Persönliche Grösse.

Beeindrucken kann mich ein Professor, wenn er einerseits meine Arbeit kritisiert, mir sagt, wo ich Lücken füllen soll, wenn er aber andererseits die Grösse hat zu sagen: „I never thought of it that way. — So habe ich es noch nie angeschaut.“ Das ist mir kürzlich passiert als ich meinen Entwurf zur Semesterarbeit über „noise in ecosystem dynamics“ mit dem Dozenten besprach.

Als Student hat man Privilegien, die ein Fachspezialist nicht mehr hat. Man muss nicht Rücksicht nehmen auf das, was in dem Spezialgebiet üblich ist. Man muss sich nicht ständig im voraus überlegen, ob eine solche Idee überhaupt publiziert würde. Man kann sich als Anfänger auch nicht gross blamieren, weil ja alle wissen, dass man der Anfänger ist. Das heisst, die laut ratternde Rasenmäherschere von Selbstszensur kurvt noch nicht durch mein Hirn.

Ausserdem sind wir Studenten in einer Reihe von unterschiedlichsten Fachgebieten auf einem modernen Stand ausgebildet. Das heisst, die Minderheit der wirklich cleveren können daraus schöpfen, weiterdenken, kombinieren. Das muss jeden eifersüchtig machen, dessen Studium länger zurückliegt.

Ein gescheiter, schnell und in grossen Würfen denkender, rasch kombinierender Student kommt ab und zu mit Ideen, die ein Spezialist in seinem Fachgebiet noch nicht hatte. Das Verhältnis mag 20% neue Ideen vom Studenten, 80% Belehrung durch den Professor sein. Vielleicht ist es auch 2% zu 98%. Was aber passiert, wenn das Gegenüber unsicher ist, vielleicht sogar zur zweiten Garnitur in dem Wissenschaftsbetrieb gehört?

Er bekommt es mit der Angst zu tun, meint am Ende noch, von einem kreativen Denker übertrumpft zu werden. Das sind dann die Kleingeister, die die Leistung des Biologiestudenten nicht nach seinem fachlichen Können bewerten, sondern danach, ob sein englischer Sprachstil gut ist, ob sein Vortrag für die Bachelorstudenten verständlich war oder er geht über zu Mobbingmethoden.

Einer meiner jungen Studienkollegen kommentierte kürzlich, wie wenig Respekt Professoren vor den Studenten haben, wenn sie deren Können nicht herausfordern.

Der konkrete Anlass war meine selbständige Semesterarbeit zum Thema „noise in ecosystem dynamics“. Die meisten Ökologen suchen in ihren Zeitreihen einen Trend von Veränderungen oder auch periodische Signale, wie zum Beispiel den Einfluss von Jahreszeiten. Dabei gehen wir Ökologen immer davon aus dass die Resdiuen normalverteilt und homoscedastisch sind. In der Signalverarbeitung nennt man den Idealfall solcher Residuen „weisses Rauschen“ mit einer gleichmässigen Verteilung der Spektraldichte über alle Frequenzen. Weisses Rauschen könne scheints auch poissonverteilt sein, aber das ist dann eine andere Geschichte, nämlich dass wir Ökologen keine richtige statistische Ausbildung haben und mit solchem nicht hantieren können.

Solange Ökologen kein solides viersemestriges Mathematik- und Statistikstudium absolvieren, werden sie immer auf solche Vereinfachungen zurückgreifen und weisses Rauschen in den Residuen voraussetzen. Das Problem entsteht, wenn man Langzeitbeobachtungen an natürlichen Ökosystemen vornimmt. Die Varianz wird mit der Zeit immer grösser. Die Analyse der Zeitreihe zeigt dann sogenanntes „rotes Rauschen“ an, bei dem die Spektraldichte in den tiefen Frequenzen wesentlich höher ist als in den hohen Frequenzen. Es gibt einen Überhang beim Einfluss langsamer und sehr langsamer stochastischer Veränderungen. Wenn ich ein Waldökosystem während 20 Jahren beobachte, dann kann es sein, dass die ganze Aussage über den Haufen geworfen wird, wenn nachkommende Generationen die Beobachtungsreihe auf 50 oder 100 Jahre ausdehnen. In dem Sinn ist der Erkenntniswert von ökologischen Experimenten in der Häfelibotanik auch entsprechend gering einzuschätzen.

Rotes Rauschen ist das unbestimmte Integral des weissen Rauschens. Wenn ich die Zeitreihe von stochastisch normalverteilten Niederschlägen nehme und dann daraus eine Zeitreihe von akumuliertem Wassermangel über eine bestimmte Zahl von Monaten errechne, so erwarte ich dass diese Zeitreihe ein rotes Rauschen zeigt. Hat der Professor so publiziert. Ich kam mit dem Vorschlag, dass das Resultat die logische Folge der Berechnungsweise ist und nicht ein Naturphänomen. „I never thought of it that way.“

Danke, das ist die Sorte von Grösse, die ich von meinen Ausbildnern erwarte.

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