Die Biologen will keiner.

Nach der Akademikerbefragung des Bundesamtes für Statistik: Naturwissenschaftler sind fünf Jahre nach Masterabschluss so gut wie nie arbeitslos. Laut Bernerzeitung von heute sind die Biologen die Ausnahme. Sie leben in prekären Verhältnissen.

Mit der Statistik gibt es ein wesentliches Problem: Zell- und Molekularbiologen sollten nicht mit einem Masterabschluss auf Stellensuche gehen, sondern vorher doktorieren. Solange eine solche Statistik diese Kategorien nicht erfasst, wissen wir nicht wirklich, wie es steht. Das zweite Problem mit der Statistik ist, dass sie nicht unterscheidet zwischen Ökologen und Laborbiologen.

Und dann noch folgendes Zitat aus dem verlinkten Zeitungsartikel. Das muss man jetzt im Ernst lesen. Man bekommt nebenbei eine Vorstellung, was gestern in meinem Blog mit „spin doctors“ gemeint war.

Auch zweifelt [Alt-SP-Nationalrat Rudolf] Strahm an der Aussagekraft der Erwerbslosenstatistik, die gemäss den Richtlinien der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) erhoben wird. Laut ILO gilt bereits als erwerbstätig, wer eine Stunde pro Woche arbeitet.

Ergänzend zu der Statistik stelle ich aus meiner Umgebung folgendes fest:
Doktoranden in allen Fächern in der Biologie an der Uni Bern werden als billigste Labor-Hilfskräfte ausgebeutet und nicht ausgebildet. Die Professoren wollen möglichst schnell möglichst viel publizieren. Für ihre Nationalfondsprojekte wollen sie keine Laboranten anstellen. Dafür sind sie zu geizig. Normal wäre, dass Doktoranden von technischem Personal unterstützt werden.

Die Jungen merken den Braten und gehen lieber auf eine ungewissen Stellensuche, als dass sie an der Uni ihre Zeit mit einer langweiligen Dissertation vertrödeln.

Bei den Ökologen ist es so, dass es durchaus freie Stellen hat in der Schweiz. Es gibt zwar nicht allzuviele davon. Dennoch will niemand die Studienabgänger mit Masterabschluss anstellen. Warum? Sie kennen keine Arten. Mindestens in einem Bereich muss ein Ökologe eine solide Artenkenntnis aufweisen, bei Blütenpflanzen oder Vögeln oder Insekten. Die heutigen Berner Studienabgänger in Ökologie kennen 12 Blümlein ODER drei Singvögel ODER 12 Heuschrecken ODER 20 Spinnen. Damit sind sie schlicht unbrauchbar für die Arbeitgeber.

Die jungen Ökologie-Studenten lernen so unglaublich wenig, dass sie selber nicht einmal merken, wie wenig sie wissen. Ich habe mehrmals in den vergangenen Jahren junge Studienkollegen erzählen gehört, die Artenkenntnis könnten sie dann nach dem Studium immer noch schnell erlernen.

Nein, können sie nicht. Es fehlt ihnen an allem, an den Grundfertigkeiten beim Herbarisieren und Pflanzenbestimmen. Sie haben keine Ahnung von der Variablität der Arten, haben keine gründliche Schulung in der Morphologie, im Unterscheiden der Artenmerkmale und der Lebensräume erhalten. Sie können schlicht nicht mit dem Binz arbeiten und die Flora der Schweiz haben sie noch nie gesehen. Sorry, wer anderes behauptet, der träumt oder lügt.

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3 Gedanken zu „Die Biologen will keiner.

  1. Das Problem, dass man ohne Doktortitel Schwierigkeiten mit der Stellensuche hat, gibt es noch in anderen Fächern. Vielleicht sollte ich sagen – gab – weil meine Informationen dazu uralt sind. Am Ende meiner Schulzeit, als ich überlegte was ich studieren soll, war auch Chemie in der enegeren Wahl. Aber es war unter anderem das „Ohne Doktor bekommst du keinen Job“ Problem, das mich davon abhielt Chemie zu studieren.

    Das Bestimmen von Pflanzen (oder Tieren) ist eine Kunst für sich, die mit der technisierung der Biologie in den Hintergrund geraten ist. Als Hobbygärtner stehe ich öfter vor der Frage, „Was könnte das sein?“, wenn sich eine neue Pflanze im Garten ansiedelt. Als Schüler habe ich genau diesen Teild er Biologie auch als überholt und altbacken betrachtet, und mir war die Zellbiologie und die Chemie in der Zelle wichtiger. Tja, und jetzt vermisse ich das Wissen.

  2. @gedankenweber
    Danke für den Hinweis auf die Situation der Chemiker. Chemiker haben in der Industrie meistens eine Führungsfunktion. Sogar wenn sie „nur“ ein Labor leiten, sind sie immer noch Chef von drei oder fünf Personen.

    Bis in die 90er Jahre hinein war das Konzept einer Dissertation, dass der Doktorand selbständig ein wissenschaftliches Problem lösen muss. Dafür musste er dann halt solange arbeiten, bis es eben gelöst war. Finanzieren mussten solche Doktoranden ihren Lebensunterhalt selber.

    Heute läuft das anders: Ein Doktorand wird angestellt nachdem dem Professor beim Nationalfonds ein Projekt bewilligt wurde. Fragestellung und Methode sind bereits vorgegeben. Der Doktorand muss nach Schema die Versuche durchführen und nachher Bericht erstatten. Es ist dabei egal, wie das Resultat ist. Es spielt keine Rolle, ob er die Frage lösen konnte. Es muss nicht sein, dass die gewählte Methode sich eignet, die Frage vom Anfang zu beantworten. Seine einzige Aufgabe ist, nach vorgegebenem Schema die Laborarbeit und die statistischen Auswertungen durchzuführen. Dieselbe Arbeit kann jederschweizerische Laborant nach einer vierjährigen Berufslehre schneller, präsziser, zuverlässiger ausführen. Aber er kostet doppelt so viel wie der Doktorand.

    Am Schluss hat der Doktorierte dann eine PhD. Gelernt hat er nichts. Aber er kann einen Titel vorweisen. Auch das nützt natürlich bei der Führungsaufgabe. Man kann dank dem Titel Autorität behaupten und so die Untergebenen zum Gehorchen animieren. Auch das ist durchaus ein Grund, warum die Industrie immer noch lieber einen PhD anstellt anstatt einem Master. Allerdings haben diese PhD das wichtigste nicht gelernt: Selbständig denken, selbständig Probleme lösen, selbständig sich in neue Themen hineinzulesen.

    Es ist eine Affenschande.

  3. Ein Chemiker wird kaum beim SNF-Anklopfen, da ist die Industrie weit grosszügiger. Ändert allerdings nichts an der vorgegebenen Arbeit für den Doktoranden.

    Ein guter Professor lässt einem Doktoranden einen gewissen Spielraum. Das SNF-Projekt ist nur das Minimum. Wer anderweitige Ideen verwirklichen will, der kann das machen. Liegt alles bei der Initiative des Doktoranden. Im übrigen gilt das nicht nur da, bei Studium dasselbe. Was man daraus macht liegt bei einem selbst.

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