Oh yes, we can!

Kurzerhand habe ich den ganzen Mykolgiekurs der Uni Bern mitsamt der leitenden Privatdozentin bei mir einquartiert. So kann das Feldpraktikum ungestört durchgeführt werden. Hier sind wir nun, sitzen am Tisch beim Pilzrisotto. Mit leuchtenden Augen und glänzenden Wangen fragt die eine der Studentinnen, eine nach der anderen ihrer Kolleginnen in der Runde „Was ist es, was Dich beim Studium im Herzen bewegt?“

Im strömenden Regen haben wir Körbe voll Pilze gesammelt. Einen langen Morgen lang haben wir zugehört, notiert, nachgefragt, Unterricht genossen, ohne eine einzige Pause uns berichten lassen über Standortsökologie, Verbreitungsökologie, Morphologie, Entwicklungsphysiologie, Artenschutz, Biotopgefährdung. Wir haben das komplette Paket bekommen, alles was einen modernen Ökologen ausmacht aus einer Hand, an einem Ort, in den Zusammenhang gesetzt, so wie es zusammengehört. Von mir zuhause sind wir keine drei Minuten marschiert zu unserem heutigen Sammelzug. In unserer Ernte sind Maronenröhrlinge genauso dabei wie Speitäublinge, Pfifferlinge, wie grüne und gelbe Knollenblätterpilze. Aus derselben Gattung der Knollenblätterpilze nehmen wir auch grad noch den Perlpilz mit, eine Amanitha rubescens, und schnetzeln sie in die Schüssel.

Am Nachmittag geht es auf meiner Veranda und in meinem Wohnzimmer weiter. Jetzt ist der Ball bei den Studentinnen: Sie sortieren die Pilze, beobachten, beschreiben. Sie lernen genaue Unterscheidungen zu treffen von Auge, mit der Nase, mit den Fingern. Dann geht es hinein in die Bestimmungsliteratur. Niemand hier scheut sich, die schwierigsten Aufgaben für sich zu wählen.

Wennschon Pilze bestimmen, warum nicht grad richtig? Der Jürg hat im email geschrieben, „Pareys Buch der Pilze“ sei eine nützliche Einführung mit seinen Beschreibungen und seinen Bildern? Wozu sich damit aufhalten, wenn wir den modernsten der dicken Wälzer auf den Tisch bekommen? Meine jungen Kolleginnen steigen grad mit der Funga Nordica ein, nur Text, alles auf Englisch, keine Bilder, keine Erklärungen, die geballte Ladung an hochspezialisierten Fachausdrücken.

Hier erleben wir den Unterricht, wie ihn der Vorreiter jeder modernen und erfolgreichen Pädagogik, der Grosse Alte Hansheinz erprobte und bekannt machte. Hier bekommen wir Unterricht für Kopf, Herz und Hand. Die Uni kann, wenn sie will. Wir haben eine Profi bei uns, die nicht nur die Studentinnen begeistert, sondern unbeirrbar, ohne Zögern mit ihrer geballten Kompetenz, diesen Unterricht führt.

Wie wir diese Frauen in der Uni zu kennen meinen! Im ständigen Wettstreit probieren sie, wer von allen noch unsichtbarer werden, sich noch besser tarnen kann, im wabernden Hintergrund aufgehen, unauffällig bleiben. Hier leben sie auf, sind lebendig, beredt, aufmerksam, draufgängerisch. Was im Hörsaal aussieht wie ein fettiger, verschmutzter, abgewetzter Lappen von einem undefinierbaren, schlecht riechenden Material, erweist sich hier als flauschig weiches, wärmendes Lammfell. Der Handschuh ist umgedreht, wir alle zusammen haben weniger als drei Stunden dafür gebraucht, um akademisches Lernen spannend und lohnend zu machen.

Und das wäre dann halt mein Rat an die Fakultät: Man müsste einfach die Profi ihre Arbeit machen lassen, Leute die sich auskennen, die wissen, was in der Schweiz von einer brauchbaren Universität erwartet wird und sich nicht beschränken auf die dahergelaufenen Lappis, die ewig wandernden akademischen Karrierengänger, die nirgends richtig zuhause sind, deren Kompetenz aus Publikationen und rankings besteht und nicht aus Erfahrung, umfassender Kenntnis oder lokaler Verwurzelung.

Zeit, Geld, meinen soliden Ruf als abgekochter Zyniker aufs Spiel gesetzt, das ganze Lampenfieber tagelang ausgehalten – mein Aufwand hat sich gelohnt. Ich bin glücklich.

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5 Gedanken zu „Oh yes, we can!

  1. Da, Ihr lustigen mamablogisten, die ihr mir hier die Bude einrennt: Kommentiert, sagt was ihr denkt! Bei mir haben die jungen Frauen das Recht auf Bildung schon bekommen. Also ereifert Euch!

  2. Ein gut geschriebener Text, wie auch die anderen, bisher gelesenen Beiträge. Und alles schön und ordentlich aufgemacht. Gratuliere zu dieser Internet- Ecke. Was beabsichtigen Sie: Wissensaustausch, Studentenklatsch, allgemeinere Diskussionen, wer soll ihr Publikum sein?

  3. @ W. Gabathuler

    Danke für die freundlichen Worte.

    Das Blog soll Eindrücke vom Studium geben, Studenten nützliche Informationen vermitteln und es dient vor allem anderen, mit sehr grossem Schwergewicht der politischen Agitation.

    Es ist absolut drigend notwendig, dass meine jungen Studienkollegen über ihr Studium nachdenken, darüber was sie am Schluss können wollen, darüber was im Berufsleben von ihnen erwartet wird.

    Ich würde mir sehr wünschen, dass die jungen Studenten der Fakultät dreinreden, deutliche Forderungen ausformulieren. Heute läuft es so, dass sie einfach davonlaufen, zu Dutzenden. Die Jungen reklamieren nicht, sondern laufen einfach davon.

    Von der anderen Seite her ist mir wichtig, dass man von der demokratischen Öffentlichkeit her mehr über diese Uni nachdenkt. Man hat die Uni sich selber überlassen. Sie missbraucht diese Freiheit wie ein delinquierender Teenager. Es ist zwingend notwendig, dass die Bürger und das Parlament die Kontrolle über die Uni Bern an sich reissen.

    Mehr in meinem Blog zu dieser Frage:
    Keine Birnen, nichts zu beissen.
    Die ganze Frage.
    ECTS bolzen.

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