Die grosse Nummer.

Ich schrieb vorgestern an einen unserer Dozenten, sie sollten sich überlegen, worum es in ihrem Unterricht eigentlich gehe. Wollt Ihr ein Sternsingen für Volljährige veranstalten, oder wollt Ihr Naturwissenschaftler ausbilden? Andere, gescheitere Leute haben vor mir schon darüber nachgedacht.

Ich notiere einen Auszug aus „The Method of Multiple Working Hypothesis“ by T.C. Chamberlain:

„There are two fundamental modes of study. The one is an attempt to follow by close imitation the processes of previous thinkers and to acquire the results of their investigaton by memorizing. It is study of a merely secondary, imitative, or aquisitive nature. In the other mode the effort is to think independently, or at least individually. It is primary or creative study. The endeavor is to discover new truth or to make a new combination of truth or at least to develop by one’s own effort an individualized assemblage of truth. The idea is to think for one’s self, whether the thinking lies wholly in the fields of previous thought or not. It is not necessary to this mode of study that the subject-matter should be new. Old material may be reworked. But it is essential that the process of thought and its results be individual and independent, not the mere following of previous lines of thought ending in predetermined results.“

Genau darüber zerbreche ich mir immer von neuem den Kopf. Ich kann meinen jungen Studienkollegen beim Erwachsenwerden zuschauen. Das sei der Ausgangspunkt.

Wenn die heutige Generation an die Uni kommt, sind sie zwei Jahre jünger als unsereins seinerzeit. Die Matura ist ein Jahr früher und viele gehen nicht ins Militär. So mit dem dritten Jahr als Bachelorstudenten geht es richtig los. Einige sehen anfangs fast noch wie Kinder aus, so täuschend, dass wir uns bei der einen oder anderen schon gefragt haben, ob es denen im Gymer langweilig sei. Einige geben sich sehr erwachsen und fallen minutenweise, manchmal auch tageweise zurück in dieses verzückte, rasche, behende kindliche. Spätestens mit 24 ist das alles dann vorbei. Die Gesichter, die Mimik, der Körperausdruck, alles zeigt mir, wie erwachsen sie geworden sind.

Kaum erwachsen geworden, werden sie schon aus der Uni hinausgeworfen, mit Diplomen im Sack, die keinen Arbeitgeber beeindrucken. Die traurige Wahrheit ist, dass sie in diesem Bachelorstudium nicht über das Stadium des Auswendiglernens und Imitierens hinausgekommen sind und im Masterstudium kaum noch unterrichtet werden. Vorträge und Aufsätze würden sich eigenen, um eigenes Denken zu entwickeln und unter Beweis zu stellen. Die Wahrheit ist, dass man die guten Noten nur mit Nachplappern schafft.

Mir ist mit diesem Anliegen sehr ernst, weil ich dasselbe Problem in einer Reihe sehr unterschiedlicher Lehrveranstaltungen, bei den verschiedensten Professoren immer von neuem beobachte. Es scheint, als täten diesen Dozenten die Kriterien fehlen, um eigenständiges Denken angemessen benoten zu können.

Wie können wirklich richtig gute Forscher den Dingen auf den Grund gehen? T. C. Chamberlain formuliert in flüssigem, durchdachtem Englisch:

„A special merit of the use of a full staff of hypotheses coordinately is that in the very nature of the case it invites thoroughness. The value of a working hypothesis lies largely in the significance it gives to phenomena which might otherwise be meaningless and in the new lines of inquiry which spring from the suggestions called forth by the significance thus disclosed. Facts that are trivial in themselves are brought forth into importance by the revelation of their bearings upon the hypothesis and the elucidation sought through the hypothesis.“

Der Spruch hier ist doch wirklich trivial, oder? Mit Mühen und Kämpfen werden aus solcherartigem Schaffen brauchbare Wissenschaftler geboren? Ich zitiere noch einmal aus dem gleichen Aufsatz von T. C. Chamberlain:

„Over against the great value of this power of thinking in compelexes there is an unavoidable disadvantage. … It is obvious upon studious consideration that a complex or parallel method of thought cannot be rendered into verbal expression directly and immediately as it takes place. We cannot put into words more than a single line of thought at the same time, and even in that the order of expression must be conformed to the idiosyncrasies of the language. Moreover the rate must be incalculably slower than the mental process. When the habit of complex or parallel thought is not highly developed there is usually a leading line of thought to which the others are subordinate. Following this leading line the difficulty of expression does not rise to serious proportions. But when the method of simultaneous mental action along different lines is so highly developed that the thoughts running in different channels are nearly equivalent, there is an obvious embarrassement in making a selection for verbal expression and there arises a disinclination to make the attempt. … There is therefore a certain predisposition on the part of the practitioner of this method to taciturnity.“

Wenn also die besten Überlegungen, denkend in komplex verwobenen, gleichzeitigen Vorstellungen, sich kaum in rasche Erzählungen fassen lassen, wie will man dann anhand eines kurzen Vortrages feststellen, ob der Student mit seinem frisch erworbenen Wissen selbständig weiterdenkt? Nein, es ist nämlich grad genau umgekehrt: Wer nicht zu komplex, nicht in parallelen Überlegungen nachdenkt, der kann ein einfaches, geradliniges Schema verfolgen und sich umso besser verkaufen.

Wie also könnte man den Unterricht verbessern? T.C. Chamberlain ist nicht sehr optimistisch. Er in seiner Zeit fand es ausgepsrochen schwierig.

„An infelicity also seems to attend the use of the method with young students. It is far easier, and apparently in general more interesting, for those of limited training and maturity to accept a simple interpretation or a single theory and to give it wide application, than to recognize several concurrent factors and to evaluate these as the true elucidation often requires. … The complex and the quantitative do not fascinate the young student as they do the veteran investigator.“

Soll man also ganz darauf verzichten auf das Lehren von komplexem, parallelem Denken in mehreren gleichzeitigen Möglichkeiten? Ohne die Literatur zitieren zu können, aber mir ist, dass dies sehr wohl eine Frage der Reifung ist. Jedes Lebensalter bringt eine neue Hirnreifung mit sich und es mag sein, dass man 22-jährige mit einem Teil dieser Ansprüche überfordert. Ich weiss es nicht.

Meine jungen Studienkollegen reden nicht so viel. Sie denken sich selten selbständig in wissenschaftliche Fragen hinein, machen sich nicht über wirklich komplexe Probleme her. Wer sich daran macht, ist schon fast 30-jährig und hat in anderen Berufen Erfahrung gesammelt. So habe ich keine Möglichkeiten zu beobachten, Hinweise zu sammeln, herauszufinden, ob die ganz Jungen das schlicht nicht können oder mangels Vorbildern einfach nicht tun.

Mir fällt immer auf, wenn einer selbständig urteilt. Viele gehen den Dingen auf den Grund, wenn es ihren Alltag betrifft oder ihre berufliche Zukunft. Aber die gleichen tun das selten, wenn es um eigentlich wissenschaftliche Themen geht. Sie betreiben Wissenschaft nicht ausserhalb der Lehrveranstaltungen. Nur ganz einzelne gebrauchen ihr Wissen jenseits vom billigen Imitieren.

Fehlt es also an Vorbildern für ein richtiges Forscherleben? Das ist nämlich so eine Sache mit den Vorbildern für junge Studenten. Die schauen sich um, wer die erfahrenen Forscher sind, die gewieften Wissenschaftler mit dem Überblick. Nur leider finden sie allzu selten solche Vorbilder.

Im heutigen Wissenschaftsbetrieb werden internationale Koryphäen genötigt, Forschungsergebnisse auf 6 Seiten zusammenzustutzen, in 5 oder 10-minütigen Vorträgen Bericht zu erstatten. Solches kann nur bewältigen, wer sein Denken auf der einfachen geradlinigen Stufe der Anfängerstudenten behält. Der sogenannte „Wettbewerb“ zwischen den Wissenschaftlern fördert nicht die Innovation sondern sorgt dafür, dass 35-jährige denken und reden als wären sie infantile Bubi geblieben. Will heute einer akademische Karriere machen, dann muss er das Erwachsenwerden kunstvoll verweigern oder wenigstens geschickt schauspielern. Solche Leute sollten dann die Vorbilder für eine ganze Generation von Studenten werden.

Ob man den Jungen das Erwachsenwerden abgewöhnen kann? Davon habe ich nichts beobachten können. Aber sie laufen der Uni in Scharen davon, kaum sind sie richtig erwachsen geworden. Kaum je einer bleibt für die Doktorarbeit.

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Zitat aus:
Chamberlain, T.C. (1890), „The Method of Multiple Working Hypothesis“, Science 15:92, neu abgedruckt in
Hillborn, Ray; Mangel, Marc (1997), „The Ecological Detective – Confronting Models with Data“, Princeton University Press, Princeton, New Jersey.

Das Büchlein ist noch eine Nummer zu gross für mich. Zur Zeit ist darin Schmöckern angesagt. Aber richtig die Beispiele durchackern, die mathematischen Modell selber programmieren – das muss ich auf eine andere Zeit verschieben. Immerhin, der Anhang hat es schon in sich.

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5 Gedanken zu „Die grosse Nummer.

  1. Zwei Bemerkungen:
    – Wollen die Studenten überhaupt selbständig denken? Könnte auch allgemeiner gehalten werden mit. Wollen die Leute selbständig denken?
    Die Kurse der UZH und ETHZ auf Masterniveau die selbständiges denken zum Inhalt haben wie Journalclubs, und ähnliches sind allgemein sehr schlecht besucht. Da sitzen dann nur PhD und PostDocs. Veranstaltungen die stupides Auswendiglernen erfordern mit anschliessender Abfrageprüfung werden überrannt. Selbständige Arbeiten im Grundstudium die nach der Bolognareform eingeführt wurden, mussten wegen mangelndem Interesse seitens der Studenten eingestampft werden.
    – beim letzten Punkt bin ich nicht einverstanden. Nur Wer etwas kurz, prägnant und verständlich schreeben kann, hat wirklich das Thema verstanden.

  2. @Hansli,

    für die Bachelorstudenten gibt es hier am Institut so wenig Lehrveranstaltungen, dass Ihnen gar nichts übrig bleibt, als bei den Seminaren mitzumachen. Sie bekommen sogar so die nötigen ECTS fast nicht zusammen. 8 von 10 sitzen dann dort, sagen nichts und warten bis es vorbei ist. Dann gibt es Dozenten, die „sich melden im Seminar“ als Leistungskontrolle einführen und benoten. Postwendend kommt der Studentenprotest und im nächsten Jahr muss man dann diese „Kontrolle“ wieder abschaffen.

    Die Note am Schluss wird vergeben anhand eines Aufsätzleins, das der Student schreibt. Darin wird vor allem zusammengestellt und zitiert, was andere geschrieben und vorgetragen haben. Ich hatte nicht den Eindruck, dass man mit Selberdenken gute Noten bekommt dabei.

    Wer nichts anderes kann ausser kurz und prägnant zu schreiben, ist ziemlich beschränkt und als Forscher unbrauchbar.

  3. @Jürg Einige der Veranstaltungen werden hier nicht einmal bewertet. Da wird nur mit bestanden (Bericht etc abgegeben, reicht) oder nicht bestanden bewertet. Das Ziel ist eine Diskussion zu entfachen ohne Notendruck. Anscheinend ist der passive Konsum beliebter.

    Wer nicht kurz und prägnant schreiben kann, hat weder in der Forschung noch in der Privatwirtschaft eine Zukunft. Zeit ist knapp und teuer, da will niemand mit unnötig langem Geschreibsel aufgehalten werden.

  4. @Hansli

    Das geht im Bolognasystem in Zürich? Bestanden oder nicht bestanden einfach die ECTS im Büchlen, ohne Noten?

    Davon können wir in Bern träumen. Die behaupten hier im Ernst, im Bolognastudium müsse es für alles und jedes Noten geben.

    Umgekehrt habe ich schon mehrfach festgestellt, dass die phil-nat Fakultät ziemlich hemdsärmlig mit Gesetzen und Reglementen umgeht.

    Ach weh, wenn doch meine jungen Studienkollegen, die mir in emails und bei Tisch meine Blogeinträge kommentieren — wenn die doch das Füdlen hätten und auch ein paar Sätze hier hineinschreiben wollten! Sie sind nicht dumm, nur wollen sie nicht, dass man das merkt… psssst.

  5. @Jürg Punkte gibt es für die zu leistende Arbeit.(ist wahrscheinlich wie immer von Uni zu Uni unterschiedlich) Bei Diskussionsrunden mit Vorbereitung des Themas und einen Bericht schreiben sind das sogar sehr aufwändige Punkte. Vielleicht ist das für viele eine reine Aufwand-Nutzen Rechnung. Hab keine Ahnung woher das Desinteresse stammt. Zu meiner gab es nur Frontalunterricht und reines Auswendiglernen bis zu den Schlussprüfungen. Ein einziger Prof. hat Verständnisfragen gestellt, die mehr als nur nachplappern waren.

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