Im Vorteil.

Beschäftige ich mich mit einer fremden Wissenschaft, so hat das etwas genussvolles. Ich verstehe nichts von Paläoanthropologie und von Neuropsychologie. Darum kann ich mich meiner Lektüre ziemlich sorglos hingeben. Thomas Wynn und Frederick L. Coolidge (2012) denken in „How to Think Like a Neandertal“ darüber nach, wie Neandertaler wohl so waren als Menschen und wie sie sich in unserer modernen Welt zurechtfinden täten.

Besonderen Spass habe ich am Kapitel sechs, wo die Charaktereingeschaften von Neandertalern in acht verschiedenen Persönlichkeitszügen beschrieben werden. Hier wird ziemlich offensichtlich, dass ich selber durch das Leben ziehe wie ein Neandertaler: pragmatisch bei der jeweils anstehenden Aufgabe, stoisch Schmerz ertragend, furchtlos und offen für Risiken, fürsorglich und mitfühlend mit meinen Nächsten, kaltherzig und gefühllos, wenn es die Umstände erfordern, sowie stur und an Traditionen gebunden, undiplomatisch und misstrauisch Fremden gegenüber. Das ist natürlich alles ganz gut zu wissen. In meinem Alter ändern sich die Menschen nicht mehr. Jetzt kann ich mein Leben besser organisieren und mich an die Gegebenheiten halten!

Soll ich mir Gedanken machen, ob das Buch überhaupt aufgeht? Immerhin gibt es nicht allzuviele Neandertalskelette und auch nur wenige gut erhaltene Fundstätten, wenn man bedenkt, dass diese Spezies 200’000 Jahre lang durch die Welt gezogen ist. Und mit einem Neandertaler geredet hat auch keiner von uns. Ich kann die Verantwortung delegieren. Ob die Ideen in dem Buch stimmen oder nicht, brauche ich nicht beurteilen. Ich weiss nichts über die Datenlage, nichts über die Zulässigkeit der Schlussfolgerungen. Hingegen gibt es ein offensichtliches erkenntnistheoretisches Problem: Wenn die Autoren die Charaktereigenschaften dieser Urmenschen zusammenfassen, dann benutzen sie unsere Begriffe, machen Vergleiche damit, wie solche Eigenheiten auf uns moderne, in der westlichen Welt erzogene Menschen wirken würden. So bleibt der Genuss bei der Lektüre: Schauen, was man alles so anstellen kann, wenn man in grossen Zügen über eine magere Datenbasis nachzudenken anfängt.

Nebenbei erfahren wir noch, wie die Lagerstätten dieser Neandertaler aussahen: In der Mitte wurde das Feuer gepflegt, separiert davon wurde ein weiches Lager aus einem geeigneten Pflanzenmaterial eingerichtet, bedeckt mit Wolfs- und Bärenfellen. Bei dem enormen Kalorienverbrauch ihrer bulligen Körper, der harten körperlichen Anstrengung auf der Jagd, war es unabdingbar, riesige Mengen Fleisch zu braten und zu vertilgen. Ringsum an den Rand geschaufelt sind die abgenagten Knochen. Überreste der Werkzeugherstellung und verbrauchte Werkzeuge liegen überall herum, achtlos einfach liegengelassen. Zuhinterst in der Höhle sind noch die Toten dürftig verscharrt unter ein paar Steinen.

Eine solche Wohnstätte kann ich vergleichen mit Zuständen im Departement für Biologie an der Uni Bern, wo es gang und gäbe ist, sich auf die Publikationsproduktion zu beschränken, Doktoranden als Hilfsmannschaften wie Werkzeug zu verbrauchen und die eremitierten Kollegen aus dem Bewusstsein zu schaffen.

Kämen wir modernen Menschen in eine Neandertalerhöhle, wir würden ein oder zwei rennenden, spielenden Kindern begegnen und den muffen Blicken der Erwachsenen, die sich mit ungehaltenem Grunzen in ihrem Frieden gestört fühlen. Als allererstes würde uns aber etwas anderes auffallen: Der bestialische Gestank faulender Fleischabfälle und je nachdem der menschlichen Kadaver und über allem der Lärm von Schwärmen surrenden Fliegen. Als ich nach vielen Jahren zurückkam, hier mein Biologiestudium zu beenden, fand ich die Uni Bern ungefähr so vor – oder wenigstens was nach der Bolognareform davon übrigblieb.

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