à plus ou moins

Einer meiner erfahrenen Studienkollegen gab die Pflanzenökologie auf und wechselte in ein molekularbiologisches Fach. Dort doktoriert er jetzt. Vor dem Wechsel liess sich ein Assistent aus der Pflanzenökologie auf ein ausführliches Gespräch ein, erklärte mit Elan die spannenden zukünftigen Fragen in seinem eigenen Forschungsgebiet. Letztlich gab die folgende Überlegung bei dem Studenten den Ausschlag: Er wolle ein Fach studieren, wo die Kausalitäten geklärt seien, wo man sicher sei, wie die Dinge zusammenhängen.

Bravo, nur stimmt das wirklich? Sind in der Molekularbiologie die Kausalitäten schön sauber aufgereiht wie die Unterhosen auf der Wäscheleine und alles ist schon klar?

Ich bereite mich gerade auf eine mündliche Prüfung in Epigenetik vor. Die Schwierigkeiten gehen schon im dritten Kapitel aus dem Lehrbuch los. Da geht es um die funktionellen Unterschiede von Euchromatin und Heterochromatin bei der Translation von DNA. Was lese ich da für schwammige Sätze?

Aus Allis (2007), Epigenetics:

„Although exact order and details may vary, this general pathway involves…
It is likely that sequestering of selective genomic regions to repressive nuclear domains or territories may enhance…
Interestingly, increasing evidence suggests that heterochromatin may be the ‚default state’…“
Even in lower eukaryotes, the general conepts of heterochromatin assembly seem to apply…“

Was soll der arme Student jetzt anfangen damit? In diesem Abschnitt fängt jeder einzelne Satz mit einer Relativierung an. Eine 15-minütige mündliche Prüfung kannst Du unmöglich bestehen mit Aussagen von wegen „vielleicht ist es so oder vielleicht doch anders, aber im grossen und ganzen ist es schon so.“ Die Professoren prüfen Dein Wissen und Dein Wissen kannst Du nur zeigen, wenn Du positive Aussagen machst.

Leider entspricht dieser positivistische Ansatz nicht einmal ansatzweise den Realitäten in der Forschung. Ich kenne einen einzigen Ökologieprofessoren, der in seinen Leistungskontrollen konsequent zu jeder einzelnen Behauptung ein Zitat verlangt mit Autor und Jahrzahl. Bei ihm gibt es keine Fakten sondern nur Sichtweisen, die von diesem oder von jenem Forscher stammen. In den Essays brauchst Du gar nicht mit Behauptungen zu kommen, sondern musst einen „balanced scientific view“ vortragen: Die positive Aussage mit Zitat und das Gegenteil von einem anderen Autoren mit Publikationsjahr zitiert.

Aus meiner Sicht sind die Kausalitäten in der Molekularbiologie längst nicht geklärt. Mit ihrer positivistischen Sichtweise erliegen jene Forscher einer allgemeinen Lebenslüge. Diesbezüglich könnten sie von der Weisheit der Ökologen noch viel dazulernen. Mit dem ungefähren, unsicheren, vorläufigen muss man als Forscher leben lernen. Sonst ist Grundlagenforschung nämlich überflüssig. Wir können nur den Stand des Irrtums wiedergeben. Einen Stand des Wissens gibt es nicht.

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Lesenswertes aus meiner Privatbibliothek:
– Allis, C. David; Jenuwein, Thomas; Reinberg, Danny (2007): Epigenetics. Cold Spring Harbor, N.Y: Cold Spring Harbor Laboratory Press.
– Cuddington, Kim; Beisner, Beatrix (2005): Paradigms lost. Routes of theory change in ecology. Oxford: Academic.
– Real, Leslie; Brown, James H. (1991): Foundations of ecology. Classic papers with commentaries. Chicago: University of Chicago Press.

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3 Gedanken zu „à plus ou moins

  1. Sollte wirklich diese Aussage gemacht worden sein, dann muss ich leider jemand beleidigen. Für eine solche Aussage müsste das Diplom aberkannt werden. Ersten müsste man nicht mehr forschen, wenn alle Kausalitäten bereist bekannt sind. Zweitens ist die Molekularbiologie gerade ihrem Embrionalstadium entsprungen.Erst die heutigen technischen Möglichkeiten erlauben viele Fragen zu beantworten. Und vom Verständnis wie alles zusammenhängt, ist man noch weit entfernt. Bei Bereichen wie die Epigenetik weiss man eigentlich noch nichts. Das einzige ist, man kann die existenz der Epigentik an einigen simplen Beispielen beweisen.

    @Jürg Das mit den Sichtweisen halte ich für übertrieben. Einiges kann man effektiv herleiten. Das ist nur selten, in der Molekularbiologie natürlich häufig. Dabei spielt natürlich eine Rolle was gemacht wird. Wenn in der Molekularbiologie ein Protein beschreiben wird, dann gibt es keine Sichtweisen. Gibt nur ein so ist es, oder er hat das ganze falsch gemessen. Wenn ich den Mechanismus der Adaption eines Organismus anhand korrelativer Daten herleite, dann ist das sehr wohl eine Sichtweise. Obwohl ich Sichtweise für einen etwas fahrlässigen Begriff halte. Das ist der korrelative Zusammenhang, den ich anhand der mir zur Verfügung stehenden Daten herstellen konnte. Oder der Zusammenhang, der mit den Vorhanden Daten am besten Unterstützt wird.

  2. @Hansli

    Was Molekularbiologie betrifft, so bin ich Laie. Jedoch verzichten die Molekularbiologen oft darauf, Proteine zu beschreiben sondern begnügen sich mit „Motiven“ und mit fluoreszierenden Antikörpern, die an irgendwelchen mehr oder weniger definierten Proteinen andocken.

    Und wenn man dann ein Protein definiert hat, dass eine bestimmte Funktion ausübt, mehr oder auch ein bisschen weniger, und man ist ratlos, warum es jetzt die ihm zugedachte Funktion doch nicht so ganz ausübt, dann spekuliert man über „Faktoren“, die dazukommen. In der Denkwelt der Molekularbiologen sind solche Faktoren immerhin beschreibbare Proteine und diese wiederum erfüllen ihre Funktion von wegen die Funktion des ersten Proteins zu ermögliche oder sie tun es doch nicht so ganz. Also müssen an die Faktoren andere Faktoren andocken. Dann hat man am Schluss einen wilden Knäuel von Proteinen, die vielleicht gemeinsam vorkommen, vielleicht auch nicht, vielleicht gleichzeitig, vielleicht nacheinander, vielleicht am gleichen Ort, vielleicht über die Zeit verteilt an verschiedenen Orten in der Zelle. Was bleibt, ist der unerschütterliche Glaube, dass man, wenn man genug forscht, diese Proteine alle sauber charakterisieren kann. So ungefähr kommt es mir vor. Das hat viel mit vorgefertigter Meinung und wenig mit neugierigem Forschergeist zu tun.

    Was bleibt, ist eine Welt der Illusion, Schall im Konferenzraum, Rauch bei der Ausarbeitung von Forschungsgesuchen, Nebel im Hirn.

    P.S. Seien wir mit dem betreffenden Studenten gnädig. Als er das sagte, war er noch im Bachelorstudium und begründete, warum er für den Bachelor von den Pflanzenökologen abspringt. Ober heute als Doktorand immer noch findet, in der Molekularbiologie seien die Kausalitäten geklärt, das weiss ich nicht.

  3. Selbst die Physik hat keine gute Antwort, warum so viele Formeln in der Zeit reversibel sind (also keinbe Aussage über die Richtung der Zeit machen, und rückwarts genausgut funktionieren, wie vorwärts) aber die Welt einen deutlichen Zeitpfeil hat, und die Rückwärtsrichtung praktisch nie vorkommt.

    Die Sache mit den Kausalitäten ist also noch alles andere als geklärt, nicht mal auf so fundamentaler Ebene.

    Was die Prüfung angeht, es wird dort Dein Wissen abgefragt. Das beinhaltet auch Wissen über Schwächen, Alternativen, Ansichten, Möglichtektein und Unsicherheiten der Theorie. Vor allem in mündlichen Prüfungen darfsat Du gerne und bveit über den „normalfall“ und all die Abweichunegn davon referieren, inklusive alle Zweifel.

    Wenn Dein Bekannter etwas Studieren will mit klaren Kausalitäten, dann bleibt nur die Mathematik. Die ist in sich geschlossen, und hat ein festes Gebäude aus Beweisen – wobei manche das Induktionsverfahren als Beweismethode ablehnen, aber egal ob man das akzeptiert oder ablehnt, die Mathematik ist die einzige Wissenschaft die nach streng formalen Regeln aufgebaut ist.

    Alternativ kann ich dann noch die theoretische Informatik empfehlen. Die betont die Strukturen, während die Mathematik die Symbole betont.

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