Wer häts erfunde?

Tut gut, meinem rückständigen Patriotismus zu frönen, wenn ich festzustellen vermag, dass die abverheite Bolognareform nicht hier bei uns erfunden wurde. Tragisch ist, wenn wir denen aus dem grossen Kanton den grossen Blödsinn nachmachen und dann meinen, wir täten jetzt auch zu der grossen schönen neuen Welt dazugehören.

Ich habe in meinem Blogeintrag von gestern geklagt, dass viele meiner jungen Studienkollegen nicht mehr darüber nachdenken, was sie eigentlich lernen wollen, sondern nur noch, wo sie möglichst schnell ihre Bestätigungen bekommen.

Nur ganz wenige von ihnen verstehen, dass dies eine einmalige Zeit ist in ihrem Leben, wo sie geistig rasch, beweglich, aufnahmefähig, jung und gesund, – ohne die bitteren Schicksalsschläge im Nacken, die sie später treffen werden – einfach loslegen, ihr eigenes Wissen entdecken, Leute mit Fragen löchern, die Welt erobern können.

Zudem habe ich gestern den zerstörerischen Zynismus der Fakultät blossgestellt, die an nichts anderes denkt, als daran, möglichst schnell, möglichst hirnlos, möglichst viele Bestätigungen und Studienabschlüsse auszustellen.

Die Gespräche meiner jungen Studienkollegen über die Bewirtschaftung ihrer ECTS-Konti sind von einer Bünzligkeit, wie ich sie vor 25 Jahren nur bei Biologie-Studenten aus Deutschland gekannt hatte.

Anno dazumal hatte unsere Fachschaft jene Deutschen Biologiestudenten zum Erfahrungsaustausch eingeladen. Studienerfahrung hiess in deren Verständnis, den Wust von Reglementen kennen und wie man diese am solidesten zu erfüllen vermag. Ich erinnere einen warmen Sonnentag, wie wir beim Muesmattschulhaus auf dem Boden sassen, all die lustigen engagierten jungen Biologistudenten zusammen und ich habe mich zu Tode gelangweilt. Die Leute wussten nichts von ihrem Studium zu berichten, ausser von den Reglementen. Meine Frage, was sie denn gerne lernen täten löste nur verständnisloses Kopfschütteln aus. Für diese Deutschen war „Studieren“ nichts weiter als „Studienreglemente erfüllen“.

Wir haben nicht nur die Bolognareform aus dem Norden importiert. Wir erziehen die Jungen auch zu denselben Saumoden, die solche Bschütti überhaupt hervorbringen. Ich frage mich die ganze Zeit, wie lange es wohl dauern wird, bis die Arbeitgeber reklamieren und in diesem Laden via Parlamente für Ordnung sorgen.

Huhhhust, nein danke, Fisherman’s Friend will ich nicht, das ist für die Zoologen.

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2 Gedanken zu „Wer häts erfunde?

  1. In ZH ist die Bolognareform ein Erfolg. Im Prinzip ist Bologna oder jede andere Organisation egal. Wie gut die Ausbildung ist, hängt einzog und allein vom Willen der Uni ab. Ein Ziel der Reform war zudem Langezeitstudenten abzuschaffen. Das bedingt natürlich Studenten möglichst schnell durchzuschleusen.

    Hat sich zu früher wirklich viel geändert betreffend Studentenmotivation? Bei meinem Jahrgang hatten waren ca. 50% Minimalisten die rein nach Aufwandberechungen Kurse belegt haben. Jedoch habe ich auch den Eindruck dieser Anteil ist grösser geworden. Ich halte das jedoch für Zeitgeist und nicht Bologna als Grund. Diese Opportunisten wollen einen Abschluss um nachher einen Job zu kriegen, nicht mehr und nicht weniger. Die haben ihren Abschluss auch nicht in der Ökologie gemacht, die gingen alle in die Molekularbiologie und haben alle einen Job gefunden. Was ist daran schlecht? Das sind doch die Vorbildstudenten die von der Politik und Wirtschaft gewünscht werden. Wer aus Neugier studiert, der gilt als Revoluzzer, dem man erst einmal richtiges Arbeiten beibringen muss. Denn nur was sich Geld ummünzen lässt, gilt als arbeit. Der Rest ist reine Verschwendung von Steuergelder.

  2. @Hansli
    Die Studienzeitbeschränkung wurde für die Uni Bern vor ca. 15 Jahren eingeführt, lange vor der Bolognareform also. Zur Zeit nutzt nur eine sehr kleine Zahl von Studenten die gesetzlich erlaubte Studienzeit. Die anderen schauen, dass sie in der absolut kürzest möglichen Zeit fertig werden.

    Ein weiterer Aspekt ist, dass in vielen Spezialrichtungen in Bern schlicht keine Lehrveranstaltungen für Fortgeschrittene angeboten werden. Was hier als „Fortgeschrittenen-Veranstaltung“ im Vorlesungsverzeichnis steht, müsste man eigentlich im vierten Semester unterrichten, und dann von dort aus aufbauen. Aber es gibt nichts, auch nicht für die Masterstudenten. Zum Studienabschluss haben die Master in ihrem Spezialgebiet einen Wissenstand, wie ihn Anfänger nach vier bis fünf Semestern können müssten.

    Ich weiss einen einzigen Professor, der systematisch über vier Semester hin ein Lehrangebot bietet, wo das eine auf das andere aufbaut und weiterführt — ein einziger Professor!

    Das ist einer der Gründe, warum ich denke, die Professoren hier täten ECTS bolzen. Viele sind zufrieden, wenn sie behaupten können, sie hätten Lehrveranstaltungen angeboten.

    Wollen junge Studenten sich umsehen und auswählen, dann müssen sie schon sehr selbständig und aktiv werden. Vermutlich sind sie mit 20 oder 22 zu jung dafür.

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