Warm ums Herz!

Es gibt solche Ereignisse, die alle meine zehrenden Zweifel ob der desaströsen Zustände im Ökologiestudium der Uni Bern verfliegen lassen. Ein ganz besonders schöne Erfahrung war die dreitägige Flechtenexkursion mit der Uni auf den Furkapass.

Letzte Woche war die Jahrestagung der bryolich, der Schweizerischen Vereinigung für Bryologie und Lichenologie, der Moos- und Flechtenkundler also. Für uns Studenten von der Uni Bern war der Anlass als Flechtenexkursion im Vorlesungsverzeichnis ausgeschrieben. Im Alpfor auf dem Furkapass trafen sich während vier Tagen führende Profi aus der Forschung, Anwender aus der Umweltplanung und -begutachtung, interessierte Laien. Es war ein gutes Gefühl, wie diese 20 Leute konzentriert sich ihren selbstgestellten Aufgaben widmeten, zusammenarbeiteten, jeder dem anderen Fragen stellen oder weiterhelfen konnte. Verblüffend für mich war, mit welch professionellem Können die Laien Flechten beobachten, sammeln, bestimmen.

Von der Uni Bern waren wir zwei Studenten, also eine junge Bachelorstudentin aus dem Tessin und ich selber. Das war das Paradies an Betreuung für uns Anfänger. Meine Kollegin war ein bisschen hilflos, weil sie noch keine Vorlesung zum Thema gehabt hatte und weil unser Professor so viel anderes spannendes zu tun fand, dass er sie ein wenig vernachlässigte. Schnell sprang ein hilfsbereiter Tessiner Pensionär in die Lücke und der Kursleiter beobachtete beruhigt, wie gerne der erzählte. So bekam meine Studienkollegin anhand einer privaten Sammlung von gestochen scharfen, perfekt aufbereiteten Makroaufnahmen die Morphologie unterschiedlichster Flechten erklärt, die äusseren Merkmale, die Fortpflanzungsorgane. Sie wurde hineingezogen in einen zweistündigen crash-Kurs zu all den Dingen, für die ihr vorerst die Theorie und die Vorlesungen fehlten.

Ich selber konnte alle meine Fragen zum Einsatz von Chemikalien, Präparationstechniken aber auch zur Ökologie, zur Bedeutung der Flechten für das Ökosystem und zu den seltsamen Vorgängen im schweizerischen Naturschutzvollzug stellen. Ich stellte Fragen zur verfügbaren Literatur, dazu, welche Ressourcen wo aufzufinden sind. Wer mich je in der Uni erlebte, mit alle meinen vielen Fragen, wie ich unsere Dozenten in die Enge treibe: Hier war ich aufgehoben, bekam auf alles Antworten, auf höchstem technischem und wissenschaftlichem Niveau. Im Vergleich zu diesem Ausnahmekurs hat die Uni Bern bei der Grundausbildung der Biologiestudenten den akademischen Anspruch nahezu aufgegeben. Dort wird nur noch Schülerlis betrieben. Diese Studenten können am Schluss gescheite Berichtli mit vielen Zitaten schreiben aber nicht in kurzen Sätzen eigene Gedanken ausdrücken, geschweige denn selber Beobachtungen anstellen.

Leute aus allen Landesteilen bildeten sich gegenseitig weiter, tauschten Berufserfahrungen aus, koordinierten Projekte für die nächsten Jahre – Deutschschweizer, Romands, Tessiner. Auch erfahre ich, dass die Tessiner uns Deutschschweizer als „Zucchini“ benennen und ich muss die seltsam argwöhnische Frage meiner jungen Tessiner Studienkollegin beantworten, ob wir Deutschschweizer eigentlich die Tessiner als „Tschinggen“ bezeichnen. Ich kann beruhigen, dass ich so etwas noch nie gehört habe.

Das ganze hat auch einen andere sehr schweizerische Eigenheit: In dem Kurs wurden sechs verschiedene Sprachen gesprochen und jederzeit war jeder imstande, sich präzise, in der fachlichen Vielfalt zu unterhalten: Deutsch, Französisch, Italienisch, Deutschschweizer und Tessiner Dialekte. Englisch wird nur für die beiden Austausstudentinnen aus Rumänien und der Ukraine geredet. Jeder der schweizerischen Teilnehmer spricht mindestens zwei, viele auch eine Mehrzahl all dieser Sprachen. Man ist zuhause.

Der Uniprofessor, der uns beide Studenten mit sadistischem Lächeln den steilen Berg hinauftrieb, der konnte sich übrigens fliessend, fehlerfrei in fünf von diesen sechs Sprachen ausdrücken, wechselte verzögerungsfrei zwischen den Sprachen und konnte so den Anlass mit allen organisatorischen Ansprüchen sehr gut leiten.

An dieser Stelle bemerke ich noch etwas anderes: Die aktuelle schweizerische Hochschulpolitik vertritt die infantilisierende Taktik, Akademiker mit Hilfe sachfremder Anreize, mit dem Zauber künstlicher Wettbewerbe zu motivieren. Mathias Binswanger befindet in „Sinnlose Wettbewerbe“, dass die wirklich guten in ihrem Fach, die Besten von allen, aus einer ureigenen, intrinsischen Motivation heraus ihre Spitzenleistungen vollbringen. Genau das habe ich hier erlebt.

Zurück an der Uni betrachte ich schweren Mutes, wie sehr hier die angestellten Forscher jeder für sich werkeln und wie wenig die Studenten untereinander kooperieren, einander weiterhelfen.

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