Du Ruben,…

Meine jungen Studienkollegen verstehen wenigstens die Pointe dieser Geschichte. Da sind ein paar Jahrgänge von Bachelors, die kennen gewiss ein oder zwei Dutzend Pflanzenarten. Die Bachelors vom nächsten Jahr werden nicht einmal mehr meiner Pointe folgen. Die Geschichte geht so:

Es war einmal, vor vielen, vielen Jahren, als die jungen Studenten am systematisch-geobotanischen Institut der Universität Bern noch Blütenpflanzen kennenlernten und Vegetationstypen unterscheiden mussten. Da ging eine der Doktorandinnen durch die Gänge, von einem Büro zum nächsten, verzweifelt war sie, denn sie hatte sich mit einem Gräslein aus ihrer Alpweide abgemüht, hatte alles versucht mit den Bestimmungsschlüsseln vom Binz und vom Hess, Landolt, hatte den dicken ersten Band der „Flora der Schweiz“ durchgeblättert und müde von der Erschöpfung suchte sie jetzt Rat bei ihren Kollegen. Welches Gras ist das nur?

Ihre Kollegen zogen hinter ihr her, von einem Doktoranden zum nächsten Assistenten und keiner wusste weiter. Denn in jedem Büro, bei jedem Bestimmungsplatz, sogar in der Bibliothek steckte man die Köpfe zusammen, palaverte, konnte sich nicht auf einen Namen einigen. Jedes mal zogen dann die neu dazugekommen mit auf dieser Wanderschaft durch das weitläufige Institut.

Sie kamen einfach nicht darauf, wussten nicht, was dieses niedrige Gras wohl sein könne, mit seinen schmal eingerollten Blättern, der dünnen, einseitswendigen Ähre. Schliesslich befanden sie, da könne nur einer weiterhelfen.

Mutig und keuchend stieg der Trupp die gewundene Treppe bis in den obersten Stock des Institutes hinauf, aufgeregt und fröhlich plappernd wieselten sie den ganzen langen Gang entlang bis zu hinterst hinten und klopften an die Türe des kleinen Kämmerleins.

„Du Ruben, was für eine Festuca ist das?“ Ruben Sutter drehte kurz den Kopf zur hingestreckten Hand mit dem welken Gräslein. Mit seinen hell leuchtenden, aufmerksamen Augen schaute er dann verwundert die Jungen an und fragte zurück: „Und habt ihr bei der Nardus stricta schon nachgeschaut?“

Weiss einer von meinen jungen Kollegen, wer Ruben Sutter war?
Die Frage brauche ich nicht zu stellen.
„Habt Ihr einmal den Verbreitungsatlas zu den Blüten- und Farnpflanzen gesehen?“
Schweigen.
„Wer weiss, wer Josias Braun-Blanquet war, wer hat schon je das Wort ‚Pflanzensoziologie‘ gehört?“
Betretenes Schweigen. Dann doch noch: „Nein, noch nie, kein Hinweis in der Ausbildung.“
„Lest Ihr überhaupts Bücher in der Bibliothek?“
„Ehemmm.“
„Hast Du schon einmal den Ellenberg aufgemacht?“
????

Zu jeder dieser Fragen gebe ich eine sorgfältige Antwort, rede aus den früheren Botanikerzeiten und die Burschen lauschen mit grossen Augen, aufmerksam, neugierig. Ich gebe meine eigenen Kommentare, beschreibe, wieviel davon sie sich aneignen müssten, um sich später als Feldökologen im Beruf bewähren zu können.

Ich denke, dass Artenkenntnis sehr wichtig ist. Ich finde, dass man die wichtigen Vegetationstypen, ihre Entstehung und Dynamik kennen soll, man muss den Ellenberg kennen, zuverlässig die Informationen darin aufzunehmen und zu verarbeiten wissen. Das wird eine meiner Testaufgaben sein, schauen, wieviel meine jungen Kollegen verstehen, wenn sie ein Kapitel Ellenberg lesen.

Bei der Pflanzensoziologie habe ich mehr Vorbehalte. Ich denke nicht, dass sie sich als eigenständige Richtung in der Wissenschaft wird halten können. Sie ist zu speziell, in den letzten Jahren viel zu abgehoben geworden und es gibt zuviele Vorbehalte, theoretisch und empirisch. Aber man wird die Grundstrukturen behalten, als Vokabular für die Unterscheidung von Lebensraumtypen. In meiner Ausbildung war sie nur als Hilfsmittel gebraucht worden, um den aktuellen Zustand eines Vegetationsbestandes beschreiben und einige Jahre später die Veränderungen durch Vergleiche ermitteln zu können.

Was machen derweil unsere Professoren? Wie kommt es, dass ich mit meinem rudimentären Wissen, meinem kompletten Mangel an Felderfahrung schon soviel Wissensdurst begegne? Hätten diese Jungen nur ein Minimum gelernt, sie müssten sich langweilen ob dem wenigen was ich zu berichten habe. Ich bin hier in dieser Runde nichts als ein Anfänger unter seinesgleichen!

Meine Schlussfolgerung im Bezug auf die Bildungspflicht der Universität: Das Universitätsgesetz wird auf schlimmste Art missachtet. Da werden Ökologen für die Arbeitslosenkasse ausgebildet.

Zur Zeit finden wir angehende Pflanzenökologen im Dritten Studienjahr, die bis zum Schluss ihres Masterstudiums im Ernst nicht mehr als drei oder vier Arten kennen werden. Das ist grad, was sie im Forschungspraktikum in Blumenhäfeli gesäht, ein paar Wochen später geerntet, getrocknet und gewogen haben. Vielleicht würden sie die eine oder andere dieser Pflanzenarten sogar draussen am Waldrand, auf einer Uferböschung, in einer Mähwiese wiedererkennen.

Heutzutags schreiben Ökobüros mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen Stellen aus, für die der Bewerber 800 bis 1000 Gefässpflanzenarten jederzeit, blühend und womöglich auch noch steril, ohne Bestimmungshilfen, auf Anhieb erkennen soll. Wenn ich Augenmass nehme am Können der besten meiner Kollegen, ich glaube nicht, dass ein einziger zur Zeit lebender Botaniker in der Schweiz eine solche Qualifikation vorweist. Wenn ein Personalchef überhaupt auf die Idee kommt, so etwas bei einer Stellenausschreibung zu verlangen, dann sieht man, wie weit entfernt von den Realitäten dieses Gewerbe bereits ist. Mir kommt es so vor, dass in der Schweiz schon seit sehr langer Zeit keine jungen Botaniker mehr zu solider Artenkenntnis ausgebildet wurden. Sonst gäbe es keine solche Hyperinflation bei diesen Zahlen.

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3 Gedanken zu „Du Ruben,…

  1. Freundliches Telefonat von Prof. Matthias Baltisberger von der ETH Zürich. Er antwortet auf meine schriftliche email Anfrage:

    Als man die Zertifizierung der Stufe 2 der schweizerischen botanischen Gesellschaft über die Kenntnisse von 600 Arten ausarbeitete, da habe die zuständige Kommission eine Schätzung versucht, wieviele Botaniker in der Schweiz zuverlässig so viele Arten im Feld und im blühenden Zustand ansprechen könnten. Die Schätzung liege irgendwo zwischen 20 und 200 schweizerischen Botanikern, die diese 600 Arten aus dem Stand heraus korrekt identifizieren würden, alleine aufgrund ihrer Exkursionserfahrung und langjähriger Feldarbeit und ohne monatelange Vorbereitung und Auswendiglernen für die Prüfung.

    Er selber traue sich zu, um die 2500 Arten korrekt im Feld anzusprechen, vorausgesetzt sie seien im blühenden Zustand. Er nennt mir auch grad vier Botaniker aus Bern, die dasselbe auch könnten. Dabei komme es aber sehr darauf an, aus welchen Gattungen ausgewählt werde. Bei Sachen wie Frauenmänteln und Brombeeren, da könne kein Botaniker ohne Bestimmungsliteratur zuverlässig alle Exemplare identifizieren.

    Zur Frage, ob ein Ökobüro realistischerweise von einem Feldbotaniker die Kenntnis von 800 bis 1000 Arten erwarten dürfe, da spiele es eine wesentliche Rolle, welche Arten dabei sein müssten.

    Blogs lese er nicht und werde das auch in diesem Fall nicht tun. Wir besprechen kurz, welche seiner Äusserungen ich an dieser Stelle zitieren darf.

  2. Das zeigt gut die absolut unzureichende Ausbildung an unseren Unis. Wobei die Botanik im Vergleich zu anderen Organismengruppen noch gut dasteht. Ich will damit jedoch nicht ausdrücken, dass die Ausbildung schlecht ist. Was gelehrt wird ist für das Verständnis der ablaufenden Prozesse wichtig. Nur fehlt in der Ausbildung 50% des praxisrelevanten Wissens.
    Noch eine kleine Anmerkung: Die Ökobranche ist eine eigentliche akademische Tieflohnbranche. WIll jemand mehr als 5000.- Monat verdienen, der muss sich ständig verbessern und am Ball bleiben (Ausnahme ist ein Job beim Staat). Wer das nicht aus Freude macht, der hat in der reinen Ökologie nichts zu suchen.

  3. @Hansli

    Oder er könnte eine akademische Karriere einschlagen und mit 40-jährig noch durch die Welt geschoben werden von einer unterbezahlten, befristeten Stelle zur nächsten ohne die geringste Aussicht, je sich und seine Familie vernüftig versorgen zu können.

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