Eiertanz.

Stimmt, im Studienreglement steht es drin: Zum Masterstudium in Naturwissenschaften wird an der Uni Bern nur zugelassen, wer einen Bachelor von einer Universität hat, der nicht älter als 10 Jahre ist. Dies im wesentlichen, ist die Begründung der Rekurskommission der Universität Bern, warum man mich nicht in das Masterstudium aufnehme und warum ich mit Diplom nach einem Reglement von 1999 mein Biologiestudium abschliessen müsse.

Die Bologna-Reform wurde 2003 beschlossen. Schon sehr bald werden wir also die ersten Bachelors haben, die vor 10 Jahren abgeschlossen haben. Etliche meiner jungen Studienkollegen haben sich nach dem Bachelor von den Biologen abgeseilt und anderswo weiterstudiert. Was ist, wenn sie später noch einmal darauf zurückkommen und hier den Master machen wollen? Würden sie vor verschlossenen Türen stehen?

Selbstverständlich wissen alle Beteiligten, die Mitglieder der Rekom, die Fakultät, das Dekanat, dass das mit diesen 10 Jahren Verjährungsfrist ein Schwindel ist. Die Frage ist jetzt, will ich losrennen, wie der Muni in den Chrishuufen und die verdatterten Leute aufscheuchen?

Mein Fall bietet sich an, um dieser Bestimmung den letzten Stoss zu versetzen. Auch habe ich die Ressourcen, Lebenserfahrung, Kontakte zu juristischen Fachleuten, zudem Zeit und Geld, um diesen Kampf zu führen. Ein 35-jähriger mit Frau und Kind würde die Schultern einziehen und passen müssen. Ihn könnte man verarschen. Doch Hand auf mein Herz: bin ich nicht langsam zu alt für solches? und wer denn, wenn nicht ich?

Ich halte hier in meinen Händen den Entscheid der Rekurskommission in Sachen meines Studienabschlusses. Bei der Anpassung der Studiensituation an meine Behinderung hat sie mir weitgehend Recht gegeben. Über diese rechtlichen Folgen habe ich heute morgen ausführlich in meinem anderen Blog geschrieben. Hingegen hat die Rekom mein Begehren um Überführung in das Masterstudium abgelehnt.

Für die behinderten Studenten an der Uni Bern habe ich eine Bresche geschlagen. Ich habe sehr viel Zeit geopfert und mein Beziehungsnetz bis an die Grenzen der Belastbarkeit gespannt.

Soll ich jetzt die gleichen Strapazen auch noch für meine jungen Kollegen im Bachelorstudium auf mich nehmen? Ich mag sie, diese jungen, ihnen würde ich alle Chancen für ihre Zukunft gönnen. Wer von ihnen möchte später einmal zurück an die Uni wollen und als Biologe auf den Master studieren? Ich habe bis 9. Februar Zeit, um mich beim Verwaltungsgericht über den Entscheid zu beschweren. Da stellt sich die Frage.

Wie komme ich zu meiner vernichtenden Beurteilung des Entscheides der Rekurskommission?
Die Rekom führt über acht lange Seiten hin einen Eiertanz auf, legt ein unübersichtliches Labyrinth durch Bundesgesetze, Vereinbarungen zwischen Universitäten, Bologna-Richtlinien, kantonale Gesetze und Verordnungen. Die ganze Zeit wiederholt sie das eine: Darum gelten die Zulassungsbestimmungen der naturwissenschaftlichen Fakultät mit ihrer 10-jährigen Verjährungsfrist für den Bachelor-Titel.

Vielleicht kann man mit kompliziertem Juristentum junge Studenten beindrucken. Ich bin zulange in diesem „Behörden verschaukeln Bürger“-Geschäft drin, so einfach ist es nicht. Zum Glück kann in Zeiten von www und pdf auch ein normaler Mensch all die lustigen Regelungen herunterladen und nachprüfen. Überall in all diesen Gesetzen, Vereinbarungen, Verordnungen steht drin, dass zum Masterstudium an den Universitäten zugelassen wird, wer einen universitären Bachelor oder einen vergleichbaren Abschluss hat. Von „nicht älter als 10 Jahre“ steht nirgends ein einziges Wort, aber wirklich nicht an einem allereinzigen Ort. Diese Frist hat die naturwissenschaftliche Fakultät der Uni Bern von sich aus dazugetan.

Mit dieser Verjährung von Bachelortiteln beschränkt die Fakultät die persönliche Freiheit der Bachelorabsolventen in gravierender Weise. Nirgends in welchem Gesetz auch immer steht, dass die Fakultät diese Einschränkung vornehmen darf. Damit wären wir bei der Bundesverfassung Art. 10, Abs. 2 mit ihrer Garantie der persönlichen Freiheit.

Man nennt es „Legalitätsprinzip“. Ich bin nicht Jurist und kann es darum nur so gut wiedergeben, wie ich es halt versuche: In der Schweiz dürfen Behörden nur über die Untertanen bestimmen, wenn das ausdrücklich im Gesetz so drin ist. Der Grund dafür ist, dass Gesetze vom Parlament beschlossen werden und das Volk sie im Referendum kippen kann. Begründet wird es mit der Bundesverfassung, Art. 5, Abs. 1 (rechtsstaatliches Handeln) und teils auch Art. 9 (Treu und Glauben zwischen Staat und Bürger).

Und genau darum: Die philosophisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Bern kann nicht von sich aus beschliessen, dass Bachelors nicht länger als während 10 Jahren zum Masterstudium zugelassen werden. Wenn die Fakultät so etwas haben möchte, dann muss sie zuerst beim Grossen Rat des Kantons Bern vorbeischauen, anständig ihre Bitte äussern und dann schauen, ob der Grosse Rat das eine gute Idee findet. Damit Basta.

Also, was will ich? Kämpfen, meine erprobte Geduld und meinen Mut einsetzen? Die Angelegenheit auf mich nehmen, einfach weil es getan werden muss, weil es einer tun muss, egal wer, ich oder ein anderer?

**************************************************
Verwendete Literatur:
Studienreglement RSL phil-nat 2005, Art 43, Abs. 2
eidgenössisches Universitätsförderungsgesetz, Art. 6, Abs. 1, Buchstabe a
eidgenössische Vereinbarung über die Zusammenarbeit der Universitäten
Bologna-Richtlinien der Universitätskonferenz, Art. 3, Abs. 1
bernisches Universitätsgesetz, Art. 29, Abs. 3
bernische Universitätsveordnung

Und dann noch die Bundesverfassung in ihrer Herrlichkeit:

Im Namen Gottes des Allmächtigen!
Das Schweizervolk und die Kantone,
in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,
im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,
im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,
gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,
geben sich folgende Verfassung:

**************************************************

Advertisements

Ein Gedanke zu „Eiertanz.

  1. Richtig, ich weiss: Prof. Walter Kälin, der Präsident der Rekurskommission, der ist Professor für Staatsrecht. Wer an dieser Universität Bern, ausser Professor Kälin, weiss besser, was das Legalitätsprinzip ist und wie es korrekt angewendet wird?

    Was für ein frächer Stürmisiech ist dieser Student Brechbühl, dass er meint, er wisse es besser als der Professor Kälin?

Was Du denkst:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s