Abschüssig.

Die schweizerische Rektorenkonferenz will den „drohenden Angriff“ der SVP auf die schweizerischen Hochschulen abwehren.

Wie war das jetzt genau? Die SVP greift die Universitäten an?

Man nimmt augenscheinlich Nationalrat Christoph Blocher ernst mit seiner Ankündigung, die Universitäten unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, welche Sorte von Konformisten und Speichelleckern den Kurator des Medizinhistorischen Museums der Uni Zürich, Christoph Mörgeli, aus dem Posten mobbte. Der Vorstand der Rektorenkonferenz will die Verteidigung unserer Universitäten am nächsten Donnerstag planen, soviel lese ich heute in der online Ausgabe von „Der Sonntag“.

Die Rektoren wollen die Universitäten verteidigen? Einfach zu zur Erinnerung: Wir sind hier in einer direkten Demokratie. Die Uni Bern gehört dem Kanton. Verantwortlich sind etwas mehr als 700’000 Stimmberechtigte und nicht der Rektor und auch nicht die schweizerische Rektorenkonferenz. Augenscheinlich ist es dringend nötig, dass eine staatstragende Partei politische Verantwortung an sich reisst, sonst geraten unsere Rektoren wirklich auf das abschüssige Terrain.

Es gibt nichts zu verteidigen. Es gilt einzig den Willen der Stimmbürger und des von ihnen bestellten Grossen Rates zu befolgen. Wenn sich die Parteien endlich wieder um die Uni kümmern, dann soll das allen Beteiligten nur recht und billig sein.

Bernische Bildungspolitik wurde seit Jahren nur noch mit kostspieligen Prestigeprojekten gemacht – Lächerlichkeiten, für die Ausbildung der Kinder vollkommen bedeutungslos. Sollen 8-jährige ihrer Primarlehrerin zeigen wie man mit Microsoft Word einen Brief druckt (Informatikunterricht)? Sollen 9-jährige Sing- und Wortspiele auch in Französisch oder sogar in Englisch machen (Frühfranzösisch)? Sollen 4-jährige obligatorisch morgens umd 8.00 von den Müttern im SUV durch die Stadt gekarrt werden (obligatorischer Kindergarten)? Sollen Kinder Schulzeugnisse bekommen oder Leistungsberichte oder dann doch Noten-Zeugnisse (jahrelange Diskussionen, die Zeitungen füllen, Lehrer und Kommites am Laufen halten)?

Neben alldem hat der Kanton Bern die Universität links liegen gelassen. Sie wurde von der Politik vollständig ignoriert. Wenn ich den Zustand der Lehre im Departement für Biologie sehe, dann kann ich nur dringend wünschen, Parlament und Stimmbürger täten ihren Willen kund, erklären, was sie von der Uni erwarten.

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9 Gedanken zu „Abschüssig.

  1. Die Berner-Politik hat sich sehr wohl um die Uni gekümmert. http://bo.bernerzeitung.ch/region/bern/Universitaetsgesetz-breite-Zustimmung-zu-mehr-Autonomie/story/31428426
    Abgesehen davon wurde Herr Mörgeli nicht gemoppt, sondern viel in der Leistungsüberprüfung durch. Im Prinzip hat die UZH genau das gemacht, was die SVP immer vom Staat fordert. Die faulen Beamten ausmisten. Nur dumm, dass einer der ihren davon betroffen ist. Klar war Herr Mörgeli nicht faul, aber er hat während der Arbeitszeit für die SVP gearbeitet und nicht für die Uni. Für mich ist das sogar Missbrauch von Staatsgeldern. Zudem will die SVP international konkurrenzfähige Universitäten (auf der SVP-Hompage zu finden). Da kann man doch von einem Strategen der Partei erwarten, dass er die eigne Parteirichtlinien ernst nimmt. Den seien Paperliste sieht nicht danach aus.

  2. @Hansli
    Der Grosse Rat des Kantons Bern hat vor zweieinhalb Jahren entschieden, dass er sich noch weniger mit der Uni befassen will als bisher schon. Dieses „wir interessieren uns einen Dreck“ hier ist Euer Stutz und lasst uns in Ruhe, das nennt man dann im newspeak „Autonomie“ und „Globalbudget“.

    Die politische Autonomie wurde der Universität Bern schon vor mehr als 15 Jahren gegeben. Diese Autonomie hat sie systematisch missbraucht auf Kosten der Studenten und der Ausbildungsqualität. Dass der bernische Grosse Rat diese Fehler nicht sieht sondern im Gegenteil die Autonomie noch ausweitete, zweigt wie unbedarft und uninteressiert unsere Volksvertreter sind.

  3. Die Politiker sind das grösste Problem. Immerhin könne die bei Autonomen Universität keinen Schaden anrichten.
    Ich würde das ganze Universitätswesen umkrempeln. Wir haben zu viele Unis die zu viele schlechte Ausbildungen anbieten. Da fehlt einfach die kritische Grösse. Ich schätze einmal unter 20 Professuren pro Fach kann keine gute Ausbildung geboten werden. Egal wie gut die Professoren sind, bei zu kleiner Anzahl kann nicht alles abgedeckt werden, zu wenige Exkursionen, Praktika etc… da fehlen einfach die Leute. Die Unis müssten sich spezialisieren, weniger Anbieten, aber dafür gut. Nur das scheitert an der Politik! In Basel wollten die einmal die Geologie schliessen und dafür ein anderes Gebiet stärken. Da haben alle Politiker geschrien, das überlassen wir nicht der Uni Bern. Genau das gleiche bei der Transplantationsmedizin. Kein Unispital will auch nur etwas abgeben, obwohl jeder weiss, dass ein einziges Zentrum für die ganze Schweiz genügt. Die Politik sollte dafür sorgen, dass in der Schweiz in allen Bereichen geforscht wird. Nicht das irgendein Fach ganz verschwindet. Das würde nicht nur die Ausbildung stärken, durch die eingesparte Infrastruktur könnte massiv gespart werden oder das Geld für den Ausbau der an der Uni verbleibenden Fächer verwendet werden. Vor allem die Naturwissenschaften bedingen eine teure Infrastruktur und die Journalzugangsrechte sind ebenfalls teuer.

  4. @Hansli,
    Ungefähr so gehen die Kantone mitenander um. Jetzt muss man sich einfach noch dazu vorstellen, dass sogar innerhalb des Departementes für Biologie an der Uni Bern 24 Biologieprofessoren einander z’Leid wärchen, der eine den anderen auszubremsen und in der Fakultät dumm hinzustellen versucht. Die können sich zum Teil bei einfachsten Sachen nicht einigen, geschweige denn einen sinnvollen gemeinsamen Lehrplan ausarbeiten. Und das alles passiert auf dem Buckel der Bachelorstudenten.

  5. In Zürich ist nicht nur die Zusammenarbeit innerhalb der Institute hervorragend, das funktioniert sogar zwischen ETHZ und UZH.

  6. @Hansli,

    Sehr eindrücklich heute das Gespräch mit einem jungen Studienkollegen. Die wurden innerhalb der ersten zwei Jahre dreimal geprüft darüber, wie man ein Mikroskop köhlert. Es gab ein allereinziges Praktikumslabor, wo sie überhaupt für die Studenten Mikroskope haben mit justierbarem Kondensor. Dort hat man es ihnen auch kurz gezeigt. Drei verschiedene Professoren fanden, Köhlern sei wichtig, also haben sie es alle je separat geprüft.

    Ich beherberge bei mir ein mehrtägiges Feldpraktikum in Pilzkunde mit Bachelorstudentinnen im dritten Jahr. Meine ich jetzt, ich könnte hier im Wohnzimmer die Mikroskope aufbauen und die Studentinnen würden sich hinsetzen und routiniert als erstes schnell die Beleuchtung einstellen? Sie sind glücklich, wenn sie wenigstens die Aperturblende richtig an die Vergrösserung anpassen. Köhlern kann mit Sicherheit keine von allen.

    So koordinieren die Professoren hier den Unterrichtsstoff: Drei mal wurden die Arbeitsschritte zum Köhlern schriftlich geprüft. Gezeigt wurde es einmal husch husch, eingeübt überhaupt nicht.

    Anderes Beispiel: In sechs Prüfungen wurde die Lichtreaktion der Photosynthese abgefragt. Die können noch während ihrer feuchtesten Träumen noch blind auf das Tablett die Thylakoidmembran, die Anordnng der Proteinkomplexe darauf und das Schema des Elektronentransportes einzeichnen. Dafür kann mir eine einzige aus 20 Bachelors sagen, ob heutzutage noch die Meinung gelte, dass die Erbinformation an die Nachkommen weitergegeben wird, unabhängig von Lebensumständen, Erfahrungen, Veränderungen in der Elterngeneration und welche Mechanismen diese Barriere allenfalls durchbrechen.

  7. Die Koordination war zu meiner Studienzeit ebenfalls mangelhaft. Nicht gerade 6 mal aber 2 bis 3 mal das gleiche. Das hat sich alles mit der Bolognareform geändert. Da wurde alles von Grund auf neu überdacht. Im Master wurde sogar darauf geachtet die Doppelspurigkeiten zwischen UZH und ETHZ zu eliminieren. Klar ist nicht alles stimmig, jedoch werden Korrekturen laufend vorgenommen. Gleichzeitig wurde sehr viel Wert auf die praktische Ausbildung mit Fokus Wissenschaftskarriere gelegt. Die Ausbildung an der ETHZ und UZH ist wirklich gut. Nur bin ich mit dem Fokus nicht einverstanden. Denn 98% werden nicht als Wissenschaftler arbeiten. Im Prinzip werden die Leute zwar gut, aber am Arbeitsmarkt vorbei ausgebildet.

  8. Die „Wissenschaftler“, die sie hier in Bern ausbilden, sind letztlich nichts als zweitklassige Hilfsgärtner und drittklassige Laboranten.

    Was mich am meisten irritiert, dass die ETHZ sich ebenfalls auf „Wissenschaftskarriere“ fokussiert und keine Ingenieure mehr ausbildet. Solche Ereignisse zeigen die Dringlichkeit, mit der Parteien und Parlament eingreifen, Interessen ausformulieren und den Vollzug erzwingen müssen.

  9. Um Missverständnisse zu verhindern. Meine Aussagen beziehen sich nur auf die Biologen und Umweltwissenschaften der ETHZ und UZH.

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