Optimiert.

Vorgestern versprach ich, den dritten Grund nachzureichen, warum eigentlich die phil-nat Fakultät dermassen in Schwierigkeiten kommt, wenn ein Student aus Interesse seine Wissenslücken identifiziert und ausfüllt. Jetzt ist es mir wieder in den Sinn gekommen.

Ich habe das mehrmals gehört, von verschiedenen Fakultätsmitgliedern: Ich täte diese Lehrveranstaltungen freiwillig besuchen. Ich täte sie für den Diplomabschluss nicht benötigen. Diese Aussagen dienten als Rechtfertigungen für weitreichende Benachteiligungen, die man mir zumutete. Nebenbei sollte damit reglements- und gesetzeswidriges Verhalten kaschiert werden.

Die Wahrheit ist, dass ich fast 16 Jahre gefehlt habe, dass ich mein früheres Wissen auffrischen muss, wie jeder Wiedereinsteiger in jedem Beruf. Noch wichtiger ist, dass diese Wissenschaft sich geändert hat. Ich mache meine Diplomarbeit zu einem Thema von heute. Wenn ich das mit Ernst und sorgfältig machen will, dann muss ich auch das moderne Wissen mir erarbeiten.

Ein Student, der aus Interesse studiert, verursacht Arbeit. Damit kommen nicht alle zurecht. Noch schlimmer wäre dann, wenn eine Mehrzahl von Studenten dieses irritierende Verhalten imitieren täte.

Unsere Professoren können rechnen. Wenn ich das in meinem verstaubten Rumpelgedächtnis richtige erinnere, haben wir es mit einem Problem für eine zweidimensionale lineare Optimierung zu tun. Die wikipedia erklärt es ein wenig kompliziert. Wie solche Probleme geometrisch gelöst werden, war vor vielen Jahren Maturastoff.

Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass die Biologieprofessoren mit den ECTS bolzen. Sie bieten ein absolutes Minimum an Lehrveranstaltungen, hängen die wenigen Veranstaltungen so vielen einzelnen Studenten wie möglich an — egal, ob sie es für ihre Spezialisierungsrichtung benötigen oder nicht. Sie lassen überflüssiges Wissen recyclen und drei- oder auch fünffach das gleiche für verschiedene Prüfungen auswendiglernen. Sie wollen selber möglichst wenig mit dem ganzen zu tun haben, sondern so gut wie alles an die Assistenten abtreten — inklusive Prüfungsbetrieb.

Etliche Professoren sehen augenscheinlich ihre Aufgabe erfüllt, wenn sie so viele ECTS wie nur irgendmöglich bolzen, mit so wenig Arbeitsaufwand wie man grad noch rechtfertigen kann. Es sollen akadamische Titel in Serie verliehen werden, so viele wie möglich, weil man dann die Wichtigkeit der Institution rechtfertigen kann. Ob die Studenten bis zum Abschluss wirklich etwas gelernt haben, ist nebensächlich.

Unter solchen Umständen kommen die schlicht nicht draus, wenn ein Student Lehrveranstaltungen besuchen will, dort etwas lernen will, sich mit den Fragen gründlich auseinandersetzt. Sie sehen den Nutzen nicht. Mit Verstörung reagieren sie, weil sie schon so lange in ihrem Mief hocken, dass frische Luft gesundheitsschädigend wirkt.

Eine Bedingung für die lineare Optimierung ist demnach mit sowenig Arbeitsaufwand wie möglich, soviele ECTS wie möglich, an soviele Studenten wie möglich zu verteilen und soviele Titel verleihen, wie nur irgendwie auf welche Art auch immer gerechtfertigt werden kann. Der eigentlich Ausbildungserfolg darf dabei nicht so tief absinken, dass es bei den Arbeitgebern auffällt oder dass man nicht wenigstens eine Handvoll Alibi-Berner promovieren könnte.

Stört es die Uni, wenn ihre Studienabgänger im Hauptfach Biologie in der Mehrzahl so gut wie nichts gelernt haben, ausser Auswendiglernen und Berichtli schreiben? Man könnte meinen, dann täte die Forschung ins Hintertreffen geraten, weil keine Forscher mehr ausgebildet werden. Die eigentliche Forschung wird bekanntlich vor allem von den Doktoranden ausgeführt, meinetwegen unter Anleitung der Professoren, aber die Chrüppelbüetz machen die Doktoranden.

Man müsste also meinen, die Uni hätte ein grosses Interesse, fähige junge Wissenschafter auszubilden. Der Blick in die Statistiken der Uni Bern zeigt etwas anderes: Im Jahr 2011 waren bei der phil-nat Fakultät der Uni Bern 52% der Doktoranden aus dem Ausland gekommen, um hier zu studieren. Bei den Biologen wurden 63% der Doktoranden aus dem Ausland eingeflogen.

Vor drei Jahren erhielt das Departement für Biologie einen Spitzenplatz in einem internationalen Ranking, weil hier besonders viel publiziert wird und weil es hier besonders viele ausländische Doktoranden hat.

Demnach wäre eine zweite Bedingung für die Optimierung, möglichst viel publizieren ohne sich mit nerventötenden Nebensachen wie der Ausbildung von jungen Studenten abzumühen.

Eine dritte Bedingung wäre, so viele ausländische Doktoranden wie möglich zu beschäftigen, ohne dass es bei den Geldgebern (insbesondere beim Schweizerischen Nationalfonds) allzusehr auffällt. Noch einmal brauchen wir ein paar Alibi-Berner, also darf das Grundstudium zwar schlecht sein, aber es muss oberhalb der Grenze zum Unbrauchbaren bleiben.

Das geht natürlich nicht auf, wenn Studenten wirklich neugierig sind und wirklich etwas gründlich lernen wollen.

Bliebe noch zu klären, auf welches Ziel hin optimiert wird. Im besten Fall wäre es, möglichst viel Musse für ungestörte eigene Forschung zu haben. Im schlimmsten Fall wäre viel möglichst Freizeit, Partytime, was immer das Ziel. Im Normalfall wird das Ziel wohl sein, möglichst den Superforscher zu machen, möglichst viel international zu publizieren und möglichst viele Einladungen zu Symposien im Ausland zu bekommen.

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