder Praktika sieht, kann jeder mit ein bisschen Erfahrung sagen, wer Erfolg haben wird (Vorausgesetzt das Fachwissen ist vorhanden). Das wichtigste sind diese Fähigkeiten wie Organisation, Präsentation (schriftlich und mündlich), Hartnäckigkeit, Einhaltung von Anleitungen (klingt dämlich siehe später), Effizienz, Projektmanagement, konzentration auf das Wesentliche, Interesse an der Arbeit und Auftritt. Viele haben Probleme eine Anleitung zu folgen! Ist unglaublich aber wahr. Noch grössere Probleme entstehen wenn ein Text nach Formalen Kriterien geschrieben werden muss. Viele müssen nachher im Job Berichte schreiben. Dabei gilt als Grundregel kurz, prägnant und trotzdem muss alles Fachliche enthalten sein. Zusätzlich ist die Darstellung und die Form des Textes oft vorgeschrieben. Ist in der Wirtschaft genauso wie in der Wissenschaft. Nach Anleitung schrieben ist etwas vom wichtigsten. Nur wer in einem Mangelbereich studiert wie Informatik oder Ingenieurwesen kann darauf verzichten. Der findet trotzdem einen Job. Nur wird derjenige keine Karriere machen und wird als erster entlassen. Ich schreibe etwa 1 bis höchstens 2 A4 Seiten am Tag. Schreiben ist harte Arbeit, da muss jedes Wort sitzen. Nicht wie hier im Blog auf die Schnelle geschrieben. Das nehmen viel zu viele auf die leichte Schulter.

  4. Nachtrag: Etwas vom wichtigsten ist zu wissen welche Fähigkeiten man beherrscht und welche nicht. Das wissen die meisten nicht!!!!!! Nach einer ehrlichen Analyse müssen die Fähigkeiten die man gut kann ausgebaut werden und die anderen auf ein akzeptables Niveau gebracht werden. Bsp. Wer nicht gut Vortragen kann, der sollte wenigstens nach Anleitung seine Folien gestalten, die jemandem zeigen und zusätzlich Beginn und Ende auswendig lernen. So ist der Absturz vermeidbar.

  5. @Hansli, 27. August 2014 um 20:41

    Zitat: „Wenn jemand über Bologna lästert und sich über Evaluation, Skills und Employability lustig macht…“ Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Wer lästert über Evaluation, Skills etc ?

    Ich jedenfalls nicht.

    Employability, Skills, Evaluation kommen in der Präambel vor zu den Bolognarichtilinien. Das sind Absichtserklärungen, so wie in der Bundesverfassung.

    Das englische Wort „Skills“ hat eine andere Bedeutung. Um jeden Preis immer ist damit Fachwissen und die praktische Fähigkeit, im Labor die notwendigen Arbeiten ausführen zu können, gemeint.

    Bei einem Naturwissenschaftlichen Studium hat das nichts zu tun mit *Organisation, Präsentation (schriftlich und mündlich), Hartnäckigkeit, Effizienz, Projektmanagement, konzentration auf das wesentliche“

    „Evaluation“ bezieht sich ebenfalls auf die „Skills“, nämlich soll man nachprüfen, ob die skills erworben wurden. Die Professoren müssen Prüfungen entwickeln, wo tatsächlich festgestellt werden kann, ob die „skills“ erworben wurden. Ich habe kürzlich eine Prüfung bei einem ETH-Professoren mitgemacht, wo das sehr umfassend nachgeprüft wurde. Das gibt viel Arbeit. Im Ökologiestudium an der Uni Bern drücken sich viele Professoren davor. Sie wollen möglichst billig einen Grund vorweisen können, um eine Note zu erteilen. Ob die Studenten wirklich etwas gelernt haben, ist denen Wurscht.

    „Employability“ bezieht sich von mir aus gesehen auf die Lehrinhalte. Sind die im Studium erworbenen skills auf dem Arbeitsmarkt gefragt oder nicht? Vielleicht habe ich diesen Punkt falsch verstanden. Aber er bedeutet im wesentlichen, dass ganze brotlose Studiengänge wie Geschichte, Soziologie, Politologie, Medienwissenschaften abgeschafft werden müssen oder jedenfalls nur noch mit sehr strengen Einschränkungen bei der Anzahl Studenten durchgeführt werden.

  6. Fachwissen halte ich für die Grundvoraussetzung. Das muss man nicht mehr als Skill bezeichnen. Solche Fähigkeiten wie ich aufgezählt habe werde sogar in Fächerübergreifenden Kursen angeboten (wobei meist für PhD). Die Stundenten werden angehalten viel mehr Präsentationen zu machen. Oder viel mehr Arbeiten zu schreiben als früher. Um eben solche nicht fachspezifische Fähigkeiten zu üben.

    Ich halte diese Fähigkeiten für entscheidend für die Arbeitsmarktfähigkeit. Allein Fachwissen genügt nicht

    Eine Beschränkung der brotlosen Studiengänge müsste meiner Meinung nach diskutiert werden. Wobei ich Zutrittsbeschränkungen allerdings nicht für angebracht halte, da nur über Noten gefiltert wird. Meiner Meinung nach müsste die Unis der CH komplett neu Organisiert werden. Mann muss weder Geschichte, noch Soziologie, noch Ökologie etc an jeder Uni anbieten. Ich halte selbst die UZH als grösste Uni für zu klein für alle Fächer. Für mich sollten kein Fachgebiet an einer Uni unter 30 Forschungsgruppen enthalten. So könnten Infrastrukturen eingespart werden, die Qualität der Forschung und vor allem der Ausbildung verbessert werden. Lehre ist extrem aufwändig, mit grösserem Lehrkörper kann das auf mehr Leute aufgeteilt werden und je mehr Spezialgebiete desto grössere Auswahl für die Studenten. Da würde auch die Anzahl Studenten verringern, da die meisten aus dem Angebot ihrer Heimuni auswählen. Falls immer noch zu viele könnte mehr nach dem ersten Jahr selektioniert werden. Aber so etwas ist in der CH unmöglich. Die Uni Basel hat einmal einen Versuch gestartet und wollte die Geologie der Uni Bern geben, dafür irgendetwas anderes stärken. Die Politiker aller Parteien liefen in Basel sind ausgeflippt. Jeder Politiker will die Volluni behalten. Egal ob die Studenten etwas davon haben, egal ob der Kosten, egal ob ein zwei Gruppen der Uni etwas bringen.

  7. @Hansli

    Was Du als „skills“ bezeichnest muss jeder Realschüler am Ende der neunten Klasse beherrschen. Er muss nach Anleitung arbeiten können, er muss beschreiben können, was er macht, er muss seine Arbeit organisieren können, hartnäckig, zielbewusst arbeiten, das wichtige vom unwichtigen unterscheiden.

    Wenn er das nicht kann, findet er keine Lehrstelle als Mechaniker, auch nicht als Coiffeur. Sogar jede Kioskfrau und jede Raumkosmetikerin muss das können.

    Sorry, wer meint, das seien die Fähigkeiten, wofür junge Erwachsene an die Uni gehen und wer meint, die Leistungskontrollen müssten diese Fähigkeiten überprüfen, der infantilisiert die Studenten, behandelt sie wie Kindergärteler. Diese Fähigkeiten sind Voraussetzung, nicht Ziel des Studiums. Wenn man feststellt, dass eine sehr grosse Zahl von Studienanfängern diese Fähigkeiten nicht mitbringen, so stimmt etwas mit den Maturitäten nicht. Sie sind schlicht nicht hochschulreif.

    Genausowenig, wie es Aufgabe der Lehrer in der Primarschule ist, die Kinder zu erziehen, genauso wenig ist es Aufgabe der Hochschulen, die hochschulreife der Studienanfänger herbeizuführen.

    Wenn jemand ein Defizit hat, zum Beispiel nicht vor Publikum reden kann, dann kann man meinetwegen spezielle Kurse anbieten — freiwillig, sicher nicht mit ECTS und schon gar nicht als Vorbedingung für den Studienabschluss.

  8. Ein Realschüler hat diese Fähigkeiten nicht. Das wird erst später gelernt.
    Von einem Studenten werden einfach Projektmanagementfähigkeiten erwartet. Wenn das jedem nach der Realschule gegeben wäre, dann hätten wir keine Probleme Fachkräfte zu finden. Und das auf keiner Stufe. Du wärst erstaunt wie viele Studenten keinen Bericht schrieben können. Bei den Fachhochschülern sieht das genauso aus. Mit unfähig einen Bericht schrieben können meine ich nicht fachlich. Fachlich ist nicht das Problem. Nur ist entweder die Leserefreundlichkeit zu bemängeln, oder entspricht nicht den Vorgaben.

  9. @Hansli

    Möglich, dass wir aneinander vorbeireden bei den Schulniveaus und man das zwischen den Kantonen nicht richtig vergleichen kann.

    Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Bei uns hiess das noch nicht „Realschule“ sondern „Primarschule“ bis zur Neunten Klasse. Daneben gab es noch die Kleinklassen für Kinder mit Lernschwierigkeiten und Sonderschulen für geistig behinderte, sowie die Sekundarschule für die schnelleren Schüler. Normalerweise gingen die Abgänger der Sekundarschule in die handwerklichen und technischen Berufslehren. Aber es gab immer wieder Primarschüler, die das auch schafften.

    Wenn ein Primarschüler fähig war, einen zweiseitigen, verständlichen Aufsatz auf Deutsch zu schreiben, eine Stunde lang sich konzentriert, hartnäckig und effizient einer Reihe von Rechenaufgaben zu widmen, im Werkunterricht seine Arbeitsabläufe planen und koordinieren konnte, dann schaffte er eine vierjährige Lehre als Mechaniker. Ich hatte Kollegen, die das gut geschafft haben und formidable berufliche Karrieren machten.

    Ich habe kein Problem zu glauben, dass es heutzutags etliche Maturanden gibt, die das alles nicht können. Es ist aber nicht Sache der Universität diese Mankos auszubügeln und sicher nicht hat das Teil des Lehrplanes im Biologiestudium zu sein.

    Vielleicht hätte ich es enger fassen müssen, anstatt von den „skills“ zu reden. In den Bolognareglementen ist von „learning outcomes“ die Rede. Das sind die präzise definierten Fähigkeiten, die zusammen mit der Gutschrift von ECTS und Benotung spezifiziert werden.

  10. @Jürg Das habe ich nicht damit gemeint. Einen Bericht schreiben der inhaltlich Korrekt ist, kann jeder Student. Damit ist ein Bericht noch lange nicht brauchbar. Schwierig wird das ganze wenn der Bericht präzisen Vorgaben zu entsprechen hat. Wenn wir den Alltag eines Ökologen ansehen, muss er
    – einen Zeitungsbericht schreiben können.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die nicht vom Fach sind.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die vom Fach mit gleicher Ausbildung sind.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die vom Fach mit ähnlicher Ausbildung sind.
    – einen Bericht schreiben der juristisch anfechtbar sein wird.

    Dazu noch Anträge schreiben für Projekte, wiederum für unterschiedliches Publikum.

    Das Beste Beispiel sind wissenschaftliche Publikationen. Die meisten Publikationen sind schlecht geschrieben. Formal und inhaltlich Korrekt, aber trotzdem eine Qual zu lesen. Solange das Ergebnis für die Wissenschaft interessant ist, geht das durch. In der Privatwirtschaft eben nicht. Da muss der text auch noch leicht lesbar sein.

  11. Zitat:
    „– einen Zeitungsbericht schreiben können.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die nicht vom Fach sind.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die vom Fach mit gleicher Ausbildung sind.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die vom Fach mit ähnlicher Ausbildung sind.
    – einen Bericht schreiben der juristisch anfechtbar sein wird. “

    Wenn das innerhalb der Strukturen des Bologna-Systems gefordert wird, dann muss es zwingend
    Erstens als inhaltliches Ziel eines Studienganges festgelegt und im Studienplan als Fach festgeschrieben werden.
    Zweitens in speziellen Unterrichtsmodulen als Unterrichtsinhalt festgeschrieben werden, als sogenannter „learning outcome“.
    Drittens müssen diese Fähigkeiten zwingend von einem Fachspezialisten unterrichtet und geprüft werden, der auf diesem Gebiet forscht und lehrt – das wäre dann die Einheit von Lehre und Forschung.

    Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn das als Wahlfach an ein Studium angerechnet werden kann.

    Was die Zeitungsschreiber angeht. so wäre ich schon froh, wenn mehr als 5% unserer Journalisten einen einfachen Dreisatz ausrechnen könnten. Die müssen nicht unbedingt alle eine naturwissenschaftliche Ausbildung haben.

  12. @Jürg Das Studium nach Bologna hat in der CH auch einen wirtschaftlichen Fokus erhalten. Daher wird mehr geprüft, mehr Arbeiten verlangt. So wird neu z.Bsp. für viele Bereiche zur Masterarbeit ein Proposal verlangt, die Masterarbeit selbst ist näher bei einer Publikation als früher. Ungetüme von mehreren hundert Seiten sind verschwunden. Im Studium selbst müssen diverse Arbeiten geschrieben werden. Das sind massiv mehr Schreibarbeiten als zu meiner Studienzeit. Vor Bologna hat jede Fakultät selbst das Programm bestimmt. Nun müssen alle Fakultäten in ihren Ausbildungsangeboten Fähigkeiten integrieren, die alle Studenten können sollten. Sprich die Arbeitsmarkttauglichkeit wird stärker gewichtet. Das Rüstzeug betreffend schreiben sollte vom Gymnasium vorhanden sein. An der Uni wird dann die Anwendung geübt. Das war eine politische Vorgabe.

  13. Ich sehe das sehr wohl in Bern, dass bei den Ökologen sehr viele schriftliche Arbeiten abgegeben werden müssen. Diese machen hier zweidrittel des Arbeitsaufwandes im dritten Bachelorjahr und auch im Masterstudium aus.

    Ob die Ökologen danach wirklich gute Berichte schreiben, weiss ich nicht. Ich scheue mich, nach solchen Seminararbeiten zu fragen und zu schauen, wie das bei meinen jungen Kollegen herauskommt.

    Leider gibt es daneben fast keine Vorlesungen und so gut wie überhaupt keine Unterrichtspraktika. Das ist bei den Studenten in der Physik, der Statistik, der Mathematik sehr viel anders. Dort ist der Hauptteil der Ausbildung noch die Bildung von Wissen und fachlichen Fähigkeiten.

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