Die ganze Frage.

Vor uns sass dieser schmale, vom Stress bleiche, von der Anstrengung ausgetrocknete Mann und wollte von uns wissen:
„Warum hat es hier am pflanzenbiologischen Institut der Universität Bern so wenig Studenten?“

Wir hatten extra den ganz grossen roten Stuhl mit der breiten Chefsessellehne für die Kandidaten hingestellt. Als Studentendelegation wollten wir ihnen die Befragung so entspannend wie möglich machen. Verblüfft schaute ich dieses bleiche, eingeschrumpfte Männlein an.

Er war einer der eingeladenen Bewerber für eine Stelle als Assistenzprofessor in „Functional Plant Biology“ und nutzte das Gespräch mit uns Studenten, um sein Vorstellungsgespräch bei der Berufungskommission besser vorzubereiten. Er kam zu uns mit einem konzentrierten Katalog von fünf Fragen. Er hatte schon mitbekommen, dass an diesem Institut pro Jahrgang mickrige sechs Studenten zu Masterabschlüssen ausgebildet werden — bei einem Überhang mit insgesamt acht Professoren und drei Privatdozenten. Der Mann kann rechnen und weiss ganz genau, dass die Fakultät aus einer tenure track Professur keine feste Anstellung macht, wenn hier keine Studenten ausgebildet werden.

Der Kandidat hatte aufgeschnappt, dass diese Frage vom Professorenkollegium mit treibender Kraft herangetragen wird:
„Was würden Sie tun, damit mehr Studenten sich für Pflanzenbiologie interessieren?“ Diese Fragen also stellen unsere Professoren aufstrebenden, aus fernen Ländern angereisten, fremdsprachigen Wissenschaftlern! Das naheliegende tun sie nicht: Sie kommen nicht zu uns Studenten und fragen nicht uns, woran es fehle.

Die Professoren sind zu feige für die bittere Wahrheit, spuken und treten, bevor sie sich den Biss in die bittere, vom klebrigen Milchsaft triefende Löwenzahnwurzel antun. Sonst würden unsere Professoren nämlich folgendes erfahren:

1) Die Professoren sollen anfangen zu unterrichten. Erst wenn es überhaupt ein Unterrichtsangebot gibt, können irgendwelche Studenten kommen und sich ausbilden lassen.
Das erste was allen Studenten der Pflanzenökologie und der Pflanzenphysiologie auffällt, sobald sie das Masterstudium anfangen: Es gibt keine Lehrveranstaltungen. Keine, echt! Das wenige, was hier angeboten wird, haben sie schon im Bachelorstudium abgegrast. Jetzt müssen sie durch die Uni ziehen und sich ihre ECTSli zusammenstehlen. Sie müssen alle möglichen und unmöglichen, langweiligen oder interessanten aber in jedem Fall vollkommen belanglosen Lehrveranstaltungen besuchen, einfach um die nötigen Noten einzusammeln. Zu ihrem Spezialgebiet, wo sie jetzt forschen, gibt es keine Ausbildungsmöglichkeiten. Diese Antwort bekämen sie von mindestens jedem zweiten Studenten zu hören.

2) Die Professoren sollen anfangen, persönlich zu unterrichten, hinstehen wofür sie angeblich da stehen. Eine grosse Zahl von Bachelors hauen ab, verlassen dieses Geisterschiff.
Sie haben während der Bachelorarbeit viel nachgedacht, ihr Gewissen geprüft. Am Schluss finden sie, dass dieses Institut ihnen keine Zukunft bietet. Viele Chefs haben zwar ein Schild an ihrem Büro, aber es weiss keiner, was die wirklich machen, wofür sie einstehen, was man bei ihnen erreichen kann. Wir reden hier von den hochbegabten Studenten. Es trifft ausnahmslos alle von denen, die mit ihrer geistigen und handwerklichen Leistungsfähigkeit die Kollegen weit hinter sich lassen.

Sie waren angetreten um Pflanzenwissenschafter zu werden und dabei die Welt zu retten. Der Bauernsohn hilft in den Sommerferien zuhause bei der Kirschenernte. Er will eine Superpflanze züchten, die die Ernährungsprobleme der Welt löst [seine Worte]. Die Städterin zieht während der Sommerferien von einem Biobauernhof in Südfrankreich zur nächsten Hascherkommune im Jura. Sie will im Gegensatz eine ökologische Grundlage zu schaffen, damit Menschen, die solche Superpflanzen züchten, nicht noch mehr Schaden in den natürlichen Systemen anrichten [ihre Taten]. Einträchtig sassen die beiden zusammen beim Mikroskopieren im Praktikumssaal, schufteten getrennt aber mit denselben Aufgaben auf steilen Alpweiden, beim Graben und Grübeln und Chnüblen nach Pflanzenwurzeln, lernten zusammen die Grundlagen abstrakter statistischer Verfahren. Hier lernen sie in vertrauter Nähe voneinander. Wie quietschende Hundewelpen fressen sie aus demselben Napf — rangeln und vertrauen sich. Später im Leben werden die Umstände sie zu gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Konkurrenten machen.

Solange sie an einem solcherart fragmentierten Institut sind, hemmt sie schlicht die nackte Verzweiflung, das Elend der verwahrlosten Jugend. Sie sind sich selber noch zuwenig sicher, um ganz alleine den Weg zu finden. Sie erwarten berechtigt, dass die Professoren gefälligst dazu angestellt sind, sie persönlich zu unterrichten und anzuleiten. Begabte Menschen haben es nicht einfacher im Leben. Sie sind darauf angewiesen, dass sie komplett und auf der ganzen Breite gefordert sind. Sonst entwickeln sie sich nicht weiter.

Nach langem hin- und herwerweissen, nach der persönlichen Suche nach einem Ausweg, geben sie einer nach der anderen zermürbt auf, suchen das Weite. Er wird Physiker, sie will ein glücklicher Mensch werden. Sie sagen beim Abschied mehr als deutlich, dass sie diesen Betrieb hier nicht nötig haben [ihre Worte, seine Taten]. Diese Antwort bekämen die Professoren nur zu hören, wenn sie die Studenten vor dem Absprung abfangen, zu sich in das Büro einladen und das persönliche Gespräch führen täten. Professoren, die überhaupt nicht unterrichten, bekommen nicht einmal die Namen dieser Studenten mit, geschweige denn, dass sie den einzelnen einzuschätzen wüssten.

Ich habe diese hochbegabten so kennengelernt, dass sie ihre Leistungskontrollen zügig und ohne fackeln hinter sich bringen. Sie haben Freude an guten Noten, aber sie halten sich nicht auf damit. Sie sind mit dem Studium um Monate oder gar Jahre vor allen anderen fertig und haben nebenbei, nach Feierabend, in den Semesterferien, Zeit, sich umzuschauen in der Welt. Solcherart umfangreich begabte Menschen können sich an jedem anderen Ort genauso einen Platz im Leben erschaffen. Sie haben die Pflanzenwissenschaften und das Institut hier in Bern tatsächlich nicht nötig.

3) Die Professoren sollen gefälligst anfangen, zusammenzuarbeiten, Lehrveranstaltungen und Lehrinhalte koordinieren, sich gegenseitig auszuhelfen, wenn das Fachwissen oder die technischen Möglichkeiten des einen für Fragestellungen des anderen nützlich sind. Sie sollen den Studenten zeigen, was man aus der einen Disziplin für die andere lernen kann. Diese Antwort bekämen die Professoren nur in abgespeckter Form von den jungen zu hören.

Sie bekämen zu hören, dass die jungen in den ersten drei Semestern von vier Pflanzen-Dozenten die Mikronährstoffe gelehrt bekamen, dass sie bis zum fünften Semester sechsmal die Lichtreaktion der Photosynthese auswendig kennen mussten, dass ihnen die Endosymbionten von Lynn Margulis langsam zum Hals heraushängen. Es fehlt nicht viel und die Studenten erleiden eine akute autoimmune Reaktion, wo die gesamten Körperzellen selektiv alle Mitochondrien aussondern und damit eine der grössten Erfindungen allen biologischen Lebens rückgängig machen.

4) Was unsere Biologieprofessoren von den Studenten nicht zu hören bekämen, ist die Erinnerung an die grosse Schande, die diese Fakultät vor bald 15 Jahren auf sich geladen hat. Es ist diese Schande, die unsere Professoren daran hindert, überhaupt mit den Studenten das Gespräch zu suchen. Sie möchten sich nicht rechtfertigen müssen, für den Mist, den sie und ihre Vorgänger gebaut haben.

Das Institut für Pflanzenwissenshaften erholt sich erst langsam von den Verwüstungen, die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre eine kleine Zahl von egomanischen Pflanzenphysiologen unter der Obhut der exakten Wissenschaften anrichtete. Innert dreier oder vierer Jahre waren die Studentenzahlen von 30 Diplomabschlüssen pro Jahr auf einen Abschluss alle zwei Jahre zusammengebrochen. Die heutigen Studentenzahlen sind das frohe Ergebnis eines jährlichen Wachstums im zweistelligen Prozentbereich.

Die jungen Studenten wissen nichts von der alten Schande. Sie können sich nicht vorstellen, dass da einer so grössenwahnsinnig war, dass er die sämtlichen Tropenhäuser zupflastern und mit manipulierten Betunien vollpflanzen wollte. Sie hören mit Befremden, dass die Uni Bern einmal die Politik vertreten hatte, eine moderne Universität benötige keinen botanischen Garten und den könne man der Stadt als Grünpark überlassen.

Diese Schande des Niederganges berührt die jungen Studenten von heute nicht. Aber sie hindert die Professoren daran, ehrlich und unbefangen die entscheidenden Fragen zu stellen. Das ist die Antwort, die ich dem Kandidaten für die Professorenstelle gebe, als er fragt, warum es hier so wenige Studenten habe: Ich sage ihm, dass eine kleine Zahl von Egomanen das Institut beinahe kaputt geschlagen hatte und dass die heutigen Studentenzahlen das Ergebnis eines phänomenalen Zuwachses sind in einer Zeit, wo sich das Institut von diesen Zerstörungen erholt. Wir haben heute den glücklichen Zustand erreicht, wo die Professoren einander gegenseitig ignorieren, sich abschotten und als wenigstes von allem, sich nicht mehr Schaden zufügen.

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