Kann man?

Kann man es noch schlimmer machen? Kann man Artenkenntnis noch schlechter unterrichten, als man das heutzutags den Ökologiestudenten an der Uni Bern antut? Die Antworten am Schluss dieses Beitrages sind „Ja, man kann.“ „Nein, die Jungen sind nicht so blöd, dass sie es nicht merken täten.“

Die junge Frau ist zum ersten mal in unserer Bibliothek. Sie erkundigt sich nach den Gepflogenheiten und ob sie als Studentin von der pädagogischen Hochschule wohl hier lernen dürfe.

Sie hat ein Blechtruckli mit drei Dutzend briefmarkengrossen Bildchen von Pflanzen bei sich.
Die soll ich lernen für die Prüfung. Diese Bildli haben wir von unseren Dozenten bekommen.

Im Verlauf des Gespräches werde ich zu allem hinzu herausfinden, dass dieser Dozent an der Uni Bern zum Biologen ausgebildet wurde — und zwar zu einer Zeit wo die Professoren schon am Proleten waren, Artenkenntnis bräuchten Biologen von heute keine mehr. Es sind solche Ergebnisse elitären Dünkels, die mich zur kalten Wut treiben.

Ich muss dreimal hinschauen. Fast alles an ihr, die Details der Gesichtszüge, der direkte Augenkontakt, die Körperhaltung mit ökonomisch präzisen Bewegungsabläufen, die konzentrierte Redeweise, der kontrolliert intellektuelle Zugang zu Problemstellungen und die Kontaktfreude erinnern mich an eine Freundin aus frühen Jahren.

Die Studentin breitet die briefmarkengrossen Bildchen aus dem Unterricht vor mir auf dem Tisch aus. Sie hat daraus Mikro-Lernkärtchen gemacht. Eines davon liegt direkt vor mir, so als wäre es zufällig.

Ich meine wegwerfend:
Das ist ein Knoblauchhederich. Aber ein paar von den anderen sind schwieriger.

Atemlose Verblüffung:
Wie nur kannst Du das sehen? Ich sehe auf diesem Bidli nichts, woran ich die Blume wiedererkennen könnte.

Ja, und jetzt? Da passt etwas nicht zusammen! Ich werde kritisch:
Habt Ihr Exkursionen gemacht, die Sachen draussen angeschaut?
Nur einen kurzen Besuch im botanischen Garten.
Und den Knoblauhederich, hast Du den jemals draussen am Wegrand angeschaut?
Wir haben einzig diese kleinen Bildli bekommen, sonst war kein Unterricht. Und an dem da kann ich nichts sehen, was mir hilft, die Pflanze wiederzuerkennen.
Mir läuft das nackte Grauen, den Rücken hinunter, die Haare fangen an sich zu sträuben unter meinem Pullover.

Ich beobachte:
Nein, da ist nichts von den Merkmalen sichtbar, an denen man die Pflanze bestimmt. Die Blüten sind einzig ein Klumpen weiss ausgewaschener Flecken. Da sieht man keine Formen. Solche nierenförmigen, grob gesägten Blätter findest Du an vielen anderen Pflanzen auch.
Zustimmung:
Genau und damit kann ich dann nichts anfangen. Ich habe nichts als die Bildli.
Ich sinne weiter:
Ich erkenne es wieder, weil ich die Pflanze kenne und weil ich weiss, wo sie wächst. Ich schaue auf die Proportionen zwischen den Blättern und diesen weissen Pflatschen, die die Blüten sein sollen. Ich schaue die Verteilung von Flecken aus Licht und Schatten über den Blättern. Die zeigen mir, in welcher Umgebungsvegetation das Kraut wächst.
Ich versuche weiterzuhelfen:
Es ist ein Kreuzblütler. Das könntest Du einfach erkennen. Weisst Du wie ein Kreuzblütler aussieht?

Die sachliche Feststellung:
Theorie haben wir dazu keine gehabt. Wir bekamen einfach die paar Bildchen zum Lernen.
Ich erkläre ihr kurz das Schema der Kreuzblüte. Sie hat das alles wirklich noch nie gehört. Sie schaut meinen Kritzeleien zu, stellt ab und zu konzentriert Fragen.

Mich wundert:
Nimmst Du Dir nicht die Zeit selber hinauszugehen, die Pflanzen selber anzuschauen?

Und so erfahre ich dann den bitteren Teil der Wahrheit: Diese jungen Leute sollen innert dreier Jahre Lehrer werden. Mit dem Bachelorabschluss bekommt sie das Lehrerpatent, oder wie immer man das Papier im neudeutschen Bürokratenspeak heutzutags nennt. In diesen drei Jahren müssen sie blödsinnig viel theoretischen Kram über das Unterrichten, Psychologie und Pädagogik lernen, haben so gut wie keine Praktika, kaum Möglichkeiten, das Unterrichten einzuüben. Daneben bleibt wirklich keine Zeit mehr zum Spazieren und Blümchen anschauen.

Sie nimmt mich mit zum Mittagessen mit einem Studienkollegen, der Sozialpädagoge wird [aka, für die altmodischen: „Heimerzieher“]. Wir essen am Bärenplatz so gute Pizze, wie ich nicht einmal wusste, dass man sie in Bern bekommt. Und die kosten so viel, wie ich normalerweise in drei ganzen Tagen für mein Essen ausgebe.

Die Studenten von heute sind nicht wirklich schlecht dran, was die Finanzen angeht. Aber der Engpass ist bei der miserablen Ausbildung. Verblüffend sind ihre nüchternen Ausblicke auf Problemlösungen. Sobald diese Leute ernsthaft an die Urne gehen, wird die schweizerische Parteienlandschaft noch einmal umgepflügt. Davon schreibe ich morgen dann.

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