Ökomigranten.

In meinem gestrigen Blogeintrag habe ich von meinem Grundstück aus auf die enorme Gewalt gezähmter Wassermassen geschaut. Entfesselt waren sie im Schangnau. Berichte und Bilder dazu habe ich am gleichen Ort gesehen wie meine Leser auch. Als Gaffer mag ich mich nicht im Katastrophengebiet unnützlich machen. In meiner Kindheit hatten wir in Steffisburg ähnliche Überschwemmungen, so dass ich aus einer realistischen Vorstellung heraus berichte.

Eindrücklich sind die Berge von Steinen, die riesigen Haufen von Bäumen. Diese füllen die Gerinne und verstopfen die Durchläufe, so dass das Wasser innert Minuten ausbricht. Daneben lesen wir ab und zu von Hangrutschungen, davon, wie sie Strassen versperren. Hangrutschungen kommen weniger mit dem Gewitterextrem sondern überhaupt mit der Dauer des Regenwetters.

Können Ökologen etwas zur Vorbeugung und zum Schutz beitragen? Ich meine jetzt richtige Ökologen, solche, die im Feld Beobachtungen anstellen können, solche die etwas verstehen von Ökosystemen, die das notwendige vielfältige Wissen zu allen Teilgebieten haben, Artenkenntnis, Vegetationsdynamik, Sukzession, Bodenkunde? Das schliesst dann leider die heutigen Studienabgänger aus, die an der Uni Bern mit einem Master abschliessen, die Häfelibotaniker und all diejenigen, die am Schluss nicht viel mehr können ausser schöne Berichtli schreiben und eindrückliche Vorträglein halten.

Direkt für das Gerinne sind die Wasserabauingenieure zuständig. Sie können Schwellen anlegen, Dämme bauen, Flächen freihalten, wo das Wasser gezielt überfluten und langsamer abfliessen kann. In den engen Gräben sind Geschiebesammler teure und gut ausgeklügelte Bauwerke. An Bauwerken fehlt es in unserer Gegend nicht. Ich denke man hat in den letzten Jahren auch darauf geschaut, die Gerinne von Bäumen und anderem Gerümpel freizuhalten.

Wald haben wir auch mehr als genug. Die Frage ist, ob der Wald so gepflegt wurde, dass er der Vorbeugung optimal dient. Wie das in unserer Gegend ist, darüber habe ich letzter Zeit nicht viel gelesen. Einen spannenden Überblick die Möglichkeiten, was Schutzwälder leisten können und was nicht bietet das Handbuch des BUWAL „Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald“ von Monika Frehner und Mitautoren. Da können wir von den Forstingenieuren profitieren.

Juristenfutter gibt es auch: Die Wälder sind vielerorts in kleinen Parzellen an unterschiedliche Eigentümer verteilt. Zum Teil kennt der Kanton die Eigentümer und deren Adressen nicht, weil die Kinder und Grosskinder der früheren Eigentümer den Wald geerbt haben, längst aber in die Ferne zogen und sich hier nicht mehr kümmern.

Die Hangrutschungen finden wir regelmässig im offenen Weideland und nicht im Wald. Hier sind weder die Wasserbauingenieure, die Forstingenieure noch die Juristen zuständig. Dort wo Strassen direkt betroffen sind, dürfen die Strassenbauer die Qual des Sisyphos auf sich nehmen, und die abgerutschten Erdmassen jedesmal wieder den Hang hinaufkarren und neue Stützmauern bauen.

Täte sich die Uni Bern die Mühe machen, Ökologen mit richtigem Ökosystemwissen auszustatten, sie zu lehren, wie man im Feld beobachtet, Fragen stellt, Hypothesen bildet und überprüft, würden sich die Professoren dazu bequemen, am Unterricht teilzunehmen, den sie im Vorlesungsverzeichnis ausschreiben, wäre der Dekan Manns genug, die Dozenten herbeizuzitieren und dafür zu sorgen, dass sie sich an die Vorgaben der Studienreglemente halten und zudem die Lehrinhalte koordinieren, dann gäbe es Aufgaben für Ökologen.

Und richtig, solche Ökologen müssten Arten kennen, etwas über Böden gelernt haben. Das Glafer von der Klimaerwärmung würde ihnen nichts nützen und pflanzenökologische Experimente in Blumenhäfeli wären höchstens ein sehr kleiner Beitrag zum Ganzen. Sie müssten etwas über Vegetationsdynamik wissen, ein bisschen mehr gehört haben über Sukzession. Vielleicht käme es einem der Dozenten sogar in den Sinn, den Studenten einmal den Ellenberg zu zeigen.

Hier ein paar Anregungen für brauchbare Vegetationsökologen: Bekannt ist an sich schon länger, dass Fettwiesenarten auf gut gedüngten Böden weniger tief wurzeln. Sie können das Erdreich schlechter befestigen. Die schweren Kühe, die heutzutags auf den Weiden sind, verletzen die Grasnarbe viel stärker mit den Kuhtritter als das noch vor 80 Jahren mit 100kg leichteren Tieren war. Von den Bodenkundlern erfahren wir, welche Böden weniger Wasser aufnehmen, wo Wasser versickert und wo es abfliesst. Im Handbuch von Frehner et. al. finden wir auf Seite 55 eine nützliche Klassifizierung von Standorten, je nachdem wie sich diese eignen, um waldbaulich auf Überschwemmungen Einfluss zu nehmen. Ein ähnliche Klassifizierung wäre denkbar, um festzulegen, wie gut an einem Standort mit Hilfe der Beweidung, Düngung und des Futterbaues auf Hangrutschungen Einfluss genommen werden kann. Welche Massnahmen, an welchen Standorten verhindern die Hangrutschungen.

Ach ja, ich höre sie schon klönen unsere akademische Elite. Mit angewandte Fragen beschäftigen wir uns nicht. Das ist Sache der Fachhochschulen. Mir geht es um zwei Dinge: Gut ausgebildete Akademiker können komplexere Fragen anpacken, Forschung längerfristig planen und eine grössere Zahl von Einflüssen in unterschiedlicheren methodischen Ansätzen untersuchen. Wer also meint, das sei nicht Sache der Universitäten hat vermutlich einfach einen ziemlich beschränkten Ausblick auf seine eigene Arbeit.

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So meine Kinderlein, jetzt muss ich leider abhauen zu meinem nächsten Termin. Überarbeiten, straffen, korrigieren werde ich diesen Eintrag erst heute Abend. Bis dann suche ich mir Bildli zusammen und schreibe Euch noch brav die Links, damit Ihr die Sachen nachschlagen könnt.

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Verwendete Literatur aus meiner Privatbibliothek:
Frehner, Monika; Wasser, Brächt; Schwitter, Raphael (2005): Nachhaltigkeit und Erfolgskontrolle im Schutzwald. Wegleitung für Pflegemassnahmen in Wäldern mit Schutzfunktion. Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft, Bern

Ellenberg, Heinz; Leuschner, Christoph (2010): Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen: In ökologischer, dynamischer und historischer Sicht, 6. Auflage

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10 Gedanken zu „Ökomigranten.

  1. Hochwasser gehören nun einmal zu einem funktionierenden Fliessgewässer. Die Gesetze den Fliessgewässern mehr Raum zu lassen existieren seit langem. Was Du verlangst ist jenseits der politischen Möglichkeiten. Der Bauer will sich ganz sicher nicht dreinreden lassen was er auf seiner Weide macht und welche Tiere er pflegt. Alles andere ist Zwecklose Argumentation. Wir sind keine Diktatur wo Ökologen den anderen in gutmenschenmanier alles diktieren können.

  2. Einmal abgesehen davon handelt der Bauer rein ökonomisch gesehen vernünftig. Eine Fettwiese bringt ihm Geld. Ein Hangrutsch ist ein seltenes Ereignis. Wenn alle 20 bis 30 Jahre der Hang ein bisschen rutsch, springt irgendeine Versicherung, Fördertopf oder sonst was ein. Bis der Hang wieder in Ordnung ist, verliert er vielleicht 1 oder 2 Jahre. Der Gewinn erfolgt während langer Zeit, der Produktionsausfall während einer kurzen, die Schäden werden durch die Allgemeinheit finanziert.

  3. @Hansli
    Ich bin nicht einverstanden. Ich rede jede Woche wieder mit Bauern hier. Ökologische Fragen sind ihnen sehr wichtig. Sie wollen herausfinden, wie sie bestimmte Probleme lösen. Die Frage der Hangrutsche hat vor wenigen Monaten eine Bäuerin aufs Tapet gebracht, die den Hof alleine führt, seit ihr Mann gestorben ist.

    Und richtig, diese Bauern wollen sich nicht befehlen lassen. Aber viele wollen gut informiert sein und das richtige tun.

  4. Ein Bauer macht das was ihm am meisten einbringt, genauso wie alle anderen auch. Da hat Ökologie einen geringen Stellenwert. Zudem sind die Bauern eine SVP Hochburg, entsprechend hat Naturschutz den Wert 0. Knallharte Bussen sind da das einzige wirksame.
    Ein Hangrutsch lässt sich vermutlich nur mit Bäumen verhindern. Kommt immer darauf an wie mächtig die rutschende Schicht ist. Aber auch da nicht immer, in unserer Gemeinde rutscht ein ganzer Hang. Da kann man nichts machen, so müssen die alle 10 Jahre die Kantonstrasse wegen Rissen flicken.

  5. @Hansli
    Bei dem Link geht es um die Bauern von Appenzell Innerrhoden, um Gülle und um Pufferstreifen an Waldrändern und an Bächern.

    Ich kann hier 10km das Tal hinauf und wieder hinunterfahren und treffe in meiner Nachbarschaft mehr Bauern an, als es in ganz Innerrhoden hat.

    Ich lege für niemanden die Hand ins Feuer. Ich kenne die Verträge nicht, die unsere Bauern mit dem Kanton haben. Aber sicher nicht, meine ich jetzt wegen dem Artikel im Tagi, die Bauern bei uns seien alle Kriminelle.

  6. Ich hatte noch nie Feldarbeit ohne als Nebenprodukt die Verzeigung von Bauern hatte. Sei dies in flagranti erwischt bei direktem ablassen von Gülle in den Bach, Zerstörung von meinem Eigentum, illegalen Drainagen, güllen auf dem Schnee und das sind nur die gröbsten vergehen. Allerdings stimmt, das nicht alle so sind. In ZH oder Aargau habe ich das noch nie gesehen, den in diesen Kantonen wird kontrolliert. Anderen ergeht das genauso. Zieht sich von der Otsschweiz- über die Zentralschweiz nach Bern. In der Romandie ist vor allem das Wallis Wildwest.
    (Exkurs: Allgemein habe ich immer sehr gerne in der Romandie (ausser Wallis) gearbeitet, die Leute sind dort viel freundlicher. Ergab immer gute Gespräche.)

  7. Das Wallis gehört nicht zur Schweiz. Will heissen, der Kanton Wallis ist der ganz allereinzige in der Schweiz, der nie gefragt wurde, ob er zur Eidgenossenschaft gehören will. Das hat der Napoleon befohlen. So gesehen betreffen die Bundesgesetze das Wallis nicht. Die sind denen egal (ausser es gibt Geld natürlich).

    Was heisst Zerstörung von Deinem Eigentum bei der Feldarbeit?

  8. Naja, nicht direkt mir – Zerstörung Versuchsanlag + die Arbeit die darin steckt + Material gestohlen. Gezielter Vandalismus oder Sabotage der Versuche ist immer ein Problem. Solche Ausfälle und durch natürliche Ereignisse muss man immer einberechnen und die Probenzahl grosszügiger berechnen. Gegen betrunkene Idioten kann man sich meist schützen.

  9. @Hansli

    So Volldampf muss ich jetzt noch für die Prüfung nächste Woche lernen und also ist Schluss mit Weiterdiskutieren.

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