Wer ist frei genug?

Von acht Teilnehmern sind vier immatrikulierte Studentinnen der Uni Bern. Die Frage, was Dich im Herzen bewegt beim Studium, können zwei davon beantworten. Sie bilden sich zu Geographinnen aus und studieren Biologie im Nebenfach. Die Frage ist demnach, was im Geographiestudium anders läuft als bei den Biologen und ob die Biologiestudenten überhaupt darüber nachdenken, was sie da an dieser Uni eigentlich machen.

Die Geographinnen sind auch die einzigen, die bei unserem Tischgespräch das Wort „Ferien“ benützen. Für Biologiestudenten gibt es keine Ferien, sondern nur „vorlesungsfreie Zeit“. Der Gebrauch des Wortes „Ferien“ wurde seit zwei Jahren von meinen jungen Studienkollegen mit strengem tadelndem Blick quittiert – das Wort ist obszön, „rude language“, es gehört sich nicht von „Ferien“ zu reden, wenn man Biologe wird.

Den Druck ständig aufrecht zu erhalten, ist natürlich bequem für die Professorenschaft im Fachbereich Biologie. Sie können den Jungen einen Wust von unkoordiniertem, in Details verzetteltem Wissen, in die Augen drücken wie einen stinkenden Plütter. Man kann die Lehre weit ausserhalb von irgendwelchen Anforderungen bei der Stellensuche gestalten. Leute, die so unter Druck sind, die haben keine Zeit, einen Moment zurückzustehen, durchzuschnahufen, sich die Augen zu reiben, zu überlegen, mit wem sie es da eigentlich zu tun haben, ob sie sich diese Schande gefallen lassen wollen. In diesem Druck gilt nichts anderes als der Anita Motto: „Gring ache und seckle“. So behalten die Professoren die Kontrolle, sorgen dafür, dass keine Studenten reklamieren, Forderungen stellen, die eigenen Interessen vertreten, sich am Ende noch durchsetzen.

Bei solchen Gelegenheiten, merke ich verwundert, wie ungemein konservativ die Werthaltung dieser jungen Generation ist. Ich habe da den Überblick noch nicht. Aber es sieht mir aus, als wäre das Ende des Kalten Krieges, die Freiheit, die uns mit dem Ende dieser ständigen Bedrohung geschenkt wurde – als wäre diese Freiheit genutzt worden, um sich wieder dem Ernst des Lebens hinzugeben. Man hat das pubertäre Blödeln der Alt-68er nicht mehr nötig.

Es ist letztlich dieser Ernst, der den Masstab setzt. An diesen Vorgaben entlang muss ich mir überlegen, was ich mit meinen beschränkten Möglichkeiten zu bieten habe. Die Beherbung bei mir zuhause ist gut angekommen. Ich habe schöne Komplimente bekommen, dass es gemütlich ist, dass man gerne und konzentriert hier lernt. Danke!

Vom Verfasser geändert, 15. Oktober 2011, 21.00
Habe noch den Titel passend gemacht und Details überarbeitet.

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6 Gedanken zu „Wer ist frei genug?

  1. Etwas anderes als Vorlesungsfreie zeit existiert wirklich nicht. Ein Studium ist in etwa eine geschätzte 50h Woche auf Jahresbasis gerechnet. Entweder weil man in der Regelstudienzeit abschliessen will, oder etwas länger studiert und nebenbei einen Job hat.

  2. @Hansli
    In meinen Gesprächen mit den Geographiestudentinnen und den Physikstudenten höre ich folgendes:

    Erstens sind die Lehrveranstaltungen bei den Physikern koordiniert und im Ablauf abgestimmt. Die Professoren übernehmen augenscheinlich im Turnus den Anfängerunterricht, so dass für die Dauer eines Semesters zu einem beistimmten Thema ein einzelner Dozent zuständig ist. Er muss sich wie jeder Lehrer in das Thema einarbeiten, seinen Unterricht im Aufbau struktieren, die Übungen in verschiedene Schwierigkeitsstufen orden. Die Prüfungen sind ausnahmslos anspruchsvoll, aber für gut vorbereitete Studenten zu bewältigen.

    Bei den Biologen ist es anders: Da ist es üblich, dass sich drei oder vier Dozenten eine einzige Lehrveranstaltung für ein Semester aufteilen. Stoff wird oft mehrfach vorgetragen, anderes ausgelassen. Die stürzen sich die Professoren schon im Anfängerunterricht in hochspezialisierte Details ihres eigenen Forschungsgebietes. Dafür unterrichtet niemand die Grundlagen. Die ersten zwei Jahre Biologieunterricht keine Einführung in das Fachgebiet sondern präsentieren sich als lose Kette Werbeveranstaltungen für die einzelnen sich konkurrenzierenden Arbeitsgruppen. Es ist verantwortungsloser Sozialdarwinismus von der krudesten Form!

    Die Geographiestudentinnen können Nebenfächer studieren. Alleine diese Ausweichmöglichkeit zwingt die Geographieprofessoren ein brauchbares und stufengerechtes Niveau bei der Grundausbildung aufrecht zu erhalten.

  3. In der vorlesungsfreien Zeit wird hier auf die Prüfungen gelernt die ebenfalls in diese Zeit fallen. Dazu kommen Exkursionen und Blockkurse für die Biologen, Umweltwissenschaften und Geographen vor allem in den Sommerferien. Da vieles Saisonbedingt nur dann machbar ist. Internationale Blockveranstaltungen finden ebenfalls während dieser Zeit statt. Dazu kommen im Masterstudium Forschungspraktikas oder Vorbereitungen für die Masterarbeit. Natürlich ist das meiste davon nicht Pflicht und kann weggelassen werden.

  4. Das Masterstudium enthält je nach angestrebten Abschluss nur wenige Pflichtkurse (an der ETHZ mehr, an der UZH weniger). Die Studenten können aus einem breiten Angebot aus beiden Unis auswählen. Wirklich interessierte Studenten besuchen zudem nicht nur das Minimum.

  5. @Hansli

    Bei den Biologen an der Uni Bern beinhaltet das Masterstudium die Pflicht, Lehrveranstaltungen im Umfang von 40 ECTS zu besuchen. Lehrveranstaltungen, die zum eigenen Fachgebiet gehören gibt es so wenige, dass man die schon während des Bachelorstudiums aufgesucht hat. Masterstudenten nehmen jeden nur erdenklichen aus ihrer Sicht überflüssigen Kurs und mogeln sich da durch, wenn sie nur irgend ein paar zusätzliche ECTS bekommen dafür.

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