Balsam.

Balsam für die Seele ist es ja nicht gerade, wenn ich mit meinen pessimistischen Einschätzungen auch noch recht bekomme. Heute in der Weltwoche, Interview mit Nassim Nicholas Taleb: «Hochschulen sind ein Betrug».

Der Befragte findet, die Innovation komme nicht von den Gelehrten sondern von den Bastlern. Er irrt vermutlich, wenn er die Urheber der industriellen Revolution im England vor 200 Jahren als „Bastler“ und Handwerker hinstellt. Die hatten natürlich schon etwas mehr auf der Platte. Dass Bill Gates ein Hochschulversager und Bastler war, das bekommen wir hingegen täglich vorgeführt, wenn wir uns vergegenwärtigen welch extreme Rechenleistung notwendig ist, um mit seinem Windoze-Betriebssystem ein einfaches Firefox Browserfenster aufzumachen.

Item, hier geht es zu zwei von den richtig herrlichen Textpassagen in dem Interview:

„Wer vor dreissig oder fünfzig Jahren studiert hat, war wirklich smart. Heute aber sind leider die meisten Hochschulabsolventen Scharlatane, die viel besser eine Lehre abgeschlossen hätten. Diese Leute sind gut im Nachplappern von dem, was die Professoren herauslassen, aber schlecht im selbständigen Denken. Hören Sie, ich bin nicht gegen Universitäten. Ich bin allerdings dafür, dass Universitäten für jene Leute reserviert sind, die echte Wissenschaft betreiben wollen. Wir brauchen besessene Forscher an den Universitäten, nicht Leute, die erfahren wollen, wie man im Leben erfolgreich wird.

Frage: Was wir brauchen, sind gutausgebildete Arbeitskräfte.

Und was tun diese gutausgebildeten Arbeitskräfte? Gelingen ihnen Erfindungen? Gründen sie Firmen? Bringen sie die Welt in irgendeiner Weise voran? Nein. Sie werden Angestellte, Mittelmanager oder Topmanager, in anderen Worten: Bürokraten. Bürokraten sind Menschen, die kein Risiko für ihre Entscheidungen tragen. Sie bekommen das upside wenn es gut läuft und überlassen das downside den anderen, wenn es schlecht läuft.“

Und weiter unten im Text:

„Frage: Wenn Sie die Flut an wissenschaftlichen Studien anschauen, die täglich aus den Universitäten strömt: Da werden der Natur täglich neue Geheimnisse abgerungen.

Das ist weisses Rauschen. Seien wir ehrlich: Wirklich revolutionäre Erfolge kommen vorwiegend von ausserhalb der Universitäten. Darwin war ein Privatforscher. Newton erschuf die klassische Mechanik auf dem Land – als die Schule wegen Pest geschlossen war. Einstein arbeitete als technischer Experte dritter Klasse im Patentamt in Bern. Institutionen schaffen solche Revolutionen nicht.“

Zum Begriff „Weisses Rauschen“ oder random noise, lese man in wikipedia „White noise is the generalized mean-square derivative of the Wiener process or Brownian motion.“

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8 Gedanken zu „Balsam.

  1. Selten so einen Blödsinn gesehen. Fast alle Entwicklungen entstammen Hochschulen. Oder von bestens qualifizierten Hochschulabgänger in den Forschungsabteilungen der Konzern.

    Hochschulen sind nicht da um Produkte zu entwickeln. Da werden nur die Grundlagen dafür erforscht. Dafür unterstützen die Unis Unternehmungsgründungen ihrer Abgänger die verwertbare Entwicklungen entdeckt haben.

  2. @Hansli
    „Unternehmensgründungen“ von Hochschulabgängern? Sind das die Unis oder die ETH? Die Uni Bern zählt aktuell 15’000 Studenten, wieviel Prozent davon machen sich später in den Forschungsabteilungen der Konzerne nützlich?

    Umgekehrt:Wieviele angehende Forscher an der Uni werden von den Lappi behindert, die sich hier zu Bürokraten und Aktenschiebern formen lassen? Oder in den Worten von Taleb, „Leute, die erfahren wollen, wie man im Leben erfolgreich wird.“

  3. @Jürg Der Prozentsatz ist verschwindend gering. Aber immer noch höher als bei jeder anderen Bevölkerungsgruppe.
    Bei den Biologen ist der Anteil der Abgänger, der später in der Forschung landet besonders hoch. Natürlich nicht bei den Ökologen, sondern alle anderen Richtungen. Ich nehme der Anteil zukünftiger Staatsangestellter ist an der Uni Bern höher als anderswo. Ist für mich nicht erstaunlich, den der Bund als Arbeitgeber ist in Bern. Genauso landen viele in Basel in der Forschung bei Novartis und Roche. Oder viele aus ZH in den Spin-offs der Unis etc.. Die Leute gehen dorthin wo sie arbeit finden und das ist je nach Region unterschiedlich.

  4. @Hansli,
    So kann man es auch sehen: Die Spezialisten bei den Bundesämtern sollen nur ja nicht wirklich fähige Leute sein. Sonst könnten nämlich die Politiker aller Parteien in den Parlamenten nicht mehr so viel dummschwätzen.

    Blöderweise hat die Uni Bern in der Vergangenheit sehr fähige Ökologen augebildet. Folglich sind bei den Bundesämtern und beim Kanton Bern ausgesprochen fähige wissenschaftliche Mitarbeiter, die der allgemeinen Verblödung in den Parlamenten in die Quere kommen. Also musste man das Niveau der Ausbildung dringend herunterschrauben. So wird das Problem auf lange Sicht entschärft und die Parlamentarier können wieder vor sich hin dösen und die Harmlosen spielen.

  5. Es passt vielleicht nicht ganz zum Thema. Doch mich nähme wunder, was sie beide als Fachexperten zur folgenden Beobachtung meinen. Zurzeit bin ich in der Karibik auf Wanderurlaub, und bestaune auch die überwältigende Tier- und Pflanzenwelt. Ich sehe aber auch, wieviel Abfall hier herumliegt, sogar in Naturschutzgebieten, ebenso überwältigend! Fischer werfen z.B. gebrauchte Plastiktüten einfach ins Wasser im Hafen. Gestern kamen wir in den Mangroven sogar an einer wilden Deponie vorbei, weit ausserhalb des letzten Dörfchens, wo einer wahrscheinlich angefangen hat und andere das Unwerk nun weiterführen. Was die Natur abbauen kann (Eisen, Glas, Holz etc.) macht mir nicht so sehr Sorgen. Aber der viele künstlich zusammengefügte Abfall schon: Fernseher, Autobatterien und Unmengen, wirklich Unmengen von Plastik in allen Farben, Grössen, Formen und Zerfallstadien. Sind diese Polymere aus Ihrer Sicht eine Bedrohung, insbesondere, wenn sie in die Nahrungskette gelangen?

  6. @W. Gabathuler

    Mich ehrt natürlich, dass Sie am anderen Ende der Welt, mitten in ihren wunderschönen Wanderferien, an mich denken und in mein Blog hineinschreiben. Danke vielmals.

    Die Weltwoche Nr. 29/ 2012 brachte einen spannenden Artikel über den Zustand der Ozeane. Speziell wird auch über den 750’000km2 grossen pazifischen Wirbel aus Plasticabfällen (Great Pacific Garbage Patch, in wikipedia) berichtet. Der besteht nicht nur aus solchermassen deponierten Plasticsäcken vom den Strandbewohnern. Sondern die Abfälle können irgendwo komplett anders in die Flüsse geworfen, ins Meer getrieben und von dort tausende von Kilometern mit den Meereströmen getragen werden.

    Zusammenfassend aus dem Weltwoche-Artikel zu den Plasticflächen in den Ozeanen: Der Gasaustausch mit der Atmosphäre wird mit dieser dichten Plasticdecke eingeschränkt. Fischpopulationen verschwinden, weil sie zuwenig Luft haben, Jungvögel verhungern im Nest, weil die Elterntiere blinkendes Plastic bringen statt Beutefischen.

    Mit Hinweis auf den verlinkten Eintrag in der wikipedia: Die Unmengen von Plastic am Strand und in den Mangroven auf der von Ihnen erwanderten Insel müssen nicht unbedingt von der Insel selber stammen. Solches landet in bestimmten Gebieten in sehr grossen Mengen an — herangetragen von den zirkulierenden Meereströmungen der Ozeane.

  7. Vielen Dank für Ihre Antwort, wenn auch nicht gerade ermutigend. Sie haben natürlich recht: Das Zeugs am Strand kann von irgendwoher stammen, man sieht’s auch dort gehäuft, wo die Strömung herkommt. Leider gibt’s das aber auch sonst am Strand, da den Einheimischen jedes Bewusstsein dafür fehlt. Irgendwann essen sie ja auch die Fische, die das Zeugs vielleicht in sich haben. Heute waren wir auf einer idyllischen Wanderung auf einer kleinen, ca. 200 Meter hohen und recht trockenen Insel. Oben dann ein kleiner Weiher, sogar mit kleinen Schildkröten, für mich ein Wunder. Am kleinen Ufer natürlich die übliche verblichene Pet-Flasche. Ich habe sie mitgenommen, und auch einige andere Plastikdinger, nur am Dorfrand zu sehen, dass hinter den verlassenen Häuser dieser Müll nur so häuft. Ich kam mir ziemlich blöd vor, die Mülltüte in einen Abfalleimer zu tun. Und so ist auch dieser Tag erneut ein recht betrüblicher geworden.

    Was mich wunder nähme ist, ob und wie diese Polymere in die Nahrungskette gelangen. Den Pflanzen schadet’s ja vielleicht nicht, wahrscheinlich eher den Tieren. Einerseits findet man den Abfall ja in den Mägen von Seevögeln und anderen Tieren, andrerseits weiss ich nicht, wie sich das Plastik zersetzt, wenn überhaupt. Ist dieses Thema auch Teil ihres Studiums?

  8. @W. Gabathuler

    Nein, in meinem Studium kommt es nicht vor. Das will allerdings nicht so viel heissen. An der Uni Bern lernen die angehenden Ökologen nur sehr wenig über Insekten und über Pflanzen und Vögel. Aber sie lernen alles mögliche über Umweltpolitik, Umweltgesetzgebung, Umweltfolgen von allem möglichen.

    In dem wikipedia Artikel findet man eine Angabe über die Lebensdauer der Plasticstücke auf den Ozeanen. Die Teile werden vergleichsweise rasch zertrümmert, von Wellenschlag, Brandung, Wetter, von der UV-Einstrahlung. (Sie kennen das: viele Plastic zerbröseln, wenn man sie auf dem Balkon stehen lässt, wegen des UV-Lichtes).

    Die Teile werden jedoch nicht zersetzt in biologischer Weise.Das heisst es gibt keine Bakterien, die sich darüber hermachen und soweit bisher bekannt auch keine Schimmelpilze. Bei den Schimmelpilzen würde mich allerdings nichts wundern. Da gibt es immer wieder die wunderlichsten Überraschungen.

    Was in der Nahrungskette mit den Polymeren passiert, darüber weiss ich nicht soviel. Die grossen Teile sind ein Problem, weil sie von den Vögeln und Fischen mit Beute verwechselt werden. Wo sie als kleine und Kleinstteile landen, weiss ich nicht.

    Wer erinnert den Plasticseckli-Streit im Nationalrat? Die eidgenössischen Räte haben die Gratis-Plasticseckli bei den Migros-Kassen verboten, damit dann angeblich in den Mangroven auf den Karibikinseln keine Plasticseckli mehr angeschwemmt werden. Weil scheints nämlich täten ausgerechnet die Plasticseckli von uns Bünzlischweizern den Rhein hinunterschwimmen. Das musste nur so nebenbei gesagt sein, um klar zu machen, wie weit die Ökofaschisten schon das Denken unserer Parlamenterarier vernebeln. Wir täten besser die Probleme lösen, die bei uns wirkliche Probleme sind. Und wenn sich die Parlamentarier schon die Zeit nehmen, dann soll man sie gefälligst mit wichtigen Sachen auf Trab halten. Diese Plasticseckli-Aktion war einfach eine Gelegenheit, damit der Greenpeace wieder einmal an den Laternpfahl schiffen konnte.

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