Zurückkrebsen?

Augenscheinlich hat mein Blogeintrag von letztem Samstag zu reden gegeben.
Meine Entgegnung lautet, dass hintenherum reden in einer einzigen kleinen Arbeitsgruppe nichts nützt. Wer mit meinen Überlegungen und Beobachtungen nicht einverstanden ist, kann sich melden. Dieses Blog hat eine Kommentarfunktion. Kommentare werden grundsätzlich nicht zensiert. Wer eine Meinung hat, soll auch dazu stehen!

Hintenherum über mein Blog schimpfen und den Betrieb abdichten, das macht das Studium jedenfalls nicht besser. Umsomehr freut mich natürlich der heutige empörte Telefonanruf eines Studienkollegen.

Schade ist einzig, dass er sich zwar ins Zeug legt, jedoch seine Einwände nicht in den Kommentarkasten hineinschreibt. Ich nutze die Gelegenheit, ihn auf akute Bildungslücken aufmerksam zu machen, die eine Mehrzahl seiner Kollegen betreffen und den Erfolg sowohl in Beruf wie in der Forschung torpedieren.

Das Biologie- und insbesondere das Ökologiestudium an der Uni Bern ist in einem miserablen Zustand. Ich kenne keine Masters, die in letzter Zeit in Bern den Abschluss machten und als Biologen eine feste Stelle fanden. Ich kenne nur Leute auf Stellensuche und solche, die von einem Praktikum zum nächsten rattern, bis dann alle Arbeitgeber abgeklappert sind.

Innerhalb des Biologiedepartementes der Uni Bern gibt es ein Kastensystem. Oben sind die bezahlten Forscher, die Assistenten und Doktoranden. Die meisten von ihnen sind eingeflogen worden, wissen wenig oder gar nichts über den Studienbetrieb ausserhalb ihres ganz kleinen Kreises. Dieses Rayon bewachen sie eifersüchtig. Denn der Ruf ihrer kleinen Gruppe entscheidet darüber, ob sie selber später anderswo eine feste Stelle ergattern können. Darauf spekulieren sie wenigstens. Die Wahrheit ist natürlich eine ganze andere. Erstens können höchstens 2% der Studienabgänger im universitären Forschungsbetrieb untergebracht werden. Zweitens werden sie von einer befristeten Stelle zur nächsten geschoben, bis sie irgendwann verbittert und ausgebrannt als biographische Leichen enden. Wenn es dumm kommt, sind sie grad auch noch als Familienväter betraut mit der Sorge um Brot und Bett für Frau und Kind.

Getreten werden die unbezahlten, die Bachelor- und Masterstudenten. Diese werden hier in Bern nach Strich und Faden beschissen. Ihnen enthalten die Professoren eine solide naturwissenschaftliche Ausbildung vor. In der Grundausbildung fehlen wesentliche theoretische Grundlagen und zwar in allen Bereichen, in der Zell- und Entwicklungsbiologie genauso wie in der Ökologie.

Man möchte es symptomatisch nennen, das Ökologielehrbuch für Bachelorstudenten von einem unserer namhaftesten Professoren. Ein ganzes Kapitel ist „Ökosystemen“ gewidmet. Was überhaupt ein Ökosystem sei, wird darin mit keinem Wort erklärt. In dem Kapitel werden Umwelteinflüsse auf Pflanzenbestände, Stoff- und Energieflüsse in Nahrungsnetzen, Ökophysiologie von Pflanzen, phytogeographische Themen, wie der Einfluss der globen Niederschlagsverteilung auf die Pflanzendecke, besprochen. Was das alles mit Ökosystemen zu tun hat, wird daraus nicht klar. Fast alles in diesem Kapitel kann mit Populationsdynamik und mit Ökophysiologie erklärt werden. Ein mystisches übergeordnetes System ist dafür nicht notwendig.

Dennoch meinen meine ökologisch geschulten Kollegen alle, sie wüssten schon was ein „Ökosystem“ sei. Erklärt hat es mir aber noch keiner von ihnen.

Zu den sträflichen Lücken im theoretischen Wissen kommt der Mangel an praktischem Können in fast allen Bereichen, die später im Berufsleben eine Rolle spielen. Wer will einen Ökologen beschäftigen, der keine Pflanzen- und Tierarten sicher bestimmen kann, ausser 12 Spinnen oder 20 Heuschrecken oder 3 Singvögel oder 5 Blütenpflanzen? — Betonung auf „oder“ und auf „keine … ausser“.

Selbst in der Forschung ist das Spektrum der Einsatzmöglichkeiten für diese Ökologiestudenten beschränkt bis zur Untauglichkeit. Was will ein Pflanzenökologe erforschen, wenn er zwar in Blumenhäfeli aussäen, zählen ernten, dörren und das Heu wägen kann, aber die Arten im Feld nicht unterscheiden kann? Welche Erkenntnisse ist er überhaupt zu finden befähigt, wenn er nicht gelernt hat, Feldbeobachtungen systematisch zu erheben und zu analysieren und daraus Hypothesen für seine Experimente zu bilden? Was wird aus einem Ökologen, der eine Varianzanalyse berechnen kann, aber noch nie das geringste von den gängigen multivariaten statistischen Verfahren gehört hat? Er könnte sie zur Mustererkennung an Feldbeobachtungen nutzen und Hypothesen für seine Experimente bilden.

Schon die Erwähnung einer multiplen linearen Regression der Fitness von Schmetterlingen auf eine Mehrzahl von Standortsfaktoren löst stöhnendes Schnauben aus. Und überhaupt, was sind „Standortsfaktoren“ und was nicht?

Am Schluss bleibt solchen Forschern nichts übrig, als ihre Fragen an die paar wenigen Methoden anzupassen, die man ihnen zufälligerweise während der Ausbildung beigebracht hat. Kreative oder weitsichtige Fragen sind solche Leute nicht mehr zu stellen imstande.

Mir ist klar, dass dieses Blog subversiv ist. Wer sich angegriffen wähnt, ist entweder ungemein harmoniebedürftig oder er hat schlichtweg ein schlechtes Gewissen.

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Verwendete Literatur:
Nentwig, Bacher, Brandl (2011): „Ökologie kompakt“; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg

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3 Gedanken zu „Zurückkrebsen?

  1. Da werden jedes Jahr in der CH hunderte Ökologie-Studenten und Umweltwissenschaftler ausgespuckt. Das ist die Produktion von Diplomierten auf Halde. Da hier ein massives Überangebot ausgebildet wird, können zwangsläufig die wenigsten einen Job finden. Die Unis sollten ehrlich sein und nicht noch Werbung für Studiengänge machen, die direkt zum RAV führen. Ich bin jetzt kein frustrierter Kommentator, da ich einer der wenigen bin, der einen Job hat. Ich war genauso naiv bezüglich Arbeitsmarkts als Studifrischling. Den Job habe ich nur, weil ich bereits vor dem Studium ein Ziel hatte und trotzdem habe ich nur mit Glück das Ziel erreicht.

  2. @Hansli
    Leider denken die wenigsten Studenten rechtzeitig über ihre Lebensziele nach. Es muss nicht unbedingt ein präziser Berufswunsch sein, wie der Bursche, der schon mit 21 wusste, dass er Strafverteidiger werden will. Hingegen sollten die guten in dem Alter eine realistische Vorstellung von den eigenen Fähigkeiten und Begabungen haben und auch sagen können, wo im Leben, im Beruf, in der Gesellschaft sie sich damit nützlich machen wollen.

    Wer sich rechtzeitig Gedanken macht und sich ein Ziel setzt, der hat die Vorteile auf seiner Seite:

    1) Ein Student mit klarem Berufsziel wählt viel gezielter aus der Masse an Informationen aus. Wenn ihm die Professoren und die Assistenten Wissen an den Kopf werfen, dann kann ein solcher Student filtern und wird nur für die Dinge Zeit aufwenden, die ihm wichtig sind. Sein Aubildung absovliert er konzentrierter, das Ergebnis ist eine fundierte Kenntnis in einem Spezialgebiet.

    2) Studenten, mit klaren Vorstellung über ihre Talente und deren Einsatzmöglichkeiten können sich besser durchbeissen, wenn es wirklich schwierig wird.

    zu 1) Bei mir ist zum Beispiel Statistik und Statistikprogramierung ein solches Thema. Statistik ist nicht wirklich interessant. Ihr gilt nichts von meiner Liebe. Hingegen weiss ich, dass ich für mein Berufsziel nicht nur statistische Methoden anwenden muss, sondern auch beurteilen muss, welche Statistiken von anderen Wissenschaftern ich als zuverlässig ansehen will. Wem will ich glauben und wem nicht. Darum macht es mir nicht so viel aus, mich in dieses mühsame und langweilige Thema hineinzuknien.

    zu 2) Die Zeit nach meinem Autounfall hätte ich nicht durchgehalten, ohne ein klares Berufsziel. All die Widerstände, die Blödiane und die Perversen aus Versicherungen, Ämtern, Ärzteschaft, die sich mir in den Weg gestellt haben in all den Jahren, sie hätte ich nie und nimmer niedergerungen, ohne solch ein klares Ziel. Dazu braucht es Mut, Ausdauer und einen brachialen Willen, jeden plattzumachen, der sich einem in den Weg stellt. Ohne ein klares Ziel vor Augen, könnte man die Widerstände, die Gegner und deren Taktiken nicht einmal sauber identifizieren.

  3. Noch ein Gedanke. Betrifft Doktoranden und nur indirekt Studenten.
    An allen Instituten werden jede Woche Seminare durchgeführt, die oft sehr schlecht besucht werden. Oft kommen Leute nur wenn gerade das Thema der Doktorarbeit gestreift wird. Mir sagte einmal an Prof: Er wolle seien Doktoranden nicht zwingen dahin zu gehen, aber wisse nicht warum diese Leute Biologie studiert haben, schliesslich habe man sich aus allgemeinen Interesse dafür entschieden.
    Fazit: Mit einer solchen Haltung sind die meisten nach der Doktorarbeit gleich weit wie vorher. Nun allerdings Doktor Arbeitslos.

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