Der Stand der Dinge.

Am Montag fängt hier das Frühjahrssemester an. Ich gebe einen zusammenfassenden Überblick meiner bisherigen Kritik am Biologiestudium, wie es von der Uni Bern appliziert wird.

Pro Jahr fangen etwas über 80 Bachelorstudenten in Biologie an. Ungefähr die Hälfte hält bis zum Master durch. Ein paar wenige nehmen den Bachelor mit und machen ihren Master anderswo. Die Uni Bern findet 50% Studienabbrecher normal.

Dieses Studium ist vermurkst. In Bern studiert nur Biologie, wer in der Nähe wohnt und nichts besseres in Aussicht hat — sei er phantasielos oder knapp bei Kasse. Die Uni Bern stiehlt spannenden, gescheiten, arbeitssamen jungen Menschen die besten Jahre ihres Lebens, die Jahre nämlich, in denen sie am schnellsten, leichtesten, meisten lernen.

Die ersten zwei Jahre Bachelorstudium sind komplett überladen mit einem wilden Wust von Wissen, das meistens stupide auswendig gelernt, nie aber verarbeitet und nur ausnahmsweise verstanden wird. Lehrstoff wird von einer Unzahl von Dozenten aus dem Druckfass in die Studentenschar gespritzt. Die ducken sich so rasch sie können, schütteln ab was geht und kommen von da an mit der wasserfesten Pellerine in die Vorlesungen. Ab und zu strecken sie den Zeigefinger hervor und prüfen, ob es jetzt trocken ist.

In den ersten zwei Jahren sind es 42 Dozenten, in über 30 Lehrveranstaltungen, je mit einer eigenen Leistungskontrolle. Den Rekord hält eine zweistündige Zoologievorlesung, wo sich im Verlauf von drei Monaten acht Dozenten die Klinke in die Hand drücken.

Die meisten Dozenten steigen einfach in die chnübligen Details ihres Spezialgebietes ein. Ob die Studenten überhaupt die Grundlagen kennen und gelehrt bekamen, wissen sie nicht und es interessiert sie auch nicht. Die Anfängervorlesungen der ersten beiden Studienjahre werden als Werbeveranstaltung für das eigenen Fachgebiet missbraucht. Zwei Dutzend Biologieprofessoren prügeln sich um die gut 50 Studenten, die bis zum Bachelor kommen.

Ein paar wenige Dozenten finden daneben doch noch, sie müssten etwas Grundlagenwissen vermitteln. Sie unterrichten die highlights vom wichtigsten vom wichtigsten. In insgesamt sieben Prüfungen müssen die Studenten dann die Lichtreaktion der Photosynthese auswendig können müssen — mit der kompletten Elektronentransportkette und mitsamt der Anordnung der Enzymkomplexe in der Thylakoidmembran. Vier verschiedene Dozenten erfreuen diese strebsamen jungen mit der Endosymbiontentheorie von der Lynn Margulis. Zum fünften mal lassen sie sich die Mikronährstoffe erklären und keiner hält die Hand auf und sagt, dass man das schon wisse. Richtig, dies sind Beispiele von wirklich wichtigem Grundwissen. Nur bleibt es ein punktuelles Wissen mit lauter Lücken. Schliesslich haben die angehenden Biologen nur diffuse Vorstellungen davon, was Konkurrenz ist und inwiefern sie sich in der natürlichen Selektion auswirkt, haben noch nie von der Weismann’schen Schranke gehört und können die Auswirkungen dieses zentralen Dogmas der Zellbiologie auch nicht referieren. Weder aus Ökologie, noch aus Zellbiologie haben sie das wesentliche mitbekommen.

Die Studenten sind wehrlos, die Fachschaft bleibt seit Jahren dysfunktional. Die Professoren haben ein probates Mittel gefunden, den Druck aufrechtzuerhalten, jeden sinnvollen Protest im Keim zu ersticken. Man macht Hirnwäsche, mutiert die jungen zu hirnlosen Drohnen. Das geht am besten mit Stress, Angst, Schlafentzug, den üblichen Foltermethoden. Wochenpensen von 60 Stunden während des Semesters und 40 Stunden während der Semesterferien sind zwingend gefordert. Das Bolognareglement wird mit Füssen getreten. Vorgeschrieben sind maximale Pensen von 40 Stunden.

Beispiel unter vielen sei das Chemipraktikum. Es werden ECTS-Punkte gegeben für die drei Stunden pro Woche im Praktium. Die Studenten müssen aber 10 Stunden leisten, um genügende Noten zu bekommen. Von Reglementes wegen soll während der dreistündigen Anwesenheit im Praktikumssaal der grösste Teil der Studienarbeit geleistet werden. In Wahrheit müssen die Studenten zusätzlich zu den 3 Stunden praktischer Arbeit im Labor auch noch drei Stunden vorbereiten, Molaritäten für Verdünnungen berechnen, solche Sachen und nach dem Praktikum müssen sie einen schönen Bericht schreiben, ein Journal pützerlen mit gut aussehenden Excel-Grafiken, wofür sie noch einmal drei bis vier Stunden brauchen. Gegen das alles wäre von der Sache her nichts einzuwenden. Man lernt die Chemie wirklich besser, wenn man so gründlich studiert.

Das Problem ist ein anderes: Die Studenten schaffen 10 Stunden, bekommen aber nur ECTS für drei Stunden. Über alles gerechnet müssten in den ersten zwei Studienjahren 30% des Studienumfanges weggeräumt werden, damit das Bolognareglement eingehalten würde. Man könnte zum Beispiel fragen, wieviel Chemie muss ein Biologe wirklich können? Und wieviel Chemie muss ein Paläoökologe können im Vergleich zu einem Molekularbiologen? Im Ausland täten die Studenten wegen solcher Rechtsverletzungen längst auf die Barrikaden steigen. Die jungen Schweizer sind brav, schweigen und lassen es sich gefallen.

So kommen meine jungen Kollegen dann aus dem Schlauch der ersten vier Semester heraus: Bleich, tatterig, desorientiert. Sie meinen, das Licht zu sehen am Ende des Tunnels, sind geblendet davon. Lustig hüpfen sie los, freuen sich auf das dritte Studienjahr, darauf, jetzt endlich richtig studieren zu können, sich in das Fachgebiet zu vertiefen. Nur fehlen leider die Lehrveranstaltungen.

Es gibt für das dritte Studienjahr eine kärgliche Zahl von Vorlesungen und noch weniger Praktika. Da sind viel zu wenige Lernmöglichkeiten, abgelöst, ohne aufeinander aufzubauen, ohne die Studenten umfassend einzuführen. Wie sollen die Dozenten auch, wenn die Grundlagen aus den ersten Jahren fehlen? Die jungen merken, dass sie kaum die Möglichkeit bekommen, sich in das Fachgebiet zu vertiefen, Boden zu bekommen. Sie bekommen hier ein bisschen gefüttert, dort etwas anderes. Es ist nichts falsches, nichts überflüssiges in diesem dritten Jahr. Was man kritisieren mag, liegt in der Spannbreite davon, dass halt einige Professoren geschickter sind als andere. Es ist das meiste schön spannend, anregend. Aber es genügt nicht. Es gibt kein Fundament im Fachgebiet, weil fast überall nur gestreift, ein wenig erzählt wird, wie es wäre, wenn man es wirklich lernen täte. Alles ist ein tapsiger Anfang und dann hört es auf. Man würde das Biologiestudium empfehlen können, wenn einiges mehr auf diesem Niveau geboten würde.

Was nach dem dritten Studienjahr bleibt, ist Ratlosigkeit, der Eindruck, dass hier keine richtige Wissenschaft betrieben wird, dass es an allen Ecken und Enden fehlt, wenn man in Bern Biologe werden will. Die Reaktionen sind klassisch, nach Frauen und Männern aufgeteilt: Frauen suchen den Fehler bei sich, halten sich für ungeeignet und es wäre besser Kinder zu hüten. Männer sehen den Fehler beim Fachgebiet an sich: Das sei keine richtige Wissenschaft, es würden keine Kausalitäten untersucht.

Aber noch immer merken sie das eine nicht, nämlich dass die Uni Bern die Bachelorstudenten nach Strich und Faden bescheisst. Diese Uni stiehlt spannenden, gescheiten, arbeitssamen jungen Menschen die besten Jahre ihres Lebens, die Jahre nämlich, in denen sie am schnellsten, leichtesten, meisten lernen.

Die statistischen Zahlen zeigen folgendes: Pro Jahr fangen ca. 80 bis 90 das Bachelorstudium an. 55 bis 60 davon machen den Bachelor. Bis zum Masterabschluss bleiben 40 oder 45. Stellen wir uns der Realität: Ein Bachelorabschluss hat schlicht keinen Wert bei der Arbeitssuche. Dazu ist mindestens ein Masterabschluss nötig. Von 80 bis 90 Studienanfängern schliessen also 40 bis 45 ein komplettes Masterstudium ab. Weitere 10 Masterstudenten kommen aus dem Ausland dazu. Die Quote der Studienabbrecher im Biologiestudium an der Uni Bern beträgt demnach 50%. Ich erinnere ein Zeit wo ebenfalls über 80 Studenten mit dem Diplomstudium anfingen. Wenn mehr als vier davon das Studium vor dem Diplom abbrachen, gab es in der Fakultät Diskussionen, was da los sei bei den Biologen. Von jenen meinen Kollegen, die dazumal abbrachen, kann ich jeden einzelnen Studenten, jede einzelne Studentin mit Namen nennen und kenne ihre Gründe. Heute sind die Studienabbrecher ohne Namen und ohne Zahl. Niemand mehr schaut hin. Das ist der normale Lauf der Dinge in dieser traurigen Uni.

Während des Masterstudiums gibt es so gut wie nichts mehr neues zu lernen. Vertiefender Unterricht fehlt. Die Professoren fehlen in der Lehre. Wir haben zwei Dutzend davon, aber sie bringen es nicht fertig, wenigstens ein bisschen etwas Unterricht zusammenzustellen für die 45 Masterstudenten. Zwei Studenten pro Professor und die Herren und Damen haben so gut wie nichts zu bieten! Quer durch die halbe Uni müssen sich die Ökologiestudenten irgendwelche Lehrveranstaltungen zusammenstehlen, um das Reglement zu erfüllen. Je nach Betreuung gibt wenigstens die Masterarbeit eine weitere Lerngelegenheit. Leider zu oft werden die Studenten dort als billige Forscherameisen missbraucht. Die Wahrheit ist, dass ein Ökologe in den fünf Jahren bis zum Masterabschluss während eines allereinzigen Semsters wirklich richtig studieren durfte. Das war im dritten Studienjahr.

Die Biologiestudenten an der Uni Bern wehren sich nicht. Sie laufen einfach davon. Von den mehr als 80 Studienanfängern machen am Schluss noch 4 oder 5 in Bern ihre Dissertation. Die übrigen Doktoranden müssen auswärts angeworben werden. Aus der Schweiz ist kaum einer so blöd und doktoriert als Biologe in Bern. Über zweidrittel der Doktoranden in Biologie muss die Uni Bern aus Deutschland und dem übrigen Europa einfliegen. Die ganze Forschung in Biologie würde ohne die Ausländer zusammenbrechen. Kein einziger anderer Fachbereich an der Uni Bern hat eine so hohe Ausländerquote bei den Doktoranden wie die Biologie.

Die Ausrede der Unileitung hören wir jedes Jahr von neuem in derselben Form. Sie ist zur faulen Ausrede geworden: Die jungen Schweizer seien vor allem hinter dem Geld her. Des schnöden Mammons wegen würden sie lieber sofort eine Stelle suchen und sich nicht die Mühe mit einer Doktorarbeit nehmen. Die Wahrheit ist ganz einfach, dass die jungen nicht mitmachen, weil sie für sich in diesem Studienbetrieb keine Zukunft sehen. Es gibt nichts zu lernen.

Eine ganze Anzahl von Professoren unterrichten überhaupt nicht. Sie delegieren die gesamte Pflicht an ihre Assistenten. Sie verletzen damit ihre reglementarischen Pflichten. Dafür sind sogar Disziplinarmassnahmen von Seiten des Rektorates vorgesehen. Kein Schwanz kümmert sich. Die jungen Studenten interessieren keinen im Ernst. Solange man ECTS-Punkte gutschreiben, Studienabschlüsse verteilen kann, ist man zufrieden. Man kann so etwas wie „Ausbildung“ verkaufen und „Qualitätskontrolle“ spielen lassen. Man wahrt die äussere Form, tut so, als täte man hier einen Unterrichtsbetrieb am Laufen halten.

Der Fachbereich Biologie der Uni Bern bekommt alle paar Jahre ein Superranking
und landet bei den besten der besten aus Europa. Die Begründung lautet, dass kaum irgendwo sonst so viel publiziert werde und soviel ausländische Doktoranden forschen täten. Die Kehrseite ist beschämend: Die Professoren schreiben lieber an ihren Publikationen anstatt brauchbar zu unterrichten. Junge Biologen als Nachwuchs auszubilden, haben die Professoren nicht nötig. Sie können ja die Doktoranden einfliegen — jederzeit, nach freiem Gutdünken.

Was passiert mit all diesen Biologen, die es grad bis zum Bachelorabschluss gebracht haben? Eine von ihnen sagte mir, sie habe all das nicht nötig. Sie wolle ein glücklicher Mensch werden. Mir scheint das ein sinnvolles Ziel im Leben. Wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten wird, darüber denkt sie als 22-jährige noch nicht gross nach. Die Unbeschwertheit ist ein Privileg der jungen Erwachsenen. Ich sage also erst etwas dazu, falls ich sie in ein paar Jahren wiedersehe und ausfragen kann.

Kein Arbeitgeber interessiert sich für einen Naturwissenschafter mit Bachalorabschluss. Man könnte genausogut nach der Matur und ohne Berufslehre Arbeit suchen. Das funktioniert zum Beispiel, wenn man Nico Lutz heisst, in Thun den Gymer machte und von Berufes wegen Maismacher bei einer linksextremen Gewerkschaft wird, mit italienischen Kommunisten als Chefs – bei der Unia eben. Ein Megaphon bedienen kann jeder. Allerdings wurde das der Unia dann doch noch gschmuech und sie haben Nico Lutz ein berufsbegleitendes Studium in Personalführung bezahlt.

Somit erzieht die Uni Bern vor allem ein akademisches Proletariat, einen neuen Berufsstand von arbeitslosen Steinewerfern, Krawallanten, der Sorte von Leuten, die Barrikaden errichten, Autos in Brand setzen. Ist das das Ziel? Nationalrat Christoph Blocher und Professor Christoph Mörgeli haben kaum über solches nachgedacht, als sie befanden, die Unis seien ein Hort der Linken.

Nach Strich und Faden beschissen werden im übrigen nicht nur die jungen Studenten, sondern die Steuerzahler genauso: 90% der ausländischen Doktoranden werden von der Uni selber oder vom Nationalfonds bezahlt. Mit unserem Geld bilden wir Ausländer aus, die nie irgendwettige Art von Rolle in der Schweiz spielen werden, weder in der Gesellschaft, Wirtschaft noch in unserer Politik.

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