Drehsessel-Ökologen

Just gestern schrieb mein geschätzter Leser Hansli in seinem Kommentar, ein ökologischer Forscher solle sich nur in der Öffentlichkeit äussern, nachdem er seinen Text der Kommunikationsabteilung vorgelegt hat. Alles andere sei Selbstmord. Eine solche Notsituation ist schneller eingetroffen, als uns lieb ist.

Denn gerade gestern konnten wir online die Nachricht von einem Unfall in einer verhaltensökologischen Untersuchung der Uni Zürich lesen. Es geht um das Rehprojekt im Simmen- und Kandertal 18 Stück mit Funkhalsbändern markierte Rehkitze mussten erlegt werden, nachdem die Halsbänder die Tiere fast zu Tode würgten. Keiner meiner informierten Leser mag denken, den beteiligten Forschern habe das ganze nicht aufs Gemüt geschlagen.

Besonders enttäuscht bin ich allerdings vom Leitartikel des Chefredaktors des „Thuner Tagblattes“, Stefan Geissbühler. Vom Schreibtisch aus weiss er besser, was besser war für die betroffenen Tiere. Er stellt sich vor, man hätte diese einfach so schnell einfangen und die Halsbänder wieder wegnehmen können. Ein Chefredaktor, wenn er solche Bedenken hat, der kann sich bei den beteiligten Forschern und Wildhütern erkundigen, sie ausfragen, was wirklich der Ablauf und die Möglichkeiten sind.

Der ganze Aufwand, Vorbedingungen und Vorbereitungen für eine solche Fangaktion wurde in derselben Zeitung auch schon beschrieben. Kann man die Rehkitze einfach so schnell wieder einfangen? Wie lange genau brauchen sie, bis überhaupt die nötigen Leute zusammengetrommelt sind, das Material bereitsteht, die Tiere tatsächlich eingefangen sind?

Die Wildhüter sehen im Feldstecher, wie die Tiere leiden und nach Luft schnappen und röcheln. Sie können die Tiere mit dem Gewehr sofort von ihren Qualen erlösen. Das war der Entscheid, den die Fachleute trafen. Der Pöbel im Redaktions-Sessel weiss es besser.

Interessanter sind die Fakten zum Projekt, wie sie von derselben Zeitung vor wenigen Wochen veröffentlicht wurden. Dort lesen wir, wie viele Rehe pro Jahr eines gewaltsamen Todes sterben.

Vom Wildhüter wissen wir die Gesamtzahlen an Fallwild aus dem Kanton Bern. Im Jahr 2012 kamen insgesamt 2600 Rehe ausserhalb der Jagd zu Tode (sogenanntes Fallwild) – gerundet sind es 1800 bei Kollisionen mit Autos, 400 beschädigt beim Ackern und Heuen, 200 von Zügen zu Tode gerollt, je 100 von Hunden und von Luchsen gerissen.

Das hier besprochene Forschungsprojekt ergibt Zahlenanteile für das Simmental, wobei das Zahlenmaterial noch nicht fertig ausgewertet ist. Grob gerechnet: Jedes dritte Reh stirbt innerhalb von zwei Jahren. Die Hälfte davon sind Rehkitze, die in den ersten vier Lebensmonaten zu Tode kommen. Von diesen wiederum die Hälfte wird von Füchsen, seltener von wildernden Hunden gerissen. In den Jahren 2011 und 2012 sind 48 mit Sendern markierte Rehkitze in der freien Wildbahn eines elendiglich qualvollen, natürlichen Todes gestorben. Seien wir realistisch, die Natur ist keine heile Welt.

Ein Jahr später geht den Forschern etwas schief und sie müssen 18 Rehkitze erlegen. Jetzt sehen sie sich der lauthals polternden Kritik der Bambi-Ökologen ausgesetzt. Wie könnt Ihr nur, Ihr elendiglich zynischen Forscher, Ihr akademischen Hanswurste und alles nur, damit ihr dann ein paar neue Zahlen habt, die Ihr mit Kreide an die Wandtafel schreiben dürft! Die Zahlenverhältnisse sind vergessen: Von den erlegten 18 Rehkitzen überlebt die Hälfte die ersten vier Monate so oder so nicht. Und spätestens in drei Jahren sind im besten Fall noch zwei am Leben.

Was also müsste man einem Forscher raten, wenn er einen solchen Unfall öffentlich mitteilen muss? Sicher ist es richtig, ein Communiqué an die Presse zu verschicken. Vielleicht wäre ein Satz nötig, wo man etwas zur Populationsdynamik hineinschreibt, wieviel Tiere so oder so zu Tode kommen. Das selbstverständliche muss man in einer solchen Situation wiederholen: Ein solches Forschungsvorhaben ist auf Jahre angelegt. Am Schluss dient es, die Natur besser zu schützen.

Journalisten wie der Chefredaktor Stefan Geissbühler, die hocken träge in ihrem Drehsessel. Sogar die drei Mausklicks zu den Artikeln in seinem eigenen Käsblatt sind ihm zu anstrengend. Er ist zu faul, drei Minuten lang nachzudenken. Lieber gibt er einen dümmlichen Kommentar ab und bezeichnet den engagierten Doktoranden der Uni Zürich als „Zynische Forscher“ [Gedruckte Ausgabe des „Thuner Tagblatt“, 4. September 2013, Seite 2].

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Zur Quelle:
Das Thuner Tagblatt, genau wie die Bernerzeitung sind Lokalausgaben des sozialistisch-internationalen Zürcher Tagesanzeigers — man kann demnach beliebig im newsnetz.ch blättern.

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2 Gedanken zu „Drehsessel-Ökologen

  1. Man hätte die Tiere auch mit dem Gewehr betäuben, zu ihnen aufsteigen und die Halsbänder entfernen können. Geschätzte Dauer: 20 Minuten pro Tier. Die Halsbänder anbringen waren vorher offenbar auch kein Problem, also sollte auch das Entfernen im Aufwands-Budget einberechnet sein. Für solche „Forschung“ gebe ich kein Steuergeld!

  2. @Eberhard Die Halsbänder wurden den Tieren angebracht, als sie so klein waren, dass sie noch nicht davonrennen konnten. Mit einem Betäubungsgewehr muss man 20 bis 30m nah ans Tier kommen. Ist gut möglich, dass man nie so nahe ans Tier kommt.

    Die Sender sollten von alleine abfallen, aber wegen einem Fabrikationsfehler hat das nicht funktioniert. Daher mussten die auch geschossen werden.

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