Globetrotterin.

Ich hatte gefragt, wer Ökologen anstellt, die mit einem Masterabschluss frisch von der Berner Uni kommen. Nach einem Vortrag der bernischen botanischen Gesellschaft sitzen wir noch im Spunten. Mir gegenüber schlürft der langjährige Chef und Teilhaber eines namhaften Berner Ökobüros den Schaum von einer Stange Panasch.

„Die interessieren mich nicht.“ Aha, das hatte ich wieder einmal befürchtet — die jungen Naturforscher will keiner haben.

„Ich habe gerade die E. anstellen können.“ Der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Ich weiss, von wem mein Gesprächspartner redet. Der Ruf eilt dieser Frau hinterher. Die Sensation ist nicht, dass E. Arbeit hat, sondern, dass sie zurück in der Schweiz ist.

„Wir haben unglaublich viel Arbeit. Der Kanton Bern kartiert die Magerrasen neu und die Hochmoore.“ Von da also weht der Wind!

Die Ausmasse der Tragik werden klar, wenn wir uns ein wenig unterhalten darüber, wer diese weitherum berühmte E. ist.

Die nachfolgend genannten biographischen Angaben stammen stellenweise aus der Gerüchteküche. Man soll sie also lesen nach dem Prinzip, wo viel Rauch ist, da wird auch ein flackerndes Kerzlein zu finden sein. Ich würde mich jedenfalls nicht dagegen wehren, zu ändern, was immer man von mir verlangen möchte. Anker sind die Qualität und weite Verbreitung ihrer Diplomarbeit und ihre jetzige Arbeitsstelle. Beim Globetrotterleben in den Jahrzehnten dazwischen können wir unsere Phantasie spielen lassen.

E. schloss Ihre Diplomarbeit Anfang 80er Jahre ab. Wie damals üblich bei den Vegetationsökologen, wurden wir von unseren Professoren angehalten, selbständig Methoden zu entwickeln für unsere Forschungsarbeit. „Selbständig forschen“ hiess im Unterschied zu heute nicht „unbeaufsichtigt Blüemli in Häfeli pflanzen und später das Heu wiegen und mit R eine ANOVA ausrechnen“. Selbständig forschen hiess anno dazumal am systematisch-geobotanischen Insitut der Universität Bern, dem Professor eine eigene Fragestellung vorzulegen, die Methode selber zu entwickeln und im Feld zu testen, allenfalls auf eigene Faust externe Betreuer zu organisieren. Man musste einen eigenen kleinen Forschungsbetrieb aufbauen mit Transporten, Unterkünften, Materialeinkauf, Verträge schliessen mit Landeigentümern. Danach waren die Daten zu erheben, auszuwerten, Bericht zu erstatten. Wir wurden planmässig zu selbständigem Denken und Handeln erzogen. Das war ein Bildungsprinzip. Man schaue sich im Vergleich den Katzenjammer an, der heute als „Biologiestudium“ den Jungen angedreht wird!

Die Diplomarbeit von E. war wegweisend in ihrem Spezialgebiet. Sie wurde während 15 Jahren immer und immer wieder von ausländischen Forschern in Bern bestellt, musste von der Bibliothekarin nachgedruckt und verschickt werden. Fachartikel und Monographien aus einem Dutzend Länder bedienen sich zeitweise heute noch ihrer Methode.

E. war also eine weitsichtige und begabte Biologin. Ihren Ruf hat sie sich in jungen Jahren verdient. Wo ist sie geblieben? Zwischendurch hörte man, sie lebe in Südfrankreich als freischaffende Künstlerin. Dann wieder war sie als Globetrotterin unterwegs, mit Wohnsitzen auf drei verschiedenen Kontinenten. Die Wahrheit ist, sie konnte es sich leisten.

Was immer sie zurück in die Schweiz geführt hat, Veränderungen in der Familie, unglückliche Liebe, ich weiss es nicht und ich frage nicht herum. Hier ist sie also und findet nach 25 Jahren Pause auf Anhieb bezahlte Arbeit als Ökologin. Die Betonung sei auf „findet“ und „bezahlte Arbeit“. Im Unterschied zu meinen jungen Studienkollegen, „sucht“ sie nicht „eine Stelle“, sondern sie fand Arbeit. Punkt.

In welchem anderen Beruf finden Wiedereinsteigerinnen nach 25 Jahren Abwesenheit ohne Zeitverzögerung eine gut bezahlte, anspruchsvolle, anregende Arbeit?

Hiesige Ökobüros haben lukrative staatliche Aufträge auf Jahre hinaus und braucht dringend Personal. Die Uni Bern verweigert den jungen Ökologiestudenten die Fachkenntnisse, die sie nachher bei den renommiertesten Arbeitgebern benötigen. Sie sind schlicht unbrauchbar. Die Uni bildet für die Arbeitslosenkasse aus.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Globetrotterin.

  1. Wir haben immer wieder Studenten, die mit ihrer Fragestellung zum Prof gehen und gerne Angenommen werden. Die Professoren haben die sogar gerne, weil die immer sehr motiviert sind. Natürlich vorausgesetzt dies ist finanzierbar und enthält aus bürokratiegründen keine Tierversuche.

Was Du denkst:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s