Die Sache mit dem Nettsein.

Ich bin kein netter Mensch. Wenn also die Teilnehmerinnen vom Pilzkurs einen netten Bericht über die vergangene Woche wünschen, dann Mann oh Mann, was soll ich da tun? Lieber halte ich es mit der Wahrheit. Also berichte ich ab morgen von der „neuen Generation“, die da gelandet ist. Ich war mit der ETH im Bündnerland in einem Feldkurs zur Mykologie und zum Abschied werde ich aufgefordert, Bericht zu erstatten.

Eine der Teilnehmerinnen macht es klar: Die neue Generation ist definiert durch den nahtlosen Gebrauch von Smartphones im Alltag. Die paar von meiner Generation, die richtig english können, nennen das dann „totally wired“. Leider höre ich von der unterscheidenden Eigenschaft computerisierter Telefone erst am zweitletzten Tag. So bleibt dann keine Gelegenheit mehr, um der Sache nachzugehen und die anderen Teilnehmer zum Thema auszufragen.

Zudem:

„Also Jürg, jetzt muss ich Dir dann doch etwas sagen. Man sagt eipäd und nicht iii-pad. Es heisst „äi“ auch wenn man „i“ schreibt.“
Meine Antwort bleibe ich nicht schuldig:
„Ich rede Englisch wie Berndeutsch, fliessend, selbstverständlich, akzentfrei. Ich muss niemandem beweisen, dass ich Englisch kann. Ich sage auch iihfon und Fratzenbuch.“
„Es tönt trotzdem blöd. Du musst äipäd sagen.“

Mich rührt die Hingabe. Da ist eine junge Studentin, die mich in die Geheimnisse des Modernseins einführt, fürsorglich und aufmerksam. Allerdings bleibe ich dabei: Ich muss keinem zeigen, dass ich Englisch kann und die wenigsten können es wirklich.

Ich denke, da gibt es noch eine Seite von mir, die nicht allzuviele durchschauen: Es gibt eine Sorte Männer, die verschmitzten Schalk einsetzen, um in Problemsituationen beweglich zu bleiben. Wenn man das — wie ich — zur Lebensweise macht, so wird es zum nüchternen und komplett humorlosen Eigensinn, bolzengerade, ohne Kompromisse, nur das tun, was getan sein muss, aber ohne langes Zaudern. Warum soll ich mir eine neumödische Redeweise angewöhnen, wenn meine Gesprächspartner in ihrer Mehrzahl nicht einmal wissen, was sie da so sagen? Oder soll ich jetzt extra für die ETH-Studentinnen äiföun sagen?

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