Wo sind die Begabten?

Die Masterstudentin am Tisch fragt mich an diesem letzten Abend der Pilzexkursion: „Von allen Studenten, die hier um den Tisch herum sitzen, den Umweltnaturwissenschaftern und den Biologen, kannst Du jetzt sagen, wer die Begabten sind?“ Ich habe diese jungen ETH-Studenten jeden einzelnen während der Exkursionen und bei der Laborarbeit aufmerksam beobachtet. Ich habe sie die ganze Woche über in herausfordernd gründliche Gespräche verwickelt, bei Tisch und in der Freizeit.

Und doch, so gerne ich eine Antwort geben möchte, ich weiss keine. Das beschäftigt mich ungemein und ich ging das vergangene Wochenende über der Frage nach, „was ist mit dieser ETH anders als mit der Biologie an der Uni Bern?“ Warum kann ich über meine jungen Studienkollegen in Bern so genau sagen, was ihre persönlichen Begabungen sind, die sie zu fähigen Biologen machen täten, wenn die Uni sich nur die Mühe nähme, sie richtig auszubilden? Und warum gelingt mir das nach einer ganzen Woche mit einem Dutzend ETH-Studenten nicht?

Da sitzen wir nun um den ausgezogenen Stubentisch herum, der Professor hat schon vier Flaschen Wein offen und dann, oh Schreck, entscheiden sich fünf von 12 Studenten, mit rosa Früchtetee anzustossen! Wer wird an diesem Abschlussabend die beiden vorzüglichen Roten aus Spanien und Italien bodigen? Die temperamentvollste von allen am anderen Ende des Tisches bekommt langsam glasige Augen und rote Backen. Sie wird ungewohnt schweigsam und am nächsten Morgen wird ihr Gesicht selten aufgequollen aussehen.

An meinem Ende des Tisches bleiben alle nüchtern und die Worte fliegen hin und her. Ich könnte jeden einzelnen dieser Masterstudenten der ETH persönlich charakterisieren, ihre Eigenheiten benennen, beschreiben, wie sie sich in der Gruppe und den anderen gegenüber verhalten. Mein Blogleser wüssten sofort, wer gemeint ist. Was ist los, dass ich ihre fachlichen Qualitäten so schlecht kenne?

Die Frage, warum ich die Frage meiner nachdenklichen Kollegin nicht beantworten kann, diese Meta-Frage über die Frage also, die möchte ich am Ende dieser Woche beantworten. Aber zuvor sind ein paar Blogeinträge zu anderen Themen geplant.

Ein paar Worte zum Leistungsdruck in den beiden ersten Studienjahren hat eine meiner Leserinnen gewünscht. Bei mir geht das eher in die Richtung von „confounding factors“ — der gewohnte Leistungsdruck siebt Studenten nach Kriterien aus, die letztlich nichts mit ihrer Fähigkeit als Wissenschaftler zu tun haben. Das ganze mündet in der Kritik an der Phantasielosigkeit der Bildungsplaner, hüben in Bern wie vermutlich drüben in Zürich.

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19.Oktober 2013, 10:40
Vom Autoren ergänzt bei den offenen Fragen zur naturwissenschaftlichen Ausbildung.

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