Kontrolle.

In meinem gestrigen Blogeintrag schrieb ich darüber: Zwei von sechs ordentlichen Professoren am Institut für Pflanzenwissenschaften erfüllen ihre reglemetarischen Pflichten in der Lehre. Zwei von sechs tun in allen Punkten, was von ihnen verlangt wird. Dafür bekäme die Lehre an diesem Institut die miserable Note 2.0. Nehmen wir noch die paar Dinge dazu, die weitere Professoren genügend bis sehr gut erledigen, so kommen wir auf einen Notendurchschnitt von 3.5 für diesen Unterricht. Wir reden von sechs ordentlichen Professoren, von denen jeder deutlich jenseits von 100’000 Franken verdient und eine sichere Stelle bis zur Pensionierung hat.

Die Uni führt eine sogenannte „Qualitätssicherung“ in der Lehre durch. Warum fallen diese schreienden Misstände der Universitätsleitung nicht auf? Die entscheidende Frage bei jeder Qualitätssicherung ist, wie man das Produkt definiert.

Sind „gute Lehrveranstaltungen“ das Produkt einer Universität? Müssen wir wirklich die Qualität einzelner Lehrveranstaltungen überprüfen? In einem Unterrichtsbetrieb ist nichts so schwierig, wie das Produkt festzulegen, dessen Qualität stimmen muss. Auf diese Unterscheidung machte mich einer meiner treuen Leser in seiner email aufmerksam. Er ist von Berufes wegen in einem Grossbetrieb für die Qualitätssicherung zuständig.

Fragen wir die Parlamente und die Steuerzahler, wozu wir eine Universität haben, dann sagen sie, die Schweiz sei eine Wissensgesellschaft in einem Land mit knappen natürlichen Ressourcen. Wir brauchen fähige Naturwissenschafter, um den Wohlstand unseres Landes zu sichern. Für unsere Politik und in der demokratischen Willensbildung wird demnach das Produkt der Uni spezifiziert als „fähiger Wissenschaftler“. Nach welchen Kriterien können wir feststellen, ob die Uni fähige Forscher ausbildet? Ich weiss wenig darüber. Wir müssten bei den Arbeitgebern nachfragen.

Was ein fähiger Wissenschaftler angeblich sei, definiert die Uni sehr einseitig. In diesem Betrieb sind das die willfährigen Menschen – Leute, wie man sie heutzutags in der akademischen Forschung haben will. Sie werden während 20 Jahren quer durch Europa und die USA von einer befristeten Stelle zur nächsten geschoben und enden mit 50-jährig als “biographische Leichen” ohne berufliche Zukunft. Das ist weder das Berufsziel meiner jungen Studienkollegen noch der Bedarf, den Stimmbürger und Privatwirtschaft anmelden.

Fragen wir einmal die Studenten, wozu sie an die Uni gehen: Viele wollen eine gute Ausbildung bekommen. Was ist eine gute Ausbildung als Produkt einer Uni? Das ist in jedem Fall mehr als eine Ansammlung von guten Lehrveranstaltungen. Wie definiert man die Qualität des Produktes „gute Ausbildung“? Darüber ereifere ich mich recht oft in diesem Blog. Eine gute Ausbildung beinhaltet zum Beispiel ein einigermassen komplettes Grundwissen im Fachgebiet oder die persönliche Kompetenz als Forscher in der gewählten Spezialisierung. Ein paar von den Burschen diskutieren diese Angelegenheiten regelmässig.

Die Burschen bleiben unruhig am Ball. Sie wollen wissen, wie sie sich die persönliche Kompetenz als Spezialisten erarbeiten können. Es ist nicht so, dass sie diesbezüglich von den Professoren Hinweise bekämen. Sie geben sich grosse Mühe herauszufinden, was dazu gehört, wenn man ein fähiger Spezialist sein will. Sie recherchieren im Internet oder fragen Leute aus, die schon in der Privatwirtschaft gearbeitet haben oder diskutieren halt über Mittag mit mir am Tisch.

An dieser Stelle gibt es einen wesentlichen Geschlechterunterschied zu notieren. Junge Frauen meinen allzu oft, eine gute Ausbildung sei, wenn man gute Noten habe und die Kriterien der Assistenten und Professoren perfekt erfülle. Später im Leben können sie dann anderswo in der Blogosphäre darüber diskutieren, warum das Haben von „Guten Noten“ nicht genügt, um eine verantwortungsvolle, gut bezahlte Arbeit zu bekommen.

Meine Beobachtung und die vieler meiner Studienkollegen ist, dass zwar das Biologiestudium an der Uni Bern ein paar gute Lehrveranstaltungen aber eine minderwertige Ausbildung bietet.

Gibt es denn überhaupt niemanden, der von einer Ansammlung guter Lehrveranstaltungen profitieren könnte? Etliche Studenten kommen einfach daher, weil die Bio sie grad anspricht und sie das Jungsein noch ein wenig geniessen. Mit solchen Spasstudenten kann ich nicht so viel anfangen. Mir ist diese Einstellung fremd. Ihnen gefallen „gute Lehrveranstaltungen“ sicherlich.

Wer hat den Spot von der Migros-Schule gesehen? Wenn es im China-Restaurant raucht und stinkt und die Gäste in Panik ausbrechen, dann habe ich zum Glück in der Migros einen Kurs in Führungsmethoden besucht. Weil der Koch den Kopf verliert, mit seinen Schlitzaugen blinzelt, mit den Händen wedelt und hysterisch kreischt, ist es nützlich, wenn mein Chinesischkurs von der Migros funktioniert hat. Wenn ich mit dem Feuerlöscher beherzt auf den Brandherd losgehe, so habe ich zum Glück bei der Migros einen Kurs im Feuerlöschen besucht. Und weil ich finde, nächstes mal esse ich mit meiner Liebsten lieber zuhause, so bin ich der Siebensiech weil ich den Migros-Kurs „Kochen wie ein Gourmet“ mit Erfolg bestanden habe. Ich habe Tränen gelacht. Die Migros-Schule bietet eine Ansammlung gut gemachter Kurse. Vielleicht passiert es ja wirklich einmal im Leben, dass grad ausgerechnet diese Kurse zusammengenommen mir den fröhlichen Abend retten. Als Berufsausbildung ist das mehr oder weniger untauglich.

Wenn unsere Spassstudenten eine gute Zeit haben wollen, dann sollen sie doch gefälligst die Migros-Schule besuchen. Von einer Uni erwarten ernsthafte junge Menschen mehr.

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Edit, 25.Feb. 2013, 18:00: Ergänzt um die Beobachtungen zu Karriereakademikern und zu den Geschlechterunterschieden.

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