Mein Trost!

Da hat es mich verschlagen in eine Vorlesung von der Sorte, wo ich um keinen Preis in diesem Leben landen wollte: Abkürzungsspeak von Molekularbiologen – die Sorte Sprache wo jeder zweite Satz drei kryptische Abkürzungen von Enzymen, Genen, technischen Methoden enthält. Eigentlich wollte ich nur eine Überblick über den aktuellen Stand der Epigenetik bekommen und lande da wo Spitzenforschung betrieben wird. Erstaunen tut mich, wieviel mein Grundstudium hilft. Was ich vor bald 30 Jahren gelernt habe, ist in keinem seiner Teile falsch oder überholt.

Während damals ein grobes Gerüst da war, so ist heute ein feines Netz in das Gerüst gewoben. Ich finde mich nahtlos zurecht, weil ich schnell aussortiere, an welchen Stellen ich anknüpfen kann, welche Fragen ich mir beantworten muss, um in den Zusammenhängen weiterzudenken.

Als geschulter Ökologe fallen mir Lücken in dem Wissen auf, die den Molekularbiologen fremd sind:
In hierarchischen Systemen gibt es eine zunehmende Komplexität mit der Zahl von Hierarchiebenen. Bei Ökosystemen gehen die Überlegungen in die Richtung, dass Systeme instabil werden, wenn Rückkoppelungen aus mehr als drei (oder dann höchstens vier) Hierarchiebenen die äusseren Eigenheiten des Systems regeln. Überlegungen in diese Richtung habe ich von den Molekularbiologen nicht gehört. Aber sie werden mit Sicherheit begrenzen welche und wieviele der in der Vorlesung besprochenen im Experiment beobachteten Vorgänge in der Natur auftreten.

Dann gibt es ein schieres Mengenproblem: Die Aberhunderten von verschiedenen Enzymarten, die da in vielfacher Kopie ständig aktiv sind, müssen schlicht irgendwo Platz haben. Es geht ganz brachial um das verfügbare Volumen in picokubikmetern. Ich habe auch keine Bilanzen zu Energieversorgung und Stoffmengen gesehen. Transportmechanismen werden beschrieben aber nicht das total der notwendigen Kapazität, die nicht einfach einem einzelnen dieser molekularen Vorgänge zur Verfügung stehen müssen, sondern dem gesamten Geschen.

Als drittes und auffälligstes bleibt der seltsam gespenstische Kontrast zwischen der ausgesprochen groben und ungewissen zeitlichen Auflösung und der feinsten Auflösung in der stofflichen Körperlichkeit. Es werden die Wechselwirkungen von sehr vielen unterschiedlichen Molekülen beschrieben. Wie diese im Zeitablauf, rhythmisch zusammenwirken, darüber gibt es Informationen, aber sie sind sehr viel dünner gesät.

Man muss es sich wie Schachspielen vorstellen. Die Figuren und die Regeln haben eine Art ewiger Gültigkeit. Es gibt ganze Kompendien von berühmten Zügen aus historischen Partien. Diese werden immer von neuem hervorgenommen, studiert, nachgespielt. Es gibt Problemstellungen in Zeitschriften für die passionierten Schachamateure (so eine Art Sudoku-Zeitschrift aber etwas anspruchsvoller). Die Realität eines Schachturniers ist aber eine andere: Da ist die Uhr auf dem Tisch die läuft, solange der eine Spieler am Zug ist und die stoppt, wenn der andere seinen Zug machen muss. Die Zeit hat keine Auflösung, trägt keine Information über das Spiel, ausser das sie begrenzt ist.

Meine Schlussfolgerung ist, dass dieses Wissen seinen Zenith überschritten hat und in den nächsten 15 Jahren um die dreiviertel der experimentellen Ergebnisse vergessen und verloren werden. Wissenschaftler haben oft eine seltsam positivistische Einstellung zu ihrer Erkenntnis. Sie meinen, das wisse man, was sie da publiziert haben und sehen nicht, dass sie in einen Kontext eingebunden sind von Vorstellungswelte und Sprachgebrauch. Die Molekularbiologie, die ich da so cool und unbeschwert geniesse, wird vermutlich schneller liquidiert werden als Karrieren von jungen Kollegen zum Ende kommen.

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3 Gedanken zu „Mein Trost!

  1. Die Molekularbiologie hat erst richtig angefangen. Die kommt gerade aus der Kinderkrippe raus in den Kindergarten. Dabei wurde die Epigenetik erst geboren…..

    Heute beginnt das Zeitalter der Molekularbiologie. Die neuen Techniken die sich rasend schnell entwickeln bieten bisher ungeahnte und gleichzeitig günstige Möglichkeiten. Selbst die Ökologie entwickelt sich immer mehr Richtung Molekularbiologie.

  2. Mir gefällt zum Beispiel was ich über die Fraktionierung von Isotopen in Nahrungsnetzen zu lesen bekomme. Auch die Vorstellung, den Weg und die Verteilung von sekundären Pflanzenstoffen durch ein Ökosystem zu verfolgen, fasziniert mich. Die EAWAG hat vor ein paar Jahren die Abwasserbelastung des Greifensees abgeschätzt anhand des Eintrages von Coffein.

    Dennoch: Von der Molekularbiologie, wie wir das zur Zeit gelehrt bekommen wird weniger als ein Viertel die nächsten 15 Jahre überleben. Es gibt sehr offensichtlich konzeptionelle Mängel, die durch die gängigen Denkschemen stabilisiert werden.

  3. Die Molekularbiologie beschreibt, konzeptionell ist da nicht vie vorhanden. Das Zusammenspiel aller Abläufe wird der Systembiologie (neue Richtung) zusammengesetzt.

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