Flucht nach vorn.

Assistenzprofessuren sollen angeblich der Förderung des akademischen Nachwuchses dienen. Damit sollen angehende Forscher ermutigt werden, zu doktorieren und sich auf das wagemutige Abenteuer einer akademischen Karriere einzulassen. Das System ist ein Versuch, von einer abverheiten Universitäts-Reform aus den 90er Jahren zu retten, was zu retten ist. Man tut dabei so, als sei die Uni ein Selbstzweck um ihrer selbst willen, eine eigentliche Wixerei, um das Ding beim Namen zu nennen.

Auf der Strecke bleibt ein weiteres mal die Grundausbildung der jungen Studienanfänger, der Bachelor- und der Masterstudenten.

Sie haben das Nachsehen. Die Studenten müssen sich weiter mit einem unkoordinierten Wust von überflüssigen, nebensächlichen Lehrinhalten abmühen. Die grundlegenste Prinzipien ihres Faches bekommen sie nach wie vor nur lückenhaft mit und eine Vertiefung in ihr Spezialgebiet, ein Aufbaustudium über mehrere Semester, wird ihnen nur in den wenigsten Fällen vergönnt.

Das ganze ist eine einzige Riesenschande.

Der Ideologie der 90er Jahre entsprechend, wurde in der phil-nat Fakultät der festangestellte Mittelbau abgeschafft. Da waren Oberassistenten damit beschäftigt, die jungen Studenten in die Grundlagen des Faches einzuführen. Sie führten meistens die Praktika durch, die Vorlesungen wurden von den ordentlichen Professoren gehalten.

Man wollte diese angeblich verstaubte Schicht von Sesselhockern und verkannten Genies ausmisten. Diese 90er-Jahre Ideologie wird von Silvio Borner in der Weltwoche vom 22. November vorgetragen, als wäre es der neueste Hit.

Borners Vorstellungen wurden an der phil-nat Fakultät Uni Bern vor 15 Jahren schon in die Tat umgesetzt. Er kramt in der Rumpelkiste vorväterlicher Ideologien. Die Folgen sind desaströs. Für die Nachwuchsstudenten gibt es kein brauchbares Grundstudium mehr. Sie springen ab, sobald sie können. Die Privatwirtschaft heuert wann immer möglich die Leute schon nach dem Master an, weil man kein Vertrauen in den Nutzen des Doktoratsstudiums mehr hat. Die Nachwuchswissenschafter merken, dass sie nichts mehr an der Uni verloren haben. Viel neues können sie auch im Studium zum PhD nicht erlernen. Sie sind einfach die schlecht bezahlten Forscherameisen ohne etwas wirklich nützliches tun zu können.

So haben wir den Salat: Die Lehre wird von befristet angestellten Assistenten besorgt, die sich vor allem dem internationalen Networking widmen, um die Zukunft ihrer Existenz sichern zu können. Wie ein Wanderzirkus ziehen sie von einer Universitätsstadt zur anderen, bringen dieselben Powerpoints, dieselben Übungen, die sie an sechs anderen Orten auf diesem Planeten auch schon vorgeführt haben. Was die Studenten wirklich lernen, ist egal. Bis die Folgeschäden sichtbar werden, sind diese Ausbildner längst weitergezogen.

Eine weitere Folge davon ist die mangelnde Integration. Weder werden Lehrinhalte der verschiedenen Fächer gegenseitig abgestimmt, noch werden die Lehrinhalte den Erfordernissen der hiesigen Arbeitgeber entsprechend gestaltet.

Assistentenkarrieren werden zu Sackgassen. Von einer befristeten Stelle zur nächsten werden diese Leute geschoben, quer durch Europa und Nordamerika. Eine Familie gründen, ein einigermassen existenzsicherndes Einkommen zu haben, ist ziemlich illusorisch. Spätestens mit 50 ist dann Ende Sense, nämlich dann, wenn der Betreffende der Reihe nach überall angeklopft hat und seine Nummer nicht mehr gefragt ist.

Im NZZ-Artikel „Revolte an den Unis“ vom 16. September wurde von „biographischen Leichen“ geredet. Der Ausweg sei, dass in der Schweiz mehr Assistenzprofessuren geschaffen würden. Mit diesen auf 5 Jahre befristeteten Stellen würde dann die Sackgasse dieser Assistenten um weitere 500m verlängert und mit einem neuen Titel geschmückt.

Man veranstaltet einen Ziellauf mit lautstarker Musik und jubelndem Pöbel, wie beim Grand Prix von Bern. Bei alledem hofft man, dass der Marathonläufer es grad so knapp bis zur AHV-Rente schafft, bevor er zusammenklappt. Das nennt man dann euphemistisch „Nachwuchsförderung“. Dabei verkennt man, dass nur ein Pheidippides zu unsterblichem Ruhm gelangte. Die anderen enden im Massengrab des unbekannten Akademikers.

Der Rektor der Universität Bern forderte vor bald 3 Jahren, dass das bernische Universitätsgesetz entsprechend abgeändert werde und die Uni die Freiheit bekomme nach belieben mit Professuren zu jonglieren. Jenseits jeder politischen Aufsicht durch Regierung und Parlament wollte man die uniinternen Intrigen selber durchziehen. Das Anliegen wurde von der bürgerlichen Mehrheit des Bernischen Grossen Rates angenommen und zwar entgegen der Absichten des grünen Erziehungsdirektors. Die Fakultät darf nun nach ihrem Gutdünken jonglieren, Assistenzprofessuren schaffen und die Leute wieder chassen. Der Nachwuchs wird damit international noch mehr vernetzt. Vor lauter networking bekommt man dann auch die schöneren rankings.

Wird für die jungen Bachelorstudenten irgendetwas besser mit diesen sogenannten Nachwuchsförderungsmassnahmen? Unbefristet angestellte ordentliche Professoren waren bis anhin gehalten, 8 Semesterwochenstunden persönlich zu unterrichten. Falls sie denn wollten, konnten sie auch einen kontinuierlichen Wissensaufbau über den Verlauf von drei bis vier Semestern anbieten. Es gibt ein paar vorbildliche solche Professoren, die regelmässig auch von Bachelor- und Masterstudenten überrannt werden.

Wird nun ein solches Ordinariat nach der Eremitierung des Professors in eine Assistenzprofessur umgewandelt, so haben wir nicht einmal einen Professor, der sich gefälligst um die Ausbildung der Studenten zu kümmern hat. Der Assistenzprofessor wird nämlich diese knappen fünf Jahre hindurch dasselbe tun, was er in seiner Assistentenzeit an einer anderen Uni, anderswo auf diesme Planeten auch schon gemacht hat: Er wird networken, sich Allianzen schaffen, dafür sorgen, dass der Kumpel vom Freund vom Kollegen andernorts den nächsten Platz für ihn freischaufelt.

Irgendwann am Schluss laufen solche Universitäten auf Grund. Woher bekommen wir in unserer Wissensgesellschaft dann noch unsere Naturwissenschafter und Ingenieure? Richtig, aus Deutschland und ein paar anderen EU-Ländern, woher wir auch all das andere Personal hernehmen, weil wir zu blöd sind, unsere arbeitssamen, gescheiten, konzentrierten, neugierigen Jungs und Mädels ordentlich auszubilden.

Networking und Rankings sind gut für das Renommé in dem sich unsere Egomanen zuoberst in der Unihierarchie so gerne sonnen. Den jungen Studenten nützt es einen Dreck. Diese auszubilden, ist halt anstrengend und bringt nicht so viel Ruhm.

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4 Gedanken zu „Flucht nach vorn.

  1. Ausser für die Studenten ist das doch eine Win-Win-Situation. Alle nicht fest angestellten wissenschaftlichen Mitarbeiter müssen um jeden Preis publizieren, damit sie nachdem ihr Vertrag ausläuft eine weitere Stelle finden. Das sichert der Uni massenhaft Publikationen = gutes Ranking. In diesem Ranking können sich zudem die Politiker sonnen. Zudem bleibt damit der fixe Kostenblock tief. Das ermöglicht finanzieller Spielraum ohne Leute zu entlassen. Man kann elegant die Verträge auslaufen lassen. Gleichzeitig werden viele billige Doktoranden für die Durchführung der Experimente angestellt. Auf der Strecke bleibt die störende Ausbildung der Studenten. Dafür müsste man Leute fest anstellen. Langfristig wird damit die Ausbildung zerstört. Leider muss ich zur Verteidigung dieses Systems sagen, dass früher zu viele Festangestellte eine sehr ruhige Kugel geschoben haben. Aber warum muss man gleich ins andere Extrem fallen? Warum können nicht Gruppenleiter fest angestellt werden, das müssen nicht nur Professoren sein. Nur müsste die Unileitung den Mut haben, bei fehlender Leistung Leute zu entlassen. Das System der Lecturer bei den Angelsachsen ist doch eine hervorragende Sache.

  2. @Hansli

    Nicht nur die Studenten bleiben auf der Strecke. Auch die Arbeitgeber werden zu leiden haben, wenn sie kein fähiges Personal mehr bekommen und volkswirtschaftlich wird es ein Desaster, wenn nur noch Akademiker auf dem intellektuellen Niveau von Mittelschülern zur Verfügung stehen. Meinungen ersetzen dann Faktenwissen.

    Ich sehe es in die folgende Richtung:

    1) Festangstellte „Unterrichtsassitenten“ haben ein bestimmtes Pensum zu unterrichten, bekommen aber das Recht z.B. 20 oder 30% ihrer Arbeitszeit für eigene Forschung aufzuwenden. Man überlässt ihnen den Publikationsrhythmus, vielleicht alle zwei Jahre ein Artikel in einer Fachzeitung. Dieser Teil muss dabei sein, weil man sonst kein motiviertes, gut qualifiziertes Personal für die Lehre findet.

    2) Befristet angestellte „Forschungsassistenten“, meinetwegen auch Assistenzprofessoren sollen forschen und einen bestimmten Anteil, z.B. 20 bis 30 % für die Lehre aufwenden.

    3) Zwingend: Die Grundlagen für das Fachgebiet müssen definiert werden und der Unterricht darin an einzelne persönlich verantwortliche ordentliche Professoren vergeben werden.

  3. Wobei an der ETHZ und UZH die Punkte 2 und 3 erfüllt sind. Punkt eins teilweise an der ETHZ weil an der EAWAG und WSL noch einige feste Gruppenleiterstellen übriggeblieben sind. Wie gesagt hier in ZH ist die Ausbildung gut. Nur sind die Schwerpunkte weit weg vom Arbeitsmarkt. Noch eine kleine Anmerkung zum Schluss: Vor allem die deutschen Professoren in ZH mit ihrem überdurchschnittlichen Einsatz sind die Stütze der Ausbildung. Die bringen ein ganz anderes Verständnis betreffend Lehre mit. Praktisch alle mir bekannten CH-Professoren hingegen halten sich an das von ihnen verlangte absolute Minimum. Lehre hat hier in der Schweiz einen traditionell geringen Stellenwert. Das zeigt sich nicht nur in der Politik, die CH-Leute and er Uni sind ebenso in diesem Denken gefangen.

  4. Von den Biologieprofessoren an der Uni Bern kümmert sich nur eine kleine Minderheit persönlich um die jungen Studenten. Das sind beinahe ausschliesslich solche Professoren, die selber hier in Bern studiert haben.

    Die anderen haben den Kontakt zum Lehrbetrieb abgeschnitten.

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