Die Bolognareform ist nicht die Wurzel unserer Bresten.

Die Redaktorin von NZZ Campus hat mit Ihrer These vollkommen recht, es ist nicht die Bolognareform, die uns kaputtmacht. Die Wurzel allen Übels in der Schweiz ist in Wahrheit die Bürokratisierung sämtlicher Lebensbereiche, die Art wie eine exponentiell wachsende classe bureaucratique sich ausbreitet, alles und jeden in Bedrängnis bringt, der in diesesm Land produktive Arbeit leistet. Aspekte davon habe ich mehrmals in meinen Blogs angeschnitten.

Die Tochter allen Übels ist der heutzutags übliche Thesenjournalismus. In den Redaktionen hockt die Sorte von Anpassern, die der classe bureaucratique zudienen, indem sie über die Welt berichten, wie sie sein sollte und nicht über die Welt wie sie ist. Sie sorgen für die stromlinienförmige Gleichförmigkeit des öffentlichen Diskurses.

Ich beschreibe im folgenden die sieben Grundübel schlecht gemachten Journalismus‘ und nutze dazu den verlinkten Thesenbericht von Simona Pfister.

1) Thesenjournalismus ist eine gängige Unsitte in der gesamten Schweizer Presse. Ich gehe davon aus, dass dies an den Medienschulen als best practice gelehrt wird, „um die Leser abzuholen“.

Simona Pfister vertritt eine These, nämlich, dass Studenten an den bolognavermurksten Schweizer Universiäten nur wollen müssen und dann können sie eigenverantwortlich Studienzeit einteilen, sich den eigenen Interessen widmen, die Fachfragen vertiefen, die ihnen am meisten am Herzen liegen.

Thesen gehören in den Leitartikel des Chefredaktors. Sie sind ein Kommentar zum Zeitgeschehen und haben nichts im redaktionellen Teil zu suchen, wo man so tut als täte man Bericht erstatten.

2) Faktenresistenter Journalismus: Der Lesers Marius Wiher fügte dem Artikel von Simona Pfister einen kurzen Kommentar hinzu. Er weist auf ein paar der fehlenden Sachinformationen hin.

Zweck der Bolognareform ist ganz genau, dass für jede einzelne Lehrveranstaltung eine Leistungskontrolle durchgeführt und das Erreichen der „learning outcomes“ im ECTS-Ausweis bestätigt wird. Nix von Simonas „Doch es ist durchaus möglich, Gegensteuer zu geben. Das müssen Studierende allerdings aktiv anpacken.“ Die Regel mit den Leistungskontrollen ist absolut, da gibt es keine Eigenverantwortung, kein Wählen.

Das gleiche gilt für jede ihrer anderen Thesen. Ich nehme noch zwei Beispiele, von wegen die Studenten sollen halt ein bisschen weniger arbeiten und sich mit 6 Stunden pro Tag begnügen und dafür das Studium ein bisschen in die Länge ziehen. Ein Semester besteht aus 30 ECTS, diese beinhalten per Definition 45 Wochenstunden Arbeitsaufwand für einen zügig arbeitenden Studenten. Auch das weitere, die Studenten sollen halt die Studienzeit verlängern kann nicht ihr Ernst sein. Wer das als Biolgiestudent in letzter Zeit versucht hat, weiss von den überbordenden organisatorischen Problemen.

Ein moderne Journalistin braucht sich nicht um Fakten zu kümmern. Sie kann ja mit ihren Thesen punkten (oben, Punkt1).

3) Meinungsjournalismus. Anstatt Fakten zu recherchieren (oben, Punkt 2) zitiert man die Meinungen von ein paar verschiedenen Studentevertretern und Studentenberatern. Dieses Sammelsurium von Meinungen dient vor allem dazu, die Thesen der Verfasserin zu stützen (oben, Punkt 2). Studenten selber mit ihren tatsächlichen Beobachtungen und Erfahrung kommen nur als Antipole zur Geltung. Sie werden als infantile Ignoranten (unten, Punkt 6) dargestellt, die nicht verstanden haben, wie das System gemeint ist (unten, Punkt 5).

Richtige Recherchen durchführen, gibt mehr Arbeit, als fremde Meinungen neu aufbrühen.

4) Googlejournalismus. Aus dem Artikel von Simona Pfister wird nicht klar, ob sie mit den von ihr namentlich genannten Studentenberatern, Studentensprechern, Studentenschaftsvertretern persönlich geredet hat. Genausogut kann sie diese Statements zusammengooglen und copy-pasten. So braucht man nicht wirklich zu recherchieren (oben, Punkte 2&3 unten, Punkt 5).

Das ist das übliche Vorgehen moderner Journalisten. Fachleute, Wissenschaftler, aber auch Politiker leiden immer wieder darunter, dass sie ein erstes mal falsch zitiert werden und dann dieses falsche Zitat immer von neuem abgeschrieben wird. Auf die Art werden Legenden gebildet und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse dem Publikum vorenthalten (unten Punkt 7). Zur Verdeutlichung: es gibt immer noch Aktivisten, die Behauptung verbreiten, stabile Tropenwälder müssten geschützt werden, weil sie Sauerstoff produzieren.

Um aus Online-Recherchen Nutzen zu ziehen, muss man mit beiden Füssen am Boden stehen, mit Fakten umgehen können, eine gründliche Allgemeinbildung vorweisen. So ein bisschen Medienwissenschaften oder Politologie studieren genügen nicht dazu.

5) Verlautbarungsjournalismus. Die Behauptungen des bürokratischen Apparates werden als Abbild der Wirklichkeit dargestellt. In dem Fall hier wird die Bolognareform mit der Realität verwechselt, damit, wie sich die Leute anpassen, wie Studiengänge zerschnitten werden in Module (oben, Punkte 1,2,3).

6) Journalisten als Zudiener des postmarxistischen Klassenkampfes. Nur die Deppen haben die Güte der classe bureaucratique nicht verstanden. Wir müssen nur wollen uns arrangieren und dann kommt alles gut.

Bürger, Arbeiter, Untertanen und in diesem Fall die Studenten mit ihren Wortmeldungen werden als infantile Bubi abqualifiziert. Sie haben es nur noch nicht gecheckt, dass sie ein bisschen selber aktiv werden sollen und dass sie damit genügend Freiraum schaffen, um eigenen Interessen zu folgen, selber bestimmtes Fächer zu vertiefen, ihre Umgebung zu gestalten.

In der direkten Demokratie verschaffen sich die unterdrückten Klassen sehr wohl Gehör. Das gibt dann bei der classe politique das gross Entsetzen, wenn die Stimmbürger kriminelle Ausländer weghaben, Kinderschänder einlochen, die Einwanderung regulieren wollen und diese Abstimmungserbegnisse von Claude Longchamp mit den besten Methoden nicht prognostiziert werden konnten.

7) Antidemokratischer Journalismus. Solange Journalisten die Fakten verweigern, Thesen und Meinungen verbreitend, die Welt wie sie ist vertauschen mit der Welt wie sie sein soll, googlen statt recherchieren, Bürger und Betroffene als Deppen hinstellen, die das alles nur noch nicht begriffen haben — solange kommen Journalisten nicht ihrer Informationspflicht nach. Sie machen sich im besten Fall überflüssig, im schlimmsten Fall sind sie brandgefährlich, weil Volksentscheide nicht mehr genügend begründet sind und die Regierungen nicht mehr verstehen, was eigentlich von ihnen verlangt wird.

Sachlich informierte Willensbildung im politischen Diskurs sind in einer Demokratie nur möglich, wenn die Bürger über die Fakten informiert sind.

Fazit: Journalismus wie ihn NZZ Campus genauso wie die anderen Mainstream-Medien betreiben, ist in der Konsequenz destruktiv und faschistoid.
¨Übergangen von den Journalisten, ist längst ein postmarxistischer Klassenkampf ausgebrochen in diesem Land. Dieser zeigt sich in dem unberechenbaren Verhalten der Stimmbürger, die der classe politique eine Ohrfeige nach der anderen verpasst. Sie sind die unentwegten, die längst gemerkt haben, dass die SVP sich für die Interessen der produktiven werktätigen Bevölkerung einsetzt und die SP die Privilegien der Ausbeuterklasse der Bürokraten verteidigt.

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13 Gedanken zu „Die Bolognareform ist nicht die Wurzel unserer Bresten.

  1. Zitat:
    „– einen Zeitungsbericht schreiben können.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die nicht vom Fach sind.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die vom Fach mit gleicher Ausbildung sind.
    – einen Bericht für Kunden schreiben die vom Fach mit ähnlicher Ausbildung sind.
    – einen Bericht schreiben der juristisch anfechtbar sein wird. “

    Wenn das innerhalb der Strukturen des Bologna-Systems gefordert wird, dann muss es zwingend
    Erstens als inhaltliches Ziel eines Studienganges festgelegt und im Studienplan als Fach festgeschrieben werden.
    Zweitens in speziellen Unterrichtsmodulen als Unterrichtsinhalt festgeschrieben werden, als sogenannter „learning outcome“.
    Drittens müssen diese Fähigkeiten zwingend von einem Fachspezialisten unterrichtet und geprüft werden, der auf diesem Gebiet forscht und lehrt – das wäre dann die Einheit von Lehre und Forschung.

    Ich habe grundsätzlich nichts dagegen, wenn das als Wahlfach an ein Studium angerechnet werden kann.

    Was die Zeitungsschreiber angeht. so wäre ich schon froh, wenn mehr als 5% unserer Journalisten einen einfachen Dreisatz ausrechnen könnten. Die müssen nicht unbedingt alle eine naturwissenschaftliche Ausbildung haben.

  2. @Jürg Das Studium nach Bologna hat in der CH auch einen wirtschaftlichen Fokus erhalten. Daher wird mehr geprüft, mehr Arbeiten verlangt. So wird neu z.Bsp. für viele Bereiche zur Masterarbeit ein Proposal verlangt, die Masterarbeit selbst ist näher bei einer Publikation als früher. Ungetüme von mehreren hundert Seiten sind verschwunden. Im Studium selbst müssen diverse Arbeiten geschrieben werden. Das sind massiv mehr Schreibarbeiten als zu meiner Studienzeit. Vor Bologna hat jede Fakultät selbst das Programm bestimmt. Nun müssen alle Fakultäten in ihren Ausbildungsangeboten Fähigkeiten integrieren, die alle Studenten können sollten. Sprich die Arbeitsmarkttauglichkeit wird stärker gewichtet. Das Rüstzeug betreffend schreiben sollte vom Gymnasium vorhanden sein. An der Uni wird dann die Anwendung geübt. Das war eine politische Vorgabe.

  3. Ich sehe das sehr wohl in Bern, dass bei den Ökologen sehr viele schriftliche Arbeiten abgegeben werden müssen. Diese machen hier zweidrittel des Arbeitsaufwandes im dritten Bachelorjahr und auch im Masterstudium aus.

    Ob die Ökologen danach wirklich gute Berichte schreiben, weiss ich nicht. Ich scheue mich, nach solchen Seminararbeiten zu fragen und zu schauen, wie das bei meinen jungen Kollegen herauskommt.

    Leider gibt es daneben fast keine Vorlesungen und so gut wie überhaupt keine Unterrichtspraktika. Das ist bei den Studenten in der Physik, der Statistik, der Mathematik sehr viel anders. Dort ist der Hauptteil der Ausbildung noch die Bildung von Wissen und fachlichen Fähigkeiten.

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