Vorschläge, bitte!

Heute bin ich zu Besuch im Bundeshaus und bespreche mich mit dem Vizepräsidenten der „Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur“, dem Luzerner Nationalrat Felix Müri. Thema ist, wie für mehr Fachleute aus Naturwissenschaften und Ingenieurwesen gesorgt werden kann.

Meine Beobachtung ist, dass es genug interessierte und fähige Studienanfänger gibt. Jedoch werden schweizerische Studienanfänger gezielt und mutwillig diskriminiert. In Bern vernachlässigen die Biologieprofessoren die Ausbildung bis zum Master. Sie haben es nicht nötig, den Nachwuchs auszubilden, weil sie bequem und nach Belieben ihre Doktoranden aus dem Ausland einfliegen können. An der ETH Zürich wird aus politischen Gründen im Bachelorstudium ausgesiebt, damit man dann umsomehr Ausländer in das Masterstudium holen kann (36% der Masterstudenten an der ETH Zürich sind Ausländer, die meisten davon haben den Bachelor im Ausland gemacht).

Junge Studenten von heute sind im allgemeinen politisch inaktiv, melden sich nicht in den universitären Gremien, wo sie Einsitz haben könnten. Sie setzen sich nicht für ihre Interessen zur Wehr. Die Fachschaften sind ausgehagert. Ich richte meine politischen Vorschläge darauf aus, die Eigenverantwortung der Studenten sowohl in der Grundausbildung bis zum Master, wie auch beim Doktorieren zu fordern.

Ich schreibe einmal auf, was ich politisch sinnvoll finde. Ihr dürft mir widersprechen, lauthals mit mir streiten. (Und dann bitte sehr, die Leser aus der Uni, die sich privat bei mir melden: Dieses  Blog hat eine Kommentarfunktion und man darf dort seine Worte auch mit einem Pseudonym einwerfen.)

Bitte beachtet folgendes: Meine Vorschläge richten sich an einen Nationalrat und zielen auf das, was die eidgenössischen Parlamente beeinflussen. Sie werden kaum auf das Tagesgeschäft der ETH einwirken wollen. Die Universität Bern ist unter kantonaler Hoheit, da redet der Nationalrat sowieso nicht drein. Hingegen reden die Räte bei der Finanzierung mit, sowohl bei der ETH wie auch beim Nationalfonds. Nur deswegen sind meine Vorschläge einseitig auf die Finanzierungsfragen ausgerichtet. Anderes kann nur geändert werden, wenn sich die Studenten aktiv zur Wehr setzen.

Eigenverantwortung der Studenten fordern:

1) Die Regelstudiendauer soll vom Studenten verlängert werden können. Studienpläne der ETH so abstimmen, dass das möglich ist. Die politisch motivierte Unsitte der ETH, mit Hilfe von Leistungsdruck Studenten auszusieben, läuft damit ins Leere.
2) Radikale Erhöhung der Studiengebühren, siehe unten.
3) Eigene Projekteingaben von Doktoranden: siehe unten.

Forschungsfinanzierung durch den Nationalfonds:

4) Teilzeitstudium für Doktoranden, z.B. 50% Arbeitspensum, dafür 6 Jahre Projektdauer. Studienabgänger mit Master fassen in der Privatwirtschaft Fuss und machen parallel den Doktor. So bekommen die Arbeitgeber besser passende Spezialisten. Die Arbeitgeber sind im Gegenzug in der Pflicht, gut bezahlte Teilzeitstellen für wissenschaftliche Mitarbeiter auf Masterniveau anzubieten. Ansonsten sollen sie mit dem Jammern aufhören, von wegen sie bekämen keine qualifizierten Fachleute.
5) Verlängerte Forschungsprojekte mit Teilzeitpensen sind in vielen Gebieten sinnvoll: Ökologische und geographische Feldstudien, Untersuchung von Lawinen, Flüsse Molekularbiologie mit Organismen mit längeren Generationendauern.
6) Finanzierung von Doktorarbeiten ohne Lohn, nur Material, Labor, etc. So werden mit derselben Summe mehr Doktoranden ausgebildet. Möglich, wenn der Doktorand bereits eine Teilzeitstelle hat.
7) Nationalfonds soll persönliche Gesuche von Doktorats-Kandidaten bewilligen. Mitverantwortung der Studenten wirkt dem Egoismus der Professoren entgegen, die Doktoranden aus dem Ausland holen und ihre Doktoranden als Hilfspersonal missbrauchen.

Finanzierung der Ausbildung bis zum Master:

8) Kostendeckende Studiengebühren für ausländische Studenten. So muss sich die ETH wieder um die schweizerischen Studenten bemühen. Vollkosten gemäss Bundesamt für Statistik 25 bis 30 Tausend im Bachelor- und Masterstudium, 90 bis 100 Tausend für das Doktoratsstudium.
9) Radikale Erhöhung der Studiengebühren für inländische Studenten. Massgebliche Kostenbeteiligung, Fr. 10’000 pro Jahr sind zumutbar. Wird das Studium über mehrere Jahre verteilt, so wären das 5000 Franken pro 30 ECTS.
10) Dafür Darlehen zinslos bis zum Studienabschluss, bescheidener Zins nach Studienabschluss (z.B 2%). Amortisation in 10 Jahren.
Mit eigenem finanziellem Risiko setzen Studenten sich zur Wehr, wenn Lehrinhalte unkoordiniert sind und Wissen oberflächlich unterrichtet wird. Die Studenten überlegen sich zudem zweimal, ob sie Liebhaberstudien in brotlosen Ausbildungsgängen wie Psychologie, Geschichte und Philosophie oder Modestudien in überfüllten Hörsälen wie z.B. Medienwissenschaften verfolgen wollen.
11) Weiterbildungen für Leute aus der Berufslehre müssen gleichberechtigt staatlich finanziert werden, wie z.B. Ausbildung zum Handwerkermeister, Fachhochschulen. Das von den universitären Studenten eingenommene Geld sollte hierher umgelagert werden. Heute sind diese Weiterbildungen oft unerschwinglich, vor allem für Leute mit Familie.

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15 Gedanken zu „Vorschläge, bitte!

  1. Punkt Studienzeitverlängerung: Noch länger sicher nicht. Wir sind bereits jetzt zu alt.
    Punkt Gebühren: Dann würde ganz einfach niemand mehr studieren. Wäre der Tod der Uniausbildung. Das würde den Fachkräftemangel noch steigern. Ebenfalls können wir um jeden Ausländer froh sein in den technischen Richtungen, da hierzulande massiv Nachwuchs fehlt.
    Punkt Doktorat: Teilzeit funktioniert nicht (dauert dann viel zu lange) und unbezahlt noch weniger.
    Die persönlichen Projekte von Doktoratskandidaten wäre eine gute Gelegenheit fähige Absolventen zu fördern.
    Die Weiterbildung von Leuten mit Berufslehre ist zu fördern. Die Fachhochschulen verlangen jedoch genauso wie die Unis tiefe Gebühren.

  2. @Hansli
    Habe Dich schon vermisst. Meine jungen Studienkollegen werden mir dann persönlich ihre Meinung sagen. Dabei könnten sie auch hier mitschreiben.

    Grundsätzlich: Ich denke nicht über die 5% der Studienabgänger nach, die eine akademische Karriere einschlagen. Mir geht es um die Fachspezialisten, die in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst gebraucht werden.

    Ich kenne Studentinnen, die mit 20-jährig ihr drittes Studienjahr beginnen. Ich sehe da niemanden, der besonders alt wäre. Der Grund, warum ich die Möglichkeit, das Studium zu verlängern vorschlage ist der extreme Leistungsdruck in den ersten Studienjahren in der ETH. Dort werden fähige Leute hinausgesiebt, einzig weil sie dem Leistungsstress nicht standhalten und nicht etwa, weil sie unfähige Naturwissenschaftler wären.

    Mit Verlängerung meine ich: Statt 3 Jahre Bachelorstudium sollten 4 bis 5 Jahre möglich sein.

    Es gibt in der Schweiz bei weitem genug talentierte, hart arbeitende, neugierige junge Menschen, die Naturwissenschafter und Ingenieure werden wollen Der Engpass ist bei der Ausbildung. Die ETH ekelt sie mit künstlich erzeugtem Leistungsdruck hinaus. Im Biologiedepartement der Uni Bern ist die Ausbildung verwahrlost. Mehrere Professoren bleiben einfach der Uni fern, werden so gut wie nie an den Instituten gesehen und verweigern die Unterrichtspflichten. So verleidet man es den Studenten.

    So oder so ist es nicht der Mangel an Talenten, sondern die schlecht organisierte Ausbildung, die den Mangel an Fachspezialisten herbeiführt.

  3. @Jürg Bin durch die ETH-Mühle gegangen. Die Durchfallquote (ist an der UZH übrigens gleich) mag hoch erscheinen, bei einem genaueren Blick jedoch nicht. Den meisten hat die gewählte Richtung nicht wirklich gefallen. Die gehen dann ohne grossen Einsatz an die Prüfung und fallen durch. Das ist dann die Bestätigung ihrer falschen Wahl. An die Repetitionsprüfung gehen dann nicht mehr viele. Ich kenne nur ganz wenige die wirklich von ihrem Wunschstudium abgehalten wurden. Zumindest in der Biologie haben wir keinen Mangel an Fachkräften. In der Ökologie viel zu viele, beim Rest wahrscheinlich nur ein bisschen zu wenige. Wirkliche Richtungen mit Mangel sind alle Ingenieurrichtungen, IT, Chemiker, Mathematiker und Physiker. Da haben wir einen massiven Mangel.

  4. Das ist die Information, die ich von den heutigen Masterstudenten über die Zeit ihres Grundstudiums, das heisst vor ca. vier bis fünf Jahren bekam. Leistungsstress wurde künstlich aufgebaut, mit dem politischen Ziel, die jungen auszusieben. Danach kann die ETH umso mehr Masterstudenten aus dem Ausland herholen und sich gross als international verkaufen. Ich glaube nicht, dass dieses Aussieben nur in der Biologie passiert, sondern in den von Dir genannten Fachrichtungen genauso. Fachlich gibt es keine Rechtfertigung dafür. Hier, von weit weg her gesehen, ist das rein politisch motiviert, um dem internationalistischen Grössenwahn der Schulleitung gerecht zu werden.

    In Bern sehe ich halt dann all die Supercracks von ausländischen Professoren, die in der Welt herumdüsen und hier ihre Unterrichtspflichten verweigern mit irritierten Studenten, die der Uni davonlaufen.

    Sieht aus, als müsste ich wieder einmal beim Bundesamt für Statistik nachfragen, um herauszufinden, wieviele Biologen aus dem Ausland angestellt werden. Bei den Ökologen stimmt es zwar, dass es zuviele hat – vor allem von denen, die an der Uni um jegliche solide Ausbildung betrogen wurden. Es gibt etliche Arbeitgeber, die Ökologen mit solider Kenntnis der Arten und der Umweltbedingungen in Ökosystemen suchen und nicht finden.

  5. Sie haben ein paar interessante Punkte aufgelistet. Die „radikale Erhöhung der Studiengebühren“ für Studenten sehe ich allerdings etwas kritisch. Wenn ein Student sich voll und ganz aufs Studium konzentrieren und dieses so schnell wie möglich abschliessen möchte, sollte man ihm das meiner Meinung nach nicht durch finanzielle Hürden verwehren.

  6. Hallo Blogger

    Willkommen, danke für Deinen Einwand. Ich habe wirklich gehofft, das mit der Studiengebühren würde eine Reaktion provozieren.

    Die radikale Erhöhung der Studiengebühren wird mit Sicherheit politisch nicht geschaffen. Dennoch kann ich anhand dieses Vorschlages die anderen Überlegungen besser erklären. Man kann Studiengebühren nur erhöhen, wenn gleichzeitig zinslose Darlehen während des Studiums und eine sinnvoll mögliche Amortisation danach geschaffen wird. Ich habe die Idee von einer amerikanischen Freundin, die auf die Weise ihr Studium finanzieren konnte und deswegen auch im Beruf Fuss fasste. In New Hampshire ist das ein normaler Vorgang für Leute, die mit über 30 zum Umsatteln in Mangelberufe motiviert werden.

    So ich Nationalrat Müri richtig verstanden habe, wird im Nationalrat demnächst darüber debattiert, ob man anstatt grosszügiger Stipendien solche zinlosen Darlehen schaffen will. In dem Fall würden die Darlehen nicht für die Studiengebühren kommen, sondern für Lebenshaltungskosten. Dort ist alles auch viel übersichtlicher. Ein Berner Student würde sich zum Beispiel überlegen, ob er lieber kostengünstig bei seinen Eltern wohnen will und dafür in Kauf nimmt, an einer zweit- oder drittklassigen Provinzuni Biologe zu werden. Oder ob er nach Neuchâtel pendelt, ein kleines Darlehen für Bahn und Mensa braucht und dafür eine gründliche Ausbildung zum Ökologen bekommt. Oder ob er in Zürich wohnt, ein grosses Darlehen aufnimmt und dafür eine solide Ausbildung an Uni oder ETH und zuverlässige Berufschancen erhält.

    Ich finde es zwingend notwendig, dass die jungen Studenten Eigenverantwortung übernehmen können und müssen. Dazu gehört ein Budget, zu dem sie Sorge tragen müssen. So sind sie dann auch motiviert, sich bei der Uni und bei den Professoren für die eigenen Rechte einzusetzen.

  7. @Jürg Wir können auch keine unfähigen Ingenieure brauchen. Die Unis müssen einen gewissen Standard ihrer Absolventen garantieren. Ich empfinde dieses System als gerechter als das US-System wo nur die Finanzen über den Erfolg entscheiden. Denh ier entscheidet das Können. Das US-System führt zudem zu extrem teuren Fachkräften. So muss dort z.Bsp. ein Arzt doppelt so hohe Tarife verrechnen wie hier. Nur weil er die mehreren hunderttausend Dollar Schulden abbezahlen muss. Einen Kredit aufzunehmen würde zudem bei der CH-Mentalität nicht funktionieren.

  8. @Hansli

    Ich sehe den Zusammenhang nicht zwischen „fähigem Ingenieur“ und „unter Zeitdruck extrem viel Leistung erbringen“. Für mich ist ein fähiger Ingenieur einer, der sich hinsetzt, in Ruhe nachdenkt und dann geduldig eine Lösung entwickelt. Leute, die immer grad schon alles wissen, bevor sie überhaupt richtig hinhören, die sind dann vom Typ „arroganter Besserwisser, typisch von der ETH und viel Geld wollen sie auch noch“ — gängiges und berechtigtes Vorurteil.

    Darum denke ich, dass es sehr wohl für alle Beteiligten von Vorteil ist, wenn Ingenieure auch etwas länger brauchen dürfen bis zum Studienabschluss. Man braucht nicht die Anforderungen in den Prüfungen zu senken, nur den Zeitstress zu mindern. Damit wird die politisch motivierte Absicht der ETH-Leitung unterlaufen, möglichst viele Schweizer Bachelorstudenten hinauszuekeln, um dann umso mehr Doktoranden Masterstudenten aus Deutschland hereinzuholen. Die sehr offensichtliche und unglaublich arrogante Diskriminierung der Inländer würde auf eine wirkungsvolle Weise verunmöglicht. Den Ansprüchen der Steuerzahler würde genüge getan.

  9. Ich haben keine Ahnung warum das eine Diskriminierung sein soll. Unter Zeitdruck Leistung und erbringen ist immerhin Alltag. Ob in der Privatwirtschaft- Forschung und auch beim Staat. Zum Däumchen drehen wird man nicht bezahlt. Wer geduldig ein Lösung sucht, der ist innert kürze seinen Job los.
    Dass die ETH keine Doktoranden findet ist ein anderes Thema. Ein Ingenieur kann in der Privatwirtschaft in ca. 30% mehr verdienen und in einigen Bereichen 100% mehr (die erhalten einen 100% Doktorandenlohn, nicht wie die anderen (Bios etc) ihre 50 oder 60%). Nach 3 Jahren kann derjenige ins Management aufsteigen und wesentlich mehr verdienen. Ein Doktortitel ist da nicht wirklich Karrierefördernd. Das macht man eher aus Freude an der Wissenschaft. Da für Schweizer meist Geld alles ist, ist die Wahl gegen die Wissenschaft klar. Noch schlimmer wird es dann auf PostDoc-Stufe. Da sind dann gart keine Schweizer zu finden. Kaum ein Ingenieur wird sich der Unsicherheit einer wissenschaftlicher Karriere aussetzen.

  10. „1) Die Regelstudiendauer soll vom Studenten verlängert werden können.“

    Hier in Deutschland ist das Studium inzwiwschen zur Schule geworden. Der ursprüngliche Gedanke, dass Studieren „sich um eine Sache bemühen“ bedeutet ist verlorten gegangen. Die Studenten bemühen sich nicht mehr, und haben auch keine Zeit für eigene Initiative – es wird gelehrt und gelernt im Takt der Zeitvorgabe, und dann macht man den Abschluss.

    Ich hatte noch das Glück zu einer Zeit das Studium zu beginnen als es noch keine Deckel für die Studiendauer gab, und muss sage, ich bereue es sehr, nicht mehr von den Angeboten der Universität zur Ausbildung neben dem eigentlichen Fach gebrauch gemacht zu haben. Zum Glück hatte ich eine interessante Kombination (Informatik + Nebenfach Maschinenebau) die mir Einblick in einen recht großen Bereich der Technik gegeben hat. ich habe mir 14 Semester Zeit genommen, und muss sagen, meiner Meinung nach ist der Ruf nach jungen studienabgängern Unfug. Dennoch istd ie politik dem gefolgt, und heute müsste man das gleiche Pensum in allerhöchstens 10 Semestern abschlissen, während meine 14 damals just der Durchschnitt waren – ich war also weder besonders schnell noch langsam.

    Und ich muss sagen, ich hätte länger studieren sollen, und Gebrauch davon machen noch etwas Sprachliches und aus dem Studium Generale dazu zu lernen.

    studere – „sich um etwas Bemühen“

    Die initiative, das „sich“ im Bemühen ist wichtig im Studium. Und es braucht Zeit. In meinem Heimatdialoekt gibt es ein Sprichwort „no net hud’le“ – das ist schwer auf Hochdeuscth zu sagen, weil es das hud’le auf Hochdeutsch nicht gibt – das bedeutet in etwa schnell zu arbeiten, und dabei fehler un Kauf zu nehmen. Der Spruch sagt, „Lieber langsam und sorgfältig.“ Und das ist was ein Studium sein solte – vor allem sorgfältig. Hetze behindert sowohl die Breite als auch die Tiefe eines Studiums, und das kann nicht im Sinn der Sache sein – zumindest das Universitäre Studium sollte zum „Bemühen um die Sache“ zurückkehren und frei von zeitdruck stattfinden. Eine schulische Hochschulausbildung hatten wir hier in Deutschland schon vorher, in Form der fachhochschule, und die Zweiteilung war gut. Jetzt ist sie verloren gegangen, und Universitäten sind auch nur noch Schulen.

  11. @gedankenweber

    Ich verstehe schon, was Du mit „hud’le“ meinst. Mein Vater hat mich oft genug ermahnt „Tue nit jufle bim Schaffe!“ und hat dasselbe gemeint: Die Dinge husch, husch erledigen wollen und dabei mehr kaputt machen als erschaffen und am Schluss muss man von vorne anfangen. Die bernische Antwort lautet: „Nume nid gschprängt aber geng chli hüüh!“ — Nur keine Eile, aber immer ein wenig vorwärtsmachen.

    Im Grossen Rat des Kantons Bern (unserem Parlament, die Uni gehört dem Kanton) war das schlagende Argument für die Studienzeitbeschränkung sehr einfach: Die Studenten sollen schneller abschliessen, dann gehen sie früher einer Erwerbsarbeit nach und bezahlen ordentlich Steuern.

    Von den Universitäten her kam das Argument aus einer anderen Richtung: Man war der Meinung, dass 27-jährige Doktoranden zu alt seien, um internationale Hochschulkarrieren einzuschlagen. Man machte den Vergleich mit den Universitäten im angelsächsischen Raum. Dabei wird allerdings übersehen, dass weniger als 5% der Uniabgänger eine akademische Karriere einschlagen.

    Viel wichtiger ist die Frage, was die Arbeitgeber wollen:
    a) Brauchen sie junge Hochschulabsolventen, die zwar nicht viel können, dafür aber betriebsintern weitergebildet werden? Angeblich sei das in der chemischen Industrie als Arbeitgeber für Biologen der Fall
    b) Wollen sie solide ausgebildete Kenner der Materie, die selbständig ihr Aufgabengebiet im Betrieb übernehmen? Das ist bei fast allen Fabrikationsbetrieben der Fall, die Biologen und Chemiker brauchen, um die Betriebssicherheit sicherzustellen. Es ist sowieso der Fall bei allen Arbeitgebern, die Ökologen in der Umweltplanung und -begutachtung beschäftigen. Sie sitzen seit Jahren auf dem Trockenen und bekommen ihr Personal nicht.

    Aus Sicht der Hochschulabsolveten ist Variante a) ein va banque Spiel. Auf einmal sind diese Leute 50 und werden während einer Betriebsrestrukturierung auf die Strasse gestellt. Jetzt rächt sich, dass sie nie gelernt haben, sich selbständig und eigenverantwortlich in neue Themen einzuarbeiten.

  12. „Wer geduldig ein Lösung sucht, der ist innert kürze seinen Job los.“

    Wir hatten hier eine Doktor der Molekularbiologie, der mir immer imponiert hat durch seine geduldige und äußerst gründliche Herangehensweise. Er hat recherchiert, gelernt, und Lösungen evaluiert, um die für den konkreten Fall beste Lösung zu finden.

    Mein Chef konnte mit dieser Art Mitarbeiter nicht umgehen. Sicher, für eine Firma ist es nicht gut, wenn alle so sind. Aber einer pro Team sollte so sein, als Gegengewicht zu den schnellentschlossenen und oberflächlichen. Vor allem wenn die Leute in der Lage sind, das erworbene Wissen weiterzugeben. Aber es bedarf auch des richtigen Chefs der die Talente seiner Mitarbeiter erkennt, und die Aufgaben entsprechend verteilt. Ich glaube dass diese Leute wertvoll für eine Firma sind, wenn sie richtig eingesetzt werden.

  13. Ihr Doktor der Molekularbiologie hat als Wissenschaftler weitergearbeitet. In der Wissenschaft ist diese Herangehensweise gefragt. In der Privatwirtschaft zählt nur das Geld. Ich arbeite zurzeit in beiden Bereichen.
    In der Wirtschaft muss ich das abliefern, was der Kunde will und nicht mehr. Wenn der Kunde eine Maschine will die nach 5 Jahren entsorgt wird, dann muss ich nicht die perfekte Maschine bauen die 10 Jahre hält. Das Produkt muss die Anforderungen des Kunden erfüllen und nicht mehr. Dasselbe bei mir als Gutachter. Der Kunde will ein Dokument mit Massnahmen, damit er die gesetzlichen Anforderungen erfüllt. Dabei muss ich die wichtigen gesetzesrelevanten Punkte erkennen und behandeln. Ich kann da nicht zu allem eine Abhandlung schreiben. Wichtig ist zu erkennen, was wichtig ist, um das unwichtige wegzulassen.

  14. @Hansli
    Bei Deinem Maschinenbauerbeispiel:
    Vielleicht gibt es aber in der Branche von dem Druckmaschinenhersteller Leute, die ihre Maschine nach 5 Jahren modernisieren möchten. Dann muss einer heran, der abschätzen kann, wie sich die Branche entwickelt, in welche Richtung Modernisierung gewünscht werden. Und der Ingenieur, der die Maschine entwickelt, der muss umsichtig, sorgfältig, kontinuierlich dranbleiben.

    Der Molekularbiologe von der Novartis, der bei uns redete arbeitet an der Produksicherheit. Lange bevor man die Substanzen herstellt und ausprobiert, schon in der Zeit des Designs, der Anpassung an das Target, den Wirkort wird vorausschauend gefragt, welches die kranmachenden Wirkungen desselben Stoffes sein könnten. Im ganzen 10-jährigen Entwicklungsprozess fängt man mit vielleicht 10’000 Substanzen an. Bis eine einzige für die klinische Erprobung übrigbleibt, vergehen fünf bis 10 Jahre und eine Milliarde Franken wird verbraucht. Eine weitere Milliarde kostet dann noch die klinische Erprobung. Diese Art von vorausschauenden Wissenschaftler wird in der Privatwirtschaft sehr wohlb benötigt, die Frage ist allerdings wo und die Frage ist auch, ob der Chef vom Gedankenweber genug weitsichtig ist, zu erkennen, dass auch seine Firma solche Leute braucht.

  15. @Jürg Vorausschauendes Management ist durchaus wichtig, jedoch kein Aufgabe für das tägliche Geschäft. Das was Du beschreibst ist im Management angesiedelt. Die müssen die zukünftige Entwicklung sehen. In grösseren Betrieben hat jeder sein Pflichtenheft und nichts anderes. Der Punkt ist einfach, man muss das liefern was effektiv verlangt wird und nicht mehr. Je besser diese Abgrenzung gelingt, desto mehr in der Kasse. Einzig die Wünsche des Kunden sind zu befriedigen.

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