Selbsterfahrung.

Ein Freund aus Gymerzeiten nennt es „80er-Jahre Selbsterfahrungspädagogik“ und ärgert damit seine Ehefrau, die Primarlehrerin von Beruf ist. Er hat einen Abschluss als „ingénieur informaticien“ von der EPFL Lausanne. In Lausanne studiert hat er, weil ihm das naturwissenschaftliche Studium zu einfach war und er nebenbei auch grad noch richtig gut Französisch lernen wollte.

Gefahren der Bisonjagd im Frontalunterricht.  Hörsaal der neolithischen Fachhochschule für Jagdtechnik und Überlebenstraining in Lascaux.  Bildquelle: wikimedia commons

Gefahren der Bisonjagd im Frontalunterricht.
Hörsaal der neolithischen Fachhochschule für Jagdtechnik und Überlebenstraining in Lascaux.
Bildquelle: wikimedia commons

Inzwischen habe ich herausgefunden, dass die Fachleute „Konstruktivismus“ sagen, wenn sie die Selbsterfahrungspädagogik meinen. (Man klicke bitte auf den Link und finde in der wikipedia die Kurzbeschreibung.) Das war in den 80er-Jahren der letzte Schrei an den Lehrerseminaren. Dazumal fanden die Pädagogikforscher, das sei das beste und modernste in Sachen Wissensvermittlung. Die Lehrer unterrichten nicht, sondern die Schüler kommen selber darauf – alles garniert mit komplizierten intellektuellen Gedankenkonstruktionen, warum wir heute das Unterrichten besser können als die Höhlenbewohner beim Kräutersammeln und auf der Elchjagd.

Voller blankem Entsetzen begriff ich vor zwei Jahren, dass im Departement für Biologie an der Universität Bern ein solcher konstruktivistischer Ansatz verfolgt wird. Ab dem dritten Bachelorjahr verzichten die Professoren weitestgehend darauf, die Studenten zu unterrichten.

Sie sollen im Web of Science recherchieren, Journal Papers herunterladen und Seminar- und Praktikumsarbeiten schreiben. Das kommt dann so heraus, dass die Jungen gescheit tönende Berichtlein schreiben über Dinge, die sie nur halb verstanden haben. Grundlegendes ist nicht unterrichtet worden. In ihren Berichten verkaufen die Studenten Wissen, über das sie gar nicht verfügen.

„Konstruktivistischen Wissenserwerb“ könnte man das alles nennen. In Wahrheit ist es eher so, dass die Professoren mit möglichst wenig Eigenleistung möglichst viele ECTS-Pünktli auf den Studentenkonten gutschreiben wollen. Die Studenten mühen sich wochenlang ab, schnurpfen 8 Seiten Bericht zusammen, listen für jeden ihrer Sätze drei Referenzen zur Originalliteratur auf, damit ihnen dann ja niemand ein Plagiat vorwerfen kann. Die Professoren überfliegen hurtig den Aufsatz und setzen eine Note. Kommen fünf oder sechs Studenten in eine solchen Lehrveranstaltung, dann darf der Professor für das Berichtlein zwei oder drei ECTS gutschreiben. Dafür muss er selber einen minimistischen Arbeitsaufwand von 30 bis 40 Minuten pro Semester leisten. Für weitere anderthalb ECTS muss er dann doch noch eine richtige Vorlesung halten, sonst kommt er mit dem Schwindel nicht davon. Das wären dann weitere 12 Stunden zuzüglich Vorbereitungszeit.

Was soll das alles? Warum gehen die Studenten nicht in unsere wunderschöne, bestens ausgestattete Bibliothek, vertiefen sich in die Standardwerke, stürzen sich auf das verfügbare Wissen, schreiben Fragen auf, die sie dann in der Pause den Professoren stellen können? Unsere Bibliothek ist so gut wie leer. Bücher lesen tut vielleicht einer aus 40 Studenten. Die anderen kommen höchtens wegen dem grossen Schreibtisch und dem WiFi Zugang.

Im Gespräch finde ich heraus, dass meine jungen Studienkollegen die weiterführenden Standardwerke gar nicht kennen. Das Konzept der Monographie ist ihnen komplett fremd. Titel und Autoren sind ihnen noch nie begegnet. Sie sagen mir, dass sie auch gar keine Zeit haben, in dem übrigen Leistungsdruck auch noch Bücher zu lesen. Wenn ich dann ins Detail gehe, finde ich heraus, dass ihnen schlichtweg das Vorwissen fehlt, um den Inhalt aufzufassen. Sie kommen nicht draus. Die Professoren haben es versäumt, die wissenschaftlichen Grundlagen zu unterrichten, die notwendig sind, um den Inhalt dieser Bücher zu verstehen.

Ein paar Sätze aus einem Zeitschriftenartikel herauspicken, diesen umformulieren und korrekt zitieren für ein Semesterberichtlein, ist wesentlich einfacher, als sich in das Wissen hineinzugraben, Fragen zu stellen und weiterzudenken. Was hier als naturwissenschaftliches Studium bezeichnet wird, degeneriert zur Farce. Unter diesen Bedingungen bleibt dann auch kaum je einer zum Doktorieren in Bern.

Kürzlich konnte ich mit zwei Abgängern der pädagogischen Hochschule reden. 23-jährige angehende Primarlehrer ärgern sich nur noch darüer, dass an der PH die 80er-Jahre Pädagogik unterrichtet wird, als wäre sie modern. Sie sehen den Konstruktivismus als verstaubt, ewiggestrig, nutzlose Kopfgeburt besserwisserischer PH-Dozenten. Sie werden es im Unterricht anders und besser machen. Wie lange wird es dauern, bis auch an der Uni modern unterrichtet wird? Und wer erforscht eigentlich, auf welche Art man junge Erwachsene auf akademischem Niveau modern und erfolgreich in die Naturwissenschaften einführt?

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2 Gedanken zu „Selbsterfahrung.

  1. @ mongo
    Ich lasse Deinen Kommentar so stehen. Er ist ziemlich deutlich, kurz und bündig, geeignet zur Illustration meiner Einschätzung in Sachen Selbsterfahrungspädagogik.

    So ungefähr kommt es heraus, wenn die Jungen bei den Post-68ern in die Schule gegangen sind. Sie haben dann selbstgesteuertes Lernen erfahren, anstatt dass man sie unterrichtet hätte.

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