Unterschiede.

Jetzt ist ein Jahr her, dass ich von der Pilzexkursion der ETH aus Valbella zurückgekehrt bin. Mindestens einen Blogeintrag von damals bin ich schuldig geblieben. Die Studentinnen der Forstwissenschaften und der Umweltnaturwissenschaften von der ETH hatten mich gefragt, was die Unterschiede im Studienbetrieb seien zwischen dem ETH-Studium und demjenigen der Biologie an der Uni Bern.

Die eine Frage vor allen anderen stellten mir die Exkursionsteilnehmerinnen immer wieder: Ist in Bern der Leistungsdruck im Anfängerstudium auch so enorm wie an der ETH?

Ich habe lange gezögert mit der Antwort. Ich habe mein Grundstudium in Bern zu einer anderen Zeit absolviert. Ich kenne also die Situation an beiden Orten nur aus Erzählungen. Von den ETH-Studenten höre ich, dass sie im Grundstudium sehr viel auswendig lernen mussten, in einem enormen Zeitdruck Lernstoff zu bewältigen hatten, der letztlich nichts mit der von ihnen gewählten Studienrichtung zu tun hat. Wozu muss einer bei der Planung von Schutzwäldern oder der Erforschung des Brutverhaltens von Turmfalken soviel Biochemie können?

Von den Berner Studenten höre ich ebenfalls, dass sie enorm viel auswendig lernen mussten. Dabei ist die Kritik vor allem, dass die Lehrinhalte überhaupt nicht koordiniert sind. Warum müssen sie bei sieben verschiedenen Professoren die Lichtreaktion der Photosynthese für die Prüfung auswendig können, an fünf verschiedenen Orten die Endosymbiontentheorie von Lynn Margulis beschreiben, in nicht weniger als vier Lehrveranstaltungen die Funktion der immer selben Mikronährstoffe erklärt bekommen?

Die Berner Studenten nannten eine andere Quelle von Stress: In Bern werden sehr offensichtlich Praktikumsberichte von überforderten Assistenten bewertet. Diese benoten dann, ob man im Journal zum Chemiepraktikum die Achsen in den Excel-Grafiken profimässig am Computer beschriftet hat oder hinterher mit dem Kugelschreiber.

Mein Nachfragen bei den ETH-Studenten ergab, dass sie zwar Laborjournals in den Praktika führen, dass dort aber einzig testiert wird – erfüllt oder nicht erfüllt. Ob Dinge wie Schönschrift oder Englischkenntnisse als Notenkriterien gelten täten wie in Bern, die Frage erntet bei den ETH-Studenten nur Kopfschütteln. Und schon gar nicht käme an der ETH ein Assistent dazu, Noten zu verteilen; das machen die Lehrbeauftragten und die Professoren.

Von den ETH-Studenten hörte ich ab und zu Kritik, dass ihnen Lehrinhalte fehlen. Sie berichten mir von Spezialgebieten, in die sie sich vertiefen wollten. Doch gibt es keine entsprechenden Lehrveranstaltungen an der ETH. Die Freizügigkeit mit anderen Universitäten, das Bolognasystem, funktioniere nicht wirklich gut.

Bei den Berner Studenten stellte ich immer von neuem gravierende Wissenslücken fest. Leider musste ich auch merken, dass sie selber gar nicht wahrnehmen, was ihnen fehlt. In diesem Blog habe ich zum Beispiel kommentiert, dass Pflanzenökologen nichts über Böden wissen, Bodenhorizonte, Verwitterung von Muttergesteinen, Adsorbtion von Nährstoffen an Tonminerale, Wasserspeicherung – das sind komplette Fremdwörter, nada, nadie.

Die ETH-Studenten wirkten auf mich sehr viel erwachsener und eigenständiger als meine jungen Studienkollegen in Bern. Ich fragte sie, warum das wohl so sei. Ich bekam zur Antwort, dass an die ETH Studenten aus der ganzen Schweiz kommen, dass diese darum nicht mehr bei den Eltern wohnen und dass man auf diese Weise innert ein oder zwei Jahren sehr schnell, sehr erwachsen werde.

Um den Leistungsdruck zu beurteilen, müsste man auch die Vorbildung kennen. Wenn die Vorbildung in den Naturwissenschaften ungenügend ist, dann wird es dramatisch. Ich habe keine Möglichkeit, die gymnasiale Ausbildung meiner jungen Berner Studienkollegen einzuschätzen. Sie erzählen mir kaum je davon.

In Bern wird zum Teil schon im ersten Semester auf Englisch unterrichtet. Das verstösst zwar eklatant gegen das Universitätsgesetz. Unterrichtssprachen sind in unserem zweisprachigen Kanton von Gesetzes wegen Deutsch und Französisch. Aber Gesetze interessieren an der Uni Bern sowieso niemanden.

Die Folgen davon sind schlimm. Einerseits wird so der unbewusste, von der Situation gegebene Leistungsdruck zusätzlich erhöht. Gleichzeitig hat das die Folge, dass die Berner Biologiestudenten nur in kleinen Wissensfragmenten, nicht aber in grossen Zusammenhängen zu denken vermögen. Sie können mit hochspezialisierten Fachbegriffen hantieren, haben aber die tieferen Hintergründe ihrer Wissenschaft nicht wirklich verstanden. Ich begegnete nur wenigen Ausnahmen. Eine, die redet zuhause Englisch und ein anderer hat das Manko identifiziert und leistet viel Eigenarbeit, um das auszubügeln. Die jüngste von allen scheint ein Ausnahmetalent zu sein, wenn es darum geht, Informationen aus dem Studium in Zusammenhängen durchzudenken.

An der Uni Bern begegnete mir kaum je ein Biologiestudent, der in der Mittagspause in drei zusammenhängenden deutschen Sätzen berichten könnte, was er am Morgen im Labor gemacht hat. Eine der auffälligen Ausnahmen ist ein Student, der seine Matura in Osteueropa erwarb. Eine andere Studentin wäre zwar fähig, zusammenhängend aus dem Labor zu berichten. Aber es langweilt sie und darum erzählt sie lieber von dem Schwarzspecht, den sie gestern nachmittag beim Nestbau beobachtete und wie der arme Kerl kurz vor dem Stammloch seine ganze Fracht verlor.

Gibt man denselben Berner Studenten zwei Wochen Zeit, über ihre Arbeit im Labor zu berichten, so werden sie einen umfangreichen Bericht, gespickt mit Dutzenden Literaturzitaten und eine wundervolle powerpoint-Präsentation abliefern. Ich nehme an, dass diese sprachliche Dysfunktion vor allem mit dem überelitären Gehabe der Biologieprofessoren zu tun hat, die in Bern meinen, sie müssten alles und jedes auf Englisch unterrichten. Dazu müsste ich noch ergänzen, dass ich selber Englisch so zuverlässig wie Berndeutsch beherrsche, schriftlich und mündlich fliessend, akzentfrei, fehlerfrei. Mich stört es nicht, aber es behindert begabte junge Naturwissenschaftler beim Erwerb der Wissensgrundlagen.

Während der Exkursion in Valbella habe ich mehrmals erlebt, wie die ETH Studenten sich in Diskussionen vertieften, zu fachlichen Dingen wie dem infanticide von Braunbären (Männchen fressen in freier Wildbahn oft ihre Jungen) oder zu politischen Themen wie zum Beispiel, ob man in der Greina einen Nationalpark einrichten solle. Die ETH-Studenten äusserten sich engagiert, beredt, hatten schon viel darüber nachgedacht, sich in den Semesterferien in freiwilligen Praktika engagiert.

Einmal stellte ich in Bern infrage, dass meine Berner Studienkollegen nie Diskussionen zu Studieninhalten oder zu umweltpolitischen Themen führen. Zornesrot wies mich eine junge Studienkollegin zurecht, es gebe noch ein Leben ausserhalb der Uni. Sicher nicht, täten sie in den Pausen zwischen den Vorlesungen über Unterrichtsinhalte oder über wissenschaftliche Themen reden.

Auf der Exkursion in Valbella nutzten die ETH-Studenten jeden freien Moment zum Kartenspielen oder am Pingpong-Tisch. Mir fiel das sofort auf, weil die Berner Studenten eigentlich nie spielen. Ich wunderte mich darüber und eine angehende Forstwissenschaftlerin erklärte mir, dass man an der ETH von Anfang an dermassen gefordert sei mit den Studieninhalten, dass sie gezwungen seien, Studium und Freizeit eng miteinander zu verbinden. Volleyball spielen und Biochemie büffeln, so in der Art.

Meine Gesprächspartner von der ETH beschreiben die Auswirkungen der Bolognareform als Hindernis für das Funktionieren eines universitären Lehrbetriebes. Änderungen herbeizuführen, sehen sie sich ausserstand. Die Modularisierung mit den Mikroleistungskontrollen erzeugt überflüssigen Stress, nimmt den eigenen Entfaltungsmöglichkeiten den Spielraum, verhindert, dass man am richtigen Ort die richtige Kritik anbringen kann. Die Berner Studenten haben einfach den Laden vor dem Grind, wenn sie eine Meinung zu diese Thema äussern sollen. Ihre Welt ist mit der Bolognareform erschaffen worden. Etwas anderes kennen sie nicht, über etwas anderes denken sie nicht nach.

Letztlich muss ich einschränken, dass meine Stichprobe von ETH-Studenten weder repräsentativ noch unabhängig ist. Es waren diejenigen Studenten die neugierig, engagiert genug waren, die notwendigen Leistungsreserven hatten, um zwischenhinein auch noch eine einwöchige Exkursion mitzumachen. Die meisten Teilnehmer waren fast am Schluss des Studiums angelangt, hatten vorher schon genug ECTS beisammen und mussten darum gar nicht mitkommen.

Die ETH versteht sich als Berufsschule. Sie will Fachspezialisten ausbilden, die von den Arbeitgebern gezielt und bei einer Vielfalt von Aufgaben eingesetzt werden können. Stolz präsentiert die ETH in farbigen flyers für jede Fachrichtung Absolventen in ihrem Beruf. Was die phil-nat Fakultät der Universität Bern bezweckt, weiss ich nicht. Ich erntete von Professoren Spott und härteste Kritik, als ich auf das Studienreglement verwies. Dort steht, der Erwerb wissenschaftlicher Fachkenntnis sei das Ziel des Studiums. Der Dekan empörte sich von wegen, was fällt dem Studenten Brechbühl ein, das Studienreglement zu konsultieren. Informationen über die Berufe von Studienabgängern präsentiert die Uni Bern keine.

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7 Gedanken zu „Unterschiede.

  1. „Zornesrot wies mich eine junge Studienkollegin zurecht, es gebe noch ein Leben ausserhalb der Uni. Sicher nicht, täten sie in den Pausen zwischen den Vorlesungen über Unterrichtsinhalte oder über wissenschaftliche Themen reden. „
    Mit dieser Einstellung ist man an der Uni am falschen Ort. Und noch mehr wenn man etwas „unnützes“ im Umweltbereich studiert. Da ist Arbeitslosigkeit garantiert. So findet man knapp mit einem wirtschaftsnahen Studium eine adäquate Stelle. Aber auch dort wird diese Einstellung mit einem Idiotenjob belohnt.

    Grundsätzlich existiert kein Leben ausserhalb der Uni, denn man sollte aus persönlichem Interesse studieren. An der ETH ist das Leben ausserhalb im Grundstudium gar nicht möglich. Wenn sich ein ETH Student über die Auswahl in der Biologie beklagt, dann kann ich das nicht ernst nehmen. Immerhin können Kurse an der UZH belegt werden. Zusammen bieten ETHZ und UZH fasst die grösste Fächerauswahl in Biologie und Umweltwissenschaften von Europa an. Wer mehr will, der kann nur nach London gehen.

  2. „Zornesrot…“, bei besagter Studentin ist später der Knopf aufgegangen. Sie hat den Master an einer anderen Uni, in einem anderen Fach studiert – einem Fach, wo man sehr viel diskutiert und ich glaube, sie hat dort ihre Bestimmung gefunden. Das meine ich ohne Ironie, sie war wirklich glücklich. Sie stellte zurecht sehr kritisch fest, dass es kaum Lehrveranstaltungen für Masterstudenten gibt in Bern und dass man keine Anhaltspunkte bekommt, wohin die Forschungsprojekte führen sollen.

    Wie gut können die ETH-Studenten die Stundenpläne koordinieren? Ich meine, wenn sie als Zustzfächer solche von der Uni wählen, gelingt es dann diese an den obligatorischen Fächern der ETH vorbeizuschleusen? Darüber habe ich meine Gesprächspartner nicht gefragt.

  3. Das Grundstudium an der ETHZ und UZH ist in etwa gleich. Da ist alles vorgeschrieben mit sehr wenig Spielraum. Im Master haben die Studis mehr Flexibilität. Wobei die Uni flexibler ist. Natürlich sind die Kurse der beiden Unis zeitlich nicht aufeinander abgestimmt. Die Forschungsschwerpunkte und damit das Angebot sind jedoch zwischen den Unis koordiniert. Man muss natürlich im Voraus planen, abgesehen davon ist es egal ob man ein 1 oder 2 Semester mehr studiert. Gut wäre das zum Beispiel mit einem Praktikum an einem Institut oder Bund- Kantone Ökobüro zu verbinden.

  4. „Verwitterung von Muttergesteinen, Adsorbtion von Nährstoffen an Tonminerale, Wasserspeicherung – das sind komplette Fremdwörter, nada, nadie.“

    Also, das habe ich am Gymnasium in Erdkunde gelernt. Vermutlich nur sehr oberflächlich, aber dass in den Tropen der Boden arm an Nährstoffen ist, weil die Gesteine bis in eine Tiefe von 100m bereits verwittert sind und keinen Nachschub liefern können, oder dass die Lehm- und Tonböden, die es bei uns reichlich gibt, Dünger besser festhalten, das war Teil des Unterrichts.

    Eigentlich sind das Themen, die ich der Geologie zuordnen würde. Für einen Ökologen der das Bild gesamtheitlich betrachtet, sind sie wichtig, für den reinen Biologen – ich muss zugeben, dass sich mir der Eindruck aufdrängt, dass die Themen für einen Großteil der Biologten tatsächlich nicht wichtig sind.

    Aber ich hätte ein Grundverständnis als Teil der Allgemeinbildung vorausgesetzt.

  5. „Zornesrot wies mich eine junge Studienkollegin zurecht, es gebe noch ein Leben ausserhalb der Uni.“

    Ich habe im Studium auch so eine seltsame Ablehnung von Fachthemen erlebt. Ich manchen Kreisen war es geradezu verboten in der Freizeit über Fachtemen zu reden. Ich habe mich damals gefragt, ob sich diese Leute eigentlich für das Fach interessieren, wenn sie es so ablehnen, in der Freizeit darüber zu reden und nachzudenken. Für mich war es selbstverständlich, dass ich mich wenigstens für einige der Themen auch privat interessiert habe – natürlich nicht alle Themen, manche waren nur Pflicht, aber es gab genügend, das mich über die Vorlesung und die Prüfung hinaus intessiert hat.

  6. @gedankenweber, 16:53:

    Bodenwissenschaft ist schon ein Studium für sich. Mir fällt jetzt grad kein guter Einstieg ein. Der Eintrag in der Wikipedia zu den Bodenhorizonten kann einen Anhaltspunkt geben, worauf es hinausläuft http://de.wikipedia.org/wiki/Bodenhorizont

    Es gibt zwar spezialisierte Professuren, wo fleissig geforscht wird und Doktoranden ausgebildet werden. Für Ökologen ist es ein Grundlagenfach, so wie Klimakunde oder Artenkenntnis.

  7. @gedankenweber, 16:59

    Für mich waren solche Gespräche ein erster Hinweis auf die Entfremdung zwischen Studenten und Professoren. Das war mehr oder weniger der Anfang eines langen Fadens, den ich in diesem Blog seit drei Jahren spinne. Ich stelle fest, mit welcher Geringschätzung an der Uni Bern Studenten missbraucht werden. Sie sind das Alibi, damit die Professoren ihren Betrieb vor den Steuerzahlern und Stimmbürgern rechtfertigen können.

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