Nein, nein, nein!

So macht man es einfach nicht! Man geht nicht hin und „vergrössert“ eine Digitalfoto, indem man ihr zusätzliche Bildpixel heranrechnet (sog. upsampling). Das lernt jetzt wirklich jeder Schüler in der zweiten Lektion bei der Migros-Clubschule. Man tut es nicht.

Das hier ist meine vernichtende Kritik an der lithographischen Gestaltung beim Neuzugang zu meiner Bibliothek.

Peter Steiger:
Wälder der Schweiz –
Von Lindengrün zu Lärchengold, Vielfalt der Waldbilder und Waldgesellschaften der Schweiz
4. Auflage, Ott Verlag, Bern, 2010

Die Mängel kommen vor allem davon, dass man für die vierte Auflage die Bildreproduktionen der ersten Auflage aus dem elektronischen Archiv nahm, daran mit modernsten digitalen Algorithmen herumwerkte. Das Ziel war, ein modernes Seitenlayout zu schaffen, eine strenge Einteilung der Seiten in vertikale Hälften und in horizontale Drittel Man versuchte das unmögliche, gute Bilder aus ungeeigneten Reproduktionen herbeizurechnen. Es geht nicht. Das Ergebnis ist für ein geübtes Auge verheerend. Mir tut das alles eigentlich nur weh und ich ärgere mich, über das Geld, das ich da ausgegeben habe.

Das Buch hatte ich bisher in der ersten Auflage von 1994 bei mir. Es soll mir helfen, meine Waldexkursionen vom nächten Sommer vorzubereiten. Die erste Auflage war mit seinen weit über 700 Fotos an den technischen Grenzen dessen, was man dazumal zu einem vernüftigen Preis machen konnte. Hunderte von Farbdiapositiven wurden in einer einem Gewaltsmarsch eingescannt und aufbereitet. Die Bilder leiden vor allem daran, dass die Grüntöne auf fast allen Fotos gleich aussehen, ohne Nuancen und ziemlich ins blaugrüne abgesoffen. Das waren die Kompromisse mit der digitalen Technik von dazumal.

Die Bilder in der ersten Auflage von Steigers Buch waren die ganz allermeisten klein gehalten, 48x74mm, ziemlich genau im Seitenverhältnis 2:3 der damaligen Kleinbildfime. Viele Mängel in der Bildwiedergabe fallen so ein bisschen weniger auf, zum Beispiel dort, wo die Kontraste zu hart sind oder wenn die Auflösung der Details ein bisschen knapp wird (vermutlich bei Ausschnitssvergrösserungen). Selbstverständlich konnte man damals Bildbände mit wundertollen grossformatigen Fotos herstellen. Man hätte das vermutlich noch mit den hergebrachten lithographischen Techniken, von Hand, mithilfe von Farbseparierung auf Reprofilmen gemacht. Oder man hätte die damals aktuelle Spitzentechnik genutzt mit Trommelscannern, die zehntausende von Franken kosteten, und in die man jedes einzelne Dia mit Hilfe einer klebrigen Gelatinemasse hineinpraktizieren musste. Das vorliegende Buch mit 700 Fotos, die als Belegexemplare und nicht als Luxusillustrationen dienten, das hätte man mit solchem Spitzenhandwerk nicht bezahlen können.

Das Seitenlayout der ersten Auflage war, um es nett auszudrücken „experimentierfreudig“ – aber für meine Zwecke erstaunlich passend. Sehr offensichtlich hatte man die zuerst die Bildchen über die Seiten ausgstreut und danach den Text in die Lücken hineinplatziert. So kommt es, dass die Bilder manchmal eine Spalte füllen, manchmal anderhalb, manchmal zwei oder auch zweieinhalb. Manchmal sind sie im Quer- dann im Hochformat, dazwischen Textkästchen, Verbreitungskärtchen und Profilzeichungen der Waldbestände. Ich nehme an, da gibt es eine ganze Zahl von Verlagsbuchhändlern und von Grafikern, die die Hände verwerfen, wenn sie so etwas zu sehen bekommen.

Doch für mich ist diese Art von Anordnung der Bilder genau richtig. Ich hatte vor vielen Jahren Ellenberg und Klötzli (1972): „Waldgesellschaften und Waldstandorte der Schweiz“ durchgearbeitet und zu einem grossen Teil auch auswendig gelernt. Es war ein rein theoretisches Wissen, denn in Bern hat niemand im Wald geforscht und es gab nur wenig Möglichkeiten für Exkursionen. Das Buch in seiner ersten Auflage ist perfekt für mich, um da weiterzufahren.

Ich bin in jungen Jahren viel gereist in der Schweiz, zu Fuss und mit dem Velo. Ich verstand zu wenig von Wäldern, um die besuchten Orte richtig zuzuordnen. Doch ich war mit offenen Sinnen dort, erinnere Bilder, Geräusche, Gerüche. Wenn ich nun diese dichte Sammlung von kleinen vignettenhaften Bildern vor mir habe, dann kommen mir augenblicklich Landschaften und Orte in den Sinn, wo ich genau dieses antreffen würde. Zusammen mit den Angaben im Buch würde ich diese Standorte im Gelände auf Anhieb finden. Die Bilder, die ich hier sehe, geben die klaren Eindrücke.

Mein altes Buch hat im Verlauf der Jahre gelitten und sieht übel aus. Was also liegt näher als ein neues Exemplar zu kaufen. Und siehe da, der Verlag bietet eine „völlig überarbeitete und ergänzte“ vierte Auflage an. Was liegt also näher, als ein Buch zu kaufen, das über die Jahre gereift ist, wo neue Erfahrungen und Anregungen von Kollegen des Autors zur Verbesserung geholfen haben. Jedenfalls ist es das, was ich mir erhoffte, als ich die neue Auflage bestellte.

Was habe ich bekommen? Es ist eine der seltenen wahren Enttäuschungen bei Bücherkäufen: Die Bildchen wurden vergrössert, nicht mit dem Ziel, mehr von den Wäldern zu zeigen, sondern einzig, um ein vorgefertigtes Schema zu erfüllen. Der Verlger hat entschieden, dass die Aufteilung der Seiten in einer sauberen Ordnung zu sein hat. Alles wird in exakte zwei Spalten pro Seite gezwängt. Die meisten der Bilder sind entweder fast quadratisch und füllen ein Drittel der Spaltenhöhe oder sie sind 80×125 mm gross und füllen etwas über die Hälfte einer Spaltenhöhe.

Wollte man es richtig machen, so könnte man heutige Technik kostengünstig einsetzen: Man müsste auf die Origninal-Diapositive zugreifen. Diese erneut eingescannt und verarbeitet, so könnte man wunderschöne, gut abgestimmte und herausvergrösserte Bilder herstellen.

Stattdessen hat man die alten Bilder mit ihren genannten Fehlern digitalen Tricks unterzogen und die neuen Bilder bekommen zu den alten Fehlern hinzu noch einen Haufen neue: Jetzt sind nicht nur die Grüntöne alle in ein blaugrünes Einerlei abgesoffen und die Kontraste zu hart. Die Bildstrukturen mit Zweigen und Blättern sind jetzt auch noch einen undefinieraren Überzug von lose ausgestreuten Farbkleksen in pointilistischer Manier aufgefötzelt worden. Vor lauter Klecksen sieht man zum Beispiel auf Bild 333 nur noch Efeu, an den Baumstämmen, weil im Bildtext steht „Efeu erklettert die Kronen“. Die Bilder wurden nicht nur per upsampling vergrössert, sie wurden im nächsten Schritt auch noch in grauenerrregender Weise überschärft, zum Beispiel sichbar an den schwarzen Rädern entlang der Baumstämme auf Bild 373, Enschenmischwald.

Es gibt in der neuen Auflage Dutzende von solche üblen Bildern, alle schön in das Schema des Seitenlayouts gequetscht. Ich liste ein paar Bilder auf, wo man meine Reklamation nachvollziehen mag. Besonders gut geht das natürlich, wenn man beide Auflagen nebeneinander nimmt. Bildnummern aus der vierten Auflage: 414 Bärlauch und Winterschachtelhalm in einer Hartholzaue, 417 hochmontane Grauerlenaue, 421 Grauerlen mit Geschiebe überschüttet, 422 Grüntöne in den Innauen.

Einige grobe Fehler in der Anordnung der Bilder zeigen auch, dass die Grafiker zwar von Digitaltechnik viel verstehen, aber keine Ahnung von Botanik haben: Bild 426 Lorbeerweide, da hängen die Bläter und Blütenkätzchen von unten nach oben. Bild 336 Walderdbeere wurde um 90° verdreht, die Sonne scheint jetzt von rechts unten statt von rechts oben. Andere Bilder, wie der Bockkäfer, Bild 93, vereinigen sämtlich hier genannten Fehler.

Meinen Lesern kann ich das Buch sehr empfehlen wegen seines Inhaltes. Es ist wirklich lehrreich was die Waldtypen und Waldstandorte in der Schweiz angeht. Am besten sucht ihr eine ältere Auflage antiquarisch so bekommt ihr die Ausgabe, wo die Bilder zwar klein sind aber sauber gemacht. Und ihr spart erst noch einen Haufen Geld.

Eine gute Meta-Suchmaschine findet ihr bei Eurobuch. Der einzige Nachteil von Eurobuch.com ist, dass man bei vielen der verlinkten websites dann ein Benutzerkonto einrichten und eine Kreditkartennummer angeben muss. Bei den Antiquaren, die in ZVAB.com inserieren, könnt ihr ohne Kreditkarte einkaufen.

Ich kann deutsche Antiquariate sehr empfehlen. Ich bekomme immer gute Ware, rasch geliefert, oft gegen Rechnung. Man muss im voraus die Preise und die Versandkosten vergleichen. Nicht alle sind billig. Aber die billigen sind deswegen noch lange nicht die schlechten.

Peter Steigers Buch kostet in der vierten Auflage 109 Franken im Buchladen. Wenn man ein bisschen Geduld hat und ein paarmal nachschaut, so ist ein antiquarischer Kauf für 20 bis 25 Euro, inklusive Porto ein realistisches Ziel.

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5 Gedanken zu „Nein, nein, nein!

  1. Danke für die Hinweise, ich muss mir demnach das Ding genauer anschauen. Leider habe ich auch schon solch digital aufgemotzten Bilder gesehen, als dass ich daran Freude hätte. Gerade bei einem Lehrbuch wäre solche „Kreativität“ eher lästig. Dass dies beim Verlag so durchkam?

  2. Ich war kürzlich an einem Vortrag von Michael Brunner („Baumriesen“, http://www.proarbore.com u.a.) und war beeindruckt. Weniger von seinen Hobbyfotografien (naja, einige waren sogar ziemlich gut!) als vielmehr von seiner Passion zum Thema. Kennen Sie ihn?

  3. @W. Gabathuler,
    „Wälder der Schweiz“ ist mehr als ein Lehrbuch. Es ist eine Art Zusammenstellung von Waldtypen, so wie sie zum Beispiel von Forstingenieuren unterschieden werden, um die passenden forstlichen Pflegemassnahmen zu planen.

    Ich denke, einen von Brunners Bildbänden ist in eine älteren Auflage in meiner Privatbibliothek, die „Baumriesen“. Ich müsste ihn hervorsuchen. Habe einen guten Eindruck von schön gemachten Bildern in Erinnerung.

    Eine Vortragsreise ist etwas anderes: Wenn man über Bäume berichten will, dann hat man halt oft die Bilder bei sich, die ein beobachtetes Phänomen möglichst gut zeigen. Es sind dann nicht immer die besten, technisch perfekten Bilder. Das sind die Kompromisse, die in allen Fachbüchern findet. Dort sind die Bilder nicht der Selbstzweck wie bei einem prächtigen Bildband, sondern sie sollen etwas aus dem Text verdeutlichen.

  4. Haben Sie Artikel zur Biodiversität in der heutigen NZZ schon gelesen (Interview mit Bruno Baur), was halten Sie als Experte davon? Daraus ergeben sich doch einige Konsequenzen auf lokaler Ebene.

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