Selbständig lesen, denken, tätig werden.

Mein treuer Leser Hansli merkt an, was eigentlich Standard sein soll bei der naturwissenschaftlichen Ausbildung an jeder Uni: Das Studium kann nur die Grundlagen bieten für ein vertiefendes Selbststudium.

Beim Biologiestudium an der Uni Bern wird solches Selbststudium solchermassen rigoros unterbunden, dass ich mich ernsthaft nach der Motivation frage. Hirnlose Forscherdrohnen werden benötigt, damit die im Labor ohne lautes Fragen oder stilles Murren Daten produzieren für die nächste Publikation. Wenn die aufeinmal anfangen, selber zu denken, selber Fragen zu stellen, dann ist der ganze Zauber verflogen.

Der Bildungsauftrag im bernischen Universitätsgesetz wird in massivster Weise mit Füssen getreten. Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Fakultät sich um ihre eigenen Reglemente foutiert. Die Studenten sind desorganisiert, wenn sie sich für die eigenen Interessen einsetzen sollten.

Die eingeständige Vertiefung in ein Interessensgebiet ist wichtig, um sich ein gefestigtes, in der eigenen Denkwelt verankertes Spezialistenwissen zu erareiten. Mit dieser Erwartung stellten in den vergangenen Jahrzehnten viele Arbeitgeber Naturwissenschafter an und nicht Ingenieure. Für viele Aufgaben sind Leute notwendig, die sich selbständig in eine Sache hineinzuknien, sich Wissen anzueignen vermögen.

Aber dazu muss bereits während des Grundstudiums sowohl aufgefordert werden wie auch der nötige Freiraum gelassen werden. So wie das Biologiestudium in Bern zur Zeit läuft, werden hier tapsige Hilfslaboranten, hilflose Hilfsgärtner, lamaschige Hilfssekretäre herangezogen und Aktenschieber, die nichts können, ausser aus Publikationen abschreiben und selber Berichtlein verfassen. Es gibt schlicht nicht genug Arbeit für solche Leute in der Schweiz. Wir haben schon genug arbeitslose Germanistinnen, Historiker, Psychologinnen. Es ist übeflüssig auch noch Biologen auf demselben Drohm ausfransen zu lassen. Sogar bis zum PhD bekommen die Biologen hier nicht mehr gelernt. Arbeitgeber tun deshalb gut daran, Talentscouts loszuschicken zu Informationstagen, die Jungen so früh wie möglich abzufischen, sie im eigenen Betrieb auszubilden.

Meine jungen Studienkollegen bewältigen während der ersten zwei Studienjahre regelmässig Arbeitspensen von 60 Stunden pro Woche. Da gibt es schlicht keinen Platz für weiterführende Fragen. Die 60-Stundenwoche ist reglementswidrig, geht um ca. 50 bis 60% über das hinaus, was von der Bolognareform her erforderlich wäre.

Hier fehlt das vehemente Eingreifen der Studentenschaft.

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2 Gedanken zu „Selbständig lesen, denken, tätig werden.

  1. Die Semesterferien werden nicht umsonst vorlesungsfreie Zeit genannt. Im Grundstudium muss erst die Basis gelegt werden.

  2. @Hansli

    Ich kenne einen einzigen Studenten, der Zeit findet, selbständig auf dieser „Basis“ aus dem Grundstudium aufzubauen: Er exmatrikuliert sich zwischendurch, macht seine eigenen Projekte und immatrikuliert sich nachher wieder.

    Solange ein Student immatrikuliert ist, gibt es schlicht keine Zeit für eigenständige Interessen: In den Semsterferien ist das Arbeitspensum auf ca. 40 Stunden reduziert und besteht aus Berichtli schreiben und Prüfungen auswendiglernen.

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