ECTS bolzen.

Stoff vertiefen könne man mit heutigen Studenten nicht. Die seien geistig unbeweglich und täten nichts als Europa-Punkte bolzen.

Wie oft habe ich in den letzten Jahren Dozenten klönen gehört! Die Studenten von heute täten sich kaum für die Lehrinhalte interessieren, sondern sie täten nur immer auf die Anzahl ECTS-Punkte schielen und wie sie die mit möglichst wenig Aufwand hereinbekämen.

In Wahrheit sind es die Professoren selber, die ECTS bolzen.

An mir bekommen die Professoren einen Studenten zurück, der voll motiviert bei der Sache ist, der einzig aus dem Interesse heraus seine Wissenslücken identifiziert und planmässig ausfüllt. Die Leute von der Fakultät flippen aus. Sie bekommen so schlimme Krämpfe, dass sie seit Monaten nachts nicht wissen auf welcher Seite sie liegen sollen zum Einschlafen. Ich bekomme mit Professoren zu kämpfen, die an nichts denken als an ihre Reglemente.

Eine sehr grosse Zahl der Pausengespräche meiner Studienkollegen handeln tatsächlich davon, wo man wieviele ECTS bekomme und wie gross der Arbeitsaufwand dafür sei. Was sie wirklich gelernt haben, wo man neues entdecken kann, ist nur bei einer Handvoll ein Thema. Diese wenigen verziehen sich angeödet nach dem Bachelor, suchen anregendere Orte als das Departement für Biologie von der Uni Bern.

Was mich täglich von neuem irritiert, ist die Selbstverständlichkeit, mit der alle brav mitmachen, Professoren, Doktoranden, junge Studenten, Geldgeber, Parlamente, Steuerzahler. Solch sorglosen Konformismus gibt es sonst nur in der „schönen neuen Welt“.

Wenn ich meinen jungen Studienkollegen von heute zuhöre, so höre ich kaum je ein Pausengespräch darüber, wo man sich ein bestimmtes Wissen aneignen könne, wer der beste Dozent für eine besonders interessante Frage sei. Ein einziges mal zeigte mir ein ganz junger Student ein Grundlagenwerk, das er sich erstanden hatte und an dem er sich besonders zu freuen vermochte – „The Ecology of Plants“ von Gurevitch, eine gute Wahl. Ganz verschmitzt hatte er seinen Rucksack einen Spalt breit geöffnet und liess mich hineinschauen. Der Bursche studiert übrigens Geographie im Hauptfach. Dort wird man augenscheinlich weniger verdummt.

Die älteren, diejenigen, die auf dem zweiten Bildungsweg an die Uni kamen, die sind da schon vorausschauender, wenn sie die Lehrinhalte auswählen. Das immerhin ist ein Hoffnungsschimmer.

Jetzt komme ich also nach so vielen Jahren zurück an die Uni. Ich finde mich in einer Wissenschaft wieder, die sich naturgemäss in 20 Jahren stark verändert hat. Meine Situation erfordert exakt das: Ich muss die Lehrveranstaltungen heraussuchen, in denen ich meine Wissenslücken zu füllen vermag.

Ich bin ausgesprochen interessiert an meinem Diplomthema. Ich bin mir sicher, dass die Ergebnisse für andere nützlich sein werden und ich arbeite an einer Sache, über die ich viele Jahre immer wieder nachgedacht hatte. Ich bin demnach hochmotiviert, mein Wissen zu vervollständigen und zu vertiefen.

Was passiert nun? Die zuständigen Organe der phil-nat Fakultät machen ihre Luftsprünge mit dem ganz grossen Trampolin, sie verrenken sich wie winzige chinesische Schlangenfrauen ganz unten in der Manege, wirbeln mit dem Trapez durch die Luft, im Bemühen, nur ja das eine nicht tun zu müssen: Sie sollen dem Diplomreglement folgen und mir die nebenbei erworbenen ECTS an den Abschluss anrechnen. Geblendet von Scheinwerfern, unter den Trommelwirbeln der Zirkusmusik, vermögen sie den Unterschied zwischen Zauber und Wirklichkeit nicht mehr zu erkennen.

Die Fakultät bekam also den Studenten, den es ihrer Meinung nach nicht mehr gibt, einen der aus Interesse gezielt die Lehrveranstaltungen aussucht und sich vertieft. Diesem Brechbühl mag man seine Leistung nicht gönnen. Was muss ich aus diesem hemmungslos zynischen Verhalten schliessen? Ich bekomme drei mögliche Erklärungen zusammen:

a) Die Uni ist dermassen mit sich selber und ihrer internationalistischen Bologna-Ideologie beschäftigt, dass sie für einen nennenswert brauchbaren Lehrbetrieb keinen Spielraum mehr hat. Man versteht schlicht nicht, was der Brechbühl da treibt.

b) habe ich grad vergessen. Ich ergänze es noch. Vielleicht fehlen auch einfach weitere Gründe. Menschliche Beschränktheit ist Teil der Naturgeschichte.

c) Die Professoren haben ein schlechtes Gewissen: Sie wissen, wie miserabel die heutige Ausbildung im Ergebnis ist. Sie wollen die Schande verstecken vor einem, der einen Masstab zum Vergleichen hat.

Jeder einzelne Diplomand aus meinem Jahrgang konnte mehr als heute ein PhD kann. Vor allem wurden wir angehalten, selbständig zu denken bei dem was wir den ganzen Tag machen.

Ein doktorierter Biologe aus jener Zeit war darauf aufbauend ausgebildet, selbständig wissenschaftliche Probleme zu lösen. Es gibt heute Doktorandinnen, die sich besonders viel darauf einbilden, exakt nach Schema zu schaffen und exakt nach Schema Bericht zu erstatten, vollkommen unbesehen, ob ihre „Forschung“ überhaupt irgendeine, irgendwie brauchbare Erkenntnis hervorgebracht hat, ausser der methodisch korrekten und statistisch gesicherten Erkenntnis, dass man keine Erkenntnis gefunden hat.

Unsere Uni entlässt demnach heute mit vollkommener Selbstverständlichkeit Wissenschafter in das Berufsleben, die nichts können ausser für teures Geld nichts herauszufinden und die auch noch stolz sind darauf.

Man bolzt die Punkte, erreicht nichts dabei und alles ist in Ordnung. Da stört einer wie ich, der gekämpft, beinahe alles verloren hatte und seinen Weg zurück doch noch schafft.

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Erklärung für Aussenstehende:
ECTS, das „European Credit Transfer System“ gibt jedem Studenten ein individuelles, europaweit gültiges Studienbestätigungskonto.

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9 Gedanken zu „ECTS bolzen.

  1. Du folgst Exakt der Argumentation des linken Untergrundes an der UZH. Das sind die vermummten Gestalten die ab und zu den Unieingang blockieren oder einen Redner verhindern.

  2. @Hansli,
    ich blockiere keine Redner. Ausserdem ist „Redner blockieren“ kein Argument, sondern eine gewalttätige Anmassung in einer permissiven Gesellschaft, deren Politik das Gewaltmonopol längst abgegeben hat.

    Was wären demnach die linksextremen Argumente in meinem Blogeintrag?

  3. Punkte sind:
    – Punktebolzen
    – exakt nach Schema arbeiten
    – Bünzlitum
    – Wissen dabei nicht das wichtigste

    Im Prinzip alles was Du kritisierst.

  4. Im Prinzip ist bereist die Ergreifung in unserem Falle eines Biologiestudiums bereits ein Akt der Rebellion gegenüber der Gesellschaft, da ein völlig unnötiges Fach. Wer dann noch aus Interesse ein bisschen mehr macht als das Minimum, der ist dann gleich ein Nichtsnutz der sich auf Kosten der Gesellschaft lebt. Im besten Fall wird noch ein Student akzeptiert der schnellstmöglich sein gewinnorientiertes Studium abschliesst. Daher sind auch keine SVP-Studenten zu finden. Bereits das ergreifen eines Studiums gilt als links.

  5. @Hansli
    Von wegen linksextreme Argumente:
    Ich habe gemeint, das seien SVP Argumente. Man solle auf die Eigenverantwortung der Mitglieder unserer Gesellschaft setzen…

    Ich glaube nicht, dass das Biologiestudium ein Akt der Rebellion ist. Viele Junge studieren einfach so, weil es sich halt grad ergibt und weil das halt nach dem Gymer gut so hinpasst. Die Wahl des Studienfaches spielt keine allzugrosse Rolle, wenn jemand so wenig denkt dabei.

  6. In Bern werden sehr viele Biologen in der Zellbiologie ausgebildet. Das Wort gebrauchen im übrigen nur die Studenten. Für die Professoren heisst das dann mödisch „life sciences“. Die haben sehr wohl eine gut bezahlte berufliche Zukunft vor sich. Wie gut oder wie schlecht die Zellbiologen ausgebildet werden, kann ich nicht recht abschätzen.

    Die ersten beiden Jahre des Biologiestudiums absolvieren alle Biologen gemeinsam. Die Qualität dieser ersten beiden Jahre entspreche keinem nennenswerten akademischen Niveau, sondern sei so etwas wie erweiterter gymnasialer Unterricht. Von da her habe ich keinen Grund anzunehmen, die Zellbiologen würden besser ausgebildet als die Zoologen und die Pflanzenwissenschafter.

    Einige der Lehrveranstaltungen sind ein eigentliches JeKaMi für Professoren. Als Beispiel wurde mir die Anfängervorlesung in Zoologie genannt, wo 8 Dozenten während eines Semesters sich die Klinke in die Hand drücken und einfach ein bisschen Werbung für ihr Spezialgebiet machen. Oder die Immunologievorlesungen mit Prof. Beda Stadler, die zwar spassig seien, aber in keiner Art und Weise lehrreich (ich habe so etwas im Sinn, wie wenn er am Fernsehen den Showman macht).

    Hingegen wird es bei den Zellbiologen früher oder später Arbeitgeber aus der Privatwirtschaft geben, die laut und deutlich reklamieren. Ich kann nur hoffen, dass dannzumal die parlamentarischen Lobbies genug vernetzt sind und für Ordnung in diesem Laden sorgen.

  7. Sorry mit Biologen meine ich in unserem Fall Ökologen. Die anderen gehen in die Pharmaindustrie. Wir Ökologen sind sowieso nur Nestbeschmutzer die allen anderen bei ihrer Arbeit behindern. Wir setzen uns nur für unnützes und völlig überflüssiges Zeug ein. Genauso wie eigentlich fast alle Akademiker. Eigenverantwortung gilt nur solange man einem SVP’ler nicht ans Bein pinkelt. Aber das ist unser Job im Berufsleben. Wir sind da per Jobwahl Linksextreme.
    Offtopic 1: Der eigenverantwortliche SVP-Wähler muss erst noch geboren werden. Jeder der dieses Wort in den Mund nimmt, der sollte sich erst einmal gründlich überlegen ob er wirklich danach lebt. Ich behaupte einmal das sind die allerwenigsten in diesem Land.

    Offtopic 2: Bei der Ökologen- Pensionierunsgwelle werden viele Stellen nicht mehr besetzt. Diverse Verwaltungen werden wegen Sparmassnahmen reorganisiert. Nicht alles ist allerdings reiner Sparwut zu verdanken, einige Aufgaben können heute auch anders gelöst werden.

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