Vorschläge, bitte!

Heute bin ich zu Besuch im Bundeshaus und bespreche mich mit dem Vizepräsidenten der „Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur“, dem Luzerner Nationalrat Felix Müri. Thema ist, wie für mehr Fachleute aus Naturwissenschaften und Ingenieurwesen gesorgt werden kann.

Meine Beobachtung ist, dass es genug interessierte und fähige Studienanfänger gibt. Jedoch werden schweizerische Studienanfänger gezielt und mutwillig diskriminiert. In Bern vernachlässigen die Biologieprofessoren die Ausbildung bis zum Master. Sie haben es nicht nötig, den Nachwuchs auszubilden, weil sie bequem und nach Belieben ihre Doktoranden aus dem Ausland einfliegen können. An der ETH Zürich wird aus politischen Gründen im Bachelorstudium ausgesiebt, damit man dann umsomehr Ausländer in das Masterstudium holen kann (36% der Masterstudenten an der ETH Zürich sind Ausländer, die meisten davon haben den Bachelor im Ausland gemacht).

Junge Studenten von heute sind im allgemeinen politisch inaktiv, melden sich nicht in den universitären Gremien, wo sie Einsitz haben könnten. Sie setzen sich nicht für ihre Interessen zur Wehr. Die Fachschaften sind ausgehagert. Ich richte meine politischen Vorschläge darauf aus, die Eigenverantwortung der Studenten sowohl in der Grundausbildung bis zum Master, wie auch beim Doktorieren zu fordern.

Ich schreibe einmal auf, was ich politisch sinnvoll finde. Ihr dürft mir widersprechen, lauthals mit mir streiten. (Und dann bitte sehr, die Leser aus der Uni, die sich privat bei mir melden: Dieses  Blog hat eine Kommentarfunktion und man darf dort seine Worte auch mit einem Pseudonym einwerfen.)

Bitte beachtet folgendes: Meine Vorschläge richten sich an einen Nationalrat und zielen auf das, was die eidgenössischen Parlamente beeinflussen. Sie werden kaum auf das Tagesgeschäft der ETH einwirken wollen. Die Universität Bern ist unter kantonaler Hoheit, da redet der Nationalrat sowieso nicht drein. Hingegen reden die Räte bei der Finanzierung mit, sowohl bei der ETH wie auch beim Nationalfonds. Nur deswegen sind meine Vorschläge einseitig auf die Finanzierungsfragen ausgerichtet. Anderes kann nur geändert werden, wenn sich die Studenten aktiv zur Wehr setzen.

Eigenverantwortung der Studenten fordern:

1) Die Regelstudiendauer soll vom Studenten verlängert werden können. Studienpläne der ETH so abstimmen, dass das möglich ist. Die politisch motivierte Unsitte der ETH, mit Hilfe von Leistungsdruck Studenten auszusieben, läuft damit ins Leere.
2) Radikale Erhöhung der Studiengebühren, siehe unten.
3) Eigene Projekteingaben von Doktoranden: siehe unten.

Forschungsfinanzierung durch den Nationalfonds:

4) Teilzeitstudium für Doktoranden, z.B. 50% Arbeitspensum, dafür 6 Jahre Projektdauer. Studienabgänger mit Master fassen in der Privatwirtschaft Fuss und machen parallel den Doktor. So bekommen die Arbeitgeber besser passende Spezialisten. Die Arbeitgeber sind im Gegenzug in der Pflicht, gut bezahlte Teilzeitstellen für wissenschaftliche Mitarbeiter auf Masterniveau anzubieten. Ansonsten sollen sie mit dem Jammern aufhören, von wegen sie bekämen keine qualifizierten Fachleute.
5) Verlängerte Forschungsprojekte mit Teilzeitpensen sind in vielen Gebieten sinnvoll: Ökologische und geographische Feldstudien, Untersuchung von Lawinen, Flüsse Molekularbiologie mit Organismen mit längeren Generationendauern.
6) Finanzierung von Doktorarbeiten ohne Lohn, nur Material, Labor, etc. So werden mit derselben Summe mehr Doktoranden ausgebildet. Möglich, wenn der Doktorand bereits eine Teilzeitstelle hat.
7) Nationalfonds soll persönliche Gesuche von Doktorats-Kandidaten bewilligen. Mitverantwortung der Studenten wirkt dem Egoismus der Professoren entgegen, die Doktoranden aus dem Ausland holen und ihre Doktoranden als Hilfspersonal missbrauchen.

Finanzierung der Ausbildung bis zum Master:

8) Kostendeckende Studiengebühren für ausländische Studenten. So muss sich die ETH wieder um die schweizerischen Studenten bemühen. Vollkosten gemäss Bundesamt für Statistik 25 bis 30 Tausend im Bachelor- und Masterstudium, 90 bis 100 Tausend für das Doktoratsstudium.
9) Radikale Erhöhung der Studiengebühren für inländische Studenten. Massgebliche Kostenbeteiligung, Fr. 10’000 pro Jahr sind zumutbar. Wird das Studium über mehrere Jahre verteilt, so wären das 5000 Franken pro 30 ECTS.
10) Dafür Darlehen zinslos bis zum Studienabschluss, bescheidener Zins nach Studienabschluss (z.B 2%). Amortisation in 10 Jahren.
Mit eigenem finanziellem Risiko setzen Studenten sich zur Wehr, wenn Lehrinhalte unkoordiniert sind und Wissen oberflächlich unterrichtet wird. Die Studenten überlegen sich zudem zweimal, ob sie Liebhaberstudien in brotlosen Ausbildungsgängen wie Psychologie, Geschichte und Philosophie oder Modestudien in überfüllten Hörsälen wie z.B. Medienwissenschaften verfolgen wollen.
11) Weiterbildungen für Leute aus der Berufslehre müssen gleichberechtigt staatlich finanziert werden, wie z.B. Ausbildung zum Handwerkermeister, Fachhochschulen. Das von den universitären Studenten eingenommene Geld sollte hierher umgelagert werden. Heute sind diese Weiterbildungen oft unerschwinglich, vor allem für Leute mit Familie.

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15 Gedanken zu „Vorschläge, bitte!

  1. @gedankenweber

    Ich verstehe schon, was Du mit „hud’le“ meinst. Mein Vater hat mich oft genug ermahnt „Tue nit jufle bim Schaffe!“ und hat dasselbe gemeint: Die Dinge husch, husch erledigen wollen und dabei mehr kaputt machen als erschaffen und am Schluss muss man von vorne anfangen. Die bernische Antwort lautet: „Nume nid gschprängt aber geng chli hüüh!“ — Nur keine Eile, aber immer ein wenig vorwärtsmachen.

    Im Grossen Rat des Kantons Bern (unserem Parlament, die Uni gehört dem Kanton) war das schlagende Argument für die Studienzeitbeschränkung sehr einfach: Die Studenten sollen schneller abschliessen, dann gehen sie früher einer Erwerbsarbeit nach und bezahlen ordentlich Steuern.

    Von den Universitäten her kam das Argument aus einer anderen Richtung: Man war der Meinung, dass 27-jährige Doktoranden zu alt seien, um internationale Hochschulkarrieren einzuschlagen. Man machte den Vergleich mit den Universitäten im angelsächsischen Raum. Dabei wird allerdings übersehen, dass weniger als 5% der Uniabgänger eine akademische Karriere einschlagen.

    Viel wichtiger ist die Frage, was die Arbeitgeber wollen:
    a) Brauchen sie junge Hochschulabsolventen, die zwar nicht viel können, dafür aber betriebsintern weitergebildet werden? Angeblich sei das in der chemischen Industrie als Arbeitgeber für Biologen der Fall
    b) Wollen sie solide ausgebildete Kenner der Materie, die selbständig ihr Aufgabengebiet im Betrieb übernehmen? Das ist bei fast allen Fabrikationsbetrieben der Fall, die Biologen und Chemiker brauchen, um die Betriebssicherheit sicherzustellen. Es ist sowieso der Fall bei allen Arbeitgebern, die Ökologen in der Umweltplanung und -begutachtung beschäftigen. Sie sitzen seit Jahren auf dem Trockenen und bekommen ihr Personal nicht.

    Aus Sicht der Hochschulabsolveten ist Variante a) ein va banque Spiel. Auf einmal sind diese Leute 50 und werden während einer Betriebsrestrukturierung auf die Strasse gestellt. Jetzt rächt sich, dass sie nie gelernt haben, sich selbständig und eigenverantwortlich in neue Themen einzuarbeiten.

  2. „Wer geduldig ein Lösung sucht, der ist innert kürze seinen Job los.“

    Wir hatten hier eine Doktor der Molekularbiologie, der mir immer imponiert hat durch seine geduldige und äußerst gründliche Herangehensweise. Er hat recherchiert, gelernt, und Lösungen evaluiert, um die für den konkreten Fall beste Lösung zu finden.

    Mein Chef konnte mit dieser Art Mitarbeiter nicht umgehen. Sicher, für eine Firma ist es nicht gut, wenn alle so sind. Aber einer pro Team sollte so sein, als Gegengewicht zu den schnellentschlossenen und oberflächlichen. Vor allem wenn die Leute in der Lage sind, das erworbene Wissen weiterzugeben. Aber es bedarf auch des richtigen Chefs der die Talente seiner Mitarbeiter erkennt, und die Aufgaben entsprechend verteilt. Ich glaube dass diese Leute wertvoll für eine Firma sind, wenn sie richtig eingesetzt werden.

  3. Ihr Doktor der Molekularbiologie hat als Wissenschaftler weitergearbeitet. In der Wissenschaft ist diese Herangehensweise gefragt. In der Privatwirtschaft zählt nur das Geld. Ich arbeite zurzeit in beiden Bereichen.
    In der Wirtschaft muss ich das abliefern, was der Kunde will und nicht mehr. Wenn der Kunde eine Maschine will die nach 5 Jahren entsorgt wird, dann muss ich nicht die perfekte Maschine bauen die 10 Jahre hält. Das Produkt muss die Anforderungen des Kunden erfüllen und nicht mehr. Dasselbe bei mir als Gutachter. Der Kunde will ein Dokument mit Massnahmen, damit er die gesetzlichen Anforderungen erfüllt. Dabei muss ich die wichtigen gesetzesrelevanten Punkte erkennen und behandeln. Ich kann da nicht zu allem eine Abhandlung schreiben. Wichtig ist zu erkennen, was wichtig ist, um das unwichtige wegzulassen.

  4. @Hansli
    Bei Deinem Maschinenbauerbeispiel:
    Vielleicht gibt es aber in der Branche von dem Druckmaschinenhersteller Leute, die ihre Maschine nach 5 Jahren modernisieren möchten. Dann muss einer heran, der abschätzen kann, wie sich die Branche entwickelt, in welche Richtung Modernisierung gewünscht werden. Und der Ingenieur, der die Maschine entwickelt, der muss umsichtig, sorgfältig, kontinuierlich dranbleiben.

    Der Molekularbiologe von der Novartis, der bei uns redete arbeitet an der Produksicherheit. Lange bevor man die Substanzen herstellt und ausprobiert, schon in der Zeit des Designs, der Anpassung an das Target, den Wirkort wird vorausschauend gefragt, welches die kranmachenden Wirkungen desselben Stoffes sein könnten. Im ganzen 10-jährigen Entwicklungsprozess fängt man mit vielleicht 10’000 Substanzen an. Bis eine einzige für die klinische Erprobung übrigbleibt, vergehen fünf bis 10 Jahre und eine Milliarde Franken wird verbraucht. Eine weitere Milliarde kostet dann noch die klinische Erprobung. Diese Art von vorausschauenden Wissenschaftler wird in der Privatwirtschaft sehr wohlb benötigt, die Frage ist allerdings wo und die Frage ist auch, ob der Chef vom Gedankenweber genug weitsichtig ist, zu erkennen, dass auch seine Firma solche Leute braucht.

  5. @Jürg Vorausschauendes Management ist durchaus wichtig, jedoch kein Aufgabe für das tägliche Geschäft. Das was Du beschreibst ist im Management angesiedelt. Die müssen die zukünftige Entwicklung sehen. In grösseren Betrieben hat jeder sein Pflichtenheft und nichts anderes. Der Punkt ist einfach, man muss das liefern was effektiv verlangt wird und nicht mehr. Je besser diese Abgrenzung gelingt, desto mehr in der Kasse. Einzig die Wünsche des Kunden sind zu befriedigen.

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