Nicht dicht.

Dicht halten sie nicht, die jungen Kollegen von der ETH. Sie reden nämlich. Meine geschätzten Leser mögen es wörtlich nehmen, keinen Spott und keine Polemik darin sehen.

Das ist nämlich das auffälligste von allem, was die Masterstudenten von der ETH von meinen jungen Kollegen im dritten Bachelorjahr in Bern unterscheidet: Sie sind fähig, mehr als drei zusammenhängende, vollständige deutsche Sätze zu sagen über das was sie am Vormittag grad gemacht haben. Die ETH-Studenten können reden!

Ich habe früher darüber geschrieben: Bachelorstudenten in Bern sind im Dauerstress. Sie müssen im Verlauf des dritten Studienjahres 8 bis 10 Vorträge zu 15 oder zu 20 Minuten halten. Zudem müssen sie 10 bis 12 Berichtlein abgeben, je nach Dozent um die 5 oder auch 10 Seiten. In der ganzen elitären Anmassung, die sich das Departement für Biologie der Uni Bern vorgibt, schreiben die Bachelorstudenten alles auf English. Klar, sie können Englisch, sagen sie zumindest. Kaum je einer gaggst einen Satz oder noch einen zweiten in einer Vorlesung oder einem Seminar. Spätestens nach dem dritten ist bei jedem Schluss. So weit also reicht deren Englisch!

In der ganzen geballten Brutalität wird das dann sichtbar, wenn meine jungen Berner Kollegen, befreit von der Sprachbarriere, sich in der Pause in ihrer eigenen Sprache äussern könnten: Sie können nicht nur nicht richtig Englisch, sondern sie können überhaupt nicht reden über das was sie gelernt haben. Berichtlein schreiben funktioniert nämlich anders. Man lädt eine grosse Zahl papers aus dem WOS herunter und zitiert, zitiert, zitiert. Wichtig ist, dass die Referenzen stimmen. Ohne mindestens 10 Referenzen muss man keines seiner Berichtlein abgeben wollen. Die Kunst des erfolgreichen Bachelorabschlusses in Bern liegt demnach im gekonnten Abschreiben. Kein Wunder also, wenn diese Studenten nichts zu erzählen haben von ihrer Arbeit. Es gibt schlicht nichts zu berichten und sie können es nicht, das Reden.

Ich bin neugierig. Ich habe nicht dasselbe Studium erlebt, wie meine jungen Kollegen und kann von ihnen lernen. Wenn ich in Bern die jungen Kollegen in der Mittagspause frage, was sie am Morgen im Labor gemacht habe, dann ist kaum je einer fähig, das in drei zusammenhängenden Sätzen zu erklären.

Wie erfrischend anders ist es, mit diesen ETH-Studenten am Tisch zu sitzen! Da geht es lebendig und gesprächig zu und her. Sie fragen und erzählen. Wenn ich hier bin und Fragen stelle, dann bin ich bei weitem kein Exot wie in Bern. Hier stellt man Fragen und berichtet.

Die meisten kennen sich noch nicht, sind zum ersten mal in diesem Kurs aufeiandergetroffen. Studieren tun sie in verschiedenen Forschungsabteilungen, sind je nachdem im vierten oder auch schon im sechsten Studienjahr. Etliche sind nahezu fertig mit ihrer Masterarbeit, andere haben das Thema erst grad gefasst. Ausnahmslos alle können sie berichten über das Studium, über die Arbeit, die sie als Forscher in der Masterarbeit machen. Wenn einer nicht so viel sagen kann, dann benennt er den Grund: Er weiss noch nicht so genau, was bei dem ganzen herauskommt und muss abwarten, wie es weitergeht.

Wenn etwas düster auf mich wirkt, dann sind das eher die sehr kurz gefassten Perspektiven. Die ETH-Studenten reden kaum je über das was vor ihnen liegt. Nur ganz wenige wagen sich, irgendetwas auszumalen, was weiter weg liegt als zwei oder drei Monate in der Zukunft. Das gilt bei beidem: Bei der Masterarbeit, die eigentlich ein ganzes Jahr dauert, wie auch bei der beruflichen Zukunft.

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2 Gedanken zu „Nicht dicht.

  1. Für die ETH-Absolventen sehe ich zumindest ein wenig weniger Regen als für die Berner. Zwar stürcheln sie in denselben ausgetrockneten Arbeitsmarkt. Aber sie haben wenigstens brauchbares gelernt im Studium:

    1) Sie können beschreiben, was sie tun. Fast alle Ökologenberufe in der Schweiz hängen davon ab, dass man mit Auftraggebern aus Wirtschaft und Politik, mit Laien also, zusammenarbeitet. Das bedingt, dass sie sich präzise und verständlich ausdrücken und zwar auf Deutsch oder Französisch – je nachdem auch auf Italienisch.
    2) Sehr wichtig: Die ETH-Studenten erarbeiten ihr Masterprojekt selber. Mehrere von meinen Gesprächspartnern berichteten übereinstimmend, dass die Masterarbeit die Zeit sei, wo sie kombinieren müssen, aus dem Wissen des Grundstudiums schöpfen und die Zusammenhänge erarbeiten.

    Die Berner Studenten werden einfach in einer Forschungsgruppe als Billig-Arbeitskräfte in einem bestehenden Dissertationsprojekt ausgebeutet. Lernen tun sie höchstens auf einem technischen Niveau bei der Handhabung der Geräte und der Methodik.

    Im Unterschied zu den ETH-Absolventen kann man die Berner Studenten höchstens als Hilfsgärtner oder Hilfslaboranten einsetzen. Mehr haben sie nicht gelernt. Die Jungen in Bern merken das und hauen in Scharen nach dem Bachelor ab.

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